Ausgabe 
9.6.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 132 Erstes Blatt. Samstag den 9. Juni

1894

Der öiekener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamiriendtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brtgrlegt.

Meßmer Anzeiger

Kmerat-Wnzeiger.

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Amts- und Anzeigeblutt süv den Aveis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den (CUpftfll0Y ft Ottfifrtf 1 fiY *ne Annoncen-Vureaur de« In. und Auslandes nehmen

pilgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Darm. 10 Uhr. V/l Ul IZ>V<. UUlfl e ^Jlv^vllll ^TUllllllCIlVlUllt. l. Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeg-u.

Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung von Verloosungcn innerhalb der Großherzogthumü, hier seitens des Ort-vorstande- zu Hungen.

Ter Ortsvorstand zu Hungen beabstchtigt mit dem am 17. September l. I. daselbst stattfindenden Viehmarkt eine Verloosung von Thieren und landwirthschaftlichen Geräthen zu verbinden.

Grobherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Ver­loosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr al» 5000 Loose zu 1 Mk. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu ver­wenden sind.

Zugleich ist der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet worden.

Gießen, den 6. Juni 1894.

Grobherzogliche- Kreisamt Gießen.

I. 93.: Melior.

Bekanntmachung.

Nachdem der Uebergang über die Oberhessischen Bahnen «m Hotel Lenz vollendet und dem Verkehr übergeben ist, wird hiermit bekannt gemacht, daß die Rampe und die Brücke nur von Kranken- und Kinderwagen befahren werden dürfen, im Uebrigen aber für Fuhrwerke aller Art und Reiter verboten sind bei Meldung der nach § 366 pos. 10 des Reichsstrafgesetzes festgesetzten Geldstrafe bis zu (50 Mk. ober Haftstrafe bis zu vierzehn Tagen.

Gießen, den 7. Juni 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresen ius.

Bekanntmachung.

Herr Obstbautechniker Metz aus Friedberg wird an den angegebenen Tagen folgende Orte des Kreises Gießen be­suchen, Vorträge halten und praktische Unterweisungen an Obstbäumen ertheilen. Mitglieder de- Obstbauvereins sowie alle Freunde des Obstbaues werden zur Betheiligung ein­geladen. Die Herren Gr. Bürgermeister werden besonders benachrichtigt.

Freitag, 8. Juni, Gießen, Abends 8 Uhr, im oberen Saale derStadt Caffel",Kaplaneigaffe (P. König).

Feuilleton.

BasL u a r k b r o b.

Historische Skizze von P. E. von Azcg.

(Schluß.)

Aber was war da-? Auf dem in der Mitte stehenden sammetüberzogenen Tische stand ein gedrechseltes Spinnrad und daneben lag ein großes, reichlich mit schönem weißen Quark bestrichenes Stück Schwarzbrod.

Und in der Nische des MtttelfensterS saß an einem schnurrenden Rädchen eine vornehm gekleidete Dame und spann Wolle.

Sie weidete sich einen Augenblick an dem Erstaunen der Familie, dann erhob sie sich und kam ihnen entgegen.

Ein milde- Lächeln verklärte ihre noch immer schönen Züge und eine Thräne glänzte in ihrem Auge.

-Erschreckt nicht, Ihr lieben Leute," sagte sie sanft, wenn Ihr in wir, der Herzogin Sophie Marie, die Frau wiedererkennt, die schon wiederholt, und zuletzt am vor­gestrigen Abend, in Eurer Behausung war, um den Lohn für gesponnenes Garn zugleich mit neuem Spinnmaterial zu erhalten. Ja, Meister Langenbach, ich bin Eure Kundin, über deren Leistungen Ihr Euch erst vorgestern lobend aus- sprächet, und wenn Euch heute die Herzogin sagt, datz sie mit Freude für solch braven Meister gearbeitet hat, so wird Euch das gewiß bald über daS von mir selbst verkehrte Berhältniß Hinwegsetzen, daS zwischen der Fürstin und dem Bürgersmanne schwebte."

Der Meister wußte vor Verlegenheit weder auS noch ein.

Wenn etwas geschehen sein sollte, Hoheit," sagte er, waS verletzend oder" r n

Nein, Meister, es geschah nicht- dergletchen," versetzte bie hohe Frau mit Nachdruck,ich fand vielmehr in Eurem Ham'e ein Kleinod, daS ich hochhalte und verehre, und dieses Kleinod war daS edelmüthige Herz Eurer Tochter. Ob­

SamStag, 9. Juni, Lich. I

Sonntag, 10. Juni, Langsdorf.

Montag, 11. Juni, Bettenhausen.

Dien-tag, 12. Juni, Muschenheim.

Mittwoch, 13. Juni, Birklar.

Donnerstag, 14. Juni, Hungen.

Freitag, 15. Juni, Langd.

Samstag, 16. Juni, Rodheim.

Sonntag, 17. Juni, Steinheim.

Montag, 18. Juni, Inheiden.

Dienstag, 19. Juni, Trais-Horloff.

Mittwoch, 20. Juni, Utphe.

Der Vorsitzende des Bezirksvereins Gießen des Oberheff. Obstbauverein-.

Dr. Wallau.

Neueste Hacbrichkii.

Wolff- telegraphische- Correfpondeuz- Bureau.

Berlin, 7. Juni. DerReichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung, in welcher sämmtliche bisher noch nicht verlooste Schuldverschreibungen der Staatsanleihe 1868 A den Besitzern zum 1. Januar 1895 mit der Auf­forderung gekündigt werden, den Capitalbetrag vom 2. Januar 1895 ab bei der Staatsschuldentilgungskaffe gegen Quittung und Rückgabe der Schuldverschreibungen zu erheben. Die Einlösung geschieht auch bei den RegierungShauptkaffen und in Frankfurt a. M. bet der Kreiskasse.

Berlin, 7. Juni. Der Colontalrath ist heute Vor­mittag unter Vorsitz deS DirectorS Kayser zusammengetreten.

Berlin, 7. Juni. In der heutigen Sitzung des ColonialrathS gab der Vorsitzende eine Uebersicht über die Entwickelung der deutschen Colonien im letzten Jahre. In der hieran geknüpften Debatte wurden namentlich die Verhältniffe deS südwcstafrikanischen Schutzgebiets eingehend behandelt und die Frage wegen der Ausbildung der Colonial­beamten berührt. O e ch e l h ä u s e r sprach über die Bedeutung des Baues einer Eisenbahn für das deutsch-ostafrikanische Gebiet. Im weiteren Verlause der Berathung ging man dann zu dem Entwurf, betreffend die Regelung des Grundbuchwesens in Deutsch-Ostasrika, über. Zur Vorberathung desselben wurde eine Commission gewählt.

Berlin, 7. Juni. Die Deputation deS 1. englischen Royal DragoonS-Regiments ist gestern Abend hier eingetroffen. Oberstlieutenant Arnim und Premierlieutenant Graf Lynar sind den fremden Offizieren während ihres hiesigen

gleich von schwerer Sorge und tiefem HerzenSgram bedrückt, fand daS mildthätige Mädchen in seiner Herzensgute doch Zeit, der Noth Anderer zu gedenken: sie erbat für die Kinder der armen Frau daS Stück Quarkbrod, daS hier vor unS auf dem Tische liegt. Ich werde dieses Quarkbrod zur Erinnerung an die edle Regung eines mildthätigen Herzens so lange aufbewahren, als ich lebe."

Die Herzogin trat aus Käthe zu und diese versuchte die Hand der Fürstin zu faffen, um sie an ihre Lippen zu ziehen. Aber Marie Sophie wehrte ihr sanft, zog sie an sich und küßte sie auf die Stirn.

Da sprang die Thüre zum Nebenzimmer auf und in ihr erschien Herzog Christian.

Richtig," sagte der Herzog, einen Augenblick stehen bleibend,hier finden wir, wen wir suchen."

Gr wandte sich nach einem ihm Folgenden zurück, den die Portiere den Blicken der Anwesenden noch verbarg, und fuhr fort:

Nur herein, mein lieber Hofdrechslermeister Heinrich Zimmerholz! ES sind hier lauter alte liebe Bekannte von Euch versammelt, denn auch meine Gemahlin rechnet sich zu diesen, nachdem sie sich mit mir an Eurem, vor ihr auf dem Tische stehenden Meisterstück über Eure Kunstfertigkeit und Geschicklichkeit har freuen können. Nun seht nur zu, wie Ihr Eure Angelegenheiten mit dem Meister Langenbach zu Ende führt."

Heinrich erschien hinter dem Herzog, daS Glück des Er­folges lag auf seinen Zügen. Sein freier Blick fiel voll Sehnsucht auf daS Mädchen, das er liebte, und ihr tiefes Erglühen sagte ihm zur Genüge, wie heiß daS Herz ihm entgegenfchwoll, daS die Ungunst der Verhältniffe ihm hatte entreißen wollen. Allein ihm war so glückselig zu Muthe, daß er keine Worte fand, um daS übervolle Gefühl ein­zukleiden.

Ich sehe schon," fuhr der Herzog fort, nachdem er fast eine Minute auf eine Erklärung von Seiten Heinrichs gewartet hate,meinem Hofdrechslermeister fehlt die

Aufenthalts beigegcben. Heute Mittag empfängt der Kaiser die Offiziere.

Hamburg, 7. Juni. Die Bürgerschaft begann gestern die Berathung über den Antrag der vom Senat und der Bürgerschaft eingesetzten Commission für die Verfassung»- r e v i f i o n.

Pest, 7. Juni. Ossicieller Saaten standbericht vom 1. Juni. Schlechtes Wetter in der zweiten Hälfte des Mai übte auf die Saaten eine schlechte Wirkung, trotzdem sind die Ertragsaussichten noch mittlere. Der Ertrag des Weizens wird pro Katastraljoch auf 6,99 Metercentner ge­schätzt, also um 9 kg weniger als in dem letzten Saatenstavd- bericht; der Ertrag des Roggens wird auf 6,52 Metercentner (13 kg mehr), der Gerste auf 6,41 (21 kg weniger), deS Hafers auf 5,96 (3 kg weniger) geschätzt, RepS ist etwa» günstiger als im vorigen Jahre.

Rev-'Nork, 7. Juni. Striken de Arbeiter griffen gestern daS Little'sche Kohlenbergwerk bei Pekin in Illinois an. Die Eigenthümer leisteten Widerstand. Zwei Personen wurden getödtet und mehrere verwundet, darunter drei Mitglieder der Familie Little. Die Strikenden steckten die Gebäude deS Bergwerks sammt dem Pulvermagazin in Brand und zogen sich zurück. DaS Magazin explodirte alsbald.

Depeschen bei Bureau .Herold*.

Berlin, 7. Juni. DieNordd. Allg. Ztg." meldet: Nachdem der Kaiser die Ernennung v. Kiderlen- Wächters zum Gesandten in Hamburg vollzogen hat, wurde die dadurch erledigte RathSstelle in der politischen Abtheilung deS Auswärtigen Amts dem LegationSrath Lindenau übertragen, v. Kiderlen'Wächter tritt seinen Hamburger Posten noch m diesem Monat an. Die durch das Ausscheiden des Grafen Wesdehlen erledigte Stelle eines Gesandten In Athen wurde dem Gesandten am hessischen Hofe Freiherrn v. Pl esfen verliehen. Zum Gesandten in Darmstadt wurde der bisherige Gesandte von Brasilien, Gras Dönhoff ernannt.

Berlin, 7. Juni. In der italienischen Aus­stellung ist heute früh im Hauptrestaurant ein Brand auSgebrochen. Die Berliner und Charlottenburger Feuer­wehren wurden alarmirt. Dieselben isolirten daS Feuer.

Berlin, 7. Juni. Eine CabinetSordre gestattet, daß die zur Militär-Turnanstalt commandirten Offiziere bet ihren dienstlichen UebungS-Radfahrten im Gelände Civtl-Rad- fahreranzüge, sowie die zur Landesaufnahme commandirten

Courage, seine Werbung selbst anzubringen, wie er eigentlich thun sollte. Da bleibt nun freilich nicht« anderes übrig, als daß ich selbst für ihn inS Feuer gehe. Höret mich also an, Meister Langenbach. Dieser Heinrich Zimmerholz wollte Eisenberg verlaßen, weil eS ihm versagt wurde, daß er daS Mädchen als Frau heimführen dürfe, dem sein Herz gehörte. Und als ich ihn zu meinem HofdrechSlermetster ernannte, da hat er daS nur unter der Bedingung ange­nommen, daß ich ihm dazu verhelfe, feinen Schatz zu er­langen. WaS bleibt mir also übrig, Meister Langenbach, al» Euch zu fragen: Wollt Ihr dem Heinrich Zimmerholz Sure Käthe zur Frau geben?"

In GotteS Namen auf eine solche Werbung," sagte der Meister.

Die Herzogin ergriff Käthes Hand und legte sie in die des Geliebten.

Du vertrautest Deine Sorgen drm Willen deS All­mächtigen, mein gutes Kind," sagte sie,und so mag Euch auf Eurem Lebenswege daS Wort begleiten:

Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, Der hat auf keinen Sand gebaut

Den Schluß dieser kleinen Erzählung können die Leser sich leicht selbst denken. Der zum Hofdrechslermeister er- natinte Heinrich Zimmerholz übernahm das Geschäft seines Lehrherrn. Die nöthigen Mittel dazu hatte er erlangt da­durch, daß der Herzog ihm sein Meisterstück abgekauft hatte. Nach einigen Wochen führte er seine Käthe als geliebtes Weib heim. Für die Aussteuer hatte die Herzogin gesorgt, indem sie bald nach jener Audienz Meister Langenbach ein inhaltschweres Packet übersandt hotte mit der Aufschrift:An meine gute Käthe für daS von ihr erhaltene Quarkbrod."