1894
Amts- und Airzeigeblatt für den Tkreis Gieren
Gratisbeilage: Gießener Aamilienötätter.
Feuilleton
Um Gottes Willen, Kind!" rief die Frau Oberst.
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stammelte Aennchen - sie sah
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
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Dienstag den 9. Januar
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Der
Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
wohl ein, daß die angeführten Gründe nicht stichhaltig waren. Trotzdem setzte sie hinzu: „Aber das sage ich Dir, Mamachen, ich laste mich von keinem anderen Arzte behandeln, als von Erich! Und — ich merke auch seit einiger Zeit einen leichten Herzschmerz — Du wirst sehen, ich werde herzleidend."
Frau Eulalie erschrack darüber sonderlicher Weise nicht, und Aennchen wiederum dachte gar nicht daran, daß sie vor wenig Minuten das Vorhandensein einer Herzkrankheit dem
die Bedürfnisse der Abnehmer genau zu beurtheilen wissen, auch verstehen, gleich Pläne, entsprechend dem Platze und den geäußerten Wünschen. Weiter weist Mr. Monaghan darauf hin, daß zur Ersparung von Reisekosten mehrere Fabrikanten sich häufig vereinigen und einen gemeinsamen Vertreter engagiren- selbstverständlich ist hierbei Voraussetzung, daß die fabricirten Producte einander ergänzen. Die „New Yorker Staatszeitung" hält den Monaghan'schen Bericht den amerikanischen Fabrikanten vor und meint im Anschlüsse hieran, sie hätten als eifrige Hochschutzzöllner ganz verlernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Das ist eine ganz zutreffende Bemerkung, denn eine auf besonderen Privilegien beruhende Industrie kann nicht den richtigen Trieb zu ihrer Entwickelung empfinden. Die deutschen Fabrikanten aber haben jetzt in CH cago Gelegenheit gehabt, die Industrie der ganzen Welt kennen zu lernen und werden sie hoffentlich diese Gelegenheit auch voll ausgenutzt haben. Ist dies jedoch der Fall, dann brauchen sie keine Concurrenz mehr zu scheuen, möge sie kommen, woher sie wolle.
Erich auch gerade die Herzkrankheiten zu seinem Lieblingsstudium erwählt."
„So — ?" dehnte die Frau Oberst, „das ist ja ein sehr gefährliches Ding, ich sehe das an Dir. Uebrigens bin ich sicher, Deine Herzkrankheit hat er bald curirt."
„Du bist grausam, Mama, — Erich —"
„Nun sage mir aber doch, Kindchen," unterbrach die
,/Jch — meinte nur —"
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Nr. 6 Zweites Blatt
vermischtes.
♦ Prag, 5. Januar. In Smirzitz bei Königgrätz wurden der Kaufmann Löwh, ein 73jähriger Greis, seine Gattin und zwei Töchter im Alter von 25 und 9 Jahren ermordet und beraubt. Die dritte, 17 Jahre a te Tochter wurde schwer verwundet, aber nur betäubt und bezeichnete als Thäter die berüchtigten Vagabunden Brüder Direcky, denen die Gensdarmerie auf der Spur ist.
* Triest, 4. Januar. Die heftige Bora dauert an, seit zehn Jahren beobachtete man hier keine solche Kälte wie diesmal. Alle Züge kommen mit starker Verspätung an, die italienische Post ist ganz ausgeblieben, der Seeverkehr total unterbrochen. Der Lloyddampfer „Imperator", der nach Bombay abgehen sollte, konnte infolge des Sturmwindes nicht aus dem Hafen gebracht werden und mußte die Abfahrt verschieben. Der italienische Segler „Zara" war so dicht
9ut gelaunte Mama, „wie heißt denn dieser Erich noch $ weiter? Ich denke doch, er läuft nicht mit diesem einen S'JZamen auf der Welt umher. Aber ich vernehme nichts wie
Erich und immer wieder Erich!"
Um die Lippen Aennchens zuckte es.
„Du darfst aber nicht lachen, Mama —"
qjj „Weßhalb soll ich denn lachen?"
20jS „Aho — Erich--" sie stockte, drückte aber doch,
Ijl wenn auch zaghaft, heraus : „Wimmerlich."
„Also Erich Wimmerlich?"
mit Eis bedeckt, daß er umzukippen drohte und nur mit Mühe gerettet werden konnte. Bei Acona scheiterte der Dampfer „Grvtz", die Mannschaft wurde gerettet.
* Paris, 5. Januar. In der vergangenen Nacht brannte inMoulinsdas Pfarrhaus nieder. Der 40jährige Abbe Agaltier kam in den Flammen um- sein Leichnam wurde in verkohltem Zustande aufgefunden.
* Auch eine Empfehlung. In Nr. 203 der „Dorfztg." wird ein Gasthof in Neustadt bei Coburg zum Verkaufe ausgeboten und als Referenz angegeben: Fortwährende Erhöhung der Steuern wegen gutgehenden Geschäfts.
* Ein General, der zugleich Doctor der Medicin ist, gehört gewiß zu den seltenen Erscheinungen. Die französische Armee besitzt einen solchen Doctor-General. Unter den jüngst mit der Ehrenlegion ausgezeichneten Offizieren befindet sich der General Canonge, der in seiner Jugend gleichzeitig militärische und medicinische Studien machte und in demselben Monat den Doctorhut und den Lieutenantsrang erlangte.
* Militärische Gebräuche iu China. Daß der Chinese selbst seinen Geschützen Opfer darbringt, dürfte eine nicht allgemein bekannte Thatsache sein. Ein solches Opser ist, wie der „Ostasiatische Lloyd" berichtet, unlängst von dem Brigade-General und den höheren Offizieren der Regimenter, welche in dem Yangtse - Vertragshasen Tschinkiang in Garnison liegen, oorgenommen worden. Bor die Mündung jeder der großen Kanonen, mit denen die dortigen Forts bestückt sind, wurde ein Schweinskopf, ein lebendes Huhn und ein großer Fisch aufgestellt, vor denselben knieeten die Offiziere nieder und flehten die Geister, welche die Richtung des Geschosses lenkten, an, ihnen in Kriegszeiten getreu zu sein, so daß die Kugel stets tbr Ziel treffe, ferner, daß baß Rohr nicht platze u. dgl. Nach dieser Ceremonie wurden die Kanonen geladen und abgefeuert und die Opfer verschwanden im Welträume.
Die deutsche Maschinenindustrie auf dem Weltmärkte.
Eines der wichtigsten Ergebnisse der Weltausstellung in Chicago scheint darin zu bestehen, daß England und Amerika die große Leistungssähigkeit der deutschen Maschinenindustrie mehr und mehr anerkennen. Das Wichtigste hierbei ist aber, daß die nordamerikanischen und englischen Consulate die wachsende Leistungsfähigkeit der deutschen Maschinenfabrikanten auch anerkennen. Deutschland, welches früher sehr wenig Maschinen an das Ausland verkaufte, exportirt jetzt in steigender Anzahl. Zunächst ist hierdurch die englische Maschineninduftrie geschädigt, dann die nordamerikanische. Gegenwärtig zahlen deutsche Maschinen in Amerika einen Eingangszoll von 45 Procent, was den dortigen Fabrikanten noch immer nicht hoch genug ist, indessen werden sie mit weiteren Zollerhöhungsbestrebungen kein Glück haben. Die jetzige entsprechende Bestimmung des amerikanischen Zollgesetzes lautet: Fabrikate, Artikel oder Maaren, nicht speciell aufge- sührt, aus Eisen, Stahl, Blei, Kupfer, Nickel, Zink, Gold, Silber, Platina, Aluminium und anderem Metall gänzlich oder theilweise hergestellt, zahlen 45 Procent des Werthes- nach den vorgeschlagenen neueren Bestimmungen soll dies in 35 Procent des Werthes umgeändert werden. Um nun ater die amerikanischen Fabrikanten concurrenzsähig gegenüber der europäischen, sepeciell der deutschen Maschinenindustrie zu erhalten, sollen die Zölle auf Kohlen, Coaks und Erze ganz aufgehoben werden, so daß die Herstellung der Maschinen verbilligt wird. Alle diese Maßnahmen dürften indessen der nvrdamerikanischen Maschinenindustrie im Kampfe mit derjenigen Deutschlands auf die Dauer keinen Rückhalt gewähren, weil die deutschen Fabrikanten mit ganz besonderer Umsicht Vorgehen. Der amerikanische Consul Monaghan in Chemnitz hebt in einem seiner Regierung eingesandten Berichte da namentlich das Engagement tüchtiger Civil-Jngenieure hervor, die als Verkäufer zu fungiren hätten und welche natürlich^
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Sie nickte, schaute die Mama dann an, ob die wohl lache, und als dies nicht der Fall war, wurde sie muthiger.
„Nicht wahr, Mama, ein schöner Name?"
„Na, es läßt sich halten," meinte jetzt doch lächelnd Frau Eulalie.
„Bitte, Mama, mir gefällt er sehr!" log Aennchen, denn an das „wimmerliche" hatte sie sich doch noch nicht gewöhnt. „Und jetzt sprichst Du gleich mit Papa, nicht j wahr?"
„Aber eilt denn das so sehr?"
„Aber freilich, Mamachen! Ich habe ja vergessen, Dir zu sagen, daß er noch heute Morgen kommt, um um meine Hand anzuhalten."
„Wie?"
„Ja, noch heute Morgen- er fuhr gestern hierher, sprach mit den Eltern und nun — nun ja — ach, Mamachen, weßhalb läßt Du mich auch so lange reden."
„Entschuldige nur, Kind," bat ironisch Frau Eulalie, „aber gut, ich will mir den Freier ansehen und wenn Papa -"
Aennchen lachte laut.
„Ach, Papa thut ja doch, was Du willst, Mamachen!"
„Aennchen, Papa kann auch sehr strenge sein."
„Aber nicht, wenn Du lachst, Mamachen, dazu hat er Dich zu lieb," neckte Aennchen, „aber gleichwohl, ich zittere schon vor Angst!" Sie sprach das im tiefsten Baß, lachte dann aber silberhell hinaus. „Nun will ich noch rasch zu Geheimeraths die Treppe hinauf, ich habe sie ja noch gar nicht begrüßt. Ich komme bald wieder und ziehe — die Küchenschürze an."
„Hast Deine Rolle als Hausmütterchen wohl verlernt?"
„O bewahre," lachte sie. „Ihr sollt sehen, was ich auf den Tisch setze- Du sollst Deine Freude daran haben, Mamachen!"
„So gehe, Kobold, ich will unterdessen unserem Küchenmädchen Anweisung geben —"
„Nein, Mamachen, aber ja nicht. Das thue ich selbst im Vorbeigehen. Was ich Euch zubereite, muß ein Geheim- niß noch für Euch bleiben."
Mit einem schnellen Kuß auf die Wange der Mama flog Aennchen zur Thür hinaus, im Herzen den Jubel und das Glück.
„Mein tolles Kind," sagte die Frau Oberst. „Aber gut ist es von Herzen und den Freier will ich mir doch ein bischen genau ansehen, der es mir nehmen will."
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Papa gegenüber heftig in Abrede gestellt hatte.
„Eher sterbe ich," rief sie ganz ernstlich, „als daß ich 3^ mich einem anderen als Erich anvertraue! Und zudem hat
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Fanny.
Humoreske von Gebh. Schätzler-Perefsini.
(2. Fortsetzung.)
„Du siehst doch auch ein, Mama, daß ich Erich helfen mußte. Ein Doctor ohne Frau! Ich konnte ja gar nicht anders."
Die Mama nickte lächelnd.
„Und dann habe ich auch noch das Nützliche im Auge | gehabt," fuhr eifrigst das altkluge Töchterchen fort. „Be> | denke dock, ein Arzt! Was kann man da ersparen, wenn man krank wird."
II.
Fanny.
Als Oberst Tannheim seine Arbeitsstube glücklich erreicht hatte, schüttelte er sich förmlich. Eigentlich schämte er sich, so schnell Reißaus genommen zu haben.
„Ach was," knurrte er dann, „der Teufel nimmt es nicht mit einer Weiberzunge auf! Meine Eulalie ist gut I und klug, aber eine Zunge hat sie — potz Bomben und Granaten! Und mein Töchterchen hat das Erbtheil der Mutter angetreten."
Oberst Tannheim war ein herzensguter Mann- seine Ausdrucksweise war nur etwas kurz angebunden. Mit wuchtigen Schritten segelte er jetzt durch die Stube- der lange Schlafrock kam ihm beinahe nicht nach, der struppige Bart stieg unternehmend in die Höhe.
„Aber ein Wettermädel tsts doch," lachte er im tiefsten Baß, „das mir viele Freude macht. Und über meine Eulalie laß ich auch nichts kommen."
Er blickte sich nun in der Stube um und that einen kurzen Pfiff.
Aus einer Ecke kroch langsam ein Windspiel und schlich sich zu den Füßen seines Herrn.
„Komm her, Fanny", lockte Tannheim. Das Thier schaute ihn mit wehmüthigen Augen an, es war krank.
„Armes Thier," brummte der Oberst und strich den schmalen Kopf Fannys, „aber warte nur, Du wirst bald curirt. Weiß der Donner, wo der junge Mann steckt!" sagte er wieder zu sich selbst. „Freund Röhricht hat ihn mir doch für heute Morgen ganz bestimmt zugesagt. Er wohnt doch bei ihm, also muß er auch wissen, ob der junge Mann abkommen kann. Na, warte nur, Fanny — wir werden Dich bald wieder beisammen haben."
Das Thier wedelte mit dem Schweife und drückte sich an die Thüre. Der Oberst öffnete - die Fanny schlich traurig nach der Küche.
Der Oberst blickte dem Hunde nach.
„Der Donner schlage drein, wenn mir etwa meine Fanny crepirte, das Vieh ist mir ordentlich ans Herz gewachsen. Aber wo nur der junge Thierarzt bleibt — ?"
Eben ging das Stubenmädchen vorüber und der Oberst rief ihm zu: „Marie, wenn ein junger Mann kommt — es kann nicht mehr lange dauern — führst Du ihn gleich zu mir. Und gib auf Fanny Acht, sie ist in der Küche."
„Jawohl, Herr Oberst," entgegnete die Küchenfee, und der Oberst schloß seine Thür und trat in das Zimmer zurück.
(Fortsetzung folgt.)


