1894
Donnerstag den 8. November
Amts- und Anzeigeblatt für den Ttreis Gießen.
Hralisöeikage: chießener Kamikienökätter.
Amtlicher Theil
setze«
Neueste Nachrichten.
Wolff» telegraphisches Sorrespvndem-Burern
weiteren Beweise den als feststehend zu erachtenden Rücktritt des I Landwirthjchaftsmmisters v. Heyden an, der ja allerdings keineswegs völlig ein Minister nach dem Herzen der alt- preußischen Conservatioen war, ebenso werden ferner der Empfang der Ostpreußen beim Kaiser und noch andere Vorgänge als Anzeichen einer sich vollziehenden Schwenkung in der Reichs- und preußischen Politik nach rechts hin gedeutet. Trotzdem wäre es offenbar mindestens verfrüht, auS allen diesen Erscheinungen auf einen beschlossenen Systemwechsel schließen zu wollen, mit einem solchen würde es sich z. B. schon nicht vereinbaren, daß StaatSsecretär Freiherr von Marschall, der doch einer der markantesten Vertreter des gescheiterten neuen Curses war, nicht nur auf seinem Posten verbleibt, sondern auch zum preußischen Staatsminister mit Sitz und Stimme im Cabinet ernannt worden ist. Doch sprechen neben dieser bekannten Thatsache auch noch andere Erwägungen dagegen, daß in absehbarer Zeit eine energische Rechtsschwenkung in unserer gesammten inneren Politik zu erwarten stünde.
Wie nun eigentlich der Wind unter der Aera Hohenlohe wehen .wird, darüber dürsten schon die kommenden Wochen einen erstmaligen Aufschluß ertheilen. Am fünften December tritt der Reichstag zu seiner neuen Session zusammen, deren ursprünglich auf den 15. November an- beraumr gewesene Eröffnung mit Rücksicht auf die inzwischen eingetrrtenen wichtigen Personalveränderungen die beschlossene fast dreiwöchige Hinausschiebung erfahren hat. Der Beginn der parlamentarischen Wtnterthätigkeit im Reiche wird dem neuen Reichskanzler zweifellos sehr bald Anlaß geben, sich über die Grundlinien seiner Gesammipolitil ju äußern und vielleicht wird schon nach diesen zu erwartenden Erklärungen eine einigermaßen zutreffende Beurtheilung des „neuesten CurseS" möglich sein.
Rückblicke und Ausblicke.
Noch immer umhüllt ein gewisses geheimntßvolles Dunkel die Vorgänge, aus denen heraus die jüngste Kanzler- und Ministerkrisis so überraschend entstand. Denn wie zahlreich und mannigfach auch die Deutungen und Auslegungen in dieser Beziehung gewesen sind — sie haben doch nicht vermocht, eine nach allen Seiten hin erschöpfende Aufklärung der Ursachen des gleichzeitigen Rücktrittes der Grafen Caprivi und Eulenburgs zu geben. Es ist eben auch hierin wieder einmal nach dem bekannten Goethe'schen Recept gearbeitet worden:
Im Auslegen sind frisch und munter,
Legt ihr's nicht aus, so legt was unter.....
Aber selbst den scharfsinnigsten Combinationen ist es nicht gelungen, die vermittelnden Glieder in der Kette der ver- muthlichen oder selbst wahrscheinlichen Erklärungen für den so Plötzlich staltgesundenen politischen Sceneriewechsel aufzufinden, es bleiben da verschiedene Lücken zurück und ihre Aussüllung muß einfach einer späteren Zeit überlassen bleiben.
Mit diesem sich von selber ergebenden Schluß erschöpft sich zunächst auch daö Interesse an dem Couliffenspiel, welches dem abermaligen Wechsel in den höchsten Aemtern des Reiches und Preußens vorangegangen war, jetzt tritt die Frage nach der weiteren Entwickelung der neugeschaffenen Lage zwingend in ihre Rechte. Vielfach glaubt man aus einer Reihe von Einzelheiten schließen zu müffen, daß nicht nur ein Wechsel der Personen, sondern auch ein solcher des Sypems in der Richtung einer schärferen Betonung des conservativen Gedankens m der Regierung stattgefunden habe. Zum Belege deffen weist man auf die Berufung eines Mannes von der bekannten politischen Richtung und Vergangenheit des bisherigen Unterstaatssccretärs v. Köller an die Spitze deS preußischen Ministinumö des Innern hin, man führt zum
Livadia befördert.
Petersburg, 6. November. Aus dem von dem „RegierungS- boten" veröffentlichten Ceremonial für die Ueberführung der Leiche ist noch hervorzuheben: Von Livadia nach Jalta wird der Sarg getragen und beim Eingang der Kathedrale in Livadia von dem Erzbischof von Taurien empfangen, eingesegnet und aufgebahrt. Zweimal am Tage werden Gottesdienste abgehalten; zu bestimmten Stunden wird das Volk zugelasjen. Die Reihenfolge des Letchenzuges von Livadia nach der Dampferstarion Jalta ist folgende: Hinter dem Sarge schreitet der Kaiser, hierauf der Minister Graf Woronzow Daschkow, das militärische Hauptquartier, alsdann der Prinz von Wales, der russische Thronfolger, der Kron- prinz von Griechenland, die Großfürsten Michael Alexei, Alexander Michailowitsch, hierauf im Wagen die Kaiserin- Wittwe, öie kaiserliche Braut, die Großfürstinnen Olga und Xenia, weiter' die Königin von Griechenland, die Herzogin von Coburg und die Prinzessin von Wales, alsdann das Gefolge und die militärische Escorte. Längs des ganzen Weges sind Spaliere aufgestellt. Wenn der Leichenzug die Kirche verläßt, läuten alle Glocken und werden Kanonensalven gelöst. An der Dampfer-
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Nr. 262 Erstes Blatt
tretet der rheinisch-westfälischen Industrie, sowie Regierung-- beamte.
Leipzig. 6. November. Wie das „Leipziger Tageblatt' meldet, ist in der Anklagesache gegen die der Spionage verdächtige Frau Jsmert aus Metz die Untersuchung nunmehr abgeschlossen. Die Acten sind dem Reichsgericht zugestellt worden- dieses wird schon in den nächsten Tagen entscheiden, ob die Anklage auf Hochverrath erhoben werden soll. , „
Loudon. 6. November. Nach einer Mittheilung der ,,'rimes" auS Tientsin verlautet dort, daß 70000 Manu sibirische Truppen in Wladiwostok zusammengezogen seien. Ä r v ,
Petersburg. 6. November. In der Peter-Pauls Kathedrale, wo die russischen Kaiser begraben liegen, sind seit gestern Vorbereitungen für die feierliche Beerdigung Alexanders III. getroffen. In der Mitte der Kathedrale ist ein riesiger, mit der goldenen Kaiserkrone geschmückter Katafalk errichtet. Zwischen der Thür und dem Katafalk ist eine Gallerte von Pflanzen und Blumen gezogen. Der Sarg wird zu Füßen der Särge der Eltern Alexanders seine Stätte finden. Der Leichnam wird in Moskau drei Tage ausgestellt, ebenso in Petersburg in der Peter-PaulS-Kirche. Morgen werden über Moskau die kaiserlichen Insignien nach
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Berlin, 6. November. Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge waren die neuerlichen über die Tabaksteuervorlage ver'retteten Mittheilungen, die davon ausgingen, daß die Vorlage bereits fertig redigirt sei, unzutreffend. Die Schluß- rebaction des Entwurfs sel noch nicht vollzogen.
Essen a. d. Ruhr. 6. November. Der „Rhein.-Westf. Ztg " zufolge fand heute hier eine zahlreich^besuchte Ver
D«r Gießener Anzeiger rrjchkint täglich, nut Ausnahme deS Montags.
Die Gießener ItamiktenbtLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Giehener Anzeiger
Kmerat-Anzeiger.
Gießen, den 6. November 1894.
Betr.: Die Aufstellung dec Voranschläge der evangelischen Kirchenfonds für 1895/96.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die evang. Kirchenvorständc des Kreises.
Soweit Sie mit der Berichterstattung auf unsere Verfügung vom 20. August d. IS. - Anzeiger Nr. 195 - noch im Mckstande sind, werden Sie hieran mit Frist von 5 Tagen erinnert.
v. Gagern.
vaterländischen Geschichte bewandert, aber einen ausgesprochen ästhetischen Maßstab verträgt das Werk nicht. Der Lündner'sche „Friedrich der Große" erreicht bei Weitem nicht den „Gustav Adolf" Devrients.
Herr Alexander Hessler, der sich schon ander» schiedeneu Orten um die Einstudirung des Herrig'schen Luther- spielS verdient gemacht hat, leitet auch das Lündner'sche Volksstück mit der an ihm bekannten und belobten Rührigkeit.
Eine treffliche Neuerung hat im Concertleben Frankfurts Platz gegriffen. Die Museumsgesellschaft hat sich zur Einführung von Orch ester-Co nc ert e n am Nachmittag entschlossen. Das Abonnement fiel glänzend aus, und das erste Concert vor 14 Tagen, welches als Hauptanziehungspunkte auf dem Programm Beethovens fünfte Sinfonie in C-moll und Violinvorträge des Herrn Profeffor Hugo Heermann verkündete, gestaltete sich zu einem künstlerischen Triumph für alle Betheiligten, ganz besonders für den schneidigen Dirigenten, Herrn Capellmeister Gustav Kopel, welcher die Farbenpracht Wagner'scher Musik ebenso scharf und lichtvoll herauszuarbeiten weiß wie die Gedankentiefe einer Beethoven'schen Sinfonie. , ...
Im zweiten Concert wagte man fich an die sinfonische Dichtung „Mazeppa" von Liszt und genügte damit einer Ehrenpflicht.
Im Allgemeinen gilt es für undankbar und wenig lohnend, sich mit Liszt'scher Musik zu befassen und doch bergen viele seiner sinfonischen Dichtungen Perlen, bte nur des geschickten Tauchers harren!
Ueber die HanS Sachs-Feier und die Aufführung der Sudermann'schen „Schmetterlingsschlacht" berichte ich Ihnen im nächsten Brief.
Es war ein origineller Gedanke, in der niedlichen Operette, die der Gesangskunst keine riesigen Anforderungen stellt, Kräfte ersten Ranges auftreten zu lassen. - Wir glauben kaum, daß der Character des Werks selbst dadurch irgendwie gehoben oder zur größeren Geltung gebracht würde, aber wen sollte es nicht interessiren, ganz abgesehen von der Pracht der Toiletten, von welchen die Berichterstatter schon vorher eifrigst Notiz nahmen, zu erfahren, wie Frau Ende- Andrießen, die Vertreterin hüniscker Frauengestalten, sich in der Partie der hausbackenen resoluten Frau Rosalinde benehmen würde, oder wie Frau Jäger, die „Elsa" und „Margarethe" bei; Frankfurter bas kecke Stubenmäbchen Abele anzufaffen gedächte.
Der Erfolg hat die aufgewendeten Muhen und Kosten vollständig gerechtfertigt- das Haus war bis auf wenige Plätze im ersten Rang fast ausverkauft.
Ein Murmeln des Staunens und Beifalls durchlief die Reihen, als die glänzendste Nummer des Programms: das üppige Nachtfest beim Fürsten OrlofSky in Scene ging. Die feenhafte Beleuchtung, das Gewoge der schimmernden Toiletten, die graziösen Tänze der Balletvamen und die Kunstleistungen der Concertsänger vereinigten sich zu einem Ensemble, deffen stilvolle Pracht nicht so leicht Überboten werden dürfte.
Die Damen Luger und Epstein figurirten als hochwillkommene Gäste. Ihre Liedereinlagen, sowie die Darbietungen des Heldentenors Herrn von Bandrowski erwarben sich reichen Dank. ,
Von dem Prunk und Glanz, der letzthin im Opernhause die Sinne gefangen nahm, wenden wir unS zu einer Stätte, wo die Einfachheit und der Mangel an Ausstattung zum Princip erhoben ist, zu dem Volksfestspiel Friedrich der Große von Max Lündner, das in den Bahnen HerrigS weiterschreitet. Der Autor hat tüchtige patriotische Gesinnungen und ist, wie sich das von selbst versteht, in der
Feuilleton. I
Frankfurter Theaterdrirs.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".) Käthchen von Heilbronn. Fledermaus. Friedrich der Große
(Dolksschauspiel). Sonntag-Rachwittagsconcerte.
(Nachdruck verboten.)
Dr. M. Eine Reihe aparter und vornehmer Genüffe ist in den letzten Wochen an dem zahlungsfähigen und kunstbegeisterten Frankfurter Publikum vorübergezogen.
Die Wiederbelebung des Kleist'ichen Ritterschauspiels Käthchen von Heilbronn" hat große Zustimmung in allen den Kreisen erweckt, welche der Meinung sind, daß dem Dichter der „Penthesilea" und des „Robert Guiscard" von rechtswegen ein breitem Raum auf unserem Theater gebühre. Wo soll der durch und durch deutsche Kleist eine Heimstätte finden, wenn nicht auf deutschen Bühnen?! Man gab das „Käthchen von Heilbronn" in der Siegen'jchen Bearbeitung, die vor Allem das Gute hat, daß sie von der unser moralisches Gefühl stark verletzenden Wendung, die Käthchen schließlich zur Kaiserstochter macht, absieht, und außerdem der Ränke ipinnenden „Kunigunde" ihre Nixennatur wahrt.
Frl. L an dort spielte das Käthchen und fand für die holdselige Naivetät des entzückenden'Geschöpfs innige, warme Herzenstöne und eine glaubwürdige Verkörperung.
Ein kraftvolles und zugleich ideales Ritterthum trug der „Wetter von Strahl" des Herrn Barthel zur Schau.
Die Aufführung der „Fledermaus" anläßlich des Strauß-Jubiläums verkündete nichts Geringeres als daß Frankfurt a. M. Großstadt zu werden beginnt, denn nur noch Tbeater vom Range der Wiener und der Münchener Oper können sich eine ähnliche Ausstattung und Besetzung leisten.


