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12/08/1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 187

Erstes Blatt.

Sonntag den 12. August

1894

Dkr

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Gießen, den 11. August 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Roth.

Deutschland und die Samoa-Inseln.

Obwohl das Jntereffe an der Samoafrage durch andere Vorgänge, namentlich durch den zwischen Japan und China ausgebrochenen Krieg, einstweilen wieder in den Hintergrund gedrängt worden ist, so verliert die Angelegenheit hierdurch doch nicht- an ihrer Bedeutung. Denn früher oder später muß einmal eine definitive Auseinandersetzung in der Samoa­frage zwischen den hierbei interesfirten Mächten, also zwischen Deutschland, Nordamerika und England, erfolgen, da die gefammten Zustände und Verhältnisse auf dem Samoa- Archipel immer unhaltbarer werden. Erst kürzlich berichtete ja eine Depesche von neuen erbitterten Kämpfen zwischen den Anhängern des Königs Mataafa und den samoanischen Re­bellen und von den hierbei gegenseitig verübten Grausam­keiten- der Bürgerkrieg auf jenen von der Natur so gesegneten Eilanden im Stillen Ocean wüthet demnach weiter, den drei Schutzmächten förmlich zum Hohne. Kaum bedarf es wohl einer näheren Darlegung, daß unter den politischen Wirren auf Samoa auch die wirthschaftlichen Zustände der Insel­gruppe immer mehr leiden müffen, und schon deßhalb er­scheint eine endgiltige Verständigung zwischen Deutschland, Nordamerika und England in Betreff Samoas dringend erforderlich.

ES unterliegt nun nicht dem geringsten Zweifel, daß Deutschland die am meisten auf Samoa interesfirte Macht ist. Der Handel Samoas liegt zu vier Fünfteln völlig in deutschen Händen, in deutschem Besitz befindet sich ferner nicht nur der größte, sondern auch der werthvollste Theil des Landes, eine Fläche von etwa 30,000 Hectar umfassend, in der Hauptstadt Apia selbst ist der Grundton des ge­lammten Lebens durchaus deutsch. Der Zahl nach werden die Deutschen auf Samoa durch die Engländers allerdings überflügelt, was indessen bei der Nähe der englischen Süd-

seebesitzungeu und Australiens nicht weiter verwunderlich ist. Unstreitig behaupten jedoch die Deutschen auf Samoa in der Qualität entschieden das Uebergewicht, was u. A. auch daraus hervorgeht, daß sie drei Fünftel der gefammten samoanischen Steuern tragen. Die Ansprüche Deutschlands auf Samoa ergeben sich also schon aus diesem starken Ueberwiegen seiner Jntereffen, sie erscheinen jedoch auch vom historischen Stand­punkte aus völlig berechtigt. Die heutige Cultur Samoas wurde vor 40 Jahren durch die weitausschauenden Unter­nehmungen des Hamburger Hauses Godefroy begründet und im Laufe dieser Zett hat der deutsche Kaufmann auf jener fernen Inselgruppe im Weltmeer eine große civilisatorische Arbeit vollbracht, die dem deutschen Namen auch in jenem Theile des Erdballes zur höchsten Ehre gereicht. Und schließ­lich darf auch nicht vergessen werden, daß auf Samoa schon kostbares deutsches Blut gefloffen ist, welcher Umstand bei den Ansprüchen Deutschlands auf Samoa gewiß ebenfalls mit in Betracht gezogen werden muß.

Deutschland hat demnach alle Ursache, eine definitive Regelung der Samoa Angelegenheit vom Standpunkte seiner starken Jntereffen und historischen Ansprüche zu verlangen. Diese Regelung kann aber nur dahin gehen, daß ein aus­schließlich deutsches Regiment auf Samoa hergestellt wird, was demnach die Beseitigung der jetzigen Mitherrschaft Nord­amerikas und Englands zur Voraussetzung haben würde. Mit Nordamerika ließe sich gewiß leicht eine Verständigung erzielen, man ist in Washington wirklich recht samoamüde geworden, während eS freilich wohl schwieriger wäre, auch England zum Verzicht auf seine Ansprüche auf Samoa zu bewegen, aber bei einiger Energie und Klugheit deutscher­seits würde gewiß auch England zuletzt nachgeben. Jeden­falls ist es sowohl eine von materiellen Rücksichten, wie auch von Erwägungen der nationalen Selbstachtung und Ehre dictirte Pflicht, unbedingt an Samoa festzuhalten, zumal diese herrliche Inselgruppe sich zweifellos bald zu einer der ver- hältnißmäßig werthvollsten Colontalbesitzungen des Reiches gestalten dürfte. Hoffentlich wird die deutsche Reichsregierung bei den unausbleiblichen neuen Verhandlungen über Samoa die so berechtigten Forderungen mit Jntereffen Deutschlands vollauf zu vertreten wiffen.

Deutsches Reich.

Darmstadt. 10. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog beehrten heute gegen 12 Uhr die Ausstellung für Hotel- und Wirthfchaftswesen im Saalbau mit Aller- höchstseinem Besuch.

Berlin, 10. August. Kaiser Wilhelm wohnte am Donnerstag, wie aus Cowes gemeldet wird, an Bord seiner AachtMeteor" der Wettfahrt zwischen derBritannia" und demVigilant" bei, bei welcher dieBritannia" siegte. Auch Nachmittags nahm der Kaiser an den Festlichkeiten des Königlichen Aachtclubs Theil. Abends speiste er beim Lord Lonsdale an Bord von dessen NachtJberna"- später wurde am Ufer ein Feuerwerk abgebrannt. Am Montag wird der Kaiser das Truppenlager von Aldershot besuchen, am Dienstag Abend trifft er in Gravesend ein, um von dort aus die Heimreise anzutreten. Bei einem der Bankette in Cowes hielt der Kaiser, tote erst nachträglich bekannt wird, eine Rede, tn welcher er dem Wunsche Ausdruck verlieh, daß Britannia auch fernerhin über die Wogen herrschen möge.

Mit der angekündigten Reform des Militär- strafprocesses scheint es doch nichts zu sein. Wenigstens wird denMünch. Reuest. Nachr." von unterrichteter Seite versichert, der bayerischen Staatsregierung sei keine Mit- thetlung über einen neuen Entwurf zur Reform der Reichs­militärjustiz zugegangen. Man wird also den Gedanken einer auf zeitgemäßer und echt liberaler Grundlage beruhenden einheitlichen Militärstrafprozeßordnung für das gesammte Reich einstweilen nur als einen schönen Traum betrachten müffen.

Ein Zusammengehen Deutschlands und Frankreichs in der griechischen Schuldfrage gilt jetzt als gesichert, dagegen scheint England nichtmitthun" zu wollen. Vielmehr deuten alle Anzeichen hin, daß zwischen England und Griechenland die Frage der griechischen Zins­zahlungen besonders geregelt werden soll, wofür ja auch die Athener Meldung zeugt, wonach die griechische Regierung ihren englischen Gläubigern 34 Procent anstatt 32 Procent auf die nächsten drei Jahre gewähren will. Nun, man darf wohl erwarten, daß ein gemeinsames Vorgehen Deutschlands und Frankreichs in Athen mindestens dasselbe Zugeständniß

weiter, aber einmal muß doch geschieden werden, sonst könnte man noch tn den Verdacht desSchindens" kommen.

Wir gelangen zu den Erzeugniffen der Korkindustrie, die sicher eines Jeden Jntereffe erregen, denn nicht nur Korkstopfen werden dort gezeigt, nein geradezu Kunstwerke sind es, die sich dort dem Auge bieten. Ganze Land­schaften 2C. Alles ist in Kork ausgeführt, daneben prächtige Spazierstöcke, Cigarrenspitzen rc., Alles aus Kork.

Auch die Wirthschaftsküche kommt zu ihrem Rechte. Alle erdenklichen Koch- und Röstapparate rc. sind vertreten, daneben daun die einzelnen Küchengeräthe, Meffer, Gabeln, Löffel, Geschirr rc., Erzeugniffe der Leinenindustrie, Reinigungs- maschtnen für Meffer, Wäsche rc., es fehlt eben gar nichts.

Den mächtigen Mittelraum des großen Saalbausaales nehmen die Fabrikate der verschiedenen Billardfabriken ein, lauter Werke ersten Ranges, von den renommirtesten Firmen hergestellt. Auch die Pianofortehandlungen haben sich be- theiligt und großartig auSgestattete Instrumente gesandt. Leider find in deren Gefolge auch die verschiedenen Spiel­uhren, Orchestrions, AristonS und wie die Dinger noch sonst alle heißen, angelangt, die,wenn sie losgelassen", einen geradezu besinnungsraubenden Lärm veranstalten.

Im Saalbaugarten haben die Kellerei- und Kelterei- einrichtungen Platz gefunden, die nach dem Urtheile der Sach­verständigen alles Lob verdienen.

Dies dürfte so in großen Zügen das besonders Er- wähnenSwerthe fein, was die Ausstellung bietet, indeffen mag sich bei genauer Besichtigung noch Manches finden, was für Diesen oder Jenen Jntereffe hätte, allein man kann beim besten Willen nicht Alles bringen, denn es ist fast zuviel geboten.

Zu der Ausstellung und besonders zu den gleichzeitig stattfindenden Sitzungen des süddeutschen Gastwirthe-Berbandes hat sich eine große Menge Fremder aus allen Theilen Deutsch­lands in unserer Stadt zusammengefunden, die sich aber eigenthümlicherweise größtentheils riesig ähneln: gemüthlicher Gesichtsausdruck, enormer Leibesumfang und nicht unter 2 Ctr. Gewicht, das find so die Hauptcharacteristika jedes Einzelnen.

Hoffentlich gefällt es ihnen recht gut in Darmstadts Mauern und ja es muß heraus, denn es ist wahr, daß sie dort gewöhnlich sich aufhalten in Darmstadts Kneipen.

FsrrMeton.,

Wochenbriefe ans der Residenz.

lOriginalbericht für benGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 9. August.

Ausstellung für Hotel- uud Wirthfchaftsweseu.

Von der soeben im hiesigen städtischen Saalbau statt­findenden Ausstellung für Wirthfchaftswesen versprach ich Ihren freundlichen Lesern im letzten Briefe, Bericht, zu erstatten. Die Ausstellung wurde am 5. d. Mts. feierlich eröffnet durch ben Vorsitzenden des Comitös, Herrn Stadt­verordneten Rein em er, unter Assistenz der Vertreter der Hessischen Regierung, Herrn Geh. Staatsrath Knorr von Rosenroth, der Herren Ministerialräthe v. Krug und Michel und des Herrn Regierungsrath Nover. Außerdem wohnten eine größere Zahl von Ehrengästen dem Acte bei, der mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser und Se. König!. Hoheit den Großherzog schloß.

Für die Ausstellung selbst genügten, wie schon mit- getheilt, die weiten Räume des SaalbaueS nicht, sondern man mußte im Garten des Etablissements große Hallen und Pavillons errichten, die theilweise geradezu Kunstwerke in ihrem Aufbau sind, um nur einigermaßen alle eingesandten f Objecte unterzubringen. Die Gesammtzahl der ausstellenden Firmen beträgt 267, von diesen befinden sich im Großherzog- j thum Hessen 117. Die Ausstellung selbst bietet geradezu Alles, was sich für einen Wirthschaftsbetrieb nur denken läßt, vom äußeren Bau, der in ben pielbewunderten Plänen deS RestaurantsKaiserhof" in Gießen vertreten ist, bis herab zu dem geringsten Instrument, das in dieser Hinsicht noth- wendig ist.

Großartig sind die ausgestellten Defen und Herde der Hirzenhainer Hütte und der hiesigen Fabrik von Gebr. Roeder u. a. m. Dann ist besonders die Anwendung ber'@lectricität in Hotels und Restaurants in den verschiedenartigsten Appa­raten rc. dargestellt, so besonders in Electromotoren, Lampen, Läutewerken, Controllsignalapparaten rc. Ferner Hotel­zimmereinrichtungen, Tische, Stühle, VentilattonSwerke von einfachsten bis zu den luxuriösesten DesfinS. Weiterhin sind

besonders erwähnenSwerth diejenigen ausgestellten Apparate, welche zur Behandlung und Verzapfung des Bieres rc. dienen, unter denen theilweise ganz neu erfundene und äußerst practische Gegenstände sich befinden. So wurde z. B. Ihrem Correspondenten auf seinem Rundgange durch die Säle ein Trichter gezeigt, der die untergesetzte Flasche immer nur bis zum richtigen Maße sich füllen ließ und sobald dies erreicht war, keine Flüssigkeit mehr hineinbeförderte, ferner ein sehr schmuckvoll hergestellter Gläserspülapparat, bei dem durch Aufsetzen des Glases auf einen Gummistopfen mehrere Wasserkrahnen innen und außen geöffnet wurden und so eine allseitige Spülung des Gefäßes bewirkten u. a. m.

Besondersanziehend" ist ferner die Ausstellung von Eßwaaren; prachtvoll hergerichtete Buffets, beladen mit den herrlichsten Wurst- und Fleischwaaren, bieten sich dem Auge des Beschauers dar und verfehlen wohl auf keinen den ge­bührenden Eindruck- man muß eilen, um aus diesem Theile der Ausstellung hinwegzukommen, sonst wird einem das Be­schauen aller jener famosen Dinge zur Qual. Die Geflügel­mästereien haben ihre Producte äußerst geschmackvoll arrangirt und auch die Delicateffen- und Fischhandlungen haben alle nur denkbaren Leckerbissen aufgestapelt, sodaß dem in kulina­rischen Dingen weniger Eingeweihten manchmal die Namen der einzelnen gebotenen Gegenstände und Thiere fehlen dürften.

Kommen wir dann weiter zu den Getränken.Um GotteSwillen, was trinkt der Mensch nicht alles", hörte ich heute Morgen ein Bäuerlein ausrufen, daS den Theil der Ausstellung betrat, der diese Herrlichkeiten enthält. Der Mann hatte Recht. Vom einfachen natürlichen Waffer bis zum köstlichen Sect ist aber auch gerade Alles vorhanden: Bier, Wein, Schnaps, Likör, Obstwein, Kaffee, Thee rc., es fehlt nichts. Das Feinste bei der Sache ist nur das, daß es hier nicht beim einfachen platonischen Betrachten bleibt. Im Gegentheil, eine Schaar anmuthiger Evastöchter bedient an den einzelnen Arrangements und credenzt in freigebigster Welse und mit den liebenswürdigsten Blicken, jedem Be­liebigen, der sich für jene Dinge interessirt und wer thäte das in dem Falle nicht? Ihr Correspondent that seine Bürgerpflicht und ließ sich nicht nöthigen, der Tröpflein, die ihm dort geboten wurden, wird er sich noch lange mit Ver­gnügen erinnern. Nur ungern wendet hier der Gast sich