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Januar 1894.
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Nr. 6 Erstes Blatt. Dienstaa den 9. Januar
1894
Der chUßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
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Kenerat-Anzeiger.
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Amtliche» Theil.
Nr. 39 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den ZI.Decem- ber 1893, enthält: ,rr t
(Nr. 2137.) Handels, und Zollvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Serbien. Vom 21./9. August 1892.
(Nr. 2138.) Uebereinkommen zwischen dem Deutschen Reich und Serbien, betreffend den gegenseitigen Muster- und Markenschutz. Vom 2L/9. August 1892.
Gießen, den 6. Januar 1894.! Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Januar. Das preußische Staats- Ministerium Hielt am Donnerstag wiederum eine Sitzung ab, in derselben führte der Kaiser selbst den Vorsitz. Ob dieser jüngsten Conserenz des preußischen Ministerrathes eine besondere Bedeutung zukommt, aus welche die Gegenwart des Monarchen allerdings Hinweisen könnte, entzieht sich noch der Beurtheilung.
— Die Blättermeldungen über eine Vorlage, welche dem Reichstage nächstens in Betreff der Aufhebung des Identitätsnachweises für Getreide gemacht werden soll, werden als ungenau bezeichnet. Es heißt, an zuständiger Stelle erwäge man zwar diese Frage für den Fall des Zustandekommens des deutsch-russischen Handelsvertrages, endgültige Beschlüße seien aber noch nicht gefaßt worden.
— Die in Berlin seit einiger Zeit eröffneten Verhandlungen über die Abgrenzung zwischen der deutschen und der französischen Interessensphäre im Hinterlande von Kamerun rücken nur sehr langsam von der Stelle. Es wird hierüber aus der Reichshauptstadt gemeldet, die französischen Unterhändler erhöben derartig große Ansprüche, daß deren Erfüllung die Ausdehnung von beutsch-Kamerun nach dem Innern des nördlichen Afrikas für immer unmöglich machen würde. Nun, die Franzosen werden wohl noch mit sich reden lassen, sie haben ja in ihrem Colonialmagen schon bislang ungemein viel schwere afrikanische Brocken noch zu verdauen!
— Aus dem deur'schen Schutzgebiete im südwestlichen Afrika lauten die Nachrichten andauernd ungünstig. Neuerdings ist die Meldung von der Plünderung der Station Kubub durch den berüchtigten Hendrik Witboi
eingelaufen, der freche Angriff auf Kubub scheint das deutsche Ansehen in jenem Theile Afrikas noch weiter geschmälert zu haben. Wenigstens besagt ein aus Lüderitzland der Zeitung „Volk" in Berlin zugegangener Brief, daß die bis jetzt den Deutschen noch freundlich gesinnten Nama-Stämme begönnen, dem von Witboi auf sie ausgeübten Drucke nachzugeben, da die Nama von den Deutschen keine Munition mehr bekämen. Es stehe zu ^befürchten, daß der Süden des Schutzgebietes von der Seitens Witbois verursachten aufrührerischen Bewegung angesteckt werden würde. — Augenscheinlich ist eine Vermehrung der deutschen Schutztruppe im südwestlichen Afrika unbedingt erforderlich, soll dort nicht Alles drunter und drüber gehen.
— Zur politischen Lage schreibt die „Börsen- Zeitung": Je mehr wir uns dem Wiederbeginn der Parlamentssitzungen nähern, um so stiller wird es, um so erwartungsvoller sieht alle Welt den kommenden Geschehniffen entgegen. Gesagt ist Alles, die Aufstellung der Treffen ist vollzogen — nun wird es sich darum handeln, wer geschickter operirt, ob diejenigen, welche, zu einem Theil mindestens, Sonderinteressen vertreten, oder jene, welche die Verhältnisse von einer höheren Warte aus ins Auge fassen. Der Reichskanzler findet unerbittliche Gegner im Lager derer, die er lieber zu seinen Freunden zählte und muß die Unterstützung von Parteien annehmen, deren Existenzberechtigung ihm nicht zu allen Stunden als unbezweifelbar erschien. Die Regierung tritt indessen unberührt von allen internen Vorgängen der letzten Zeit mit den Neuforderungen in den neuen Abschnitt der Reichstagsthätigkeit ein, sie wartet zunächst ruhig ab, welche Stellung der Reichstag zu der Vorlage nehmen wird und wie sich die Dinge in der Commission gestalten werden.
Berlin, 6. Januar. Gegenüber den Auslassungen verschiedener officiöser Blätter können wir mittheilen, daß Caprivi allerdings den Reichsfinanzreformplan Miquels unterzeichnet und eingereicht hat. Trotzdem steht fest, daß der Reformplan gegenwärtig Caprivi sehr unbequem ist. Der Reichskanzler ist jedenfalls der Ansicht, die Durchdrückung des Finanzplans sei momentan höchst inopportun. Bei der hohen Einsicht Miquels war zu erwarten, daß er bannt einverstanden war, die Entscheidung über den Plan zu vertagen.
Hamburg, 6. Januar. Die „Hamburger Nachrichten" bringen heute die Antwort auf den an Bismarck gerichteten Brief, den Graf Arnim-Schlagenthin in der „Frankfurter Zeitung" und im „Berliner Tageblatt" veröffentlichte. Der offenbar aus Friedrichsruh stammende Artikel drückt lebhaftes Erstaunen über die unhöfliche Sprache des Schreibens
aus. Ferner heißt es, auch wenn diese Unhöflichkeit nicht als Hinderniß zur Beantwortung vorläge, würde sich der Fürst kaum bewogen fühlen, mit Arnims Sohn einen Kampf fortzusetzen, den vor 20 Jahren der Vater geführt hat. Bismarck wolle sich nicht in den Dienst des Reclamebedürf- niffes des jungen Arnim stellen.
Berlin, 7. Januar. Ueber die am Kaiserlichen Hofe im Laufe dieses Winters stattfindenden größeren Festlich, keilen sind nunmehr die endgiltigen Bestimmungen getroffen worden. Nach denselben finden folgende Hoffestlichkeiten statt: Mittwoch den 17. Januar: Fest des Hohen Ordens vo« Schwarzen Adler - Sonntag den 21. Januar: Krönungs- und Ordensfest; Mittwoch den 24. Januar: Große Cour bei de« Kaiserpaare; Samstag den 27. Januar: Aus Anlaß deS Geburtstages des Kaisers: Gala - Oper; Mittwoch de» 31. Januar: Ball im Königlichen Schlöffe - Freitag de» 2. Februar: Subscriptionsball im Königlichen Opernhause/ Dienstag den 6. Februar: FastnachtSball im Königliche« Schlosse.
— Die Marine-Verwaltung hat mit dem Begin» dieses Jahres eine Anordnung getroffen, die sowohl für die Kriegsmarine wie für die Handelsschifffahrt von großer Bedeutung ist. Ueber die Eisverhältnisse in unseren Häfen war man bisher vielfach auf Private Nachrichten angewiesen. Vo» jetzt ab werden während der Eisperiode die sechs neuerrichtete» Küstenbezirksämter täglich kurze Berichte über die Eisverhält- nisse an den deutschen Küsten veröffentlichen. Als Jnspectore« der Ostküste, bezw. Westküste Schleswig-Holsteins sungireu, wie wir bet dieser Gelegenheit mittheilen wollen, die Capi- täne zur See Dittmer und Chüden.
— Zur Einrichtung eines ständigen ZollbeirathS wird heute gemeldet: Es ist bekanntlich erwogen worden, ob es sich empfehlen möchte, den Zollbeirath, der für die Verhandlungen über den russischen Handelsvertrag berufe» worden war, zu einer ständigen Einrichtung zu gestalten. ES sollen sich indeffen mancherlei Einwände dagegen geltend gemacht haben und man soll vorläufig zu dem Ergebniß gelaugt sein, daß ein Bedüriniß für eine ständige Auskunftsstelle nicht vorhanden sei. Indeffen ist anerkannt worden, daß der Zollbeirath angesichts der ihm jetzt gestellten Aufgaben sehr werthvolle Dienste geleistet hat.
Anstand.
Triest, 6. Januar. Die Bora hat nachgelassen, der Schiffsverkehr wurde wieder aufgenommen. Dagegen
Feuilleton.
Der zerbrochene Krug
Ein Lustsviel von Heinrich von Kleist.
Ueber die Bühne des Theatrrvereins geht, wie bereits gemeldet, am 12. Januar eines der vortrefflichsten Lustspiele, das den Deutschen von einem seiner erlauchtesten Geister bescheert ward: „Der zerbrochene Krug" von Heinrich von Kleist. Den Besuchern der Vorstellung wird es will- kommen sein, durch eine ästhetische Würdigung, eingehende Characteristik und Analyse des Stückes auf den über alle Maßen genußreichen Abend vorbereitet zu werden.
Wir entnehmen die nachfolgende Betrachtung der ausgezeichneten Kleist-Biographie Okto Brahms. —
Das maßvolle Streben, welches für die Königsberger Zeit Kleists characteristisch ist, im Gegensatz zu der Maß. lofigkeit der „Guiskard"-Periode, bewährt sich noch einmal im „Zerbrochenen Krug" : er greift auf einen älteren Plan zurück, der vor dem Idealbild seiner großen Tragödie zerstoben war, und an eine fremde Vorlage lehnt er sich an.
Wir haben gesehen, wie dem Dichter in der Schweiz die Anregung zu seinem Werke gekommen war. In dem kurzen Berner Aufenthalt, Anfang 1802, als ein freundliches, an Anregungen reiches Zusammenleben mit Zschokke, Wieland und Geßner sich gestaltet hatte und die Freunde sich gegenseitig ihre Werke vorlegten, wurden sie auf einen Kupferstich in Zschokkes Wohnung aufmerksam, und vereinten sich vor ihm, nach Zschokkes Worten „zum poetischen Wettkampf, wie Virgils Hirten": alle drei wollten sie den Vorgang auf dem Stiche zum Muster einer Dichtung nehmen. In seiner „Selbstschau" hat Zschokke, der eine anmuthige Erzählung in seiner bekannten Art zu dem Wettstreit geliefert hat, kurz über das Urbild berichtet: „In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich : la cruche cass6e. In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem Majolikakruge und einen großnasigen Richter zu erkennen."
Dieses Urbild selbst ausfindig zu machen, ist bis jetzt nicht gelungen; aber ein Stich von Le Veau, nach dem Gemälde von Debucourt, „Le Juge ou la cruche cassee“ benannt, scheint ihm nahe zu kommen- man sieht in der Hauptgruppe den ernsten Richter und seinen blonden und hübschen Schreiber, vor ihnen vier Personen: einen Bauersmann, ein junges Mädchen mit einem zerbrochenen Kruge in der Hand, eine derbe Alte und einen kräftigen Burschen, den jene vorn bei der Brust packt- Nebengruppen dienen zur Belebung der ausdrucksvollen Darstellung. Es scheint, daß mehrere Traditionen in dem Bilde zusammentreffen: das junge Mädchen mit dem Kruge ist aus dem berühmten Gemälde von Greuze, welches dieselbe Figur ganz allein darstellt, einfach herübergenommen und hineingestellt in das ursprüngliche Gruppenbild der Gerichtsverhandlung, das dem Maler anderswoher, vielleicht aus einem Werk der niederländischen Kunst, überkommen war: denn auf niederländischen Stil weist Alles hin. In diesem früheren Bild trug dann auch die Mutter (nicht das Mädchen) den Krug, wie Zschokke für seinen Stich angibt, und wie er in seiner Erzählung, Kleist in seinem Lustspiel ausgeführt hat- und Kleist selbst, in einer „Vorrede", bestätigt seinerseits, daß die Mutter mit dem Fruge dar- gestellt war.
Diese Vorrede, welche in lebendigster, dichterischer Dar- steüung das Bild schildert, findet sich in einem Manuscript des Lustspiels von Kleists Hand, das sich uns glücklich erhalten hat, und sie lautet:
„Diesem Lustspiel liegt wahrscheinlich ein historisches Factum, worüber ich jedoch keine nähere Auskunft habe auffinden können, zum Grunde. Ich nahm die Veranlassung dazu aus einem Kupferstich, 'den ich vor mehreren Jahren in der Schweiz sah. Man bemerkte darauf — zuerst einen Richter, der gravitätisch auf dem Richterstuhl saß: vor ihm stand eine alte Frau, die einen zerbrochenen Krug hielt, sie schien das Unrecht, das ihm widerfahren war, zu de- monstriren: Beklagter, ein junger Bauerkerl, den der,Richter, als überwiesen, anbonnette, vertheibigte sich noch, aber schwach: ein Mädchen, baS wahrscheinlich in bieser Sache
gezeugt hatte (bepn wer weiß bet welcher Gelegenheit da- Delictum geschehen war) spielte sich, in ber Mitte zwischen Mutter unb Bräutigam, an ber Schürze - wer ein falsche- Zeugniß abgelegt hätte, könnte nicht zerknirschter baftehen: und ber Gerichtsschreiber sah (er hatte vielleicht kurz vorher das Mädchen angesehen) jetzt den Richter mißtrauisch zur Seite an, wie Kreon bet einer ähnlichen Gelegenheit den Oedip, als die Frage war, wer den Lajus erschlagen. Darunter stand: Der zerbrochene Krug. — Das Original war, wenn ich nicht irre, von einem niederländischen Meister."
Man sieht, mit welcher plastischen Kraft der phantasie- volle Poet sogleich das Bild in Handlung auflöst und Beziehungen knüpft zwischen seinen Personen, an die der Maler nicht gedacht hat: mit solchen Gedanken mag er vor de« Original gestanden, und eben dadurch, daß er sie den Freunde» aussprach, die Idee des Wettkampfes angeregt haben. Er selbst hat seinen Plan damals entworfen, aber niedergeschriebe» wurde wenig ober nichts- 1803 in Dresben, wie wir sahen, vor ber zweiten Pariser Reise, reizte ihn bann Pfuel durch vorgebliche Zweifel, brei ©eenen bes Stückes zu bictire». Jetzt erst, 1806, kam er zu bem Werk zurück unb am Ende des Jahres lag es fettig. Wie sich jener erste Schweizer Plan zu der Dresdener und Königsberger Ausführung ber* hält, wissen wir nicht, aber es läßt sich nach Kleists dichterischer Art vermuthen, daß sie einander sehr ähnlich waren- unb sicher hat er den Grundgedanken seines Werkes: daß der Richter der Schuldige ist, gleich damals aus Eigenem gefaßt unb ihn Zfchokke mitgetheilt, ber ihn sich für seine Novelle zu Nutzen machte.
Ganz aus Kleists Anschauung kommt er, bieser Grunb- gebanke. Seht, was bas für eine Welt ist, in ber ihr lebt! ruft er. Ihr habert um ein Nichts- unb wenn ihr Recht sucht vor ber bestellten Instanz, finbet ihr ben ärgsten Sünder als euren Richter! Die „gebrechliche Einrichtung der Welt zeigt der Dichter an einem neuen Beispiel, unb wie um eine» zerbrochenen Krug der Mikrokosmos eines ganzen Dorfes in Aufruhr kommt- aber er zeigt doch zugleich, wie einen


