Ausgabe 
9.12.1894 Viertes Blatt
 
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1894

Nr. 289 Viertes Blatt. Sonntaq den 9. December

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Der Capitalismus und der Grundbesitze

Gegenüber so manchen Klagen, welche theils berechtigt, theUS aber auch einseitig und übertrieben gegen |ben Capita- liSmuS im heutigen WirthschaftSleben erhoben werden, muß einmal ausgeführt werden, daß die wichtigste volkswirth- schaftliche Bedeutung deS Geldcapitals darin besteht, durch Vermehrung und Vervollkommnung aller Production?- und Verkehrsmittel alle GebrauchSwerthe für den allgemeinen Bedarf zu verbilligen. Der Capitalismus ichont in dieser Richtung kein Product und keine Waare, aber zum Glück auch daS Capital selbst nicht, denn gerade der Capitalismus ist eS selbst, welcher seit Jahren die Erlangung von Capi- talieu zu billiger werdenden Zinsfüße herbeigeführt hat, denn nur der Vermehrung deS LapitaliSmuS und des dadurch herbeigeführten bedeutend größeren Angebots an CapitalS ist dasbillige Geld" und der niedrig gewordene Zinsfuß zu verdanken. Wer aber einige Kenntniß von den Bedingungen eines der allgemeinen Wohlfahrt dienenden WirthschaftS« lebens besitzt, der wird in dieser Entwickelung keinen Nach- theil erblicken, denn dieselbe kommt nicht nur dem Staate und dem Handel und der Industrie, sondern auch dem Grund­besitze durch Verminderung der Hypothekenzinsen im hohen Grade zu Nutze. ES ist doch ein ganz bedeutender wirth- schaftlicher Boriheil, wenn ein Grundbesitzer für seine Hypo­thek von zum Beispiel 60000 Mark nur Prozent statt 4*/, Prozent oder 4 Prozent zu zahlen braucht, denn daß wir uvS mit raschen Schritten dem Zt/zprozentigen Zinsfüße für gute erste Hypotheken nähern, dies lehrt ein Blick auf die deutschen Staatspapiere, deren 3prozentige Obligationen sich bereits dem Pari-CourS nähern. Bald wird also die Zeit kommen, wo die Capitaliften sich bei guten ersten Hy­potheken mit 31/» Prozent begnügen werden, ja, es zum Theil schon thun. Für den solid lebenden und fleißig stre­benden Landwirth liegt also auf dem Gebiete des Realcredits jetzt keine zu unterschätzende Hülfe. Dies lehrt zumal ein Beispiel in Sachsen, wo das Creditbedürfniß der Landwirthe meistens durch den Landwirtschaftlichen Creditverein befriedigt wird. Als der Landwirtschaftliche Creditverein im König­reiche Sachsen Ende der 80er Jahre bei ungefähr 8k0 Mtll. Mark den Zinsfuß von 4 auf 3% Prozent herabsetzte, bedeutete dies eine Ersparniß für dle Schuldner in der Höhe von jährlich 400000 Mark. Solche Zahlen reden eine wirthschaftlich bedeutsame Sprache! Die Zinsfußherabsetzung von 4 auf 31/2 Prozent beträgt nämlich den 8. Theil der Zinsen überhaupt! Damit ist aber nicht nur der SchuldzinS ermäßigt, sondern solche günstigen Creditbedingungrn fördern auch ungemein die Tilgung der Hypotheken-Schulden durch den sehr bequemen Modus der Amortisation, auf welche alle Landwirthschafrlichen Creditinstitute den größten Werth legen sollten.

Deutsche- Reich.

Berlin, 7. December. Nicht weniger als 3 8 I n i t i a t i v - anträge, von den verschiedensten Parteien ausgehend, sind im Reichstage schon jetzt, da die Session doch kaum erst be­gonnen hat, eingebracht worden. Unter ihnen befindet sich auch wiederum der Centrumsantrag auf Aufhebung des Jesuiteugesetzes, welcher bekanntlich vom Reichstage in defien voriger Session angenommen, vom BundeSrathe jedoch ab- gelehut worden war.

Für die Berathung derUmsturzvorlage" im Reichstage sind als Commisiare des Bundesrathes be­stellt worden die Geheimräthe Dr. Freiherr v. Seckendorfs und Dr. Kelch, sowie Regieruugsrath Summ. Die erst­malige Vertretung der Vorlage gegenüber dem Reichsparla­mente wird indessen selbstverständlich durch den Reichskanzler Fürsten Hohenlohe ersolgen, ihn sollen dann in dieser Auf­gabe der Staatssecretär im Reichsjustizamte, Nieberding, so­wie der preußische Minister des Innern, v. Köller, ablösen.

totales unb ^provinzielles,

Allendorf a. d. Lda., 7. December. Gestern Abend fand dahier eine von dem Commandanten der hiesigen Pflicht­feuerwehr Herrn Braunwarth einberufene und geleitete Ver­sammlung statt zur Constituirung einerFreiwilligen Feuerwehr". Eine solche bestand hier bereits von 1876 au und wurde erst vor einigen Jahren beim Inkrafttreten der neuesten gesetzlichen Löscheinrichtungen aufgelöst. Es waren sieben Herren der freiwilligen Feuerwehr Lollar hier und referirte Herr Feller, Präsident des Oberhessischen Feuer­wehrverbandes und Mitglied im Vorstande des Landesver­bandes, in klarer und erschöpfender Weise über Zweck und Bedeutung der freiwilligen Feuerwehren- er gab auf ver­

schiedene Anfragen belehrende Auskunft und forderte die Ver­sammlung auf, den aus 45 freiwilligen Feuerwehren bestehenden Oberhessischen Verband, welcher gegen die Verbände der beiden anderen Provinzen noch sehr zurückstehe, verstärken zu helfen und der guten Sache aus freien Stücken mit bestem Willen und edlem Opfermuthe zu dienen. Von den Anwesenden erklärten sich vorläufig nur 31 Mann durch Unterschrift zum Eintritt in den neuen freiwilligen Feuerwehrveretn bereit. Zwecks Statutenberathuug wird Montag den 10. d. Mts., Abends 8 Uhr, im Rathhause dahier eine wettere Versamm­lung abgehalten.

Spiesheim, 5. Dember. In unserer Gemarkung fand am letzten SamStag großes Tretbjagen statt, wozu 48 Jäger auf Einladung erschienen waren. DaS Ergebniß war ein wider alles Erwarten reichliches, denn man brachte 501 Hosen zur Strecke. Letztere werden gegenwärtig in unserer Gegend zu 2,30 bis 2,50 Mk. das Stück verkauft.

Pfungstadt, 6. December. Aus einem Berichte des hiesigen Ziegenzuchtvereins ist zu ersehen, welche große Fort­schritte der Verein seit einem Jahre gemacht hat. Die Nach­frage wächst mit jedem Tage- besonders ist es die weiße, hornlose Saanenziege, welche am gesuchtesten ist. Vom 1. April bis 15. October d. I. wurden für 14000 Mark versandt und noch täglich laufen neue Bestellungen ein.

Vermißtes.

Frankfurt a. M., 5. December. Heute Nachmittag stürzten vom Dache des Neubaues an der Ecke der Brücken- und Schulstraße in Sachsenhausen zwei Dieburger Maurer, die mit dem Aufschlagen eines Gerüstes beschäftigt waren, fünf Stockwerk tief hinab. Der eine, Heinrich Schneider, 19 Jahre alt, fand den sofortigen Tod- der andere, Bastian Müller, 30 Jahre alt, wurde blutüberströmt in die Dr. Bockenheimer'sche Klinik gebracht, wo er zwei Stunden später starb. In einer Ortschaft der Umgegend von Frankfurt sollte die Frau eines Specereihändlers beerdigt werden. Der Trauerzug sollte sich in Bewegung setzen, da erschien noch eine Käuferin im Laden, und der trostlose Wittwer vertauschte alsbald den bereits eingenommenen Platz hinter dem Sarge mit dem am Ladentisch, auf die entrüsteten Einreden mit der Bemerkung erwidernd:Erft das Geschäft, dann das Vergnügen!" Der Reporter, der das Vorkommniß berichtet, fügt hinzu, daß der Geistliche und die Leidtragenden daraufhin von der Betheiligung am Trauergefolge abstanden.

Schlettstadt, 6. December. Gegenwärtig ist man hier in großer Besorgniß, das rheinische Jägerbataillon Nr. 8 zu verlieren. Der Kaiser soll nämlich durch Cabinets- ordre an den Kriegsminister befohlen haben, die Stadt auf­zufordern, alsbald für eine nachhaltige Besserung der dortigen gesundheitlichen Einrichtungen Sorge zu tragen, widrigen­falls das Bataillon in eine andere Stadt verlegt werden würde.

* Petersburg, 6. December. Bei MorschanSk ent­gleiste am 30. November ein Güterzug, dessen 23 Wagen Petroleum, Spiritus und einer auch Zündhölzchen enthielten. Die Wagen stürzten einen Abhang hinab und durch die Wucht des Sturzes gerieten die Trümmer des Zuges in Brand. Sämmtliche Fahrbeamten bis auf den Maschinisten und vier im Zuge befindliche Arbeiter, insgesammt acht Personen, kamen in den Flammen um.

* Grabdenkmal für die Fürstin BiSmarck. DieMünch. Allg. Ztg." regt an, der Trauer des deutschen Volkes um den Heimgang der treuen Lebensgefährtin des Altreichskanzlers durch die Errichtung eines Denkmals auf der Grabstätte der Fürstin Bismarck Ausdruck zu geben, und es wird aufge­fordert, daß sich in allen Städten Comites bilden, die das Nöthige in die Wege leiten.

* Vater und Sohu. Ein kleiner Bursche, der am Mon­tag Abend am ehemaligen Rosenthaler Thor in Berlin Hampelmänner feilhielt, klagte den Umstehenden mit kläglicher «Stimme, daß ihm seine Tageseinnahme gestohlen sei und er sich ohne Geld nicht nach Hause getraue. Da trat au8 der Menge ein Mann hervor und sagte:Ich habe selbst Frau und Kinder und es geht jetzt schlecht mit der Arbeit- aber so viel habe ich doch noch, um Dir was geben zu können." Dann nahm er seinen Hut und warf ein Zwanzig- pfennigstück hinein. Nun regte sich der WohlthätigkeitSfinn der Berliner: von allen «Seiten warf man Geld in den Hut deS Arbeiters, der für den noch immer schluchzenden Jungen dankte. Es wäre wohl ein kleines Capital gesammelt worden, wenn nicht Plötzlich ein alter Droschkenkutscher hinzugetreten wäre und gesagt hätte:Jeden Sie keenen Pfennig, Herr­schaften, bet is Schwindlerpack, Vater und Sohn, bet nff Kosten andrer Leute die Comödie ufführt. Vorhin haben se

erst ant Oranienburger Dohr gemimt und wenn se hier fertig sind, denn machen se bet selbigte Theater ans Schön­hauser Thor vor!" Währenb ber biebere Rosselenker diese Worte sprach, hatten Vater und Sohn unter Mitnahme des Geldes schleunigst Reißaus genommen.

* Der unerwartete Gänsebraten. DieVolksztg." er- zählt folgendes Geschichtchen: Der Sohn eines bekannt« Berliner Fabrikanten für GaS- und WasserleitungS - Anlagen befindet sich in Graudenz als OsfizierSaspirant, und die für­sorgliche Mutter wollte ihrem Aeltesten eine ganz besondere Freude durch Uebersendung einerselbstgebratenen" Gans undeigengebackenen" Kuchens bereiten. Beides wurde in Begleitung von einigen Gelb- und Rothgesiegelten wohl­verpackt dem Friedrich zur Besorgung nach der Poft Übergeben und dieser brachte die SHfte nach dem Comptoir, damit fie mit den anderen Sachen zusammen nach der Bahn befördert werde» Der Fabrikant und seine Gattin waren aber nicht wenig erstaunt, als fast gleichzeitig von dem Sohne und von ihrem Züricher Geschäftsfreunde Telegramme einliefen. Der Sohntelegraphirte:Specksteinbrenner eingetroffen, was thnn?" Der Züricher Geschäftsfreund:Gänsebraten empfangen, waS machen?" Natürlich blieb nichts Anderes übrig, als de« Sohne die Weisung:Zurückschicken" zugehen zu lassen und dem Geschäftsfreunde den Rath zu geben:Aufeffen." Ueber Friedrich aber entlud sich ein schweres Unwetter.

* Saug au Aegir. Der verantwortliche Redactenr der Augsb. Reuest. Nachr." wurde von einem penfionirten Major gefordert, weil er den Sang an Aegir als Dilletanten- arbeit bezeichnet hatte.

* Am Tage nach feiner Hochzeit erhängt hat sich in Berlin der 28jährige Buchhalter Lübke. Derselbe war mit der Tochter eines im Norden der Stadt wohnenden Handwerkers verlobt und die Hochzeit des jungen PaareS war für den verflossenen Sonnabend festgesetzt. Dem Bräu­tigam war von dem Schwiegervater ein Capital von 20,000 Mark, am Hochzeitstage zahlbar, versprochen worden, mit welcher Summe der junge Ehemann eine selbstständige Existenz begründen wollte. L. erhielt jedoch waS ihm übrigens schon vorher durch Bekannte angedeutet worden die Mttgift am Sonnabend, als an seinem Hochzeitstage, nicht, vielmehr wurde er auf einen späteren Termin der Auszahlung vertröstet. Der junge Ehemann befand sich während des Hochzeitsfestes in ganz verzweifelter «Stimmung, umsomehr, als er seine Wohnungseinrichtung auf Credit ent­nommen und seine bisherige Stellung im Vertrauen auf baß Wort seines Schwiegervaters aufgegeben hatte. Am Sonntag Nachmittag verließ L. sein neugegründetes Heim und wurde am Montag bereits als Leiche an einem Baum der Jungfern­haide hängend aufgefunben. Die junge Wittwe ist bereits zu ihren Eltern zurückgekehrt.

e Verbrecherthum im Jahre 1893. Nach der deutschen Crirninalftatisttk für 1893 ist ein Rückgang des Verbrecher­tums nicht feftzustellen, aber die starke Steigerung, die seit Jahren ununterbrochen beobachtet wird, hat einem sehr mäßigen Anwachsen Platz gemacht. Es ist immer noch traurig genug, daß im Jahre 1893 im Deutschen Reiche 430408 Per­sonen wegen Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze verurtheilt werden mußten, aber die Vermehrung gegen 1882 beträgt nur 8,076 Verurteilte, also 1,9 pCt., während das Anwachsen von 1891 auf 1892 sich auf ein Mehr von 31,263 Verurteilten (8 pCt.) beziffert rc. Noch günstiger stellt das Ergebniß fich, wenn man erwägt, daß unter den Verurteilten des Jahres 1893 fich nicht weniger als 4864 be­finden, die auf Grund der neuen erst seit April 1892 geltende« Bestimmungen bctr. die Sonntagsruhe im Hande.sgewerbe angeklagt werden mußten, während diese Kategorie 1892 nur 1530 Verurteilte umfaßt und in früheren Jahren gar nicht vorhanden ist. Die Verbrechen und Vergehen gegen daS Reichsstrafgesetzbuch haben von 1892 auf 1893 nur »« 0,9 pCt. zugenommen, während man die Zunahme ber Be­völkerung auf 0,7 pCt. veranschlagen darf. Die beliebte Schwarzseherei hat also augenblicklich, was bie Gesammt- zahlen anbelangt, keine gute Grundlage.

* Die kleinen Gewehrkugeln. Amerikanische Aerzte senden folgenden Bericht über die Wirkung der neuen kleinen Kugeln, bie zum ersten Male im chinesisch japanischen Kriege ihre Verwendung fanden, ein. Ein Arzt berichtet:In einem Hospital bei Nagasakl sah ich einen chinesischen Offizier, ber im Kniegelenk auf 1000 Aards von einer Gewehrkugel ver­wundet war. Die dünne Stahlhülse ber Kugel war zer­platzt unb bas Gelenk war einfach eine Masse von Knochen­splittern. Das Knie war völlig weich. Kein Knochen war darin, ber nicht auf eine Zollbreite gebrochen war. Das Bein mußte natürlich abgenommen werden. Das Hospital bei Nagasaki bildete die Bewunderung ber französischen und