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Nr. 59 Drittes Blatt. Sonntag den 11. März 1894
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Gießener Anzeiger
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Mcbacfwn. »n>fbtti*e und Druckerei:
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Zlints- und ZInzeigeblntt für den Iftets (Stefeeit
Innahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgen den Lag erfcheinenden Nummer bis Corrn. 10 Uhr.
Hratisbeilage: Gießener Aamikienkkätter.
Alle Innoncen-BureauT des In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgege».
Amtliche» Theil.
Bekanntmachuua.
E» wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach $ 6 be« Reichsgesetze» vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnttt-marktpreise, einschließlich eine» Ausschlag» von Fünf vom Hundert, pro Monat Februa r 1894 für den Lieserung»verband Gießen pro 100 kg betragen:
Hafer Jt 18.40, Heu JL 11.00, Stroh Jt 7.90.
Gießen, den 8. März 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Abonnements - Einladung
Zum Bezug des „(fiicfocncr Anzeiger" für das 2. Vierteljahr 1894 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur ttcnnmiß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lausenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b c r h e s s e n ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz jo frühzeitig wie möglich zur Kennttnß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Thcile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wisjens- wcrthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschast, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge
diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar- ttkeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, chre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutrctendc erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. April den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
totales und provinzieller.
Gießen, den 10. März 1894.
** Lehrer Wittweu- und Waiseukasse. Wir erhielten nachstehende Zuschrift: Nachdem vor einigen Jahren die Darmstädter BolkSschullehrer eine Wittwen- und Waisenkaffe gegründet und zwar mit recht gutem Erfolg, haben auch die hiesigen Volksschullehrer eine gleiche Kasse errichtet, die den hinterlaffcnen Wittwen und Waisen einen jährlichen Zuschuß zu der sehr gering bemeffenen staatlichen Pension gewähren soll. Beträgt die letztere doch jährlich nur 450 Mk., welcher Betrag weder in einem Verhältniß zu dem Dtensteinkommen deS Mannes steht, noch für eine einzelne Person zur noth- dürftigen Erhaltung deS Lebens hinreicht, und da, wo noch Kinder zu erziehen find, tritt, wenn kein Privatvermögen vorhanden ist, oft bittere Noth ein. Diese traurige Lage der Hinterbliebenen einigermaßen zu bessern, haben die Lehrer den Weg der Selbsthilfe beschritten, und wenn auch dieselben auS ihrem Einkommen keine großen Opfer bringen können, so wird eS ihnen doch möglich sein, durch einträchtiges Zusammenhalten etwas bieten zu können, um die Sorgen der
Relicten einigermaßen zu erleichtern. Zum Vorstand der Kasse wurden die Herren Oberlehrer Fuhr als Vorsitzender, Lehrer Kalbfleisch als dessen Stellvertreter, Leib al» Schriftführer, Knauß als Rechner, Schaaf als Eontrolenr und I. Hartmann und Straub als Beisitzer gewählt. Bis jetzt sind der Kasse gegen 40 Lehrer als ordentliche Mitglieder beigetreten und es muß dankbar anerkannt werden, daß auch bereits mehrere Herren ihren Beitritt erklärt haben, die keine Ansprüche an die Leistungen der Kasse machen und sich doch zu einem jährlichen Beitrag verpflichtet haben- ebenso ist derselben auch schon eine Schenkung zu Theil geworden. Möge die neu errichtete Kasse sich auch außerhalb deS Lehrer- ftandeS Freunde und Gönner erwerben, möchten aber namentlich die Lehrer durch Opserwilligkeit und festes Zusammenhalten zeigen, daß Einigkeit stark macht.
•• Jubiläum. Am gestrigen Tage beging der AmtS- diener bei dem hiesigen Hauptsteueramte, Herr Ehr. Weidi g, sein 50jährigeS Dienstjubiläum. Der Jubilar, ein geborener Gießener, wurde am 9. März 1844 als AmtS- diener bei dem genannten Amte bestellt und hat diele Stelle während seiner ganzen Dienstzeit ununterbrochen bekleidet. Durch unermüdlichen Fleiß und große Gewandtheit hat er sich im Dienste ausgezeichnet, sein biederer Character und gefälliges Wesen haben ihn überall beliebt gemacht. Vielseitig beglückwünscht blickt der Jubilar mit großer Freude auf die «hm in Anerkennung seiner langjährigen und treugeleisteten Dienste durch die Verleihung des Silbernen Kreuzes des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen gewordene Allerhöchste Auszeichnung.
*♦ Der Kamps ums Dasein im Meuscheulebeu. Ueber diesen Gegenstand wird Herr Reallehrer Kahl am nächsten Montag im „Kaufmännischen Verein" sprechen. Einer Beur- theilung dieses Vortrages in einem rheinhessischen Blatte entnehmen wir folgendes: Herr Kahl zeigte unS, wie in der Natur das Schwächliche, Kränkliche unterliegt, daß der Große den Kleinen, der Größte den Großen frißt, daß gewisse Philosophen predigen, es sei der naturgemäße Zustand, daß auch die Menschenwelt mit zunehmender Cultur sich in dieser Richtung entwickele, und daß es naturwidrig und grausam sei, den wirthschaftlich Schwachen, der doch einmal zum Untergang und zum Elend bestimmt sei, zu stützen. — Daß dies nicht das Ziel des Erdendaseins des Menschengeschlechts sein könne, daß solche entsetzlichen, herzlosen Lehren grundfalsch sein müssen, wies der Redner in warmen Worten nach. Er führte unS auf einen andern Weg, er entnahm aus Beispielen, die unS die Gebilde aus der unorganischen Welt geben, daß nicht der Kamps umS Dasein allein daS treibende Princip
Feuilleton.
Wochtndrikse aus der Residenz.
(Ortginalbcricht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 9. März 1894.
Da» Fest der „Akademiker". — Soucette. — Neue Bilder. — Versammlung.
Eines der beliebtesten und schönsten der alljährlich wiederkehrenden Feste ist unstreitig die vorn „Akademischen Verein" an der Darmstädter Technischen Hochschule veranstaltete musikalisch-declamatorische Abendunterhaltuug mit darauffolgendem Ball, die jedesmal im Saalbau abge- halten wird. Auch diesmal ist der Festabend in jeder Hinsicht glänzend verlaufen. Ein erlesenes Publikum füllte am vergangenen SamStag die Räume des städtischen SaalbaueS und folgte dem künstlerischen Theil des umfangreichen Programm 8 mit der größten Aufmerksamkeit und BcisallSlust. Der 70. Geburtstag Otto RoquetteS, der, wie im letzten Briefe gemeldet war, auf den 19. April des lausenden JahreS fällt, bildete den Mittelpunkt deS ganzen Festes, daS als eine Art Vorfeier zu diesem Dichterjubiläum gedacht war. Vortreffliche Borträge unseres JnstrumentalvereinS eröffneten dos Programm, dann folgten Liedervoriräge der Hosopernsängerin Fräulein Susanne Lavalle auS Mannheim, die im Eon- certsaale, wie auf der Bühne in Darmstadt schon freundlichen Beifall geerntet hat, und Biolinvorträge deS Herrn Musik- directors Miroslav Weber auS Wirsbaden. Den zweiten Theil deS Programms füllte die Aufführung eines kleinen dramatischen WrrkchenS von Otto Roquette. ES war ein flott geschriebener Schwank „Hanswurst", der im alten Leipzig der Gottsched'schen Ruhmes- und Herrscherzeit spielt. Die Mitglieder des Akademischen Vereins brachten das geistvolle, anspruchslose Stückchen ganz überraschend gut zur Aufführung und fanden wohlverdienten Beifall beim enthufiasmirten
Publikum, das auch den beliebten Verfasser hervorjubelte. Nach einer Pause begann dann im prachtvoll geschmückten großen Saale der Ball, über den Ihr Referent leider nicht auS eigener Anschauung berichten kann. Er soll aber sehr lustig verlaufen sein und die tanzlustige Jugend bis zur frühen, oder besser späten Morgenstunde tm Dienste TerpfichorenS zusammengehalten haben. Jedenfalls kann der „Akademische Verein" auch in diesem Jahre mit Zufriedenheit auf das schöne Vereinsjahr zurückblicken, daS ohne Zweifel auch für den wohlthätigen Zweck, dem eS dient, der Unterstützungskasse armer LehrerSwittwen und -Waisen, sehr günstig verlaufen ist. Zum Schlüsse sei nech besonders erwähnt, daß auch Prinz Wilhelm die Veranstaltung mit seinem hohen Besuche beehrte und mit großem Interesse bis nach Beendigung deS umfangreichen Programms verweilte. Daß die Professoren und Docenten der Hochschule fast vollständig erschienen waren, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden.
Sonst wäre von den künstlerischen V.ranftaltungen der letzten Woche vor Allem deS interessanten ConcerteS zu gedenken, daS Herr Mufikoirector Senff, der verdienstvolle Dirigent deS MozartvereinS, am Montag veranstaltet hat. Der Concertgeber fand gleich den ihn unterstützenden Solisten, Damen und Herren auS Darmstadt, verdienten Erfolg. Im Hoftheater ist der Schil le r-E ycluS bei der „Braut von Messina" angelangt. DaS Interesse deS Publikums ist dem großen künstlerischen Unternehmen, alle Dramen Schillers in chronologischer Reihenfolge aufzuführen, dauernd gewahrt ge- blieben, denn jeden Abend ist das Hofkheaier überfüllt. Einen ganz besonderen Kunstgenuß verspricht der Männerchor „HumanitaS" in seinem WohlthätigkeitS-Loncert zum Besten der Hinterbliebenen der auf der „Brandenburg- Verunglückten zu bieten. . Der rührige VereinSvorftand hat nämlich den rühmlichst bekannten Meister deS LiedervortragS, Kammersänger Eugen Gura, für sein Eoncert gewonnen: unzweifelhaft wird dieser Name eine ganz außergewöhnliche Zugkraft ausüben und dem edlen Zwecke dadurch ein glän-
zender künstlerischer und materieller Erfolg beschieden sein. Ueberhaupt haben wir im Kunftleben noch viel Interessantes für den Rest der Winterszeit zu erwarten. Schon in der nächsten Woche beginnt Max Alvary fein Gastspiel in WagnerS „Siegfried", ihm folgt Frau Sucher aus Berlin als „Isolde", „Brünnhilde" u. s. w.
Auch vom Gebiete der bildenden Kunst kann ich Ihren Lesern diesmal etwas berichten. Die Direction unserer berühmten Gemäldegallerie hat die berühmte Sammlung durch werthvolle neue Stücke bereichert. So ist Ed. GrütznerS „Weinprobe im Klosterkeller" und W. Dietz' „Hunnenschlacht" kürzlich erworben worden. DaS erst- genannte Werk ist ein Oelbild deS populären Illustrators des MönchslebenS, das zweite ist eine prächtige Kohlenzeichnung, eine Scene auS SchrffelS „Ekkehardt", den Kampf der Mönche mit den Hunnen darstellend.
Zum Schluffe fei noch der Bericht über die vom Ober- bürgermeister kürzlich berufene Versammlung nachgetragen, in der über die Seiner König!. Hoheit dem Großherzog darzubringenden Ovationen auS Anlaß Allerhöchstseiner Ber- mählung. Es wurde beschlossen, daß.die Vereine der Stadt beim Einzuge deS jungen Herrscherpaares Spalier bilden sollen, dann werden sämmtliche Gesangvereine der Stadt Abends eine große Serenade veranstalten, die eventuell nach der Festvorstellung im Hoftheater stattzufinden hätte. Einstweilen wurden die näheren Abmachungen einem Festausschuß übernagen, der noch in dieser Woche seine Thätigkeit begonnen hat. Zur Betheiligung an dem mit der Serenade zu verbindenden Fackelzuge haben fich bereits eine Menge von Vereinen gemeldet. Sobald nähere Einzelheiten bekannt werden, sollen Ihre Leser ausführlichen Bericht erhalten. Jedenfalls wird fich der Einzug des jungen Paares in die Residenz de» Hessenlandes zu einem glänzenden Feste für ganz Dcmnstadt und die umliegenden Städte gestalten. 2.
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