Ausgabe 
7.12.1894 Erstes Blatt
 
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1894

?lr. 287 Erstes Blatt. Freitag den 7. Tecember

Der Kteßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

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Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Dorm. 10 Uhr^

Hratisöeikage: chießener Kamitienbkätter.

Alle Annoncen>Burcaux des In- und Auslande- nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeg«.

Anrtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des GroßherzogthumS; hier aus Anlaß des Frühjahrs-Pferde- markts zu Friedberg.

Der Ortsvorstand zu Friedberg beabsichtigt mit dem am 26. und 27. Februar 1895 zu Friedberg abzuhaltenden Frühjahrspferdemarkt eine Verloosung von Pferden, Fohlen und sonstigen Gegenständen zu verbinden.

Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Ver­loosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 12 000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60°/o des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenftänden zu verwenden sind.

Der Vertrieb der Loose im Großherzogthum ist ge* stattet.

Gießen, den 5. December 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutscher Reichstag.

1. Sitzung. Mittwoch den 5. December 1894

(im alten Reichstagsgebäude).

Am Bundesrathsttsche: Reichskanzler Fürst Hohenlohe, Staats- fecretäre v. Marschall und v. Böittcher, Minister Dr. Miquel, d Berlepsch, v. Hawmerstetn, v. Keller und Schönstedt.

Präsident v. Levetzow eröffnet die Sitzung mit der Mit- tbeiluug, daß der Etat nebst dem Colonialetat eingegangen ist. Die Umsturzvorlage ist noch nicht etngegangen.

Der Namensaufruf eraiebt dteAnwefenheit von 333 Abgeordneten.

Die nächste Sitzung findet morgen 1 Uhr im neuen Hause statt. Mit der Tagesordnung: Wahl deS Präsidiums und schleunige An- träga auf Einstellung der gegen die Abgeordneten Schippel, Herbert und Hirsche! schwebenden Strafverfahren.

Hierauf nahm Präs. Levetzow Abschied von bemalten Hause, in welchem der Reichstag unter dem Präsidenten Stmfon am 16. Octoder 1871 feine erste Sitzung abhielt. 21 der Herren, die damals hier anwesend waren, gehören noch heute dem Reichstage an: die Abg. Bebel, v. Benda, Dr. v. Bennigsen, Bock (Aachen), Dr. Böhme, a Gerlacb, v. Grand Ry, Dr. Hammacher, v. Heeremann, o. Kalkstein, v Kardorff, v. Kehlen, Cender, Dr. Lieber, Lingens, Marquardsen, Richter, Rudolphi, Stein, o. Stumm und Uhden. Es sind viele von den Männern, die damals hier tagten, zu ihren Vätern gegangen. Wie oft haben wir nicht das Andenken Geschiedener durch Erheben von den Plätzen ehren müssen. Als der Reichstag dies Haus bezog, war die Begründung des Reichs abgeschlossen. Aber der legislative Ausbau des Reichs vollzog sich hier. Ich erinnere an die Justiz- aesetze, die socialen Gesetze, diejenigen zur Stärkung der Wehrkraft und der Finanzen, die Handels- und Wtrthfchaftepoltttk, die Ver­fassung und Verwaltung der Reichslande. Hier erhielten wir die das ganze Vaterland tief erschütternde Kunde von dem Ableben des alten Kaisers Wilhelm, des Gründers des deutschen Reiches. Hierher wurden wir berufen, als der überall schmerzlich empfundene früh­zeitige Tod des Kaisers Friedrich eingetreten war und des jetzigen Kaisers Majestät die Regierung übernahm. Wie überall, so haben auch in diesem Hause gute und böse Tage gewechfilt. Oft war der Redekampf erregr, die Arbeit fchwer, aber stets hat über uns die Fahne des Reiches, zu der wir halten, geweht. (Beifall.) Scheiden thut immer weh, und deshalb scheiden wir auch heute nicht ohne Wehmuth. Nie, meine Herren, werde ich selbst es vergessen, daß der Reichstag nie, zu keiner Zett, es an Nachsicht mir gegenüber hat fehlen lassen. Mit dem Ausdruck des DankeS hierfür schließe ich diese Sitzung und dieses Haus.____________

Neueste Nachrichten

Wolff« telegraphische« Sorrespandenz-Buren».

Berlin, 5. December. Die Eröffnung desReichs - tageS vollzog sich im Rittersaale des Schlaffes- etwa 200 Abgeordnete waren anwesend. Um 11 x/2 Uhr traten die Mitglieder des Bundesraths ein, geführt vom Reichs- kanzler. Als der Kaiser in der Uniform der GardeS du CorpS den Saal betrat, brachte Levetzow ein dreimaliges Hoch aus. Der Kaiser verneigte sich dankend, bedeckte das Haupt mit dem Helm und verlas die Thronrede. Die Stellen, die von dem Schutz der schwächeren Klaffen handeln, wurden von lebhaftem Beifall begleitet, ebenso die Ankündigung des Ge­setzes über Entschädigung unschuldig Verurtheilter, des Börsen» gesetzes und der Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs. Die Sätze über die Friedensausstchten verlas der Kaiser mit erhobener Stimme. Nach der Verlesung brachte der baye­rische Bundesrathsbevollmächtigte ein dreimaliges Hoch auf den Kaiser aus, der nach einer Verneigung den Saal verließ.

Berlin, 5. December. Zu dem Banket im neuen Reichstagsgebäude waren die Reichstags-Abgeordneten zahlreich erschienen. Auch viele Mitglieder des Bundesraths und Minister waren anwesend. Präsident v. Levetzow hieß die Gäste, besonders die Mitglieder des BundesratheS und

Wallot, willkommen. Herr v. Bötticher trank auf die Fort­dauer der guten Beziehungen des BundeSrathS zum Reichs- tage. Wallot dankte mit einem Hoch auf das deutsche Parlament.

Berlin, 5. December. DerPost" zufolge schließt der ReichSetat für 1895/96 in Ausgabe und Einnahme mit Mark 1,247.256,063 ab. Bet den Ausgaben en,fielen Mk. 1,100,554,613 auf fortdauernde, Mk. 98,844 584 auf die einmaligen ordentlichen, Mk. 47,856,866 auf die außer­ordentlichen Ausgaben.

Berlin, 5. December. Die heutige Sitzung der Medi- ctnischen Gesellschaft brachte blos den Beginn der Diphtherieserum-Debatte, worin aber Virchow die Serumbehandlung vertheidigte. Profeffor Bergmann als erster Redner berichtete, seine vor drei Jahren auf Behrings Beraulaffung an Thieren und Menschen unternommenen Ver­suche seien ungünstig ausgefallen, ebenso die mit Antitorin gegen Starrkrampf. Erst diesen Sommer hätten ihn Virchows Berichte zu neuen versuchen ermulhigt. Er wolle aber seine Erfahrungen erst nach Jahresablauf mittheilen. Bergmann bekannte sich als Anhänger der Lehre des Löffler'schen Diph- iheriebazilluS. Diel entschiedener trat Virchow für die Serum­behandlung der Diphtherie ein. Er lasse die Bazillusfrage auf sich beruhen, aber die auffallende Abnahme der Mortalität in den Wochen nach der Einspritzung und die zunehmende Sterblichkeit während des AussetzenS der Serumbehandlung seien nach der Statistik des Kaiser- und Kaiserin-Friedrich- Krankenhauses brutale Thatsachen, die den Arzt verpflichten, das Mittel weiter zu versuchen, zumal die schädigenden Wirkungen nahezu verschwindend gering seien. Die immuni- sirende Wirkung des Mittels dagegen sei sehr unsicher. Die Fortsetzung der Debatte erfolgt in der Sitzung am nächsten Mittwoch.

Kopenhagen, 5. December. Der Justizminister erließ eine sofort in Kraft tretende Verfügung, wodurch die ange­ordneten Maßregeln gegen Einschleppung ansteckender Krank­heiten aus den russischen Häfen am finischen Meerbusen, aus den Ostsee- und den niederländischen Häfen und aus London aufgehoben sind.

Rom, 5. December. Kammer. In seiner Antritts­rede richtete der Präsident an die Deputirten in warmen Worten die Aufforderung zur Emigkeit und Versöhnlichkeit, damit die Vaterlandsliebe der Kammer in gemeinsamer Arbeit zum obersten Wohle des Vaterlandes in hellem, reinem Lichte erstrahle.Ebenso," fuhr der Präsident fort,wie das Ge­fühl der Solidarität der civilisirten Völker den feierlichsten Ausdruck in dem allgemeinen Andenken an Carnot und in dem dem dahingeschiedenen Czaren bewiesenen Vertrauen findet, so soll auch daS Gefühl unserer nationalen Solidarität sich am würdigsten in dem gemeinsamen Schmerze über das Un­glück, wovon kürzlich einige unserer südlichen Provinzen be­troffen wurden, kundgeben."

Petersburg, 5. December. Seitens des FtnanzministerS wurde der Beginn des Müllerei-Congresses auf den 12./24. Januar 1895 festgesetzt. Das Programm enthält die Frage einer Erweiterung des Mehlexportes.

Paris, 5. December. Die Angelegenheit Dreyfuß wird am 19. December vor dem Kriegsgericht verhandelt.

Hiroshima, 5. December. Reuter-Meldung. Depeschen des Marschalls Uamagata berichten über mehrere Schar­mützel zwischen Chinesen und den die Mandschurei auf­klärenden japanischen Truppentheilen. Eine chinesische Ab- theilung griff am 15. November die Japaner bei Sokako an und brachte denselben einen Verlust von 40 Todten bei. Am 20. November zwangen die Chinesen die japanische Infanterie bei Kwantien zum Rückzüge. Dagegen griffen die Japaner am 30. November die Chinesen bei Sokako an und die Chinesen zogen sich unter Zurücklaffung von 25 Verwundeten zurück. Die Japaner marschiren gegenwärtig nach Antong am Ialufluffe zurück.

Depeschm de« Bureev .Herolds

Berlin, 5. December. DemReichsanzeiger" zufolge wurde Baurath Wallot in Dresden der Character eines geheimen Bauraths, dem Baurath Wilhelm Haeger in Berlin der Rothe Adlerorden dritter Klaffe mit Schleife und dem Bildhauer Widemann in Frankfurt der Kronenorden vierter Klaffe verliehen.

Berlin, 5. December. DerReichsanzeiger" dementirt die Blättermeldung, wonach die Kgl. Generallotteriedirection sowie die Lotterieeinnehmer angewiesen worden seien, alle Personen, von welchen sie erfahren, daß sie in auswärtigen Lotterien spielen, anzuzeigen.

Berlin, 5. December. Wie dieKreuzztg." vernimmt, ist der Director der Colonialabtheilung des Auswärtigen

Amtes, Regierungsrath Dr. Kaiser zum preußischen Bundes rathsbevollmächtigten ernannt. Der vorjährige Wäh- rungSantrag und der Antrag Kanitz, in dem sich in der Fraction eine viel weiter gehende Einigkeit als in dem vorigen Jahre ergab, soll erst noch in der Freien wirthschaft- lichen Vereinigung deS Reichstages besprochen werden.

Berlin, 5. December. Es verlautet, mit dem Bau des neuen TorpedohafenS am Nordostseecanal werde demnächst begonnen.

Berlin, 5. December. Hier verlautet, daß der comrnan» dirende General des sechsten ArmeecorpS, v. Lewinski, zurücktreten will und durch bcn Erbprinzen von Mei­ningen ersetzt werden soll.

Berlin,5. December. Die Schlußsteinlegung deS neuen Reich S t ag sg ebätid e s ist heute Mittag um 1 Uhr in feierlicher Weise von Statten gegangen. Dem feierlichen Acte wohnten das Kaiserpaar, alle Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen HauseS, der Reichskanzler Fürst von Hohenlohe, sämmtliche Minister, viele Reichstagsabgeordnete und die' Vertreter der Stadt bei. Zunächst ergriff der Reichskanzler Fürst von Hohenlohe das Wort und verlas die Urkunde, welche sodann in den Schlußstein gelegt wurde. Dieselbe lautet:Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser und König von Preußen, thuen kund und geben zu wissen, daß Wir beschlossen, im Namen der Fürsten und freien Städte des Reiches in Gemeinschaft mit den verfaffungSmäßigen Vertretern des deutschen Volkes den Schlußstein zu dem Hause zu legen, in welchem die gesetzgebenden Körperschaften fortan ihrer Arbeit walten sollen. Der erhabene Gründer deS Reiches, Kaiser Wilhelm 1, welcher am 9. Juni 1884 den Grundstein legte, hat die Vollendung des Werks nicht mehr schauen dürfen und auch sein ruhmgekrönter Sohn, Kaiser Friedrich, ist nach Gottes Rathschluß von uns abgerusen worden. Wie Wir daS Gedächtniß dieser unserer Vorfahren in der Kaiserwürde dankerfüllten HerzenS segnen, so wird, deffen find Wir gewiß, ihr Andenken für alle Zeit im deutschen Volke fortleben. Zehn Jahre mühevoller Arbeit sind über der Errichtung des Baues dahingegangen- zur Ehre deS geeinten Vaterlandes erhebt er sich, festgefügt durch deutsche Hände, ein Zeichen deutschen Fleißes und deutscher Kraft. So soll er nunmehr seiner Bestimmung übergeben werden. In seinen Räumen walte tiet Geist der Gottesfurcht, der Vaterlandsliebe und der Eintracht. Dieser Geist erfülle die Männer, welche berufen find, hier des Reiches Wohlfahrt zu fördern. Es bleibe der Bau ein Denkmal der großen Zeit, in welcher als Preis des fchwer errungenen Sieges da» Reich zu neuer Herrlichkeit entstanden ist, eine Mahnung dem künftigen Geschlechte zu unverbrüchlicher Treue in der Pflege deffen, was die Väter mit ihrem Blute erkämpft haben. DaS walte Gott. Die gegenwärtige Urkunde haben Wir in zwei Ausfertigungen mit Unserer allerhöchsteigenhändigen Unter­schrift vollzogen und mit Unserm größeren kaiserlichen Siegel versehen laffen. Wir besehlen, von diesen Aussertigungen die eine in dem Schlußsteine des Hauses niederzulegen, die andere in Unserem Archiv aufzubewahren. Gegeben in Unserer Haupt- und Residenzstadt Berlin am 5. December bei Jahres 1894. gez. Wilhelm, gegengez. Fürst Hohenlohe." Hierauf hielt ber bayerische Bundesbevollmächtigte Gras Lerchenfeld eine Ansprache, in deren Verlauf er dem Kaiser die Kelle reichte. Nachdem noch der Reichstagsabgeordnete und letztjährige Reichstagspräsident von Levetzow eine An­sprache gehalten hatte, reichte et- dem Kaiser den Hammer. Der Monarch schlug dreimal dröhnend auf den Stein und rief mit weithin hörbarer Stimme:Pro Gloria et Patrial* Nach dem letzten Hammerschlag brachte von Levetzow ein Hoch auf den Kaiser aus. Sodann intonlrte bi; Musikcapelle bte Nationalhymne. Den Schluß bilbete ein'Rundgang de« Kaisers nebst Gefolge burch ble Räume bes Gebäubes unter Führung bes Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe und be« Staatsfecretärs v. Bötticher.

Frankfurt a. M., 4. December. DerFrankfurter Zeitung" wurde ber Postbebit für Oesterreich- Ungarn, sowie überhaupt für bie im Reichsrathe ver­tretenen Länber entzogen. Diese Maßregel wird in beteiligten Kreisen auf einige scharfe Artikel bes Wiener L.-Correspondenten bes genannten Blattes zurückgesührt.

Wien, 5. December. Im Abgeorbnetenhause würbe heute bie Beibehaltung ber Todesstrafe mit 148 gegen 66 Stimmen beschlossen.

Wien, 5. December. DerPolit. Corr." geht auS Paris bte Melbung zu, wonach die französische Regierung eine wesentliche Verstärkung des EffectivbestandeS der 18 an der Nord- und Westgrenze stationirten Jnfanterie- regimrnter verfügte.