Ausgabe 
9.11.1894
 
Einzelbild herunterladen

18S4

Freitag den 9. November

263

Amts- rmd Zlnzeigeblntt für den Avcis Gieren.

chratisöeikage: Gießener Kamitienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Berlin. 7. November. Nach einer Meldung derReuest- _______' ist an Stelle des bisherigen Chefs der Reichs­kanzlei, Goering, der Geh. OberregierungSrath Freiherr v. Wtlmowski, Vortragender Rath im Ministerium für Landwirthfchaften, einstweilen commiffarifch zur Wahrnehmung

Vierteljähriger AOonncmnttsprel»: 2 Mark 20 Pfg. mit Briugerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, iSipcbitio* und Druckerei:

Kchukstrahe Pr.l. Fernsprecher 51.

Alle Annoncm-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutscher Reich.

Berlin. 7. November. Prinz Heinrich von Preußen tritt, soweit bekannt, an diesem Freitag die Reise nach Petersburg an, um daselbst seinen kaiserlichen Bruder bei der BeisetzungSfeter deS Kaisers Alexander zu vertreten. Die hie und da noch immer zu vernehmende Meinung, Kaiser Wilhelm werde sich vielleicht doch noch persönlich nach Petersburg begeben, um dem verstorbenen Czaren die letzte Ehre zu erweisen, ist selbstverständlich ganz unbegründet, waS u. A. auch daraus hervorgeht, daß es bet der Ab­haltung der Jagden deS Kaisers in den Letzlinger Forsten «m 16. und 17. November verbleibt.

Der Kaiser hat die neue Republik Hawaii anerkannt, was sich durch die kaiserliche Erwiderung auf das »ffictelle Schreiben, in welchem Stanford Dole seine Wahl zum Präsidenten von Hawaii anzeigte, ausdrückte.

Die umlaufenden Mittheilungen, denen zufolge die neue Tabaksteuervorlage bereits völlig fertiggestellt sein sollte, erfahren jetzt in derNordd. Allgem. Ztg." eine Berichtigung dahin, daß die Schlußredaction des Entwurfes noch zu vollziehen sei. Dies wird indessen wohl kaum noch eine fürchterliche Arbeit kosten, so daß man erwarten darf, die genannte Vorlage werde dem Reichstage bei seinem Zu­sammentritt am 3. December schon zugehen können. Mir Bestimmtheit kann dies weiter vom neuen Etat gelten, nach­dem derselbe in der Bundesrathssitzung vom 5. November den Ausschüssen zur Borberathung überwiesen worden ist. Endlich heißt es auch von den angekündigten Vorlagen wider die Umsturzbestcebungen und den unlauteren Wettbewerb, sie würden dem Reichstage gleich bet seiner Eröffnung unter­breitet werden.

In Berlin tagte soeben eine Commission des Bundes der Landwirthe, um über die Frage einer Reor­ganisation deS Getreidehandels zu berathen. In der Schlußsitzung der Commission wurde der Wunsch ge­äußert, es möchte auch im preußischen Abgeordnetenhause eine solche freie wirthschaftliche Vereinigung begründet werden, wie sie schon im Reichstage bestehe. Die in der Sitzung anwesenden Mitglieder des preußischen Abgeordnetenhauses erklärten sich zur Förderung des gedachten Zweckes bereit - beim Zusammentritte des Abgeordnetenhauses soll dann die Begründung der Wirthschaftliche« Vereinigung durch die Herren v. Mendel-Steirfels, Schoof, Dr. Hahn und v. Plötz- Döllingen erfolgen.

Nerrefte Nachrichten»

Wolff« telegrephifcheS Corresponbenz-Bureau

Berlin. 7. November. In einer zahlreich besuchten Generalversammlung hat der Berliner Künstler-Ver­ein gestern, dem Vorgänge des Architectenvereins folgend, den Erbauer deS Reichstagsgebäudes, Baurath Wallot, zum Ehrenmitglied ernannt. Beide Vereine werden ihm außerdem noch ein Fest geben. In der Versammlung, in der auch der Ausschuß für die nächstjährige große Ber- lrner Kunstausstellung gewählt wurde, wurden auffallender Weise die diesjährigen Vorgänge bet der Verleihung der Medaillen, die Streichung Wallots durch den Kaiser und die Verleihung der großen Medaille an die von der Jury nicht vorgeschlageue Malerin Parlaghy. erst zum Schluß auf die Anregung eines jüngeren Mitgliedes zur Sprache gebracht. Die Versammlung begrüßt diese Anregung mit Beifall, be­gnügte sich aber dann mit Entgegennahme der rein formellen Erklärung, daß die Jury dem Kaiser Vorschläge gemacht habe und daß damit ihre Thäligkeit erschöpft gewesen sei, denn die Verleihung der Medaillen sei ausschließlich das Recht des Kaisers und dieser an die Vorschläge der Jury nicht gebunden. Die Versammlung wählte auch diese Jury wieder und die Ge­wählten nahmen -das hohe Ehrenamt an.

Köln, 7. November. Wie dieKölnische Zeitung" aus Petersburg meldet, wird die deutsche Colonie einen prächtigen Kranz aus Lorbeer, Myrthen und Eichenlaub von getriebenem Silber mit vergoldeten Knospen und Blättern auf das Grab des Kaisers Alexander niederlegen.

Straßburg. 7. November. Durch die gestrigen Neu­wahlen für ein Drittel des Landesausschusses ist in den meisten Kreisen keine Aenderung eingetreten. In den Kreisen Molsheim, Hagenau, Straßburg-Land unterlagen die Klerikalen.

Paris, 7. November. DieCorr. HavaS" meldet aus Toulon:' Der Marinepräfect erhielt Ordre, fünf Trans­portschiffe mit je 1800 Mann FafsungSraum für Mada- gascar bereitzuhalten.

Der chiehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener AamiklenSlStler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

General-Anzeiger.

dieser Functionen berufen worden.

Berlin. 7. November. In einer Unterredung, welche ein Berichterstatter deSBerliner Localanzeiger" mit dem Professor Leyden auf dessen Rückreise von Livadia hatte, erklärte Letzterer, daß die Section der Leiche deS Czaren in der Nacht vom 2. zum 3. November stattgefunden habe. Es sei festgestellt worden, daß die Krankheit deS Czaren Alexander aus chronischer Nierenentzündung mit beginnender Nierenschrumpfung, aus secundärer Vergrößerung des Herzens und sporadischer Entzündungsheerde im linken Lungenflügel bestanden habe. Der Magen sei unverändert gefunden worden. Das Gerücht, der Czar sei vergiftet worden, bezeichnete Professor Leyden als Erfindung und auf die Frage deS Berichterstatters, wie der Czar seine Leiden getragen habe, antwortete der berühmte Arzt, der Kaiser sei ein Fatalist gewesen, er habe sich selbst allzu zeitig aufgegeben. Bis zum letzten Augenblick habe er die Pflichten des Regenten geübt­er sei wie ein ganzer Mann, wie ein Held gestorben. Zum Schluffe der Unterredung stellte der Geheimrath die Nach' richten über eine ernsthafte Erkrankung der Kaiserin-Wittwe alS nicht zutreffend dar.

Köln, 7. November. Eine derKöln. Ztg." von gut unterrichteter Seite aus Peking zugehende Meldung be- ftätigt, daß der Haß auf die Fremden einen bedenklichen Umfang annimmt. Alle Ausländer werden als Japaner behandelt. Dazu kommt noch, daß in Peking die Cholera ausgebrochen ist. Sollten die Japaner bis Peking Vordringen, o würde ein schrecklicher Aufruhr ausbrechen, dem die Europäer zum Opfer fallen dürften. Die Fremden sehen dem kommenden Winter mit Beunruhigung entgegen.

Karlsruhe, 7. November. Der Ausfall der Wahlen zur evangelischen Generalsynode läßt eine beträcht­liche Stärkung der positiven Richtung erkennen. Soweit bis jetzt bekannt ist, wurden 21 positive 14 geistliche und 7 weltliche und 23 Liberale 14 geistliche und 9 welt- liche Abgeordnete gewählt.

Karlsruhe. 7. November. Das Mindererträgnlß der diesjährigen Weinernte wird aus mehrere Millionen geschätzt. Im Vergleich zum Vorjahre wird der Minderertrag des Amtsbezirks Offenburg aus Million geschätzt.

Mannheim. 7. November. Die Getreidearbetter beabsichtigen zu strtken, wenn der Gewinnantheil der Ober- arbeiter nicht herabgesetzt wird.

Stuttgart, 7. November. Zu den Trauerfeier- lichkeiten reist als Vertreter des Königs Herzog Albrecht nach Petersburg.

Mährifch-Ostrau, 7. November. Die Arbeitgeber des östlichen Reviers beschloffen, die Arbeit nicht eher aufnehmen zu lassen, bis die zehnstündige Arbeitszeit von den Arbeitern bedingungslos angenommen worden ist.

Warschau, 7. November. Beim Empfang der Depu­tation, welche dem Generalgouverneur Gurko das Beileid der Warschauer Bürgerschaft anläßlich des Todes des Czaren ausdrückte, sagte Gurko, er wiffe nicht, ob die Gefühle der Deputation auch aufrichtig seien - für die Warschauer Bürgerschaft sei der Tod des Czaren ein einfacher Verlust, während der Verlust für Rußland ein fehr großer sei. Der Heimgegangene Czar verkörperte in sich den russischen Geist- gebe Gott, daß der Nachfolger im gleichen Sinne regiere.

London, 7. November. DieDaily News" veröffentlicht eine Zuschrift, unterzeichnet Diplomat, welche wünscht, daß England sich um die Liebe Rußlands bewerben möge, damit zwischen beiden Ländern durch gegenseitige Zugestand- niffe eine Verständigung herbeigeführt werde. Diese Politik sei nicht unmöglich, denn England könne sich mit Rußland in allen Theilen der Welt verständigen. DieDaily NewS' bemerk: dazu, daß die Zeit vorüber sei, wo englische Diplo­maten das Mißtrauen gegen Rußland sich zum Princip machten, die Zeit sei vorüber, wo es hieß, wenn du Frieden willst, bereite dicd zum Kriege vor. Ohne ein förmliches Bündniß mit England abzuschlteßen, wäre eine Verständigung möglich. Dieselbe könnte für die Aufrechterhaltung des Friedens von unschätzbarem Werthe sein und auf diese Weise würde für die Menschheit ein wohlthuender politischer Umschwung herbei- geführt werden.

Loudon, 7. November. DieTimes" meldet aus Tientsin, daß am Samstag die Vertreter fämmtlicher Mächte im Tsung li-Kemen versammelt waren und Prinz Kung deu-

eine Deputation zur Beisetzung nach Petersburg zu ent­senden.

Moskau. 7. November. Die ganze Stadt trägt Trauerschmuck, die Häuser sind größtcntheilS schwarz decorirt, ebenso der Bahnhof. In der Erzengel Kathedrale wird der Katafalk unter einem Baldachin hergerichtet.

Charkow, 7. November. ES werden Vorbereitungen zur Bewirthung der Armen anläßlich, des Leichenbegäng- niffes des Czaren getroffen. Die Bewirthung entspricht einer altrusstschen Sitte, die Kosten trägt die Privatschatulle des Kaisers. Die hiesige Bewirthung erfolgt am Tage nach der Durchfahrt des Trauerzuges. 7500 Personen werden mit russischen Nationalspeisen, Bier und Meth bewirthet.

Livadia, 7. November. Die Leiche des Kaisers Alexanders III. wurde gestern Abend eingesargt und kurz vor 7 Uhr aus dem kleinen Palais durch den Kaiser Nicolai, den Großsürsten-Thronfolger, den Prinzen von Wales, den Prinzen Nicolaus von Griechenland, die Großsürsten Michael, Wladtmir, Alexis, Sergius und Paul Alexandrowitsch, Michael Nicolajewitsch, Nicolaus, Georg und Alexander Michailowitsch in die große Kirche von Livadia getragen. Der Kaiser trug die Uniform des Preobraschenskischen Leibgarderegiments, womit auch der verstorbene Kaiser im Sarge bekleidet ist. Der Kaiser trug den Sarg zu Häupten. Außerdem trugen den Sarg Graf Woronzow, die General­adjutanten Richter, Tscherewin, Fürst Barjatinsky und Fürst Golitzin. Hinter dem Sarge schritten die Kaiserin-Wittwe, die Prinzessin von Wales, die kaiserliche Braut, die Groß­fürstinnen Xenia Alexandrowna, Olga Alexandrowna, die Königin von Griechenland, die Herzogin von Coburg-Gotha, die Großfürstinnen Maria Pawlowna, Jalisaweta Fedorowna, Alexandra Iossifowna, die Hofdamen und Hoffräulein der Kaiserin-Wittwe. Der Trauerzug bewegte sich durch den Park von Livadia. Der Weg war zu beiden Seiten mit Palmen, Lorbeer- und Oleanderbäumen besetzt und durch Fackeln erleuchtet, welche die Soldaten des kaiserlichen Con- vois hielten. Gegenüber der großen Kirche war eine Ehren­compagnie des 16. Schützenbataillous mit der Fahne und Musik ausgestellt. Das Volk umstand den Platz in dichten Massen. Als die Glocken zu läuten begannen, entblößten alle Anwesenden das Haupt. Eine lange Reihe von Geist­lichen in Silberbrokatgewändern trat aus der Kirche dem Zuge entgegen, in der Ferne erschallte Gesang. Bald darauf trat der Ceremonienmeister Fürst Urusoff ein, der den Zug eröffnete. Die Musik spielte einen Trauermarsch, hierauf folgte ein Gebet, während das Glockengeläute fortdauerte. Hinter dem Fürsten Urusoff kamen der Bootsmann und die Ruderer des kaiserlichen Kutters- darauf folgten die Träger mit dem Cruzifix und den Kirchenfahnen, sodann Sänger und die Geistlichkeit. Vor dem Sarge ging der Beichtvater der kaiserlichen Familie Probst Janischeff mit einem Heiligenbild. Ueber die ganze Umgebung ragte der von den Fackeln beleuchtete, goldglänzende Sarg hoch empor. Auf demselben lag die aus Moskau eingetroffene Krone. Zu Seiten des Sarges schritten Palastgrenadiere und Sol­daten des kaiserlichen Convois mit Fackeln. Begleitet wurde der Sarg von den Hofbeamten, den Suiten deS verstorbenen Kaisers, der Großfürsten und der ausländischen Herrschaften. Beim Eintreffen deS Sarges an den Stufen der Kirche hoben der Kaiser und die Großfürsten den Sarg auf und trugen ihn in die Kirche auf den Katafalk. Hierauf wurde eine Todtenmesse celebrirt. Die Estrade, worauf der Katalsalk steht, ist mit dunklem Tuche überspannt, die Stufen sind mit Goldgaze besetzt. In den Ecken stehen auf Postamenten Palmen. Die Orden des verstorbenen Kaisers liegen aus Goldbrokatkiffen. Der Sarg ist offen. Nach dem Gottesdienste wurde die Be­völkerung LivadtaS und Yaltas zur Kuiebeugung vor dem Verewigten zugelassen.

Depeschen be- Bure«, .Herold*.

Berlin. 7. November. Das Staatsmini st erium hat heute 'wiederum unter dem Vorsitze des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe eine Sitzung abgehalten.

Berlin. 7. November. Die zur Bekämpfung der Umsturzbestrebungen ausgearbeitete Strafgesetzbuch' Novelle soll nunmehr dem BundeSrath zugegangen sein.

Berlin. 7. November. DieNordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Blättermeldung, daß für den Justizministerposten der Reichsbankpräfident Dr. Koch ausersehen ist, als un­richtig.

Moskau, 7. November. Der Adel des Moskauer Gouvernements beschloß, die Erlaubniß nachzusuchen, an dem j Nachr." Sarge deö verstorbenen Kaisers während der Ausstellung der ' Leiche in Moskau die Ehrenwache halten zu dürfen und