Nr. 288
Der gerier Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dr- MontagS.
Die Gießener
As«mtkie«vrä1ler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt. Samstag dm 8. December
Wietzener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
1891
vierteljähriger AvonnemcatspreiA« 2 Mark 20 Pfg. mit
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Zimts- und Anze»s«blatt für den Nreis Gieren.
Hralisöeitage: chießener Aamittenökätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
Nr. 43 des RtzichS-Gesetzblatts, ausgegeben den 4. d. M., enthält: „ .
(Nr. 2202) Bekanntmachung, betreffend Ergänzung der dem internationalen Uebereinkommen über den Eisenbahn- frachtverkehr beigefügten Liste. Vom 26. November 1894.
Gießen, den 6. December 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Ausländer nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Neueste Nachrichten.
Wolff« telegraphische« Eorrespondenz-Vurea».
Berlin, 6. December. Der Bundesrath bestellte für Berathuug der Umsturz-Vorlage im Reichstage die Ge- heimeräthe Seckendorff, Dr. Kelch und RegierungSrath Bumm als Commisiare. K1/
Kahla, 6. December. Der Kaiser traf hier um 5^ Uhr ein und wurde vom Herzog von Altenburg empfangen. Darauf erfolgte die Abfahrt durch die illuminirte Stadt nach Hummels- Hain, wo morgen Hofjagd stattfindet.
Paris, 6. December. Der Ertrag der indirecten Steuern im November weift eine Mindereinnahme von 10 Millionen Francs gegenüber dem Budgetvoranschlag und eine Mindereinnahme von 7 Millionen im Vergleiche zum November 1893 auf. Gutem Vernehmen nach wird die neue von einigen Blättern angekündigte gerichtliche Erhebung fich auf Erpressungen erstrecken, die seitens Portalis und Girards gegen die transatlantische Gesellschaft verübt worden find.
Paris, 6. December. Casimir Perrer empfing eine Abordnung des Bundes der Locomotivführer und Heizer der Eisenbahnen, die erklärte, die Locomotivführer würden im Falle einer Mobilmachung als die Ersten berufen werden, dem Vaterlande zu dienen. Sie würden niemals verfehlen, diele ruhmreiche Pflicht zu erfüllen, und blieben deßhalb taub gegenüber den Schmähungen gewisser Individuen, die an das Auslar d appelltren und Gewaltmaßregeln befürworten zur Löiung der socialen Frage.
Paris, 6. December. Die Akademie wählte den Historiker Henry Houssaye mit 28 Stimmen zum Mitglied. Emil Zola erhielt keine Stimme.
Petersburg, 5. December. Der „Regierungsbote" ver- öffentlicht kaiserliche Erlasse an den Ackerbauminister, die kaiserliche Freie Oeconomische Gesellschaft und die kaiserliche Moskauer Gesellschaft der Landwirthe. In denselben wird die nützliche Bedeutung der landwirthschafrlichen Gesell- schäften für die fernere Entwickelung des vaterländischen Ackerbaues und der damit verbundenen Industriezweige erkannt, und den genannten Gesellschaften werden als Ausdruck des Wohlwollens des Kaisers die von deffen Vorgängern ver
Deutsches Reich.
Darmstadt, 6. December. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin empfingen heute Vormittag lir/zUhr die Oberbürgermeister der Städte Darmstadt, Mainz, Gießen, Offenbach, Worms in Audienz und nahmen das von den Städten zur Vermählungsfeier Ihrer Königlichen Hoheiten gewidmete Geschenk entgegen. Die Oberbürgermeister sind zur heutigen Großherzoglichen Tafel eingeladen.
Berlin, 6. December. Die Vorlage gegen die Umsturzbestrebungen zerfällt in drei Artikel. Der erste ändert und erweitert, resp. verschärft die von Vergehen und Verbrechen gegen die Staatsgewalt, die öffentliche Ordnung usw. handelnden §§ 111, 112, 126, 130 und 131 des Strafgesetzbuches. Außerdem fügt der Artikel einen neuen Paragraphen rin, welcher Complotte zum Umstürze der bestehenden Staatsordnung bestraft. Der zweite Artikel spricht die eventuelle Dienstentlassung von Offizieren und Unteroffizieren des Beurlaubtenstandes aus, welche auf Grund der Bestimmungen in den Abschnitten 6 und 7 des Strafgesetzbuches mit Gefängniß bestraft worden sind. Der dritte Artikel betrifft die vorläufige Beschlagnahme von Preß- Erzeugniffen.
Deutscher Reichstag.
2. Sitzung. Donnerstag den 6. December 1894.
Präsident v. Levetzow eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache: Quod felix fauahunque eit Ein großartiger Bau, der seines Gleichen sucht, welcher Alle, die ihn gesehen, mit Bewunderung erfüllte, soll fortan dem deutschen Reichstage als Heimstätte dienen, an Stelle des alten Hauses, das mit feiner Einfachheit, seiner Heimlichkeit wir noch oft vermissen werden (Sehr wahr!) Alle diese Schönheiten des neuen Hauses zeigen uns, was deutsche Kunst, deutsches Gewerbe, deutsches Handweik zu leisten vermögen und daß sie hier ein Werk vollendet haben, das jeden deutschen Sinn erbebt und erfreut. Der dieses Werk ersonnen und aufgerichtet hat, ihm und seinen Gehülfen sei unser Dank dargebracht (Lebhafter Beifall). Der Reichstag ist dem Baterlande zu Rutz und Frommen errichtet, auf daß hier ein dauerndes Merkmal steht, bestimmt, wesentlich mttzuwtrken an dem ferneren Gedeihen des Reiches. Aber nicht nur für die Gegenwart und Zukunft soll und wird dieses Haus dienen, eS erinnert auch an die große Zeit, an Diejenigen, die für die Aufrichtung des Reiches gekämpft und geblutet und mit dem Schwerte und in dem Geiste, mit ihrer Faust und mit ihrer Einsicht und ihrer Festigkeit und mit ihrem Muth für das Reich gekämpft und für dasselbe die Grundlage und die Mittel in schweren Tagen gewonnen haben. Nicht blos nach seiner eigentlichen Bestimmung und monumentalen Gestaltung, sondern auch weil es ein Denkmal jener Helden und eine nationale Siegessäule tfty hat dieses Haus einen hohen vaterländischen Werth und diesen zu erhalten, zu erhöhen ist und wird Aufgabe des deutschen Reichstages sein. Diese Aufgabe kann und wird nur gelöst werden, wenn wir unsere Nachkommen und Alles, was wir hier berathen und beschließen, ganz und gar in den Dienst des Vaterlandes stellen, wenn wir nur dienen wollen dem Kaiser und dem Reiche und dem Volke! Ihr Wohl ist Zweck und Ziel dieses Hauses und suprema lex des Reichstages. Dem Kaiser als dem Haupte, dem Reiche und dem Volke, auf daß sie alle Zeit einig, stark und gesegnet bleiben, gilt der Ruf, in den wir alle etnstimmen: Se. Maj. der Kaiser, er lebe hoch! (Das Haus stimmt dreimal in den Ruf ein.)
Während dteser.Hochs auf den Kaiser haben sich die Mitglieder des Hauses sämmtlich von den Plätzen erhoben, mit alleiniger Ausnahme der socialdemokratischen Abgeoidneten. Von der rechlen Sette und von den nattonalltberalen Bänken erschallen daher zahlreiche lebhafte Zurufe: Hinaus! hinaus! Abg. Liebknecht, aufstehend, ruft: unerhört! Auch Rufe! Pfui! frech! hört man erschallen. Erst allmälich
liehenen Rechte bestätigt. Ueberhaupt sei allen landwirth schastlichen und öconomischen Vereinen zu erklären, daß ihre fruchtbringende Arbeit zum Nutzen der russischen Landwirth- schaft von Setten deö Kaisers fterS Schutz und Unterstützung finden werde.
Depeschen de« Burea» „Herold".
Berlin, 6. December. Der Kaiser hat, wie der „Localanzeiger" erfährt, zur Einweihung deS neuen Reichs- tagSgebäudes die Prägung einer Münze mit feinem Bildntß in der Uniform der GardeS du Corps genehmigt.
Berlin, 6. December. Die deutsch-sociale Reformpartei hat beschloffen, in der heutigen Sitzung keinen Antrag auf Einstellung des Strafverfahrens gegen den Reichstagsabgeordneten Leuß oder auf Haftentlaffung zu stelle».
Berlin, 6. December. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Mit welchen Mitteln die einzelnen deutschen Zeitungen versuchen, das Auswärtige Amt herabzuwürdigen, dafür liegt ein neues Beispiel in den „Hamburger Nachr.", in einer Reihe unvollständiger oder unwahrer Angaben über die Preß Beziehungen vor, die das Auswärtige Amt unter dem alten und dem neuen Cours unterhalten haben soll. Es wird der Verdacht ausgesprochen, daß der unfreundliche Artikel, den der Londoner „Standard" bei dem Tode der Fürstin Bismarck gebracht habe, auf offictöfe Einflüsse au» Berlin zurückzuführen fei. Das Hamburger Blatt fügt die selbstverständliche Behauptung hinzu, daß die officiöse Preffe nicht den geringsten Grund habe, unfern ersten Reichskanzler im Auslande zu verleumden und zwar in der Form eine» Wunsches für die Zukunft. Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß diese unwürdige Insinuation einer jeden Begründung entbehrt und daß der eigentliche Artikel, welcher beim Tode der Fürstin Bismarck auf Veranlaffung des Auswärtigen Amtes erschienen ist, der Nachruf war, welchen die „Nordd. Allg. Ztg." vom 27. November Abends gebracht hatte.
Berlin, 6. December. Die deutsch-conservative Fraction hat an den Fürsten Bismarck nachstehendes Telegramm gerichtet: Aus der ersten Sitzung im neuen Hause sendet die deutsch-conservative Fraction Ew. Durchlaucht den Ausdruck ihrer dankbaren und unwandelbaren Verehrung."
Wien, 6. December. Die gesummte Preffe bespricht die Thronrede gelegentlich der Reichstags-Eröffnung in wenig sympathischer Weise. Die osfictösen Blätter verhalten fich reservirt und vermerken nur, daß die Thronrede völlig darnach angethan sei, bet den Vertretern der deutschen Nation gemischte Gefühle hervorzurufen. Die liberalen Blätter sprachen fich entschieden ungünstig aus. Die „Volkszeitung" schreibt: Um die sociale Revolution zu verhindern, dürfe man nicht damit beginnen, indem mau die an und für sich spärlichen Freiheiten noch mehr beschränke und daran die Frage socialer Reformen in Erwägung ziehe. Ein solcher Weg habe noch niemals zum Ziele geführt.
Wien, 6. December. Das „Neue Wiener Tageblatt" schreibt: Nach dem Tone, der in der Thronrede herrscht, könne man eß nicht begreifen, daß bei der Erbauung des neuen Reichstagsgebäudes so viele bange Stimmen vorgeherrscht hätten, als man dieses Haus dazu bestimmte, das Mausoleum des deutschen Parlaments zu werden.
Triest, 6. December. Die mit dem Behring'sch en Heilserum im hiefigen städtischen Spital gemachten Versuche ergaben höchst befriedigende Resultate. Von 236 mit dem Heilmittel behandelten Kindern starben nur 22 Procent, während von 57 ohne Heilserum behandelten ändern 56 Procent starben.
Rom, 6. December. Unter den zahlreichen Interpellationen, welche am 1. Januar kommenden Jahres von der Kammer an die Regierung gerichtet werden, befinde» sich solche über innere Politik, Auflösung der socialdemokratischen Vereine und das Verschwinden der Schriftstücke im Banka-romana-Proceffe.
Brüssel, 6. December. Anläßlich der Debatte über die Livi Niste sand heute eine äußerst erregte Kammerfitzuug statt. Die socialistischen Abgeordneten gaben wiederholt ihrer republikanischen Gesinnung Ausdruck und antworteten auf da» vom Ministerpräsidenten de Burlet auf den König auögebrachte Hoch mit dem Rufe: „Es lebe das Volk!" Morgen findet Fortsetzung der Debatte statt.
Paris, 6. December. Nach einer Behauptung des „Matiu" bestehe das Beweisstück gegen Dreyfus in einem Briefe, welcher von einem Polizisten in den Papieren eines „Militär-Attachös der Triple-Alliance" entdeckt wurde. Für die Regierung erwachse aus diesem Funde arge Verlegenheit.
tritt, nachdem Präsident v. Levetzow von der Glocke Gebrauch ge- m0*tetngegan8en ist eine Vorlage betr. Handelsprovisorium mit
der Tagesordnung steht die Wahl des Präsidiums. Auf Vorschlag des Abg. Gras Hompesch wird der bisherige Präsident v. Levetzow durch Acclamatton wtedergewählt.
Präsident v. Levetzow: Meine Herren. Sie hätten vielleicht gut gethan. in dem neuen Hause einen neuen Präsidenten zu wählen. (Heiterkeit). Ich hätte mich gern mit der Ehre begnügt so lange des Amtes als Präsident gewaltet zu haben, und hätte gerne einer besseren Kraft Platz gemacht. Aber Ihr treu bewährtes altes Vertrauen lockt mich doch, deshalb nehme ich die Wahl an. JA kann da nur die mir immer erfüllte Bitte wiederholen, mich durch Nach- icht zu unterstützen. Ich verspreche Ihnen dafür meinerseits guten Willen, Unparteilichkeit und Sorge für die Würde und die Aufgaben de« Hauses. Wenn durch dieses Haus immer reine Vaterlandsliebe weht, so hoffe ich mit Gott, die mir gesteckte Aufgabe erfüllen zu tÖnnebenfatt8 per Acclamatton werden fodann die Abgg. v. Buol zum ersten Vice- und Bürcklin zum zweiten Vicepräsidenten gewählt.
Es folgt die Wahl der acht Schriftführer.
Abg. Singer bittet um die Wahl feines Parteigenossen Fischer. Die Wahl sämmtltcher Schriftführer erfolgt durch Sdtel.
Während die Stimmen gezählt werden, nimmt Präsident von Levetzow Anlaß zu bemerken, es widerspreche der deutschen Sitte, daß Mitglieder des Hauses sitzen bleiben, wenn ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht werde. (Beifall). _ .
Abg. Singer erwidert, eS fei feinen Freunden unmöglich, auf einen Mann, der bet der Vereidigung von Rekruten geäußert habe, diese müßten eventuell auch auf ihre Bruder und Eltern schießen, auf einen Mann, der jetzt eine Umsturzvorlage eingebracht habe, ein d-kÄun» & °d-
W9ebS Ä* »TKÄ Mi«»*«» über, betr. Einstellung des Strafverfahrens gegen den Abg. Herbert wegen Majestätsbeleidtgung. w
Abg. v. Manteuffel (conf.) beantragt, diesen Antrag Amr der Geschäftsordnungscommifsion zu überweisen, zumal es scheine, die Sozialdemokraten erhöben jetzt die Majestätsbeleidigungen zum Prtncip, während seine (deS Redners) Freunde die Majestät ^Mchd'em die Abgg. Singer (Soz.), Groeber (Etrrn.), Rickert (frs. Ver.) und Richter (srs. Dlkp.) gegen, Abg. Frhr. v. Stumm (Rp) für den Antrag v. Manteuffel gesprochen, wird Einstellung des Verfahrens gegen Herbert beschlossen.
DebatteloS wird auch die Einstellung des Strafverfahrens gegen die Abgg. Scbippel und Hirf chel beschlossen.
Nächste Sitzung: Dienstag 12 Uhr. Erste Lesung des Etat«, vorher ein schleuniger Antrag Zimmermann, betr. Strafverfahren gegen den Abg. Werner; JnterpellattonßPasche-Friedberg, betr. Zucker- steuer-Derhältniffe.
Amtlicher Theil.
Gießen, 7. December 1894.
Betreffend: Ausnahmebestimmungen von der Vorschrift des § 137, Absatz 1, der Gewerbeordnung zu Gunsten von Molkereien.
Da8 Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Soweit Sie unserer Auflage vom 28. November L Js. nicht nachqekommen sind, erinnern wir Sie an deren Erledigung binnen 24 Stunde«.
v. Gagern.


