Freitag den 7. September
Nr. 209
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folgenden Tag erscheinenden Nummer bi3 Borm. 10 Uhr. I c? D ig ö
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Aintlicher Theil.
Bekanntmachung.
Nach den hier eingegangenen neueren Nachrichten sind einige, wenn auch leichte neue Erkrankungen an asiatischer Cholera in dem Dorfe Bürgeln vorgekommen. Da unter den gegebenen Umständen die Möglichkeit vorhanden ist, daß von den Krankheitsfällen Jnfectionsstoff in die Lahn gelangt ist, so sehen wir uns veranlaßt, vor dem Baden in der Lahn, dem Spülen der Wäsche in derselben, wie überhaupt vor jeder Benutzung deS Lahnwassers, bei welcher Theile desselben in den Mund gelangen können, bis auf Weiteres dringend zu warnen.
Gießen, 5. September 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Melior.
Gießen, am 6. September 1894. Betr.: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 5. September 1893 — Gieß. Anz. Nr. 210 — sehen wir der alsbaldigen Vorlage der Reoisionsberichte bezüglich derjenigen Bauten entgegen, an denen die Rauhbaurevision ftattgefunden hat (vgl. § 101 Abs. 4 der Ausführ. V. O. v. 1. Febr. 1882).
I. V.: Dr. W ü st.
Bekanntmachung.
Nach Beschluß des Ausschusies des landwirthschaftl. Bezirksvereins soll in diesem Herbst der Bezug von Beselers Weizen durch den landwirthschaftl. Bezirksverein vermittelt werden.
Von diesem Weizen sind von Herrn O. Beseler auf Klostergut Weende dem landwirthschaftl. Bezirksverein
100 Kilogramm. . . . zu 23 Mk.
1000 Kilogramm. . . . zu 200 Mk. angeboten und bei Bestellung von 5000 Kilogramm eine weitere Preisermäßigung in Aussicht gestellt werden.
Es wird dies unter dem ergebenen Anfügen zur Kenntniß der Herren Landwirthe gebracht:
1. daß in dem Voranschläge des landwirthschaftl. Bezirksvereins 1894/95 — 200 Mark — zur Deckung der Transportkosten für Saatfrucht in Ausgabe vorgesehen sind und daß bei Bestellungen von Mitgliedern des landwirthschaftl. Bezirksvereins die Kosten des Transportes der Saatfrucht bis zur Eisenbahnstation Gießen, Lang-Göns, Hungen und Grünberg auf die Bezirks- vereinskasie übernommen werden;
2. daß Bestellungen von Landwirthen, welche nicht Mit
glieder des landwirthschaftl. Bezirksvereins sind, ebenfalls ausgeführt werden.
Dieselben haben aber, wenn sie nicht vorher noch Mitglieder des landwirthschaftl. Bezirksoereins werden und sich zu diesem Behufe bei dem Unterzeichneten anmelden sollten, den vollen Kostenbetrag für Ausführung ihrer Bestellungen zu vergüten;
3. daß die Herrn Landwirthe, welche diesen Weizen durch Vermittlung des landwirthschaftl. Vereins zu beziehen wünschen, ihre Anmeldungen längstens bis zum 20. d. M. bei dem Unterzeichneten einzureichen haben;
4. daß die Zahlung des Kaufpreises bei Empfang der Saatfrucht alsbald zu erfolgen hat;
5. daß irgend eine Garantie von Seiten des landwirthschaftl. Bezirksvereins selbstverständlich nicht übernommen wird. Die Angebote der Saatstelle der deutschen Landwirth- schafts'Gesellschaft zu Berlin sind ebenfalls eingelaufen und können bei dem Unterzeichneten von den Herren Landwirthen eingesehen werden.
Die Herren Bürgermeister werden ergebenst ersucht, vorstehende Bekanntmachung in Ihren Gemeinden veröffentlichen zu lasten, Anmeldungen entgegenzunehmen und solche bis zum 20. v. M. einzusenden.
Gießen, den 3. September 1894.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins. Carl Jost.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. September. Die Angaben über den Zeitpunkt des Beginnes der parlamentarischen Wintersessionen im Reiche und in Preußen lauten noch immer schwankend. Neuerdings weiß die „Nationalzeitung" zu melden, daß die Einberufung des preußischen Landtages für Mitte Januar zu erwarten stünde. Sollten sich diese Angaben bestätigen, so würde der Zusammentritt des Reichs- Parlamentes auch diesmal wieder verhältnißmäßig spät im Jahre erfolgen, es scheint nun einmal, als ob eine frühere Einberufung des Reichstages, etwa Ende October, nicht zu ermöglichen wäre. Offenbar befinden sich die nöthigen Vorarbeiten für die nächste Reichstagssession noch einigermaßen im Rückstand, was namentlich auch von den im Reichsschatz- amte in Ausarbeitung befindlichen Steuervorlagen gilt, denn dieselben sollen noch keineswegs so gut wie fertiggestellt sein, wie von manchen Seiten bereits berichtet worden ist. Daher ist denn auch von einem baldigen Zusammentritte des Bundesrathes noch keine Rede, jedenfalls wird der Bundesrath seine Berathungen nicht am 16. September wieder aufnehmen, wie verschiedene Blätter berichtet hatten, sondern erst zu einem spätem Zeitpunkte, lieber den Stand der Frage einer Beschränkung des Vereins- und Bersammlungs- rechtes liegt nichts wesentlich Neues vor,- inwiefern die Muthmaßung zutrifft, wonach die am letzten Sonntag stattgefundene längere Conferenz des Kaisers mit dem Minister
präsidenten Grafen Eulenburg sich auf diese Angelegenheit bezogen habe, zutreffend ist, bleibt abzuwarten.
— Die Untersuchun g gegen Kanzler Leist und Assessor Wehlau wegen der diese beiden Colonialbeamten bclastenden Vorgänge in Kamerun ist in letzter Zeit eifrig gesördert worden. Es soll sich hierbei soviel belastendes Material ergeben haben, daß die Erhebung der sörmltchen Anklage gegen Leist und Wehlau vor dem kaiserlichen Dtsciplinar- gerichtshof bestimmt zu erwarten steht.
Au-land.
— Am Dienstag fand tif®enf die Eröffnung des internationalen Orientaliften-Congresses, auf welchem auch 14 Regierungen und 97 Universitäten vertreten sind, statt, und am gleichen Tage wurde in Haag die interparlamentarische Frtedensconferenz eröffnet. Letzere ist das Gegenstück zu dem jüngst in Antwerpen stattgefundenen internationalen Friedenscongreste, sie wird aber wohl ebensowenig etwas practisches Verwerthbares zu Stande bringen, als dies der Antwerpener Congreß zu thun vermochte.
— Im griechischen Heere müssen recht seltsame Zustände herrschen. Hiervon zeugen namentlich die wahrhaft vandalischen Ausschreitungen, welche Offiziere und Mannschaften der Athener Garnison in den Bureaux der Zeitung „Akropolis" begangen haben, angeblich, weil von letzterer ein abfälliger Artikel gegen das Heer gebracht worden war. Die griechische Regierung nimmt diesen allerdings auch unerhörten Vorgang sehr ernst, sie hat eine strenge Untersuchung wider die Schuldigen eingeleitet und den General KaraiSkakt zur Disposition gestellt, den Platzcommandanten von Athen aber bestraft, weil Beide die Haltung der in die Affaire verwickelten Offiziere gebilligt hatten. Infolge dieses strengen Auftretens der Regierung gtebt sich im Athener Offiziercorps große Erregung kund.
Neueste Nachrichten»
Wolffs telegraphisches Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 5. September. Nach der Veröffentlichung des Kaiserlichen Gesundheitsamts sind in Deutschland in der Zeit vom 27. August bis zum 3. September Mittags 53 Erkrankungen und 21 Todesfälle an Cholera vorgekommen. Davon entfallen auf die Provinz Ostpreußen 6 Erkrankungen und ein Todesfall, auf das Weichselgebiet 24 bezw. 11, auf das Netze- und Warthegebiet 7 bezw. 3, auf das Odergebiet 2 bezw. 2, auf Oberschlesien 1 bezw. 1, auf Hessen-Nassau 12 bezw. 3, auf die Rheinprovinz eine Erkrankung.
Königsberg, 5. September. Die heutige Parade ist glänzend verlaufen. Nach der Ankunft auf dem Paradefelde ritt der Kaiser die beiden Treffen ab und zwar das zweite in schnellerer Gangart. Bei den beiden Vorbeimärschen führte der Kaiser dem Könige von Sachsen und der Kaiserin daS
Feuilleton.
HochsommerM in Berlin.
Briese aus der RetchShauptftadt für den „Gießener Anzeiger".
n.
Gemäldeausstellung.
Dr. M. Die große Kunstausstellung dieses Jahres bietet zu hitzigen Discussionen, überschwänglichem Enthusiasmus und übertriebenem Verketzern wenig Anlaß- sie steht nicht im Zeichen deS Kampfes, sie gewährt auch keinen Maßstab für den inneren Werdeproceß der bildenden Künste in der Gegenwart, weil das überraschend Kühne, das verblüffend Neue und Extreme von ihr so ziemlich ausgeschlossen geblieben ist. Aber dennoch geht man entschieden fehl, wenn man ihr deß- halb den Character deS Mittelmäßigen und der Durchschnitts- manier zusprechen möchte.
Der hervorstechendste Zug in dieser Berliner Ausstellung ist der auffallende Reichthum an Werken ausgeglichener, harmonischer Künstler schäft. Fast auf allen Gebieten find solche zu verzeichnen, wenn auch meines Erachtens daS Portrait die feinsten und vielseitigsten Talente aufweist.
Vier, fünf Stunden find eine gar kurze Frist, um die Haupt- und Nebensäle dieser Ausstellung zu durchwandern. Aber auch schon die erste, flüchtige Uebersicht dürfte zu einigen Betrachtungen allgemeiner Natur führen. Der Deutsche, wie der Ausländer muß auS den Motiven, die hier von .Malern und Bildhauern zur Verarbeitung gelangt find, so
fort die Anschauung gewinnen, daß wir eine Nation sind, die nicht minder stolz auf die Errungenschaften des Krieges, wie die des Friedens ist, und daß alles, was ihr als historisch merkwürdig und der Verewigung werth erscheint, am liebsten die Gestalt des sieghaften Feldherrn, des Sieges- denkmalS, des Schlachtenbildes aunimmt.
DaS für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal zu Stettin ausgestellte Modell von Karl HilgerS erinnert an Michel Angelo'sche Idealvorstellungen. In dem Standbild Kaiser Friedrichs ÜI. von Fritz Heinemann ist das Characteristische der Persönlichkeit stark betont. Nicht weniger glücklich in der Auffassung ist Harro Mag aussen in seiner polychrom behandelten Büste des Fürsten Bismarck.
Das Portrait Kaiser Wilhelms II. von Th. Ziegler, welches den Monarchen in der Cürassieruntform zeigt, ist ein flottes Repräsentationsbild. Tiefer gegriffen ist das Bild des Kaisers von der V. Parlaphy, auf welchem der Herrscher die rothe Husarenuniform trägt. Bei einigen Kritikern scheint es Sitte geworden, über die Parlaphy herzufallen, aber das hindert nicht, daß sie auS den künstlerischen Wettkämpfen doch immer mit Lorbeer gekrönt hervorgeht. Ihr Caprivi'Portrait ist vielleicht etwas nüchtern ausgefallen, dagegen zeigt sich ihre ganze Meisterschaft in dem Bildniß deS ErzbtschofS von Gnesen und Posen, auS besten Zügen uns die Intelligenz eines modernen Kirchenfürsten entgegen- leuchtet.
Von FranceSca Sindici (Rom) ist ein lebensvolles Reiterbild von König Humbert von Italien ausgestellt. Karl Saltzmann führt Kaiser Wilhelm als Seefahrer
vor, an Bord des „Duncan Grcy". Abgesehen von dem exacten WicklichkcitSstudium liegt auch noch Stimmung in dem Bilde.
Das Künstler- und Dichterportrait ist besonders reich auf dieser Ausstellung vertreten. In erster Linie kommt da die prächtige Büste des Prosestor KnauS von Otto Lessing. Wir finden ferner die Portraits Sudermanns und FuldaS von Wilh. A über len- ersteres ist etwas zu alt gerathen- der Dichter muß in dastelbe erst hineinwachsen. Rich. Scholz aus Frankfurt a. M. verdient Erwähnung mit seiner markanten Wiedergabe deS Schauspielers Hermann als Shylock.
Die Frauen brillieren auf der ganzen Linie mit einer Reihe äußerst gelungener Portraits. Da ist Flora Marcusy (Berlin) mit einem trefflichen Knabenbildniß, Käthe Junker (Dresden) mit einer Kinderstudie, Gräfin Marie von Kalkreuth mit dem Portrait des Profestors Franz von Holtzendorff, Marie Dumftrey, Marie Pinoff, Elisabeth Lüderitz-Poppe mit eleganten Damenportraits, welchen man den Chic der großen Welt anfieht.
Ein besonderes Interesse gewähren die Portraits von Bertha Wegmann (Kopenhagen), denen auch ein großer Raum zugebilligt worden ist- sie lassen auf ein sehr selbstständiges Künstlernaturell schließen, auf ein Talent, das Dinge und Menschen auf seine eigene Art beobachtet.
(Schluß folgt.)


