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Nr. 214

Donnerstag den 13. September

1894

Der chitßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.

Die Gießener AamirieaSlLlter werden dem Anzeiger »Schentlich dreimal h eigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

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Amts* und Anzeiseblatt füv den Nreis Gieren.

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2tmtiid?er Theil.

Lehrer-Conferenz

des Conferenzbezirks Gießen.

Mittwoch, 19. September, Bormittags 10 Uhr in Gießen.

Lieder 163, 116.

Gießen, am 11. September 1894.

Büchner, Schulrach.__

Deutscher Reich.

Berlin, 11. September. Die sich unter den.Augen des Kail erS vollziehenden großen Truppenübungen im östlichen Preußen find mit den am Montag begonnenen Kaisermanövern zwischen dem 1. und dem 17. Armee- corpS in ihren wichtigsten Abschnitt eingetreten. Der Kaiser begab sich am genannten Tage früh 8 Uhr mittels Vierer. gespanneS von seinem Absteigequartier Schloß Schlobitten nach Schönberg, wo er zu Pferde stieg. ES begann das Manöver mit dem Vormarsch der Weftarmee (17. Armee­corps) über Groß-Stoboy und Schönberg auf Mühlhausen, während die Ostarmee (1. Armeecorps) auf Karschau und Truny vorrückte. Das eigentliche Gefecht nahm gegen KP/a Uhr seinen Anfang und war sein allgemeiner Verlauf der, daß das 17. Armeecorps zunächst die erste Division des 1. ArmeecorpS schlug, hierauf eine Schwenkung machte und nun auch die zweite Division des Gegners, welche wegen weiter Entfernung erst spät eintraf, zurückwarf. Abends 63/4 Uhr kehrte der Kaiser aus dem Manövergelände nach Schloß Schlobitten zurück, woselbst um 7 Uhr die Abend­tafel stattfand. Einem Theile des Manövers hatte auch die Kaiserin beigewohut und zwar zu Pferde. Der erlauchte Gast des Kaisers, der König von Württemberg, sah sich in­folge einer leichten Erkältung genöthigt, dem Manöver vom Montag wie auch vom nachfolgenden Tage, an welchem der Kaiser persönlich das 1. Armeecorps führte, fernzubleiben.

Die geplante Huldigungsfahrt der Deutschen PosenS nach Varzin zum Fürsten Bismarck wird am nächsten Sonntag bestimmt vor sich gehen. In dem hinterpommerschen TuSculum des Altreichskanzlers sind be­reits umfassende Vorbereitungen zum Empfang der Gäste aus Posen getroffen, letztere werden vermuthlich an 1400 Köpfe stark sein. Außerdem sieht man in Varzin für genannten Tag noch einem großen Zuzug von Besuchern aus der Um­gebung entgegen. Wie es heißt, wäre eine Betheiligung der Beamten der königlichen Regierung in der Stadt Posen an der HuldigungSfahrt nach Varzin ausdrücklich verboten worden was mag wohl mit diesem Verbot bezweckt sein, über das sich doch höchstens die Polen freuen können?

Die Angelegenheit der wegen dringenden Spionage- verdachtes imUntersuchungSgefängniß zu Metz befindlichen Frau JSmert nimmt nun doch eine ernstere Wendung.

Feuilletsn.

Die Wsldbrsnde in Nordamerika.

(Schluß.)

In Wisconsin ist der Feuergürtel 16 Meilen breit und man hofft, daß hier das Feuer bald ausgelöscht sein werde. Schlimmer steht es in Michigan. In Minnesota sind die Grafschaften Bering und Carltown vollständig ausgebrannt. In Wisconsin find 400 Farmen zerstört, einige 300 Per- sonen verbrannt. In Missiconcreek verbrannten 10 Per- sonen, in der Stadt Sandron 50, während in Cromwel, Miller, Baronnet, Cumberland, Pinneville, Comstock, Forestcily und Sponer einige hundert Personen umkamen. In Minnesota fällt fortgesetzt starker Regen, so daß man bald Herr des Feuers zu werden hofft, während in Michigan und WiSconsin die Aussichten schlechter find und das Feuer da mit ungeschwächter Kraft wüthet. In Duluth find gestern Abend spät noch drei RettungSzüge eingetroffen, deren Insassen sämmtlich Brandwunden trugen. Die Eisen­bahnangestellten haben Wunder an Tapferkeit und Hingebung geleistet. Nach demDuluth Herald" seien in der dortigen Umgegend allein bereits 112 Leichen aufgefunden worden. Die zerstörte Stadt Hinkley besaß drei Kirchen, eine Bank, eine Akademie, eine Zeitungsdruckerei und mehrere Sagemühlen. Ihre Einwohnerzahl betrug 618 Seelen.

Vom 4. d. M. enthält das angezogene Blatt folgende weitere Mittheilungen:

Die stündlich einlaufenden Berichte über die furcht-

Das Reichsgericht zu Leipzig hat die von Frau Jsmert gegen ihre Verhaftung eingereichte Beschwerde als unbegründet ver­worfen, so daß jetzt die gerichtliche Voruntersuchung gegen die muthmaßliche Spionin eröffnet worden ist.

Ausland.

Von einer bedeutsamen Kundgebung deS italienischen Premierministers Crispi berichtet der Telegraph. In Neapel fand am Montag die feierliche Einweihung einer zur Erinnerung an den vor zehn Jahren erfolgten Besuch König Humberts in Neapel anläßlich der großen Cholera-Epitzemie errichteten Gedenktafel statt. Crispi hielt die Weiherede, in welcher er in flammenden Worten, unter Erinnerung an die damals erfolgte Begegnung zwischen dem Könige und dem Cardinal San Felice, betonte, wie noth- wendig in den heutigen für die menschliche Gesellschaft so kritischen Zeiten ein Zusammengehen der weltlichen und religiösen Gewalten sei. Diesen Gedanken führte CriSpi dann in packender Weise weiter aus und klang seine offen­kundig gegen anarchistisches und sonstiges Verschwörerthum gerichtete Rede in der Mahnung aus:Mit Gott für König und Vaterland!" Die Menge bereitete Crispi begeisterte Kundgebungen. Man irrt wohl nicht, wenn man diese Rede Crispis als eine an die Adresse des Vaticans gerichtete ver­söhnliche Kundgebung betrachret, von der um so eher eine günstige Ausnahme im Vatican zu erwarten steht, als die italienische Regierung soeben erst ihre Einwilligung zur Er­richtung einer besonderen apostolischen Präfectur in der ost- afrikanischen Colonie Italiens gegeben hat.

Den Franzosen droht ein neuer Colonialkrieg, diesmal mit MadagaScar. Zwischen der Hovas Regierung auf dieser großen afrikanischen Insel und Frankreich besteht schon längst eine Spannung wegen der wachsenden Ansprüche der Franzosen auf MadagaScar. Diese Spannung hat schon zu wiederholten Angriffen der Madagassen auf die franzöfischen Posten auf MadagaScar geführt und scheint man in Paris entschlossen zu sein, jetzt den Hovas eine Lection zu ertheilen, wenn sie die französischen Ansprüche noch länger nicht an­erkennen sollten. Der Deputirte Le Myre de VilerS ist in besonderer Mission nach MadagaScar entsendet worden, offen­bar soll er der dortigen Regierung den Standpunkt klar machen, denn die officiöseTemps" erklärt, die Hovas-Re- gierung müffe jetzt unzweideutig darthun, ob sie Frankreich als Feind behandeln und demnach die von allen Sachkundigen geforderte bewaffnete Expedition der Franzosen nach Mada- gascar unvermeidlich machen wolle. Zu einem militärischen Spaziergang dürfte sich aber für die Franzosen ein Krieg auf MadagaScar gerade nicht gestalten, ganz abgesehen von den Kosten eines solchen Unternehmens.

Neueste Nachrichten.

Wolff» telegraphische» Corresponden,-Bureau

Berlin. 11. September. Unter zahlreicher Betheiligung aus der Zahl der Beamten-, Gelehrten- und Schriftsteller­

baren Brände im NordWesten der Staaten verschärfen noch die schrecklichen Züge des Bildes, das ich Ihnen gestern da­von entworfen. Das große Minnesota-Feuer ging in Huf­eisenform gegen die vollständig zerstörten sechs Hauptflecken des dortigen Holzhandels vor, hüllte dieselben erst von drei Seiten ein, bis schließlich die beiden Enden des flammenden Hufeisens sich vereinigten und von Hinkley bis Shandley die ganze Gegend in ihre feurige Umarmung einschlossen. Von den sechs Hauptorten ist absolut nichts übrig geblieben als rauchende Trümmer. Die Rettungsexpeditionen stoßen immer von Neuem auf bald einzelne, bald haufenweise zusammen- liegende Leichen. Die Angaben über den Verlust an Menschen- leben variiren immer noch zwischen 500 und 1500, d. h. für Minnesota allein. In Michigan ist die Zahl der Todten weit geringer, das von den Flammen zerstörte Territorium und die Zahl der niedergebrannten Ansiedelungen dafür aber größer. Hier brach das Feuer an 15 verschiedenen Orten gleichzeitig aus und die Flammen jagten sturmgepeitscht wie auf 15 lodernden Straßen durch die mächtigen Waldungen dahin, bis sie schließlich, sich vereinigend, einen Umkreis von 1000 englischen Meilen umfaßten. 100 Millionen Fuß Tannen und Birken und 300 Millionen Gebern find dort verbrannt, mit ihnen alle die Hunderte von Anfiedelungen und Holzhauerlagern und kleinen Ortschaften, welche auf dieser ungeheuren Strecke zerstreut waren. Aus Wisconfin fehlen alle zuverlässigen Angaben bis jetzt.

Auch in den Staaten Newyork, Pennsylvanien und New Yersey find, allerdings weniger bedeutende, Brände anSgebrochen, von denen aber namentlich der in Pennsylvanien

weit ist Brugsch Pascha heute beerdigt worden. Am Sarge sprach außer dem Geistlichen auch Friedrich Spiel­hag e n.

Berlin, 11. September. Die Genossenschaftsversammlung der KnappschaftSberusSgenossenschaft genehmigte den neuen Gefahrentarif unverändert. Er tritt schon für 1894 in Kraft, wofür vorausfichtlich neun Millionen aufzubringen sein werden.

Swinemünde, 11. September. Die Herbstübungs- flotte ist heute Mittag auf der hiesigen Rhede vor Anker gegangen.

Eisenach, 11. September. Die Teilnehmer an der Historiker-Versammlung besuchten die Wartburg, wo­selbst der Eisenacher Kirchenchor altdeutsche Kirchenlieder vortrug. In der heutigen Versammlung hielt Freiherr v. Thuena einen Vortrag über das Eisenacher Regiment im siebenjährigen Kriege. Später sand ein gemeinsames Fest­mahl statt.

Depeschen de» Bureau ^eroH*.

Berlin, 11. September. DieKreuzzeitung" meldet, der Kaiser habe dem Königsberger Fort Nr. 10 den Namen Fort Kanitz beigelegt.

Berlin, 11. September. Entgegen der Blättermeldung von einer wahrscheinlichen Zusammenkunft Caprivis mit Kalnoky erklärt dieKreuzzeitung", die Begegnung der beiden leitenden Minister sei in diesem Jahre nicht in Aussicht genommen.

Berlin, 11. September. Die Verhandlung wider den einstigen Kanzler von Kamerun Leist soll am 16. October vor der Kaiserlichen Disciplinarkammer in Potsdam statt- finden. _ _ ,,

Königsberg, 11. September. Wie dieOstpreuß. Ztg." mittheitt, hat fich das Befinden des Königs vonWürttem- berg gebeffert. Der König begibt sich morgen nach dem Manövergebiet und tritt ab Braunsberg die Rückreise nach Württemberg an. Prinz Albrecht von Preußen hat sich eine Erkältung zugezogen und blieb dem heutigen Manöver fern.

Allenstein, 11. September. In dem Kirchdorfe Gries- lienen kamen fünfzehn Erkrankungen an asiatischer Cholera vor, wovon vier einen tödtlichen Ausgang gehabt haben.

Varzin, 11. September. Das Befinden der Fürstin Bismarck hat sich soweit wieder gebeffert, daß sie gestern zeitweise das Bett verlaffen konnte. Der Fürst befindet sich wohl. , .

Breslau, 11. September. Wegen der zunehmenden Cholera in Rußland ordnete der Regierungspräsident die vollständige Sperrung der russischen Grenze an.

Köln, 11. September. Weitere Resolutionen, die ein­stimmig zur Annahme gelangten, des Neunten Dele- girtentages der deutschen Handwerksmeister fordern gesetzlichen Schutz deS Werklohnes der Bauhandwerker zur Stunde noch große Verheerungen anzurichten droht. Besonders fürchtet man, daß die Petroleumfelder von dem rasenden Element erreicht werden, was eine unabsehbare Katastrophe herbeiführen würde. Der Gouverneur von Pennsylvanien hat denn auch bereits die sämmtlichen verfüg­baren Milizen und Feuerwehren nach den bedrohten Stellen berufen und Tag und Nacht wird an den Schutzwerken ge- arbeitet und freie Rayons geschaffen, welche dem Feuer Einhalt thun sollen. Zum Glück fielen seit gestern bedeutende Regenmengen, welche dem Feuer im Nordwesten und zum Theil auch in den Oftstaaten Einhalt gethan.

Die Ursache der Brände ist offenbar eine verschiedene. In Newyork und Pennsylvanien scheint die herrschende Dürre, allein gepaart mit Unvorsichtigkeit, die Schuld daran zu tragen. Die Riesenfeuer des Nordwestens aber find nach allen vorliegenden Anzeichen von interesfirter Hand ange- zündet worden und täglich werden Verhaftungen Verdächtiger vorgenommen. Zwei Versionen sind im Umlaufe. Nach der ersten hätten beschäftigungslose Arbeiter diese dürren Wälder in Brand gesteckt, um sich Arbeit zu verschaffen, da sie wohl wußten, daß die durch die Flammen halb versengten Wälder schnell abgeholzt werden müßten, wenn nicht voll­ständig werthlos werden sollten. Sie hätten nur mit leichten Seng Laub-Bränden gerechnet, die /bann jene furcht­baren Dimensionen angenommen haben. Die zweite Version beschuldigt den Ring der großen Holzspeculanten, deren Holz- höse notorisch überfüllt seien, so daß die Holzpreise unauf­hörlich sanken, sie hätten die Wälder in Brand stecken lassen, um damit die Preise in die Höhe zu treiben."