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Nr 134 Erstes Blatt.
Dienstag den 12 Juni
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Kichmer Anzeiger
Keneral-Mnzeiger
Aints« unb 2ln.>ciacblatt für den Kreis <ßiefjeit
Gratisbeilage: Gießener Ziamitienblätter. I
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
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Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Au»nahme de» Montag».
Alle Annoncen-Vureaux de» In- und An»lande» nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtliche»' Theil.
Bekanntmachung,
betreffend das Oberl^rsaygcschäft für 1*9-1.
wird hiermit zur Kenntniß der Betheiligten ge- i bracht, daß das Ober - (^rsaygeschäft in (tz ünberg nicht, wie in der Bekanntmachung vom 20. Mai d. I. (Gießener Anzeiger Nr. 116) angegeben, Donnerstag den 14. Juni d. I., Vormittags 8 Uhr, sondern erst um 9 Vs Uhr an dem genannten Tage im Gasthaus „Zum Rappen" in Grün sterg stattfinden wild.
Im Uebrigen wird auf den Inhalt der Bekanntmachung vom 20. Mai d. I. verwiesen und wollen die (tzroßh. Bürgermeistereien des Anshebungsbezirks Grün betft dafür besorgt sein, daß die Militärpflichtigen eine Stunde vor Beginn des Geschäfts zur Stelle sind.
Gießen, am 9. Juni 1894.
Der Civilvorsttzende
der Großh. Ersatz-Commission des Kreises Gießen.
Dr. Melior.
Bekanntmachung.
Herr Obstbautechniker Metz aus Friedberg wird an den angegebenen Tagen folgende Orte des Kreises Gießen be- suchen, Vorträge halten und praktische Unterweisungen an Obstbäumen ertheilen. Mitglieder des Obstbauvereins sowie alle Freunde des Obstbaues werden zur Betheiligung ein- geladen. Die Herren Gr. Bürgermeister werden besonders benachrichtigt.
Dienstag, 12. Juni, Muschenheim.
Mittwoch, 13. Juni, Birklar.
Donnerstag, 14. Juni, Hungen.
Freitag, 15. Juni, Langd.
Samstag, 16. Juni, Rodheim.
Sonntag, 17. Juni, Steinheim.
Montag, 18. Juni, Inheiden.
Dienstag, 19. Juni, Trais-Horloff.
Mittwoch, 20. Juni, Utphe.
Der Vorsitzende des Bezirksvereins Gießen des Oberheff. Obstbauvereins.
Dr. Wal lau.
Bekanntmachung.
Die Betretung des Bauplatzes in der Moltkestraße zwischen der Wieseckbrücke und der Grünbergerstraße, sowie das Betreten des provisorischen Steges über die Wieseck aus der genannten Straße ist bei Meidung der in § 366 pos. 10 des Reichsstrasgesetzes angedrohten Strafen (Geldstrafe bis zu 60 Mark oder Haft bis zu 14 Tagen) für jeden Unbefugten verboten.
Gießen, den 9. Juni 1894.
Großherzoglicher Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Bekanntmachung.
Nachdem der Uebergang über die Oberhessischen Bahnen am Hotel Lenz vollendet und dem Verkehr übergeben ist, wird hiermit bekannt gemacht, daß die Rampe und die Brücke nur von Kranken- und Kinderwagen befahren werden dürfen, im Uebrigen aber für Fuhrwerke aller Art und Reiter verboten sind — bei Meidung der nach § 366 pos. 10 des Reichsstrafgesetzes festgesetzten Geldstrafe bis zu 60 Mk. oder Haftstrafe bis zu vierzehn Tagen.
Gießen, den 7. Juni 1894.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutsche» Reich.
Berlin, 9. Juni. Der Kaiser tritt, den neuesten Dispositionen zufolge, am 25. Juli seine diesjährige Nord- landsfahrt von Kiel aus an. Vorher gedenkt der hohe Herr noch an den Rennen des Kieler Uachtclubs theil- zunehmen.
— Der Ausschuß des Bundes der Landwirthe ragte am Freitag und die beiden nächsten Tage über in Berlin. Zur Besprechung standen eine ganze Reihe von Fragen, u. A. die Stellung deS Bundes zu den Landwirth- schastSkammern, zum Versicherungswesen und zum Genossen- schaftSwesen.
— In Braunschweig ist die Gründung einer Schutz- genossenschast der Brauereien und Gastwirthe gegenüber den Boycottbestrcbungen der Socialdemokraten eingeleitet worden und soll die Maßregel auf den gesammren norddeutschen Brausteuerbezirk ausgedehnt werden.
— Aus dem Kreise Thorn werden neue Cholera- fälle gemeldet. Man darf indessen hoffen, daß das Auftreten der Cholera sowohl in Westpreußen wie in Oberschlesien ein vereinzeltes bleiben wird.
Berlin, 9. Juni. In gut unterrichteten militärischen Kreisen verlautet, daß während der diesjährigen Kaiser- manöver ein großes Cavallerie-Nachtmanäver stattfinden wird, daS sich höchst interessant gestalten dürste. Dabei werden die neuesten Errungenschaften auf cavallerislischem Gebiete einer eingehenden Erprobung unterworfen und ver- schiedene Versuche auf diesem Gebiete gemacht werden. Wie eS heißt, wird der Kaiser dieses Manöver in Person leiten.
Berlin, 9. Juni. Wie verlautet, sind in naher Zeit einige wichtige Veränderungen in höheren militärischen Stellungen zu erwarten. Oberst v. Kessel, Commandeur deS 1. Garde-RegimentS z. F., wird Com- mandeur des Hauptquartiers des Kaisers- der jetzige Commandeur desselben, Generallieutenant v. Plessen, wird Com- mandeur der 1. Garde-Jnfanterie-Division; über die Verwendung
Feuilleton.
Franksurtkr Lhkstkrdries.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
Madame EanS Gene. — A basso porto. — Mikado.
E. M. Viktorien Sardou hat lange geschwiegen, wenigstens hat keine seiner vorletzten Productionen ein stärkeres Echo gefunden. Trotzdem Sarah Bernhardt sich der weiblichen „Bombenrollen" in denselben mit Energie und nicht zu verachtendem Costümaufwand annahm, ist eS z. B. der „Kleopatra" nicht gelungen, sich die deutsche Bühne zu erobern.
Dafür scheint nun „Madame SanS-GSne" geeignet, Triumphfahrten auch auf allen deutschen Theatern anzutreten.
Mit einem Litteraturereigniß haben wir eS freilich hier so wenig wie bet den anderen Erzeugnissen Sardou'scher Fertigkeit zu thun. „Madame Sans G6ne" ist ein theatralischer Wurf, der über kurz oder lang von einem anderen Augenblickseffect verdrängt werden wird, der aber genügende Pointen bietet, um während der Zeit seiner Lebensdauer mit Interesse verfolgt zu werden.
Im Frankreich der dritten Republik ist zur Zett der Napoleoncultus mächtig im Gange. Der gewaltigen Gestalt deS Korsen bemächtigen sich Maler, Memoirenschreiber, Historiker, Anecdotensammler, Theaterdichter rc. :c. mit gleicher Sympathie.
Die Erscheinung Napoleons ist über die Grenzen einer bestimmten Nationalität dermaßen hinausgewachsen, daß auch wir Deutsche derselben von jeher die denkbar objectivste Würdigung entgegenzubringen vermocht haben. Freilich unsere Dichter, von Grabbe an bis auf Bleibtreu, sobald sie sich des packenden Stoffes bemächtigen, pflegen den Hauptwerth auf das Spiel und Gegenspiel der weltgeschichtlichen Kräfte zu legen. Den französischen Bühnenschriftstellern genügt für ihren Napoleoncultus auch schon eine Serie mehr oder minder handfester Anekdoten. SardouS „Madame Sans- Gene" zeigt uns Napoleon gleichsam im Schlafrock. Doch ist nicht er die Hauptfigur des amüsanten Stückes, sondern die von der Wäscherin zur Marschallin Lefebvre avancirte Madame Sans Gene, welche sich zwar in Hofknixen übt, ^aber doch noch genügende resolute Derbheit besitzt, um den Schwestern des Kaisers, der Königin von Neapel und der Prinzessin
Bacciochi, herzhaft die Meinung zu sagen. Die Hoheiten möchten sich über die niedrige Herkunft der Marschallin lustig machen, fahren damit aber glänzend ab. Der Ton der Waschküche triumphirt über die höfische Medisance.
Die Haupt- und Titelrolle des Stückes stützt sich auch, wie das so bei Sardou üblich, auf eine schauspielerische Krast ersten Ranges. War es ehedem Sarah Bernhardt, welcher Sardou mit einen Theil seiner Siege verdankte, so ist eß diesmal Madame Rejane, welche die Rolle für Paris nicht nur ereirt, sondern für die Gestalt sozusagen Modell gestanden hat. Die Eigenthümlichkeiten ihres Talents wurden maßgebend für die ganze Anlage der Figur und der Situationen, in welchen diese sich bewegen muß.
Frl. v. Legrenzi, welche in Frankfurt die Partie spielt, hat im Grunde nicht jene brüske Naivetät, durch welche jene Herzogin mit den Marketendermanieren sich auszeichnen soll, aber sie ist eifrig bemüht, ihr Künstlernaturell der auf alle Fälle ungemein dankbaren Ausgabe anzupassen. Napoleon ist in dem Sardou'schen Stück nichts weiter als ein großer Mann in Kleinigkeiten. Herr Hermann erreicht vollkommen die Absichten des Autors und erfüllt auch in Maske und ' Haltung die Anforderungen, welche man billig an den Im- , perator stellen darf.
Die Bolksscenen „A basso porto“ (am unteren Hafen) ' von Cognetti stellen sich als die Fortsetzung von „A Santa 1 Lucia“ dar und haben gleich diesem Vertonung gefunden, i Zu „A Santa Lucia“ hat Tasca, zu »A basso porto“ ! Spinelli die Musik geschrieben. Erstere lernten die Frank ’ furter im vergangenen Jahre anläßlich deS Gastspiels der Signora B ellincioni kennen. „A basso porto“ hat seine dramatische Voraussetzung in „A Santa Lucia“ und ist ohne diese nicht verständlich. Wir müssen unS immer die Vorgänge des ersten Stückes vergegenwärtigen, welche darin bestehen, daß daS Liebespaar Ciccillo und Rosella durch die Verleumdung der Maria, welche ^nach neapolitanischer Sitte dem Ciccillo in früher Jugend verlobt ist, getrennt werden, indem Maria Rosellas Geliebten den Glauben beizubringen ; weiß, seine Braut habe während seiner Abwesenheit ein Ver- hältniß mit seinem Vater angesangen. Vergeblich betheuert Rosella ihre Unschuld, und als sie sich von dem Geliebten mit Hohn und Verachtung behandelt sieht, stürzt sie sich aus Verzweiflung ,nS Meer. Nock lebend bringt sie der wieder zur Besinnung gelangte Ciccillo ans Ufer, wo sie inmitten der herbeiströmenden Menge ihre Seele auShauch: mir den
I Worten: „Es ist nicht wahr!" WA basso porto“ enthält I nun die Rache CiccilloS. Maria soll an ihren Kindern Sesella und Luigino gestraft werden, die Ciccillo zu verderben trachtet. Maria, obwohl noch immer eine gewisse Neigung für Ciccillo in ihr lebt, sucht mit der ganzen Leidenschaft der Südländerin ihre Kinder zu schützen. Bei dem Geheimbunde der Camorra wird Ciccillo als Polizeispion bcnunclrt und in geheimer Sitzung wird ein verkommener Spieler mit seiner Ermordung beauftragt. Zwar macht Maria noch in letzter Stunde den Versuch, daS drohende Unheil abzuwenden, doch als Ciccillo all ihren Bitten, seine verderblichen Anschläge auf ihre Kinder fahren zu lassen, ein kaltblütiges Nein entgegensetzt, stößt sie selbst ihm kurz entschlossen daS Messer in die Brust.
Ohne eine Messeraffaire geht eß in den jungitalienischen Dramen und Opern kaum noch ab! Ehedem, in der großen Oper, spielten der Degen des CavalierS und der fein- geschliffene Dolch des Verschwörers die entscheidende Rolle bei den Katastrophen. Mit dem Verlassen der aristokratischen Sphäre und dem Hinwenden zu den unteren Volksschichten nimmt daS Operntextbuch selbstverständlich auch die diesen entsprechenden theatraltschen Hilfsmittel auf.
Spinellis Musik zu „A basso porto“, die am Kölner Stadttheater bereits einen entschiedenen Erfolg erzielt hat, wird auch dem Frankfurter Publikum nicht lange vorenthalten bleiben. Vorläufig befreundet eS sich mit dem recitirenden Drama, daS letzthin in Verbindung mit „A Santa Lucia“ in Scene ging.
Die Hauptrollen der „Maria" und des „Ciccillo" werden durch Frl. Frank und Herrn Hermann gegeben.
Es ist schon eine geraume Zeit her, daß SullivanS „Mikado" durch einen geschäftskundigen Unternehmer der Themsestadt dem deutschen Publikum zuerst vorgeführt wurde. Im Genre der Operette nimmt der „Mikado" eine aparte Stellung ein. ES war dem Erfolge deS Werkes entschieden zuträglich, daß sein Erscheinen mit den sich kräftig geltend machenden japanischen Strömungen in der Kleinkunst und im ttunftgewerde zusammenfiel.
Aber auch die Musik Sullivans erklärt hinreichend daS Interesse, welches sich das OpuS auf dem Kontinent zu verschaffen wußte. Sie ist leicht, graziös, aber niemals frivol oder trivial, und die Frankfurter Bühnenleitung thnt wohl daran, daß sie der Abwechselung halber wieder einmal auf die klaren, übersichtlichen Formen dieser Operette zurückgreift.


