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Nr 59 Zweites Blatt. Somtag dev 11. März
1894
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Welche Maßnahmen dienen den Interessen der weiblichen Versicherten derJnvaliditäts- «nd Alters-Versicherung im Falle der Verheirathung?
In Nr. 50 unseres Blattes behandelten wir die Bestimmungen des JnvaliditätS- und AlterSversicherungS Gesetzes Über die Erstattung von Beitrügen. Wir erwähnten unter Anderem, daß weiblichen Personen, welche eine Ehe eingehen, bevor ste in den Genuß einer Rente gelangt finb, ein Anspruch zusteht auf Erstattung der Hälfte der für sie geleisteten Beitrüge, wenn die letzteren für mindestens fünf Beitragsjahre entrichtet worden sind.
Diese Bestimmunq wurde von der Gesetzgebung getroffen, weil man annahm, daß ein großer Theil der weiblichen Versicherten mit der Verheirathung aus der Versicherung auS- scheiden oder daS Versicherungsverhallniß aufgeben würde und es unbillig fei, diesen weiblichen Personen die von ihnen qezahlten Beiträge nicht zurückzuerstatten. Anspruch auf Rückerstattung der Beiträge können alle weibliche Versicherte, welche heirathen, bei Vorhandensein der gesetzlichen Voraus setzungen erheben, auch diejenigen, welche bei der Verheirathung eine versicherungSpflicktige Beschäftigung wahrnehmen oder fortfetzen- daS Gesetz macht und kennt feine Ausnahmen. Ob aber die Herbeiführung der Rückerstattung den In- tereffen der Versicherten dient, soll nachstehende Erörterung darthun.
§ 30 deS Jnvaliditäts- und Altersversicherungs-Gesetzes bestimmt: „Mit der Erstattung erltfcht die durch daS frühere BersicherungSoerhältniß begründete Anwartschaft." Dies heißt mit anderen Worten: Die weiblichen Versicherten, welche heirathen und von dem ihnezt zustehenden Anspruch auf Rückerstattung Gebrauch machen, verlieren damit alle
Rechte, welche sie sich früher durch Bezahlung von Beiträgen erworben haben, also jeden Anspruch auf Renten. Diese Bestimmung involvirt eine große Tragweite.
Die §§ 15 und 16 genannten Gesetzes bestimmen, daß zur Erlangung eines Anspruchs auf Invalidenrente unter dem Nachweis der Erwerbsunfähigkeit zurückgc'.eqt werden muß eine Wartezeit von fünf BeiiragSjahren. (Die bei der Invalidenrente bestehenden UebergangSbestimmungen kommen bet Behandlung der vorliegenden Frage nicht tn Betracht.) Dies ergibt, daß mit dem Zeitpunkte, wo das Recht des Anspruchs auf Rückerstattung der Beiträge wahrgenommen werden kann, das Recht des Anspruchs auf Invalidenrente bewirkt ist.
Dieses werthvolle Recht geht den weiblichen Versicherten bet Rückerstattung der Beiträge also verloren. Um diese Rechte wieder zu erlangen, müssen dieselben alsdann bei Fortsetzung oder Wiederaufnahme einer Versicherungspflichtigen Beschäftigung erneut fünf Beitragsjahre zurücklegen.
Erwägt man dieses und zieht ferner in Betracht, daß die S'imtnc der Beiträge im Falle der Rückerstattung 16 bis 40 Mk. beträgt, mit der Rückerstattung aber ein erworbenes Recht auf eine lebenslängliche Invalidenrente von 120 Mk. und darüber prelSgegeben ist, welche im Falle der Erwerbs- Unfähigkeit jeden Augenblick zu Gebote steht, so wird Jeder leicht ermessen können, welche Maßnabme den Interessen der Versicherten am meisten bient, die Rückerstattung der Beiträge oder die Ausrcchterhaltung der erworbenen Rechte.
Allen weiblichen Versicherten, welche rach ihrer 23er heirathung in einer versicherungspflichtigen Beschäftigung verbleiben oder eine solche kurz nach ihrer Verheirathung wieder aufnehmen, ist daher unter allen Umständen anzurathen, auf eine Rückerstattung der Beiträge zu verzichten und sich die erworbenen Rechte aufrecht zu erhalten. Junge Arbeiterfrauen können leicht von Leiden befallen werden, die sie
dauernd unfähig machen zu anstrengender Arbeit und zu auch nur geringem Verdienst, und wenn sie bann leibenb bleiben, dabei aber noch viele Jahre hindurch leben, ohne ihre Pflichten als Hausfrauen und Miternährerinnen ihrer Familie erfüllen zu können, dann ist eine von ihnen selbst verdiente, bis zu ihrem Tode sichere jährliche Rente von 120 Mk. und darüber eine große Hülfe und Wohlthat.
Aber auch alle weibliche Versicherte, welche bei ihrer Verheirathung auS jeder Versicherungspflichtigen Beschäftigung auStreien, also frei werden von der Versicherungspflicht, sollten sich wohl überlegen, ob sie, statt die verhältnißmäßig geringe Summe der geleisteten Beiträge zurückzufordern, nicht vorsichtiger und weiser handeln, wenn sie ihr DersicherungS- verhältniß durch geringe jährliche Beiträge sortsetzkn und sich dadurch den Anspruch auf Renten erhalten. Insbesondere sollten sich dieS jene Versicherten überlegen, die mit Absicht nur vorübergehend aus der Dersicherungspflichl ausscheiden, sowie diejenigen, welche nach Lage ihrer Verhältniffe durch die Wechselfälle des Lebens der Versicherungspflicht wieder zugesührt werden können.
§ 117 deS Gesetzes bietet hierzu die Handhabe durch freiwillige Fortsetzung deS DersicherungsverhältniffeS tn Klaffe 2 mit einem Wochenbeitrage von 20 Psg. und einem Zusatzbeitrage von 8 Psg., also einer Entrichtung von zusammen 28 Pfg. in einer BeitragSwoche. Nun bestimmt § 32 des Gesetzes, daß die aus einem VersicherungSverhältniß sich ergebende Anwartschaft erlischt, wenn während vier aufeinanber folgenden Kalenderjahren weniger als inSgefammt 47 Beiträge entrichtet worden sind. Hieraus folgt, daß zur Aufrechterhaltung der erworbenen Anwartschaft die Entrichtung von 47 Beiträgen innerhalb vier Kalenderjahren genügt. Also mit 12 Beitragsleistungen in einem Kalenderjahre, welche einen Gesammtaufwand von 3.36 Mk., gleich 28 Pfg. pro
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An den Unrechten gekommen.
Humoreske von Th. MÜUer-Plattensteiner.
(Nachdruck verboten.)
War das eine Kälte heute! Der Schnee quietschte nur so unter den Füßen und der Rauchfrost bedeckte die Zweige der Allee, auf die wir, von dem Fenster eines höchst comsor- ! tablen Zimmers, in der Bel-Etage eines stattlichen Hauses, I hinabsahen.
Man konnte sich keinen heimischeren, angenehmeren Raum denken, als gerade dieses Zimmer. Hier war Alles so mollig: Möbel, Tapeten, Vorhänge, Portieren und der ganze KrimSkramS, welcher ein elegantes, modernes Heim zu schmücken pflegt, stimmte hier so sein zusammen, daß man sich wohl sühlen mußte. Dazu lag über dem Ganzen eine leichte, blaue Wolke auS Mokkaduft und dem Aroma einer außerordentlich feinen Cigarre. — Fürwahr ein Winkel, deffen Besitzer zu beneiden war, das mußte doch ein glücklicher Mensch fein!
Und doch schien dem nicht so. Der Inhaber all der beschriebenen Herrlichkeit, Herr Rentier Moser, der sich auS der Texttlbranche hierher gerettet hatte, saß mit einem furchtbar wüthenden Gesichte vor seiner Kaffeetaffe und kaute aus seiner theueren Jmportirten herum, daß sie Einem leib thun konnte.
Seine Frau, welche den Platz neben ihm eingenommen hatte, trommelte, um ihrer Erregung Herr zu werben, mit ber linken Hanb leise auf ihrer Serviette herum und das 19 jährige Töchterchen der Beiden hatte beide Ellbogen auf den Tisch gelegt, den Kopf in die Hände gestützt und weinte in ihr Taschentuch hinein, daß eS einen Stern erbarmen mußte.
Einen Stein jawohl! nicht aber Herrn Julius Moser, der, nachdem er seine Cigarre mit einer Bewegung des MihmutheS in den Aschenbecher gestumpft hatte, m seiner Rede fortfuhr:
„ Da könnten doch zehntausend Webstühle zum
Stillstand kommen, gerade daS, was ich mir am wenigsten erträumte! Himmelelement, habe ich doch für em Menschenleben gearbeitet, daß ich zum Schluffe zusehen sollte, wie em solcher Windbeutel von Lieutenant als Herr Schwieger sohn baS sauer verdiente Gelo zum Fenster hinauSwirst? Hat's nicht übel auSgeschnüffelt, säße freilich hübsch in der Wolle . . . Wolle? ... in purer Seide (äße er — aber ich will ihn wo hinsetzen, wenn er etwa zum „Anhalten" kommen sollte, daß er . . ."
„Na, na, Julius, rege Dich nicht auf!" unterbrach ihn die Gattin, „ich habe Dich von der Sache in Kenntntß ge
setzt, wie es meine Pflicht war; ich war ja selbst davon überrascht, und nicht gerade angenehm, weil ich Deine Aversion gegen die Offiziere kenne. Helene hat mir noch gestern Abend, als wir kaum vom MuseumSball zurück waren, ihre Liebe zu Lieutenant Armin gestanden und gesagt, daß sie nicht von thm lasten wolle!"
Die kleine Helene weinte, daß ber Tisch in's Wanken getieth.
„So, so," ber Herr von Armin also! ber Artillerist, nicht?" Papa Moser entgegnete baS mit mehr Ruhe, als man hätte erwarten sollen unb Helenchcn wagte einen halben Blick hinter ihrem Taschentuch hervor auf bes Vaters strenges Antlitz, „unb ber wohnt, wenn ich nicht irre, in ber Bergstraße draußen?" Die Gattin zuckte die Achseln, Helenchen aber wagte einen kleinen Nicker mit dem Kopse.
„So, so," fuhr er bann, fast unheimlich lächelnb, fort, „na, bem Herrn werbe ich ben Stanbpunkt, auf bem ich stehe, in seinen eigenen vier Pfählen klar machen — ich suche ihn auf, bann wirb mir wenigstens bas Aufsehen erspart, bas sein Besuch hier machen würbe!"
Es war ein förmlicher Aufschrei, ben Helene nach diesen Worten des Papas ausstieß, und selbst die Gattin hob mahnend ben Finger — wer sich aber nicht halten ließ unb nach Pelz und Hut wetterte, baS war Herr Julius Moser, unb halb daraus schob er schon seine tietne mit ziemlichem Emdonpoint behaftete Gestalt durch die Kälte, die ihn nicht milder stimmte, gegen das andere Ende der Stadt, während die Mutter ihr trostloses Kind, so gut eS ging, zu beruhigen suchte. —
ES gab auf Gottes weiter Welt sicher keinen befferen, nachgiebigeren Menschen als Herrn Julius Moser — es gab aber auch keinen, ber bas schwerer zugestehen mochte; er wollte zu Hause voll unb ganz als ber „Gebieter" angesehen werden und dazu glaubte er hin unb wieder ein Donnerwetter loSlastcn zu wüsten, um so mehr, als ihm die Natur etn Aeußeres gegeben hatte, das nichts weniger als imponirte. Seine Frau liefe ihn ruhig gewähren, that scheinbar, als ob ein ZomeSauSbruch seinerseits sie auf bas Tiefste nieder- schmetterte, im Grunde geschah natürlich doch, was sie wollte, unb ber Gatte fuhr gut babei.
WaS seinen Haß gegen ben Osfiz'erstand anbetraf, so war ihr das ein noch unaufgeklärter Punkt unb sehr unbequem. Sie hatten die Liebe zwischen den beiden jungen Leuten entstehen sehen unb nicht das Mindeste gegen deren Verbindung — und hätte den Herrn Gemahl sicher, wie jedesmal noch, auch in diesem Falle „herumgekriegt", da lief er spornreichs fort und der Himmel wußte, was er da jetzt aerrichtete.
Was ihren Gatten eigentlich zu diesem raichen verblüffenden Schritte trieb, war ihr trotz allen Nachsinnens nicht möglich
zu ergründen — wohl aber uns: es war das Gefühl aller timiden Naturen, eine unangenehme Sache so rasch wie möglich erledigt zu haben!
„26 . . . 28 . . . 30," murmelte Herr Moser vor sich hin, als er die Hälfte der Bergstraße hinauf war, „hier ist eS also, na, wir wollen dem jungen Herrn daS Vergnügen unseres Besuches machen!" und damit betrat er ben Flur und kletterte bie Treppe hinan, vor bereit zweitem Absatz ihm baS Geräusch deS KleiberauSklopfens entgegen- tönte.
„ ... ES giebt falsche Aug'n, Falsche Haar, falsche Zähn' — Ada a Grüaberl, baS falsch iS--
Hab i mein Lebtag net g'sehg'n!"
Diese neckischen Worte beS bekannten Liebes fang ber Bursche bes Lieutenants Armin zu oben erwähnter Beschäftigung und blinzelte dabei in daS nächste Stockwerk hinauf, von dem sich leises Kichern vernehmen ließ unb von dem auS sich bann baS gefunbe, blühenbe Gesicht, in bem sich die besungenen „Grüaberln" befanben, erröthenb über baS Treppen- gtlänber hinabneigte, als eS jedoch ben emporsteigenden Herrn, ber eine so finstere Miene machte, erblickte, rasch wieber zu- rückfuhr.
„Ist Herr Lieutenant von Armin zu sprechen?"
„Ja mei', baS kommt halt b’rauf an, wer Sie sind?"
„Aha", knurrte Moser in sich hinein, „der Herr Lieutenant fürchten die Gläubiger — melden Sie Herrn Julius Moser", setzte er laut hinzu.
„Der Herr möchten so gut sein und eintreten", kam der Bursche nach kurzer Zeit zurück.
„Poch, Poch, poch!"
„Herein!"
Der Lieutenant erhob sich von seinem Schreibüsch und kam Herrn Moser entgegen.
„Was verschafft mir schon am frühen Morgen die Ehre, Herr Moser, es find kaum ein paar Stunden her, seitdem ich aus dem gestrigen Balle die Ehre hatte?" Der Lieutenant sprach etwas gepreßt unb war dabei etwas blaß geworden, „darf ich nicht bitten, Platz zu nehmen?"
„Ich danke", entgegnete ber gekränkte Vater, „ich glaube unsere Angelegenheit auch im Stehen adrnachen zu können ... um ohne weitere Umschweife gleich auf unsere Angelegenheit zu kommen. Sie haben gestern meiner Tochter eine Liebeserklärung gemacht und ich bin feier, um, da meine Tochter Ihnen feine abschlägige Antwort gegeben zu haben scheint, diese Sache rückgängig zu machen — ich gebe meine Tochter keinem Offizier!" (Fortsetzung folgt.)


