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Nr. 130 Erstes Blatt. Donnerstaq den 7. Juni 1894
Gießener Anzeiger
Keneral-Anzeiger
Amts- uttb Zlnzeigeblatt für den Nreis <fiicRcn.
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Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
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Amtlichem Theil
Neueste Nach<^chten.
Wolfs» telegraphische» Sorrespondenz- Bureau.
Berlin. 5. Juni. In der Audienz, welche Se. Majestät der Kaiser heute Vormittag dem Obermarschall im Königreich Preußen, Grafen Richard zu Eulenburg-Prassen ertheiltc, hat Allerhöchstderselbe die Vorschläge deü ostpreußischen Denk- mal-ComitLö bezüglich der Einzugs- und Enthüllungsfestlich feite» in Königsberg i. Pr., welche definitiv auf den 4. Sep tember festgesetzt wurden, im Großen und Ganzen genehmigt. Die einzelne» Details der Festlichkeiten werden noch näher fcstgestellt werden.
Berlin, 5. Juni. Wie der „Reichsanzeiger" meldet, ist der Major ä. la suite deö Kaiser Franz-Gardc-Grenadler- Regiments, commandirt zum Auswärtigen Amt, Louis Otto Ebmeyer geadelt worden.
Dresden, 5. Juni. Der achte ordentliche Berufs genossenschaftstag wurde unter zahlreicher Bethciligung durch den Abgeordneten Rösike eröffnet. Handelsministcr Jacob-Berlin reserirte über die zu erwartende Unsallver- sicherungsnovellc. Staatssecretär v. Bötticher theilte mit, daß die betreffenden Gesetzentwürfe gegenwärtig den verbündeten Regierungen vorliegen. Nach Ueberreichung an den Bundcsrath sollen sie auch dem Berufögenoffenschastsverbande zugchcn. Die Versammlung beschloß, nach Bekanntgabe der Gesetzentwürfe einen außerordentlichen Berufsgcnossenschaftstag in Berlin einzubcrusen.
Karlsruhe, 5. Juni. Der Gr o vH erzog hielt auf dem Kriegertaae des Oosgau - Militärverbandes in Baden-Baden eine Ansprache, in welcher er für den Toast des Verbands- Vorsitzenden dankte und dann auSführte: „Ich komme auf die Zeit meines Eintritts in die Armee zu spreche», weil die Erinnerung daran au die jüngere Generation eine Mahnung enthält. ES war 1842, als ich das OsfizierSpatent erhielt, und schon wenige Jahre später war Alles zerstört, was vorher geschaffen wurde, weil sich ein Geist kundgab, der sich nicht vereinbaren wollte mit der staatlichen Ordnung. Der Geist der Unterordnung ist absolut nöthig und da sänge ich bei mir an. Man muß sich unterzuordnen wissen unter die große Gemeinschaft. Nur wenn man selbstlos ist, vermag man etwas für das Ganze zu leisten." Der Grogherzog ging dann auf 1870 über und mahnte, die Gefühle, die uns damals zum Liege geführt, zu erhalten. Er beharre auf dem Worte, das er einmal gesprochen, trotzdem e» vielfach mißverstanden worden sei: „Man müsse den Weg der Ehre gehen." Der Großherzog schloß mit einem Hoch auf daS Vaterland.
Lemberg, 5. Juni. Die galizifche Landes-Ausstellung ist heute im Namen des Kaisers von dem Erzherzog Carl Ludwig feierlich eröffnet worden.
Depeschen de» Bureau «fceroft-.
Berlin, 5. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffuitlicht das Gesetz, betreffend die Aufhebung der im Geltungsbereich
des Rheinischen Rechts bestehenden Vorschriften über die in die Geburtsregister einzutragenden Vornamen.
Berlin, 5. Juni. Der ReichScommiffar Major v. Wiß- mann ist, der „Kreuzzeitung" zufolge, von Florenz auS durch Oberitalien und die Schweiz gereist und in Konstanz eingetroffen. Dort wird er voraussichtlich einige Zeit bleiben, um sich einer Akklimatisations-Kur zu unterziehen.
Berlin, 5. Juni. AuS der Montags - Sitzung der WährungS-Enquete-Commission wird noch Weiteres bekannt: Der Staatssecretär Graf PosadowSky gab die Er- klärung offiziell ab, daß die Commissionssitzungen am Milt- woch ihren Abschluß finden würden. An die Vernehmung der bergmännischen Sachverständigen knüpfte sich eine eingehende Generaldebatte, in welcher bezüglich der Gutachten über die Production der Edelmetalle die Meinungen auseinandergingen. Einer der Sachverständigen, Proseffor Sueß-Wien, ist vom preußischen Finanzminister Dr. Miquel in einer besonderen Audienz empfangen worden. — Die Commission trat heute (Dienstag) Mittag 1 Uhr wieder zusammen.
Berlin, 5. Juni. Der „Nationalzeitung" wird auS FriedrichSruh telegrafiert: Uebcr die Reisepläne des Fürsten BiSmarck ist bis jetzt nichts Bestimmtes festgesetzt. Ein Bad soll in diesem Jahre nicht besucht werden. Der Fürst wird für einige Zeit »ach Darzin gehen und dann hierher zurückkehren. Die Reise soll erst in der zweiten Hälfte des Juni erfolgen. Wahrscheinlich wird der Fürst dieses Mal nicht über Berlin, sondern über Neubrandenburg-Stettin fahren.
Berlin, 5. Juni. Der „Nationalzeitung" wird aus FriedrichSruh gemeldet, Fürst BiSmarck leide feit einiger Zeit wieder an Gesichtsneuralgie, trotzdem fei er gestern anSgeritten.
Berlin, 5. Juni. Nach der „Post" tritt der Reichskanzler Graf Caprivi feinen Urlaub erst im Spätsommer an. Er verbringe denselben wahrscheinlich in Karlsbad- seine Gesundheit sei gegenwärtig vortresflich.
Berlin, 5. Juni. Im ReichSamte des Innern sind Vorarbeiten im Gange, um eine neue zuverlässige Sammlung der Zolltarife unter Berücksichtigung aller Bestimmungen über Ursprungszeugnisse und sonstige Ersorderniffe bei der Einfuhr zu veranstalten.
Thom, 5. Juni. In Schilno sind keine weiteren Cholerafälle mehr vorgekommen. Alle Angehörigen der an Cholera Verstorbenen werden ärztlich überwacht. ES hat sich herauSgestellt, daß die Gestorbenen Weichselwaffer getrunken hatten.
Wien, 5. Juni. Nach der „Wiener Allgem. Zeitung" hat der Handelsminister an die hiesige Productenbörse einen Erlaß gesandt, worin er dieselbe auffordert, den Beschluß, den Wiener Saatenmarkt in diesem Jahre nicht statt- finden zu laffen, wieder aufzuheben und den Saatenmarkt doch abzuhalten.
Wien, 5. Juni. Nach einer Meldung der „Politischen Correspondenz" auS Rom ist die Nachricht unbegründet, daß sich die italienische Regierung mit der Frage beschäftige, ob die schweizerische Befestigung deS St. Gotthardt eine Gefahr für die Ostgrenze Italiens bilde und ob diese Fortification Gegenbesestigungen nothwendig mache.
Budapest, 5. Juni. Die Audienz WekerleS beim Kaiser heute Morgen dauerte eine Stunde.
Budapest, 5. Juni. Heute Nachmittag wurden Ludwig TiSza und Koloman Szell zum Kaiser berufen.
Budapest, 5. Juni. Die Situation ist noch immer unverändert. Nachdem Wekerle in feiner heutigen Audienz beim Kaiser nicht mit der Bildung deS CabinetS beauftragt worden ist, wie fast allgemein erwartet wurde, beginnt die zuversichtliche Stimmung der Liberalen sehr berabzufinken.
Budapest, 2. Juni. Die Budapester Commercialbank offerirte Dr. Wekerle, falls er nicht fim Amte verbleibe, eine Stellung bei der Dank mit einer Dotation von 60,000 Gulden. — In parlamentarischen Kreisen verlautet, das Abgeordnetenhaus werde Wekerle an Stelle des zurücktretenden Banffy zum Präsidenten wählen.
Paris, 5. Juni. Nach Meldungen der heutigen Morgenblatter sind gestern zwei Cholerafälle im Neckerspital vorgekommen.
Paris, 5. Juni. In einer Monatsschrift sucht ein bekannter Advocat zu beweisen, der Graf von Shambord sei an Vergiftung gestorben. Der Artikel hat hier großes Aufsehen erregt.
London, 5. Juni. In liberalen Kreisen verlautet, Gladstone werde sich demnächst auch der Operation am zweiten Luge unterziehen und nach seiner Heilung sich wieder
Bekanntmachung.
Die Mitglieder de» zur Abstellung des Bettels gegründeten Unterstützungsvereins (Armenverein) in Gießen werden hierdurch auf
Dienstag den 12. Juni d. Js., Mittags 12 Uhr in das Regierungsgebäude zur jährlichen Generalversammlung eingeladen.
Tagesordnung.
1) Austritt der Hälfte der Vorstandsmitglieder und Neuwahl für dieselben.
2) Vorlage der Rechnung für das Jahr 1893.
3) Feststellung des neuen Voranschlags.
Gießen, den 5. Juni 1894.
Für den Ausschuß.
v. Gagern.
Deutsche» Reich.
Berlin, 5. Juni. DaS Befinden deS Kaisers nach der kleinen Operation an der linken Wange ist andauernd ein günstiges und erfreut sich Seine Majestät deS besten Wohlseins. Der Heilungsprozeß der Operationswunde nimmt einen durchaus normale» Verlauf und dürfte er in diesen Tagen völlig beendigt sein. ES ist deßhalb auch von der Ausgabe fernerer Bulletins Abstand genommen worden.
dem politischen Leben zuwenden, um die Partei nach dem nahe bevorstehenden fRücf tritt Roseberys am Ruder zu erhalten.
Der Siegener Bankkrach vor Gericht.
IV.
W. Biegen, 5. Juni.
Die heutige Sitzung wird um 9 Uhr eröffnet. ES wird der letzte Angeklagte, Kaufmann und Mühlenbesitzer Franz- Weidenau vernommen. DaS Geschäft gehörte Franz und FuchS und betrug daS GesellfchaftSverwögen 250000 Mk.
Vorsitzender: Maß machten Sie für Geschäfte? — Franz: Getreide- und Frucht-Geschäfte. — Vorsitzender: Haben Sie stets die gekauften Lieferungen abgenommen ? — Franz. Ja, bis auf die stornieren (rückgängig gemachten) :taufe. — Vorsitzender: ES geht doch aber auS den vor- fegenden Rechnungen hervor, daß Sie die gekauften Säcke Getreide von der Firma Hoya in Antwerpen birect wieder verkaufen ließen und nur die Differenz einstrichen oder bezahlten, also lediglich Differenzgeschäfte machten. — Franz bestreitet baß, nur 1892, als es schon sehr schlecht mit ihm fand, seien Differenzgeschäste gemacht worden. — Bor- itzender: Wie steht es denn nun mit den Börsendifferenz- geschäften in Berlin? (Die Sache nimmt nunmehr eine interessante Wendung.) — Franz: ES war im Sommer ober Herbst 1892, als Brüggemann zu mir kam und sagte, ich solle Gelb schaffen, tß lassen sich jetzt schöne Summen an ber Berliner Börse öerbtenen in Werthpapieren. Ich meinte, baß ich in solchen Sachen nichts mache, weil ich davon nichts verstehe, als jedoch später, nach Wochen, Brügge- man» wiederholt mir die Sache vorstellte, ließ ich mich überreden (der Angeklagte scheint in großer Erregung, muß ab* brechen und sucht, unter Zurückhaltung von Thränen, sich zu fassen), und schrieb an den Bankverein, daß er die Differenzgeschäfte machen könne unb für mich auf meinem Eonto verrechnen falle. Monate lang hörte ich nicht» von ben Börsengeschäften unb als ich bann einmal Brüggemann fragte, jagte er, eS fei nach nichts gemacht worben. ES war im April 1893, als mir Brüggemann eineß TageS sagte, el bestehe eine günstige Conjunctur unb jetzt könne man an ber Börse etwa» verbienen. Ich meinte, er solle nur recht vor- sichtig sein, wa» Brüggemann auch versprach. Nach einiger Zeit kam Brüggemann, sagte, eß sei schon etwaß oerbtent worben unb roieber nach einiger Zeit kam er roieber, mir anzeigenb, baß eß kleine Verluste gegeben unb baß ich selbe nun zu bescheinigen habe. Ich sah benn drei Rechnungen mit Verlusten von 7000, 8000 unb 20000 Mk. unb unter* schrieb biese alß richtig. Am Abenb beffelben Tage» kam Brüggemann wieber unb verlangte, weil bem Aussichtßrath das Anerkenntniß nicht genüge, noch eine Unterschrift unter eine kleine Rechnung- auch diese unterschrieb ich. Nachdem bei dem Bankverein bereits die FuchS'schen Wechsel liefen, ließ mich Biüggemann rufen unb sagte mir, ber Bankverein werbe Fuchs 500 000 Mk. Nachlassen unb bamit würben denn auch ein Theil meiner Differenzen gedeckt werden. „WaS," sagte ich, „Differenzen!" Nun wurde mir aber heiß bei dem Gedanken, was da vorliegen möge und ich lies weg. Ich habe diese Sache, so wie hier, auch gleich Schröder und Gimbel erzählt. Nach mehreren Wochen kam Brüggemann zu mir unb machte Notizen über meine Vermögensvorlage. Am anbern Morgen erschien er mit einer Ausstellung meiner Actioa unb Passiva, bie ich al» richtig burdj meine Unter* schrift anerkannte - die Activa waren richtig, sie bestanden auß den Auszeichnungen beß vorigen Tageß, bie Passiva, in benen sich auch über eine Million Differenzen befinben, wie ich später sah, find unrichtig, weil der Bankoerein keine derartigen Differenzforderungen an mich hatte- dennoch habe ich unter* schrieben, weil Brüggemann erklärte, wenn ich unterschriebe, (ihnen Fitch» & Co. mit 500000 Mk. Io», sonst müßten sie alle Wechsel bezahlen. Ich litt nun namenlos unter bem Gebauten, baß Fuchs so unschulbigerweise riesige Summen hingeben sollte unb so unterschrieb ich denn. Brüggemann fingirt nur, daß er für mich bereits früher Differenzgefchäfte gemacht hat, er hat bie Berbinbung mit meiner Firma mißbraucht unb ganz planmäßig gehanbelt. — Borsitzenber: Also Sie behaupten bestimmt, baß mit Ihrem Willen vor 1892 keine Differenzgeschäfte gemacht worben? — Franz: DaS behaupte ich mit aller Bestimmtheit. — Brüggemann: Alles baß ist nicht wahr. — Rechtsanwalt Dr. © i l b e r ft e i n: Ich stelle hiermit unter Beweis, daß entgegengesetzt ber Au* schauung, al» ob Franz niemals ber Speculant unb nur bie von Brüggemann verführte Unschulb gewesen, Franz unabhängig vom Bankverein in verschiedenen Städten Agenten lediglich zur Vermittelung von Diyerenzgeschäften unterhalten


