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Nr 239 Zweites Blatt. Freitag den 12. October
1894
Der fritfcenet **ieig<r rrschemt täglich, mit Ausnahme deS Montag«.
Die Gießmer Kamilien-lätter »erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bei gelegt.
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Literatur und "Kauft
— »Die Romanwelt", das groß angelegte Unternehmen ber I. G. Cotta'schen Buchhandlung, dem deutschen Lesepubltkum eine Zeitschrift zu bieten, die die hervorragendften Productionen des In- und Auslandes auf erzählendem Gebiet in sich vereinigt, tritt nunmehr in ihren zweiten Jahrgang. Wie sie im ersten Jahre eine Fülle bervorragender Romane und Novellen brachte — tnanDraua)i von deutschen Beiträgen nur an die jüngsten Romane und Novellen Sudermanns, Wtldenbruchs, SpielhagenS, Fuldas, Wilbrandts, Roberts, Torresanis und der Frau von Ebner- Eschenbach zu denken, die hier zum erstenmal erschienen — io bietet auch das Programm für den zweiten Jahrgang eine ao- wechselungsreiche Fülle der Gaben. Das erste uns vorliegende Heft des zweiten Jahrgangs der Romanwelt bringt den Anfang folgender größerer Arbeiten: Spielhagens »Susi", Emil Rolands „Cunctator", einer berlinisch-schweizerischen Reise-Novelle von barockem Humor, und de Marchis „Demetrio Ptanelli , ferner eine reizende kleine Humoreske „Die Geschichte vom Laternchen , von Max Bernstein. Wöchentlich erscheint ein Heft zu dem billigen Preis von 25 Pfennig._________
— Das neueste Heft (9) der unter der Redaction von Bertha von Suttner im Verlag von E. Pierson in Dresden erscheinenden Zeitschrift „Sie Waffe« nieder!- hat wiederum einen mannigfaltigen und reichhaltigen Inhalt Wir heben aus d mselben Nachstehendes hervor: Der sechste Weltfriedens-Congreß! zu Antwerpen. — Die V. Interparlamentarische Konferenz. — Rahusen: Ansprache. — Peuker: Der alte Soldat. — Rede des Ministers Kalnocky. — — Ewiger Frieden, Ein Trauerspiel. — ZettsLau. — Gegen die Friedensbewegung. — Literarisches — Vermischtes. — Korrespondenz. — Briefkasten. — Beim reichem Inhalt und vorzüglicher Ausstattung kosten „Die Waffen nieder!" jährlich nur 6 Mk.
Kr-ti-önl-gt: Äi-ßE Aamili-Mäwr.
Deutsches Reich.
Berlin, 10.October. Der Jagd- und Erholungsaufenthalt des Kaisers in Schloß HubertuSstock geht zu Ende. Am bevorstehenden Samstag reist der Monarch wieder von Hubertusstock ab, um zunächst der Einweihung deS Denkmals für König Friedrich I. in Friesack beizuwohnen und dann die Weiterreise nach Berlin fortzusetzen, wo die Ankunft in der dritten Nachmittagsstunde erfolgen soll. Jedoch noch am Spätabend des genannten Tages verläßt der Kaiser die Reichshauptstadt bereits wieder, um die angekündtgten Besuche bei der Kaiserin Friedrich in Schloß Friedrichshof im TaunuS, am Großherzoglichen Hofe in Darmstadt und weiter in Wiesbaden abzustatten. In der Frühe des 17. October gedenkt der Kaiser von diesen Ausflügen in Berlin zurück zu sein, da am Vormittag des 17. October der König von Serbien in Berlin eintrifft und da ferner alsdann die angekündigten großen militärischen Festlichkeiten in Berlin stattfinden werden
— Mit dem dienstlichen Besuche des Reichskanzlers Grafen Caprivi beim Kaiser in Hubertusstock ist daS TageSintereffe erneut dem Thema von der Bekämpfung der Umsturzbcstrebungen zugelenkt worden. ES mag sein, daß so manche Einzelheiten, welche über das Er- gebniß der Hubertusstocker Conferenz zwischen Kaiser und Kanzler bereits verbreitet worden sind, der Wahrheit nicht entsprechen, sondern sich lediglich als müßige Vermuthungen Herausstellen. Aber daran, daß die Audienz des Grafen Caprivi die Frage verschärfter Maßnahmen gegen die Umsturz- parteten zum Gegenstände gehabt, zweifelt man auf keiner Seite mehr, es heißt jetzt auch bestimmt, daß die Sitzung des preußischen Staatsministeriums, von welcher eine wettere Klärung der schwebenden Frage erwartet wird, am nächsten Montag stattfinden werde. Erst nach dieser Berathung des GesammtministeriumS dürste man etwas Näheres über die eigentlichen Pläne der maßgebenden Berliner Stellen hinsichtlich des gesetzgeberischen Vorgehens wider die Umsturzparteien hören. Inzwischen erweitern sich endlich die Nachrichten über die Aufgaben der kommenden Reichstagssession. Speziell ist die osficiöse Mittheilung zu erwähnen, wonach die Vorlagen über die Reform der Börse soweit zur Ausarbeitung gelangt find, daß ihre Einbringung in der nächsten Reichstagssession mit Sicherheit zu erwarten steht. Den neuen
Etat und daS umgearbeitete TabakfabrikationSfteuergesetz wird daS Reichsparlament bei seinem Zusammentritte bereits vorfinden, wie man allgemein annimmt, ebenso dürften sich dann schon ein paar kleinere Sachen auf dem „Tische des Hauses" präsentiren. Auch die Frage der gesetzlichen Regelung des Auswanderungswesens scheint den Reichstag nunmehr ernstlich beschäftigen zu sollen. Der seinerzeit zur Erörterung dieser Frage eingesetzte Ausschuß des Colonialrathes hat am Donnerstag seine Berathungen hierüber begonnen, während das Plenum des Colonialrathes selbst erst am 18. October zu- sammentrstt. ____ _
Den«rfchtes.
* tztu „Wilder". Auf dem Cannftatter Volksfeste wurde dieser Tage unter Anderem auch eine Truppe Wilder gezeigt, von denen einer namentlich so wild sein sollte, daß er nur in einem Käfig an eiserner Kette besichtigt werden konnte. Wie jetzt das Stuttgarter „Neue Tagbl." berichtet, hat sich dieser Wildeste der Wilden als ein an- gestrichener Gatsburger Steinbrecher entpuppt, welcher für die Rolle des Wilden täglich 3 Mark erhielt.
* Ein einfaches Mittagessen. Auf Congressen und fried- lichen Vereinsversammlungen wird bekanntlich nicht nur „getagt", sondern auch ansehnlich gegessen- bei der in diesem Sommer in Graz abgebaltenen General-Versammlung des Vereins der deutschen Eisenbahn-Verwaltungen wurde aber ausnahmsweise aus einem bestimmten Grunde ein spärliches Mlttageffen gereicht. Die Zeitung des genannten Vereins berichtet nämlich, daß die Festtafel abgesagt werden mußte und daß an ihrer Stelle blos „ein einfaches, stilles Mittagessen" stattfand. Das einige Zeilen danach abgedruckte Menu dieses erschütternd einfachen Mtttageffens beginnt mit Schildkröten-Suppe, Krebsschwänzen, Alpen-Forellen und zählt tnsgesammt 10 Gänge - dann weist es außer Pilsener Bier acht der feinsten Weinsorten auf. Zum Schluffe des Berichtes über das „einfache Mittageffen" wird bemerkt: Die Landesktnder: Forellen, Kapanne, Erdbeeren und der Luttenberger Wein fanden besondere Beachtung- auch erfreuten sich die Blumenspenden, sowie die vertheilten Cigarrentaschen großer Theilnahme. Wenn das ein einfaches Mittag- effen ist, wie sieht dann ein „befferes" aus?
• Eine eigenthümliche Art der Geburtsanzeigen beginnt sich in Frankreich etnzubürgern. Nicht mehr die Eltern,
sondern die Neugeborenen selbst erstatten die Anzeige. Eine solche lautet ungefähr: „Zu meinem Eintritt in die Welt und um Sie mit meinem ersten Lächeln oder Kuß zu begrüßen, habe ich den vergangenen Sonntag gewählt. Alice F." Oder : „Ich bitte ergebenst um die Erlaubniß, Ihnen mit- theilen zu dürfen, daß ich geboren bin."
* Eine merkwürdige Statistik ist der „Fkf. Ztg." zufolge in Petersburg aufgestellt worden, nämlich über die Anzahl Personen, welche in Petersburg jährlich ins Wasser fallen. Die Daten stammen aus den Jahren 1891 bis 1892. In dieser Zeit fielen 5080 Personen in- Waffer, 3946 wurden gerettet und 1134 ertranken. Die Ziffern zeigen eine merk- würdige Stetigkeit, denn sie schwanken zwischen 351 und 483. In Folge von Trunkenheit fielen in dem erwähnten zwölfjährigen Zeitraum ins Wasser 1892 Männer und 125 Frauen, durch sonstiges eigenes Verschulden 1395, beziehungsweise 199.
Feuilleton.
Die Patentirungswuth.
Von Oscar Kresse.
(Nachdruck verboten.)
„Eben wollte ich mich nach Ihrem Bureau begeben," sagte Herr Kunze, auf dem Hinterperron eines Pferdebahnwagens stehend, zu seinem Nachbar, dem durch seine bedeutende Reclame in allen Blättern weltberühmt gewordenen Patent- anwalt Schulze.
„Haben Sie wieder etwas Neues erfunden?" entgegnete dieser, welcher sich eines sehr behäbigen Aussehens erfreute.
Herr Kunze konnte fich nicht enthalten, sein Geheimniß zu verrathen.
„Was sagen Sie zu dem Gedanken," flüsterte er dem Patentanwalt ins Ohr, „die Kraft des Windes, welche dem Wagen entgegenwirkt, derart zu lenken, daß sie ihn vorwärts bewegen muß."
„Sie wollen also mit Hilfe des Windes gegen den Wind fahren?"
„Allerdings."
„Hm, eine kühne Idee!"
Die beiden Männer stiegen ab.
„Sehen Sie, ich benutze die Musestunden, welche mir mein Geschäft läßt, um große, weltbewegende Erfindungen zu erdenken," sagte Herr Kunze und versank in tiefes Nachdenken trotz der Belebtheit der Straße.
Plötzlich blieb er stehen, zeichnete mit seinem Stock eine Figur auf die Steinfliese und starrte einige Augenblicke vor sich hin.
„Ich Habs," rief er plötzlich freudig bewegt, „o, vortrefflich !"
„WaS haben Sie beim?" fragte Schulze verwunbert und schaute gleichfalls zu Boden.
„Ich wußte nicht, wie ich den Mechanismus nach rück- wärts wirken lassen konnte, es geht aber mit Hilfe eines höchst einfachen Hebels."
Da brach der sehr realistische Patentanwalt in ein ge- waltigeS Gelächter aus.
„Entschuldigen Sie," sagte er, „aber ich glaubte, Sie hätten ein Zwanzigmarkstück gefunden!"
„Wenn Sie sagen würden zwanzigtausend Mark, so , wäre ich von Ihrer Schätzung befriedigt worden, denn so ! viel ist der eben gefundene Gedanke werth. Ja, ja, mein ' lieber Herr Schulze, das Gold liegt auf der Straße, man muß eß nur zu finden verstehen."
Im Bureau des Patentanwaltes angekommen, setzte der Erfinder demselben seine Idee auseinander. Er wollte den Wind auf Flügel wirken lassen, ähnlich denen der Wind- ' mühlen, und die gewonnene Kraft auf ein Rad übertragen, : welches dann die Bewegung des Fahrzeuges in jeder Richtung, also auch gegen den die Kraft erzeugenden Wind, bewirken sollte.
j Schulze war von der Ersprießlichkeit der Sache bald überzeugt, zumal, da er die Patentirung in allen größeren
' Staaten beantragen sollte und hierbei ein ansehnlicher Gewinn für ihn abfiel.
Nachdem die geschäftliche Angelegenheit erledigt war, unterhielten sich die beiden Herren bei einer Cigarre in gemüthlichfter Weise.
„Sind diese Acten, die in den Regalen bis zur Decke geschichtet find, solche von lauter ertheilten Patenten?" fragte Kunze, fich im Zimmer umschauend.
„Oho," lachte Schulze, „mein Herr, Sie wollen sich über Geschäftsgeheimniffe orienliren. Nun, offen gestanden, nur ein geringer Theil der Patentgesuche war erfolgreich.
i „Aber wie kommt daS? Weisen Sie denn solche Er- findungen, deren Patentirung aussichtslos ist, nicht einfach zurück?"
„Da kennen Sie die Herren Erfinder aber schlecht, lachte Schulze, „die meisten derselben besitzen eine solche hohe Meinung und eine solche Voreingenommenheit von ihrer Idee, daß sie, bei mir abgewiesen, sofort zu einem meiner Concurrenten eilen würden. Sie würden mich dabei als „dummen Kerl" auslachen, der unfähig ist, die Wichtigkeit ihrer Erfindung zu erfassen- mein College aber, der andere Patentanwalt, würde mit Vergnügen die Einreichung bewirken und schmunzelnd den Verdienst einstreichen, während ich daS Nachsehen hätte."
„Tann find diese Acten also zum größten Theile be' grabene Hoffnungen? Ein hübsches Stück Geld, welches dieselben kosteten."
„In den meisten Fällen ist die Abweisung seitens des Patentamtes noch das größere Glück," entgegnete Schulze.
„Wieso?" ' . r
„Weil ein ertheiltes Patent fortgesetzt Geld kostet, während nur ein Bruchtheil von diesen sich als practisch und infolge deffen als gewinnbringend für den Erfinder erweist. Immerhin ist die Ehre, daß eine Erfindung vom Patentamt anerkannt wird, nicht gering anzuschlagen, und sie öffnet die Aussicht auf Millionen, welche damit erworben werden können und erworben find." r ,, f ,
„Es ist doch kein Gedanke daran, daß ich abgewiesen werden könnte?" fragte Kunze selbstgefällig.
„Nein," antwortete Schulze, „ich glaube eß nicht, und wenn Sie aus den vielen hier aufgespeicherten Acten der Abgewiesenen einen Schluß ziehen wollen, so muß ich bemerken, daß unß oft die komischsten Sachen zur „Patent- einreichung" übergeben werden."
„Erzählen Sie einiges."
„Erst kürzlich hatte ein Clavierspieler einen Apparat ersonnen, mit Hisse dessen man zu gleicher Zeit mit jeder Hand drei Octaven spannen konnte. Derselbe bestand aus Handschuhen, an deren Fingern wiederum längere Finger angebracht waren. Die betreffenden Hände machten beim Berühren des ClavierS den Eindruck, als ob sich zwei riefige amerikanische Spinnen über die Tasten bewegten.
„Nun, und die Sache bewährte fich nicht? fragte Kunze l0^Cn„b2Betm Sie wissen, lieber Herr," entgegnete Schulze, „wie viel Hebung ein gutes Clavierspiel mit den gewöhnlichen Händen erfordert, so mögen Sie etwa ermeffen, welche Zeit es kostet, wenn man die mit einer Art Hemmschuhen versehenen Hände verdreifacht."
(Schluß folgt.)


