Nr. 266 Erstes Blatt. Dienstag den 13. November
1894
Der
Hlehener Anzeiger erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.
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chratisöeitage: chießener Kamikienblätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für d« ^»kgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
München, 10. November. Der Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe ist mit Gemahlin und dem Prinzen Alexander heute Nachmittag kurz nach 1 Uhr nach Straßburg abgereist. Zur Verabschiedung hatten sich auf dem Bahnhofe der Ministerpräsident Frhr. v. Crailsheim und der preußische Gesandte Frhr. v. Thielmann eingefunden.
Neueste Nachrichten»
WslffS telegraphische» Lorreipondmz- Bureau
Kiel, 11. November. Die Leiche des am 2. August 1893 bei der Baden-Katastrophe verunglückten, später an der dänischen Küste angeschwemmten und dort beerdigten Lieutenants Elsner wurde gestern durch den Panzer „Baden" von dort hierher übergesührt. Heute Nachmittag 3 Uhr erfolgte unter großer Betheiligung auf dem hiesigen Garnisonktrchhofe die Beerdigung. Die Kriegsschiffe hatten von 3 Uhr ab die Flaggen Halbmast gesetzt.
Petersburg, 11. November. Der „Regierungsbote" meldet: Der kaiserliche Trauerzug setzte gestern über Kursk, Orel und Tula die Fahrt nach Moskau fort. Der Zug hielt außer bei den genannten noch bei anderen kleineren Städten an, um den Deputationen die Möglichkeit zu gewähren, an dem Sarge des Kaisers zu beten und Kränze niederzulegen. Die Menge der Kränze ist so groß, daß besondere Waggons für ihre Fortschaffung eingestellt werden mußten.
Petersburg, 11. November. Das Cermoniell für die Ueberführung der Leiche des Kaisers vom Bahnhofe zur Peter Paulskathedrale ist folgendes: Der Trauerzug geht vom Moskauer Bahnhofe über den Newski- und den Admiralitäts - Prospect an der Jsaakskathedrale und dem Senat vorbei, den englischen Quai entlang, dann über die Nicolaibrücke, Wasilij Ostrow längs der Börse durch den Alexanderpark. Während des Zuges läuten die Glocken. Die Peter Paulsfeste giebt jede Minute einen Kanonenschuß ab. Die dreizehnte Abtheilung des Zuges bildet der Leichenwagen, dem Kirchensänger, die Geistlichkeit mit brennenden Kerzen und der Beichtvater des Verstorbenen mit dem GotteS- bilde vorangehen. Den Wagen umgeben hohe Offiziere und Pagen mir Fackeln. Hinter dem Trauerwagen folgt der Kaiser, der Hofminister, der Kriegsminister, der Commandant des kaiserlichen Hauptquartiers und die Suite, sodann folgen die Fürstlichkeiten- dahinter die Trauerkutschen mit der Kaiserin - Wittwe, der Königin von Griechenland, der Groß-
Ausland.
Wien, 10. November. In Regierungskretsen wird die Meldung der „Gazetta di Torino", daß Oesterreich und Italien ein Uebereinkommen bezüglich der Unterdrückung der irredentistischen Agitation getroffen hätten, als erfunden bezeichnet.
Paris, 10. November. Ein neugebildeter Ausschuß erläßt im ganzen Lande Aufrufe, in welchen mitgetheilt wird, daß jeder Bürger durch Zahlung von 1 Frcs. an der Begräbnißfeierlichkeit des Czaren in Petersburg durch ein Bouquet theilnehmen kann. Die Namen der Einzahler werden an den Bouquets befestigt.
Paris, 10. November. Die Gesandtschaft Frankreichs zu den Beisetzungsfeierlichkeiten für den Czaren reist am 15. November nach Petersburg. — Der russische Bot« schafter Baron Mohrenheim begibt sich am 14. d. MtS. nach dort.
Paris, 10. November. Das Comödienh afte in den Trauerkundgebungen der Franzosen anläßlich des Ablebens deS Kaisers von Rußland tritt immer schärfer hervor. Besonders charakteristisch in dieser Beziehung sind die Vorgänge, die sich im Pariser Gemeinde- rathe abgespielt haben, die nach einer höchst merkwürdigen Debatte zu dem Beschlüsse sührten, dem Vorstände eine Bittschrift um Errichtung 'eines Altar-Katafalks auf dem Concordienplatze zur Ehrung des Andenkens deS verstorbenen Czaren zu überweisen. Diesem tollen Antrag wird dann der Gipfel burch die weitere „Anregung" verliehen, es solle die Pariser Bevölkerung am Tage der Beisetzung Alexanders III. vor dem Katafalke vorüberziehen. Weiter kann der Bycantinis- mus wohl kaum getrieben werden, als in diesem Anträge, besn iderS, wenn man erwägt, daß der Pariser Gemeinderath überwiegend aus Ultraradicalen, Socialisten und Com- munardS besteht.
London, 10. November. Die „Times" meldet aus Shanghai, daß die chinesische Garnison von Newchwang größtentheils desertirt und die Deserteure in der Umgegend Raubzüge unternehmen. Die Einwohner fürchten die chinesischen Deserteure mehr wie die Japaner und wünschen, daß die letzteren möglichst bald Newchwang einnehmen möchten.
Loudon, 10. November. Die „Times" commentirt die gestrige Banketrede Roseberys und billigt dieselbe vollständig, besonders die Erklärung zu Gunsten der Neutralität Englands in Ostasien. Sie sagt ferner, daß die Versicherung, England werde mit Rußland Hand in Hand gehen und mit Frankreich gute Beziehungen unterhalten, in allen Kreisen die größte Befriedigung Hervorrufen müßte. Die „Daily News" sagt, daß besonders die Stelle, welche gute Beziehungen zu Frankreich verspricht, gebilligt werden muß.
Loudon, 10. November. Eine Nachricht aus Yokohama meldet, daß die Japaner in Port Arthur eine Niederlage erhalten hätten. — Aus Chefo wird gemeldet, daß seit 3 Tagen zwischen den Chinesen und Japanern in Talren- wom eine Schlacht stattfindet, die bisher noch unentschieden ist.
London, 10. November. Wie aus Tanger gemeldet wird, wurde ein deutscher Kaufmann Namens Neumann auf dem Wege nach seiner Wohnung von Mauren ermordet.
London, 10. November. Nach einer Blättermeldung ist zwischen der chinesischen Regierung und zwei amerikanischen Torpedosabrikanten ein Vertrag abgeschloffen worden, wonach die Fabrikanten durch ihre Erfindung japanische Schiffe zerstören sollen, wofür sie eine Million Dollars erhalten. Für jede Zerstörung eines japa- nischen Kriegs- oder Handelsschiffes soll den Torpedosabrikanten außerdem eine hohe Belohnung zu Theil werden.
Loudon, 10. November. Der römische Correspondent deS „Daily Chronicle" berichtet, Crispi werde die Thronbesteigung des Czaren Nikolaus benutzen, um die Beziehungen Italiens zu Rußland günstiger zu gestalten.
Loudon, 10. November. Einer Meldung aus Yokohama zufolge haben die Japaner bei Port Arthur eine Niederlage erlitten. — Aus Chefoo wird gemeldet, seit drei Tagen sei zwischen Chinesen und Japanern bei Talien- wan eine Schlacht im Gange, welche sich bisher noch nicht I entschieden habe.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Dentsches Reich.
Berlin, 10. November. Der „RetchSanzeiger" bringt die Bewilligung der nachgesuchten Entlassung des Land- wirthschaftsministers v. Heyden unter Belassung deS Titels eines Staatsministers, sowie unter Verleihung des GroßkreuzeS zum rothen Adlerorden mit Eichenlaub.
Berlin, 10. November. Der Reichsanzeiger" meldet die Ernennung des Landesdirectors von Hannover, Fretherrn von Hammerstein-Loxten zum Landwirthschafts- mtnister.
Berlin, 10. November. Der Bierboykott geht seinem Ende zu- von den 33 Ausgesperrten sind bereits 19 wieder eingestellt worden. Auch die übrigen dürften bald Unterkunft finden.
— Ueber den Stand- der Vorarbeiten zur nächsten ReichstagSsession werden aufs Neue widersprechende Meldungen laut. So wird jetzt gegenüber der Nachricht, die Vorlage über die Bekämpfung der Umsturz- bestrebungen sei dem Bundesrathe bereits zugegangen, von anderer Sette behauptet, dies sei noch nicht geschehen. Es wäre da wirklich angebracht, daß endlich von authentischer Stelle Mittheilungen über das den Reichstag zunächst erwartende Arbeitsprogramm gemacht würden.
— Aus Deutsch-Ostafrika ist gerüchtweise die Nachricht vom Scheitern der großen Expedition eingelaufen, welche der Gouverneur Oberst von Schele zur Züchtigung der räuberischen und rebellischen Wahehe unternommen hatte. Es heißt zwar, von einem Zurückschlagen der Expedition durch die Wahehe könne keine Rede sein, aber sie sei doch infolge verschiedener mißlicher Umstände zur Umkehr gezwungen worden. Jndeffen rechnet man in Berliner Colonialkreisen noch mit der Möglichkeit, daß Oberst v. Schele mit seiner Streitmacht lediglich eine Schwenkung gemacht habe, um eine günstige Operationsbasis zu gewinnen.
Berlin, 10. November. In einer gestrigen V ersamm- lung der Chrtstlichsocialen, welcher viele Socialisten und Anarchisten beiwohnten, sprach Hofprediger a. D. Stöcker über das Thema: „Wie kämpfen wir für die Kirche und gegen den Umsturz?" ES wurde eine Resolution angenommen, welche sich auf das Entschiedenste gegen die geplante Umsturzgesetzgebung ausspricht und sociale Reformen als das geeignetste Mittel gegen den Umsturz verlangt.
Berlin, 10. November. Einer heute Vormittag auf dem Auswärtigen Amt etngelaufenen Depesche zufolge, welche von Dar-eS-Salaam aufgegeben ist, hat die Compagnie Tabora am 13. v. M. bei Konto ein siegreiches Gefecht gegen die Wahehe bestanden. Auf deutscher Seite ist Lieutenant v. Bothmer gefallen. Verwundet wurden Compagnieführer Herrmann, Lieutenant Halliersch, Dr. Preuß, Unteroffizier Richter. Am 20. October ist Lieutenant Halliersch in Mualele an Dysenterie gestorben..
Berlin, 10. November. Frau Vilma Parlaghh wurde durch ministeriellen Erlaß Seitens der französischen Regierung in Anerkennung ihrer künstlerischen Erfolge gelegent- lich der Ausstellung ihrer Porträts in den Salons von 1892—94 zum „Officier d’academie" ernannt.
Berlin, 10. November. Dem „Reichsanzeiger" zufolge trat gestern die Commission für Arbeiterstatistik unter dem Vorsitz des Unterstaatssecretärs von Rothenburg zu einer Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung stand eine Untersuchung über die Verhältnisse der in Gast- und Schankwirthschasten beschäftigten Personen und eine Unter- suchung über Arbeitszeit, Kündigungsfristen und Lehrlings- verhältniffe im Handelsgewerbe. Zu den Verhandlungen über letzteren Punkt wurden sechs Sachverständige zugezogen.
Berlin, 10. November. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung der großen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft an die MalerJosö BillegaS in Rom, Max Koner in Berlin und an die Malerin Vilma Parlaghy in Berlin - die Verleihung der kleinen goldenen Medaille an die Bildhauer Rudolf Maison in München, Peter Breuer in Berlin, an die Maler Dettmann in Charlotten- burg, Rudolf Eichftaedt in Berlin, ferner an die Architecten Franz Schwechten und Paul Wallot in Berlin und an die Malerin Bertha Wegmann in Copenhagen.
Berlin, 10. November. Morgen findet auf dem Garnison- kirchhof in der Hasenhaide die Enthüllung des Denkmals für die verstorbenen Afrikaforscher Hauptleute Kling und Kreuzler und Lieutenants Günther und von Varnbühler ° Frankfurt a. M., 10. November. Die Zeitungsmittheilungen von einer beabsichtigten Reorganisation der Staatsbahnen werden von der „Frkf. Ztg." als unbegründet bezeichnet.
Petersburg, 10. November. Wie nunmehr bestimmt verlautet, wird der Botschafter Graf Schuwaloff nach den Beisetzungsfeierlichkeiten von seinem Berliner Posten abberufen werden.
Petersburg, 10. November. Alle Züge nach Moskau sind total überfüllt- zahlreiche Hoschargen, viele Beamte und Tausende von Privatleuten begeben sich nach dort. — Gestern ging ein combinirtes Gardebataillon mit Pagen, Herolden und 60 Hofwaaen nebst Bestallung nach Moskau ab. Heute werden die Kaiserkrone, das Scepter und der Reichsapfel in goldenem Wagen unter großen Feterltchkeilen nach dem Bahnhofe gebracht, um nach Moskau überführt zu werden. Die Seite des Czaren wird am 14. dss. MtS. in Petersburg eintreffen.
Petersburg, 10. November. Heute Nachmittag fand die feierliche Ueber führung der R e i ch s i n s i g n i e n nach M o S k a u statt. Der Weg vom Winterpalais nach dem Nikolai-Bahn- Hofe war von Menschen dicht besetzt. Es herrschte leichter Schneefall. Ein Zug Chevaliergarde eröffnete und schloß den Zug. Die Insignien wurden in geschloffenen StaatScaroffen überführt. Auf der Newa^ ist starker Eisgang- die Schiffbrücken, auch die nach der Peter Pauls Kirche führende Troitzky- brücke wurden ausgehoben. Im finischen Meerbusen ist reich- liches Eis vorhanden. Die Temperatur stieg Abends bis auf 3 Grad Kälte. rwll
Moskau, 10. November. Heute um 12 Uhr Mittag« kündigten Herolde in Begleitung eines Senatssecretär» tn voller Trauer, eScortirt von einer Cavallerie-EScadron mit vier Trompetern, auf den Hauptplätzen und Hauptstraßen an, daß die Ankunft der Leiche Kaiser Alexanders UL iu Moskau morgen um 10 Uhr Vormittags erfolgt. Auf allen Straßen bewegten sich enorme Menschenmassen. Der Weg, den der Leichenzug passirt, wurde Nachmittags mit einer Sandschichte bestreut. Die Fatzaden der meisten Häuser zeigen Trauerdecoration, das Porträt des verstorbenen Kaisers, in Trauerflor gehüllt, ist an vielen Häusern angebracht. Die Gerüste der im Bau befindlichen Hauser auf dem Wege des Leichenzuges sind trauermäßig verziert. Die Vorbereitungen zu dem großen Trauerschmuck dauern in die Nacht hinein fort, wobei Tausende von Arbeitern beschäftigt sind. Bei den Schaufenstern von Magazinen, wo die florumhüllte Büste des verstorbenen Kaisers zwischen tropischen Pflanzen auf- gestellt ist, sammelten sich Menschenmengen bis zum spaten Abend an. Die Strecke, die der Leichenzug von der Station bis zur ErzengelKathedrale im Kreml zu passiren hat, beträgt gegen vier Werst.


