Ausgabe 
8.9.1894
 
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Nr. 210

Samstag deu 8 September

1894

Anrts- und Anzeigeblutt für den Kreis Gieren.

Gratisöeikage: Gießener Kamikienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux der In- und Ausländer nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

5) Man genieße keine Nahrungsmittel, welche aus einem Hause stammen, in welchem Cholera herrscht.

Solche Nahrungsmittel, durch welche die Krankheit übertragen werden kann, z. B. frisches Obst, frisches Ge­müse, Milch, sind an Choleraorten nur in gekochtem Zu- stände zu genießen, sofern man über die unverdächtige Her­kunft nicht zuverlässig unterrichtet ist. Nach gleichen Grund­sätzen ist mit derartigen Nahrungsmitteln zu verfahren, welche aus Choleraorten herrühren. Insbesondere wird vor dem Gebrauch ungekochter Milch gewarnt.

6) Alles Wasser, welches durch Koth, Urin, Küchen- abgänge oder sonstige Schmutzstoffe verunreinigt sein könnte, ist strengstens zu vermeiden.

Verdächtig ist Wasier aus Kesielbrunnen gewöhnlicher Bauart, welche gege« Verunreinigung von oben her nicht ge­nügend geschützt sind, ferner aus Sümpfen, Teichen, Wasser­läufen, Flüssen, sofern das Wasser nicht einer .wirksamen Filtration unterworfen worden ist. Als besonders gefährlich gilt Wasser, das durch Auswurfsstosse von Cholerakranken in irgend einer Weise verunreinigt ist. In Bezug hierauf ist die Aufmerksamkeit vorzugsweise dahin zu richten, daß die vom Reinigen der Gefäße und beschmutzter Wäsche her­rührenden Spülwässer nicht in die Brunnen und Ge­wässer, auch nicht einmal in deren Nähe gelangen. Den besten Schutz gegen Verunreinigung des Brunnenwassers ge­währen eiserne Röhrenbrunnen, welche direct in den Erd­boden und in nicht zu geringe Tiefe desselben getrieben sind (abessinische Brunnen).

7) Ist es nichl möglich, sich ein unverdächtiges Wasser im Sinne der Nr. 6 zu beschaffen, dann ist es erforderlich, das Wasser zu kochen und nur g'ekochtes Wasser zu genießen.

8) Was hier vom Wasser gesagt ist, güt aber nicht allein vom Trinkwasser, sondern auch von allem zum Hausgebrauch dienenden Wasser, weil im Wasser befindliche Krankheitsstoffe auch durch das zum Spülen der Küchengeräthe, zum Reinigen und Kochen der Speisen, zum Waschen, .Baden u. s. w. dienende Wasser dem menschlichen Körper zugeführt werden können.

Ueberhaupt ist dringend vor dem Glauben zu warnen, daß das Trinkwasser allein als der Träger des Krankheits- stoffes anzusehen sei, und daß man schon vollkommen geschützt sei, wenn man nur untadelhaftes oder nur gekochtes Wasser trinkt.

9) Jeder Cholerakranke kann der Ausgangs­punkt für die weitere Ausbreitung der Krankheit werden, und es ist deswegen rathsam, die Kranken, soweit es irgend angängig ist, nicht im Hause zu pflegen, sondern einem Kranken Hause zu übergeben. Ist dies nicht aus­führbar, dann halte man wenigstens jeden unnöthigen Verkehr von dem Kranken fern.

10) Es besuche Niemand, den nicht seine Pflicht dahin führt ein Cholerahaus.

Vierteljähriger Abonuementsprei«: 2 Mart 20 Pfg. mit , Bringcrlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mart 50 Pfg.

Rcdaction, Expedition und Druckerei:

Stlinlstratze Ir.7.

Fernsprecher 51.

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Die Gießener Aamilieudlätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Ebenso besuche man zur Cholerazeit keine Orte, wo größere Anhäufungen von Menschen stattfinben (Jahrmärkte, größere Lustbarkeiten u. s. w.)

11) In Räumlichkeiten, in welchen sich Cholera- kranke befinden, soll man feine Speisen ober G etränke zu sich nehmen, auch im eigenen Interesse nicht rauchen. _

12) Da die Ausleerungen der Cholerakranken be­sonders gefährlich sind, so sind die damit beschmutzten Kleider und die Wäsche entweder sofort zu verbrennen oder in der Weise, wie es in der gleichzeitig veröffent­lichten DeSinfectionSanweisung (II. Nr. 3) angegeben ist, zu desinficiren.

13) Man wache auch auf das Sorgfältigste darüber, daß Choleraausleerungen nicht in die Nähe der Brunnen und der zur Wasserentnahme dienenden Flußläufe u. s. w. gelangen.

14) Alle mit dem Kranken tu Berührung gekommenen Gegenstände, welche nicht vernichtet oder desinficirt werden können, müssen in besonderen DeSinfectionSanstalten ver­mittelst heißer Dämpfe unschädlich gemacht oder minde- stens sechs Tage lang außer Gebrauch gesetzt unb an einem trockenen, möglichst sonnigen, luftigen Ort aufbewAhrt werden. ,

15) Diejenigen, welche mit dem Cholerakranken oder dessen Bett und Bekleidung in Berührung gekommen sind, sollen die Hände und die etwa beschmutzten Kleidungsstücke alsbald desinficiren. (II. Nr. 3 der DeSinfectionsanweisung.) Ganz besonders ist dies erforderlich, wenn eine Verunreinigung mit den Ausleerungen des Kranken stattgefunden hat. Aus­drücklich wird noch gewarnt, mit ungereinigten Händen Speisen zu berühren oder Gegenstände in den Mund zu bringen, welche im Krankenraum verunreinigt sein können, z. B.- nnd Trinkgeschirr, Cigarren. . Y . ,

16) Wenn ein Todesfall eintritt, ist bie Lerche sobald als irgend möglich, aus der Behausung zu entfernen lind in ein Leichenhaus zu bringen. Kann das Waschen der Leiche nicht rm Leichenhause vorgenommen werden, dann soll es überhaupt unterbleiben. .

Das Leichenbegängniß ist so einfach als möglich ernzurrchten. Das Gefolge betrete das Sterbehaus nicht, und man betheilige sich nicht an Leichenfestlichkeiten.

17) Kleidungsstücke, Wäsche und sonstige Gebrauchs­gegenstände von Cholerakranken oder -Leichen dürfen unter keinen Umständen in Benntzung genommen oder an Andere abgegeben werden, ehe sie deSmsicirt sind. Namentlich dürfen sie nicht undeöinficirt nach anderen Orten v e r s ch i ck t werden.

Den Empfängern von Sendungen, welche derartige Gegenstände aus Choleraorten erhalten, wird dringend gerathen, dieselben sofort womöglich einer DeSinfectionsanstalt zu übergeben oder unter den nöthigen Vorsichtsmaßregeln selbst I za desinficiren.

Gießener Anzeiger

Generat-Mzeiger.

Amtlichem Theil.

Bekanntmachung.

Das Auftreten der asiatischen Cholera in der Umgegend von Marburg gibt uns Veranlassung, die nachstehend ab* gedruckte Belehrung über das Wesen der Cholera und das während der Cholerazeit zu beobachtende Verhalten hierdurch zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.

Gießen, 5. September 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Melior.

Belehrung über das Wesen der Cholera und das während der Cholerazeit zu beobachtende Verhalten.

1) Der Ansteckungsstoff der Cholera befindet f i ch in den Ausleerungen der Kranken, kann mit diesen auf und in andere Personen und die mannigfachsten Gegenstände gerathen und mit denselben verschleppt werden.

Solche Gegenstände sind beispielsweise Wäsche, Kleider, Speisen, Wasser, Milch und andere Getränke; mit ihnen allen kann auch, wenn an oder in ihnen nur die geringsten, für die natürlichen Sinne nicht wahrnehmbaren Spuren der Ausleerungen vorhanden sind, die Seuche weiter verbreitet werden.

2) Die Ausbreitung nach anderen Orten ge­schieht daher leicht zunächst dadurch, daß Cholerakranke oder kürzlich von der Cholera genesene Personen den bisherigen Aufenthaltsort verlassen, um vermeintlich der an ihm herr­schenden Gefahr zu entgehen. Hiervor ist um so mehr zu warnen, als man bei dem Verlassen bereits angesteckt sein kann und man andererseits durch eine geeignete Lebensweise und Befolgung der nachstehenden Vorsichtsmaßregeln besser in der gewohnten Häuslichkeit, als in der Fremde und zumal .auf der Reise, sich zu schützen vermag.

3) Jeder, der sich nicht der Gefahr aussetzen will, daß die Krankheit in sein Haus eingeschleppt wird, hüte sich, Menschen, die aus Choleraorten kommen, bei sich aufzunehmen. Schon nach dem Auftreten der ersten Cholerafälle in einem Oct sind die von daher kommenden Personen als solche anzusehen, welche möglicherweise den Krankheitskeim mit sich führen.

4) In Cholerazeiten soll man eine möglichst geregelte Lebensweise führen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß alle Störungen der Verdauung die Erkrankung an Cholera vorzugsweise begünstigen. Man hüte sich deswegen vor allem, was Verdauungsstörungen Hervorrufen kann, wie Uebermaß von Essen und Trinken, Genuß von schwerver* daulichen Speisen. Yr

Ganz besonders ist alles zu meiden, was Durchfall verursacht oder den Magen verdirbt. Tritt dennoch Durchfall ein, dann ist so früh wie möglich ärztlicher Rath einzuholen.

vielleicht über den Anhalt nach. Ein sehr sympathisches Bild ist derLiebesfrühling" von A. Ritzberger, das zusammen mit dem Zickendraht'schenErblüht", welches Tizian'sche Bahnen wandelt, am häufigsten als Photo- graphie erstanden wird.

Die Motive aus dem religiösen Vorstellungskreise stellen sich von Jahr zu Jahr zahlreicher ein. Auf der Berliner Ausstellung wären da vor allem zu vermerken: Die Pieta" von Franz Stuck, bei welcher dre Leichenstarre, in welcher sich schon der Verwesungsproceß ankündigt, be- sonders betont ist. Im Gegensatz zu dieser stark natura- listiscben Auffassung und Behandlung steht diePieta' von Hans Tichy (Wien).In Bethlehems Stall" von W. Spatz ist ein Bild voll rührend-naiver Andacht. Jesus die Kinder segnend" von G. Fugel, Maria und der Schafhirt" von Scheurenberg, Das letzte Abendmahl" von F. Zimmermann, Christus und die Jünger in Emmaus",Wahrlich, ich sage euch, Einer unter euch wird mich verratyen . . von Felix Possart sind sämmtlich Werke, bei welchen man von intimem Einleben in das Thema sprechen kann.

Die mythologische Welt befruchtet die Phantasie moderner Maler bei weitem nicht so stark, wie ehedem die der Renaissancemenschen. Wo sich in der Gegenwart mythologische Motive zeigen, steht der bildende Künstler meist im Banne pantheistischer Vorstellungen, d. h. er läßt die göttlichen und halbgöttlichen Wesen mit der sie umgebenden Natur eine so fiste Verbindung eingehen, daß das landschaftliche Moment als etwös Wesentliches und nicht blos als Hintergrund mit»

Feuilleton.

Hochsommerzeit in Berlin.

Briefe aus der Reichshauptftadt für denGießener Anzeiger".

Gemäldeausstellung. (Schluß.)

Im Land sch afts stück fesseln vor allem die in leuch­tendes Colorit getauchten Gemälde von Oswald Achenbach (Düsseldorf) und Jose Ville gas (Rom). Vergleicht man diese von Sonnengold und südlichem Leben durchfiutheten Scenen aus Rom und Venedig mit der kühlen, cvrrecten Art Canalettos und seiner Schule, so wird uns der Gegensatz zwischen früher und jetzt in der Auffassung der Landschaft deutlich in die Augen springen. Es ist mehr Wärme und blühendes Leben in den modernen Landschaften.

Das Historienstück, abgerechnet von einigen Schlachten- gemälden, hat nur spärliche Vertretung gesunden, hingegen präsentirt sich die gemalte Novelle und das Genre in einigen reizvollen Exemplaren.Frühlingsdrama" von Theod. Rauecker (München) enthält eine ganze Geschichte, von der wir die Katastrophe vor Augen geführt bekommen: Die mit klaffender Stirnwunde am Boden liegende junge Nonne, die gerissene Strickleiter, der fanatische Ausdruck in den Zügen der in verdammender Haltung auf der Thürschwelle er­scheinenden Oberin, die bestürzten Blicke der Umstehenden sagen genug zur Erklärung.

Dämmerung" von I. Block (München) zeigt ein junges Ehepaar in der traulichen Dämmerstunde, er hält -ein Buch in der Hand, sie hat zugehört und denkt jetzt

wirkt. So Hermann Hendrich in demMärchen von der Rose" und W. Crane inDie Rosse des Neptun , wo sich aus den Wogenkämmen die Bildung von Roßmähnen entwickelt.

Die mythische Einzelpersönlichkeit in ihrem Fürfich fassen ins Auge das Seligmann'sche Gemälde:Hermes ge­leitet die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt", auf welchem die ernste, göttliche Schönheit des TodtenführerS und das lautlose Schweben der Schatten besonders zum Ausdruck kommt, und das dramatisch bewegte E. Marx'sche Loki und Sipyn", das nordische Pendant zur griechischen Prometheussage- der bange, sorgende Zug in den Mienen des Weibes, das bemüht ist, dem gefesselten Gatten die auf ihn niedersallenden Gisttropfen fernzuhalten, ist vom Maler mit innerer Antheilnahme dargeftellt. Schlichte, naive Märchenstimmung lebt in den Bildern von Paul Mohn.

In drei Wandgemälden, besttmmt für das RathhauS zu Erfurt, hat Ed. Kaempffer den phantastischen Gehalt der Faustsage in Uebereinstimmung mit der volksthümlicheu Überlieferung auszudrücken vermocht.

Den Eindruck eines großen Wollens und kraftvollen Könnens gewinnt man beim Anblick derAllegorischen Dar­stellung der Industrie" durch Hugo Vogel: die Industrie, unter dem Schutze der von der Wehrkraft gehaltenen Reichs- frone, übergibt Arbeitern ihre Werkzeuge. Es ist ein Triumphlied der Arbeit, das hier in Farben vor uns auf- fteigt, und seiner ganzen Auffassung nach ein optimistisches Gegenstück zu den Bittern und Bildwerken, welche die beklagenSwerthen Opfer des Werktagmühens verewigen.