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Erstes Blatt.
Sonntag den 11. Mär;
1894
Meßmer Anzeiger
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Gießen, den 10. März 1894.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Cteales und Krsvinzlelles
Siehe«, 10. März 1894
♦♦ Zum Einzug deS Grotzherzoglichen PaareS in TarmstaU hat nach der „Darrnst. Ztg." die Großh. Bürgermeistere: Darm'tadt an die sämmtlichen dortigen Schulanstaireu die Anfrage gerichtet, in welcher Anzahl sich dieselben wttt
Deutsche» Reich.
Darmstadt, 9. März. Seine Königliche Hoheit der Äroßherzog und Ihre Grobherzogliche Hoheit die Prinzessin Alix beabsichtigen morgen Nachmittag 5*/, Uhr von London abzureisen, sodaß die Ankunsl der Allerhöchsten Herrschaften in Darmstadt voraussichtlich Sonntag den 11. März, Nach mittags 2 Uhr 3 Min. erfolgen wird.
Berlin, 9. März. Die ReichStagScommission für den deutsch-russischen Handelsvertrag führte am Donnerstag ihre Berathungen zu Ende. Vor Eintritt in die Tagesordnung bemerkte StagtSsecretär v. Bötticher, seine in der Mittwochssitzung der Commission über die Aufhebung der Staffeltarife abgegebene Erklärung sei vielfach unrichtig verstanden worden. Er habe nicht gesagt, daß die Staffeltarife niemals wieder eingesührt werden könnten, sondern eS sei von ihm vielmehr daraus hingewiesen worden, daß in gewissen Fällen die Einführung von Staffeltarifen gerade im Interesse des Westens nolhwendig werden könnte. Alsdann trat die Commission in die Berathung des Tarifs B — Entfuhr russischer Producte noch Deutschland — ein, in deren Verlauf StaatSsecretär v. Marschall die Nachrichten von einer angeblichen Anhäufung ungeheuerer Roggenvvrräthe in Rußland als bloße Legendenbildung bezeichnete. Im Uebrigen wurden in der Debatte die sämmtlichen Unteranträge der Couservativen hinsichtlich der Zölle für Flach?, Weizen, Roggen usw. abgelehnt, worauf die Commission mit 16 gegen 12 Stimmen den Tarif L und hiermir den gesammten Vertrag genehmigte.
Hamburg, 8. März. Die „Hamburger Nachrichten" bemerken zu der Erklärung des Grasen Dönhoff-Friedrich' stein über die von itzm angeführte Aeußerung des Fürsten BiSmarck über die möglichen Folgen einer Ablehnung des Handelsvertrages mit Rußland, daS Material, das Dönhoff benutzte, entstamme also vertraulichen Unterhaltungen, die Bismarck im Lause des Winters mit seinem HauSarzte gehabt haben solle- daS Material dürfte aber auf den Umwegen, auf denen eS in etwa sechs Wochen von Friedrichsruh dorthin gelangt sei, Mißverständnisse erfahren haben, denn eS sei n'cht einzusehen, was den Fürsten Bismarck bestimmt haben könnte, gegen seinen langjährigen befreundeten Hausarzt in verlraulicher Unterhaltung das Gegcniheil seiner eigenen Ueberzeugung auSzu'prechen. Bismarck habe niemals die Anücht gehabt, daß ein Krieg Rußlands mit Deutschland infolge einer etwaigen Ablehnung des Handelsvertrages drohe. Der Fürst habe stttS gegen Jedermann die entgegengesetzte Ueberzeugung vertreten. — Wie die „Hamb. Nachr." ferner mitiheilen, befindet sich Schweninger zur Zeit aus einer Reise in Italien.
nach Süddeutfchland. Er bitte, ei bei der Veranlagung im Etat zu belassen. . „
Abg. Hammacher (ntl.): An den Beschlüssen der Commission sei die Negierung selbst schuld, denn über die VerkehrSoerhältnisse der Reichsbahnen erhalte das Haus nicht so eingehende Mittheilung, wie solche tn den Einzelstaaten erstattet mürben. Sachlich sei er durchaus überzeugt, daß die Einnahmen der Reichsbahnen erheblich höher sein würden. . n r
Nachdem noch Abg. Lingens erklärt, das Centrum stehe auf dem Boden der AuSführungm des Vorredners, wird der Einnahme- Ansatz der Commission gut gedeihen.
Bei den Ausgaben empfiehlt Abg. Lingen« (Ctr.) Fortschreiten tn den Bestrebungen, den Eisenbahnbeamten vermehrte Sonntagsruhe zu verschaffen. Ein erheblicher Fortschritt sei schon eingetreten.
Abg. Hammacher (ntl.) findet die Forderung für Erneuerung der Betriebsmittel zu gering. t ,
Minister Thielen erwidert, daß dafür tn btefem Etat eine um fo erheblichere Summe für Erneuerung des Oberbaues nus- geworfen sei. , . ..
Der Etat der Reichsbahnen wird angenommen, ebenso die Etat« des Reichsschatzamts und des Reichstags.
Vom Marineetat stehen noch zur Berathung die Forderungen im Ertraordinartum für drei Schiffsneubauten, Ersatz Preußen, Ersatz Leipzig und Ersah Falke, durchweg erste Raten.
'Referent Abg. Lieder tritt dem gegen die Commission laut gewordenen Vorwurf entgegen, daß sie beim Vtartneetat bemilltgungs- lustiger gewesen sei, als bet allen anderen Etats. Hier bandle es sich nicht um Erweiterungs-, sondern nur um Ersatzbauten. Diese Forderungen bewegten sich auch durchaus in dem von dem Reichstage stets gebilligten Rahmen. Daß eine gewisse Anzahl Panzer nothwendtg sei, habe der Reichstag stets anerkannt.
StaatSsecretär Hollmann Die Marintverwallung hat in diesem Etat große Entsagung und viel Selbstbeschränkuna geübt. ES stehen un« für das nächste Etatsjahr hiernach nur 14'/. M'll. zur Verfügung, so wenig, wie mit einer einzigen Ausnahme, tn keinem Jahre seit den 70er fahren. Wir haben augenblicklich reinen Tisch, indem wir nur 1 Mill, tn daS neue Jahr hinübernehmen. Bewilligen Sie In diesem Jahr keine '.Neubauten, so würden wir daher in die größte Verlegenheit kommen. Auch fordern wir diesmal nur Ersohbauten. Sie körnen, um da« Gleiche wiederzufinden, viele Jahre zurückgehen. Also nicht um Vermehrung, sondern nur um Ersatz handelt es sich, wenn auch allerdings die alten Schiffe noch nicht völlig verbraucht sind. Aber Forderungen für die zu ersitzenden Schiffe werden nicht mehr erhoben werden: sie bleiben zwar in der Liste, aber sie werden nur im Falle eines Krieges für fecunbäre Zwecke verwandt werden. ES ist schon erwähnt, daß die Ersotzsch ffe von einem anderen TnvuS seien, als die allen. Das ist aber nur eine Folge der Entwicklung der Technik. Wir müssen wohl ober übel uns diese Technik zu nutzen machen. Es wäre verfehlt, den alten 7vpus be'zubehalten, denn Schiffe mit solcher Construction wären heutzutage obsolet. Alles daS trägt natürlich dazu bei, die Kosten zu erhöhen. Auch die artill.risttsche Ausrüstung ist heutzutage viel kostspieliger als früher. Die Gesammtkosten muffen also auch viel höhere sein, als vor 20 Jahren. Man kann ja wohl sagen, wir sollen uns mit kleineren Schiffen begnügen. Aber da wir fo rote so tn der Minderzahl der Schiffe gegenüber Andern sein werden, müfjen wir wenigstens darauf halten, daß die Schiffe, die- wir haben, den Gegnern gewachsen sind.
Abg Richter (srs. Vv.): Die Finanzlage, derenthalben wir schon im Vorjahre Ersatz „Preußen" avlehnten, ha, sich seitdem eher noch verschlechtert. Wenn man sich auf den Floitengrundungsplan von 1873 beruft, so ist doch fett der Zeil der Nordostseccanal tn Bau genommen und ausdrücklich dami« mottotrt worden, daß dadurch unsere Flotte einen verstärkten Werth ganz von selbst erlange. Auch ist ja fett 1873 (ine Schiffsgattung, die Panzerfahrzeuge, hrn- »uaekommen, weiche damals gar nicht in den Flottengründungtzplan aufgenommen war. Dian spricht dann von bloßem „Ersatz",, aber die neuen Schiffe sollen ganz außerordenllich viel leistungsfähiger gebaut werden, als die allen. Nach den unS mttgethetlten Schiffs- listen besitzen die russische Ostserflolte und auch die französische auch nicht mehr Schiffe mit Zellenein.Heilung wie wir. Manthut so, als gingen wir erst jetzt an Ersatz heran. Aber feit 1887 haben wir schon eine ganze Reihe Ersahschiffe gebaut, darunter vier panier, mit denen wir noch gar keine Erfahrungen gemocht haben. Mit den noch im Bau befindlichen mittleren zwei Schiffen kommen wir auf 22, die durchaus für die Zwecke unserer Flotte reichen. Beschäftigung für unsere Werften liefern doch nicht nur die Neubauten, sondern auch die Reparaturen. Graf Caprivi legte uns als Marine- chef s 8 einen Plan vor, wo nur jährlich acht Millionen an Neubauten 'in Aussicht genommen waren. Dabei sind diese Forderungen um so bedenklicher, als sie uns neue für die Zukunft in Aussicht stellen Noch jetzt Haden wir fünf Schiffe, die noch älter sind als Preußen" Vielleicht schon im nächsten Jahre werden weitere Er- satzbauten mit hundert M'llionen Kosten gefordert werden. Wir erblicken in alledem nur Pläne, die auf eine Hochseeflotte abzielen. Wie bedenklich gerade der Bau solcher Panzercolosse ist, zeigt der Fall „Brandenburg". Wie leicht kann es im Kriege Vorkommen daß solche Colosse unlenkbar werden. Und nun die Finanzlage! Öler bewilligen Sie solche Summen und in Preußen schonen Sie nicht einmal Raum für Unterbringung pergamenischer Alterthumer
Referent Lieber: Herr Richter hat Vergleiche gezogen mit den Flotten fremder Staaten. Darauf kann ich nicht antworten, well uns das betonende Material in der Commission vertraulich mit- ^^aba^etifcn (nl): Meine Freunde werden für die Positionen stimmen da es sich hier nur um Ersatz handelt, und weil die SchlNe auf den Staatswerften gebaut werden sollen, die andererseits Arbeiter entla"«i mMen.^i $n etnem Moment, wo noch die Deckung
der Kost« der Mllttärvorlage In Frage ftebe unb ouefc der aus den Handelsverträgen awachsei.de Einnahmeausfall zu decken sei, konnten seine Freunde neue Mittel für die Marine nicht bewilligen, um so wmiger, alS unsere colonialen aufgaben durch unsaeRegierung in Folge da Verträge mit England fo verringert worden feten, daß wir eina fo starken Marine nicht bedürften.
Neueste lla^ricWcn.
WolffS telegraphisches Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 9. März. Am nächsten Dienstag gibt Finanz. Minister Miquel ein großes Diner, wozu der Kaiser sein Erscheinen zugesagt hat.
Berlin, 9. März. Eine Anzahl von Abgeordneten auS Centrum, Conservativen, Reichspartei, Nationalliberalen und Freisinnige Bereinigung brachten Anträge zum Identität«, nach weis ein, betreffend die Verpflichtung zur Annahme der Einfuhrscheine auch für Zollgefälle auf andere Maaren als Getreide, die Ausdehnung des Gesetzes auf Raps, Vergünstigungen für kleinere Mühlen und Beschränkung der ge- mischten Transitläger.
Paris, 9. März. Heute Vormittag wurden neun Anarchisten verhaftet, darunter der Italiener Maglia.
Rom, 9. März. Von den gestern infolge des Bomben- attentats verhafteten Personen sind drei wieder freigelaffen worden. Die gerichtliche Untersuchung dauert fort. DaS Befinden von zwei Verwundeten hat sich heute verschlimmert, einem wurde ein Bein abgenommen, die anderen befinden sich besser. Der Thatort wird von viel Publikum besucht.
Depeschen de» Bureau .Herold".
Berlin, 9. März. DaS Kaiserpaar begab sich heule anläßlich des Sterbetages Kaiser Wilhelms I. nach dem Mausoleum in Charlottenburg und legte daselbst prächtige Kränze am Sarkophage des Verstorbenen nieder. - Die Abendblätter bringen anläßlich des Todestages Kaiser Wilhelms I. Gedächtnißartikel.
Berlin, 9. März. Der „Nordd. Allgem. Ztg. zufolge reist die Kaiserin mit den Kindern am 12. d. MtS. nach Abbazia ab. Die Ankunft daselbst erfolgt am Id. d. M.,
Berlin, 9. März. Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Behauptung der Zeitschrift „La vie c™te“Por*,ne » nach welcher im Jahre 1893 mehrere deutsche Marine Offiziere, welche auf der Cherbourger Rhede bei ber Aufnahme von Plänen betroffen worden seien, gebeten wurden, sogleich zu verschwinden, als jeder Begründung ent- bet)TC$etlin 9. März. Wie wir auS bester Quelle erfahren, steht in den nächsten Tagen die Ernennung eines Regie» rungScommiffars für die Antwerpener Welt- ausstellung seitens der deutschen Regierung bevor. Die deutsche Regierung hat in letzter Zeit gerade der Antwerpener Ausstellung ein großes Interesse zugewandt und sich übrr die allgemeine Betheiligung an derselben wiederholt Bericht er. statten lassen. .. . , .
Madrid, 9. März. DaS gelammte Ministerium hat gestern Abend feine Demission eingereicht. Die Kön^in- regentin hat dieselbe angenommen und Sagasta mit der Neubildung beauftragt. 4 c. •
Belgrad, 9. März. Oberst Lazarewttsch hat sich m besonderer Mission deS Königs Alexander nach Stuttgart und Dresden begeben, um diesen Höfen nachträglich dte Thronbesteigung des König- Alerander anzuzeigen.
Deutscher Reichstag.
67. Sitzung. Freitag den 9. Mar, 1894.
Die zweite Berathung detz Etats wird mit dem Etat der ReichS-Eifenbahnen fortgesetzt. Die Commission hat beschlossen, die Einnahmen um 3 Millionen Mark höher anzusetzen, als sie tn der Regierungsvorlage veranschlagt find.
Minister Thielen: Die Einnahme-Schätzung sei genau nach den bisherigen Grundsätzen erfolgt. Die Commission habe mit Rücksicht auf die Erträge deS laufenden Jahres die Einnahmen hoher geschätzt. Aber diese Erträge beruhen auch nur auf Schatzung. Außerdem müsse gerade bet Bahnen mit großem Fremdenverkehr auf Schwankungen gerechnet werden. Der Verkehr im lautenden Jahre wurde durch besondere nicht wieder kehrende Momente beeinflußt. Der Personerve,kehr durch die Kaiser-Manöver, der Güterverkehr durch große Transporte von Futteimitteln und Vieh — im Zusammenhang mit der Futternoth — und von belgischen Kohlen
Bekanntmachung.
Sim 6. März L I. wurde dahier auf dem Viehmarkte ein herrenloses Kalb gefunden.
Der Eigenthumer wird aufgefordert, feine Ansprüche binnen 4 Wochen dahier geltend zu machen.
Gießen, den 9. März 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
________ Fresenius.
Abg. v. Rarbotff (Rp.) plaiLkt für Bewilligung Im Inte,esse eines ausreichenden Küstenschutzes.
Abg. Bachern (Ctr.): Wir stimmen für diese Positionen, weil eS sich hier nicht um Erweiterungs-, sondern um nothwendlge Ersatz bauten handelt. 'Nachdem nun einmal der gegenwärtige Statu! der Flotte vorhanden ist, dürfen wir nicht von demselben he,abgeben. Was den College« Boeckel und dessen Hinweis auf die schlechte Finanzlage anlangt, so ist zu bedauern, daß er nicht schon bei der Milltärvorlaae seine Sparsamkeit entdeckte. Im Uebrigen halten wir unfern Standpunkt fest: keine Vermehrung der Flotte, auch wem, sich die Finanzlage bessern sollte.
Abg. v. Leipziger (conf.) erklärt, da es sich hier um Ersatz handle und um ein Interesse unserer Industrie, die große Mehrheit seiner Freunde werde für die Positionen stimmen.
Die Forderung für „Ersatz Preußen" wird in Abstimmung durch Namensaufruf mit 134 gegen 94 Stimmen angenommen.
Bei Forderung „Ersatz Leipzig" hält Abg. Richter feinen Antrag auf namentliche Abstimmung aufrecht, da die alte Corvette „Leipzig" nur 5 Millionen gekostet habe, während der Ersatz 15 Millionen kosten würde.
Die Forderung wird mit 117 gegen 95 Stimmen abaelehnt.
Bei der Abstimmung über „Ersatz Falke" erweist sich das Haus als beschlußunfähig.
Nächste Sitzung heute Abend (Identitätsnachweis).


