Ausgabe 
7.1.1894 Erstes Blatt
 
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Memoirenwerk umfasse 6f/s Baude. Der Fürst wünsche eine Veröffentlichung vor seinem Tode nicht.

Herbesthal, 5. Januar. Die erste Post von London über Ostende von heute ist ausgeblteben infolge heftigen Sturmes auf See.

Rom, ö. Januar. Seit heute früh herrscht hier bei großer Kälte starker Schneefall. Die telegraphische Verbindung mit den südlichen Provinzen des Festlandes und mit Sicilien ist unterbrochen.

Rom, 5. Januar. Das Decret, wodurch der Belage­rungszustand über Sicilien verhängt wird, ist etn- geleitet durch einen Bericht der Minister an den König, worin es heißt: Die Lage in Sicilien ist in der letzten Zeit infolge ter beklagenswerthen Nachlässigkeit der Behörden so ernst, daß gewöhnliche Maßregeln nicht genügen. Uwiffende, ver­blendete Volkshaufen, geführt von zu allen Verbrechen be­reiten Individuen, trugen die Unordnung in mehrere Gegenden, begingen Plünderungen, Brandstiftungen, Morde und Raube reien. Gegen ein so außergewöhnliches Uebel, wie das nichts­würdige Vorgehen der Feinde des Vaterlandes, sind außer­gewöhnliche Mittel nöthig. Klar ist, daß ein Comite vor­handen ist, das unter Mißbrauch der constitutionellen Garantien offen in Palermo zusammengelreten ist.

Rom, 5. Januar. Nach einer Meldung desCorriere di Napoli" aus Palermo vom 4. dss. Mts. fand in Marineo, einer etwa 10,000 Einwohner zählenden Ort­schaft der Provinz Palermo, ein Zusammenstoß zwischen den Truppen und Ruhestörern statt, die die Abschaffung des Octrois verlangten und einen Angriff auf die Bürgermeisterei machen wollten. Wie es heißt, sollen bei dem Zusammenstoß einige 30 Personen getödtet und einige 50 verwundet worden sein. Einzelheiten liegen nicht vor. DieAg. Stef." be­richtet von nur 8 Getödteten und 12 Verwundeten. Nach dem offiziellen Bericht seien von den Soldaten, die erst nach langem Zögern Feuer gaben, zwölf leicht verwundet. Weitere Ruhestörungen werden aus Ober- und Unter-Ragusa, Monte- chiaro, Leonforte, Gibelltna, Salemi und Nero gemeldet. Wie derFolchetto" meldet, sind auch die übrigen Führer der Fasci in Palermo verhaftet worden.

Neapel, 5. Januar. Wie derCorriere die Napoli" aus Palermo vom 4. d. M. meldet, hat das Centralcomite der Fasci ein Manifest an die Arbeiter gerichtet, in dem ausgeführt wird, die gegenwärtige Bewegung sei eine schmerzliche und nothwendige Folge der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Indem es dieselbe unerbittlich verdammt, verlangt es eine Reihe von Zugeständnissen Seitens der Regierung, um die Humanitären Versprechungen der Bourgeoisie zu erproben. Das Manifest ersucht die Arbeiter, sich zu organi- siren, aber sich ruhig zu verhalten, da durch ein vereinzeltes Vorgehen dauernde Vortheile nicht zu erlangen seien. Zum Schluß besagt das Manifest:Aus den Entschließungen der Regierung werden wir erfahren, welche Haltung wir einzu­nehmen haben." Infolge dieses Manifestes wurden der Deputirte Defelice-Giuffrido und drei andere Häupter der Fasci in Trapani, Messina und Girgenti verhaftet. Der Bund in Palermo wurde aufgelöst- bei der vorgenommenen Haussuchung wurden zahlreiche Papiere beschlagnahmt.

Galatasimi (Prov. Trapani), 5. Januar. Einige Hundert Landleute und Kinder, aufgereizt durch Unruhestifter, über­fielen die Verzehrungssteuer posten, indem sie riefen:Nieder mit der Verzehrungssteuer! Wir wollen freien Markt!"

Depeschen de« BureauHerold".

Berlin, 5. Januar. Die deutsch-russischen Zoll- berathungen werden nach der Rückkehr der russischen Delegtrten unter günstigen Aussichten wieder ausgenommen werden. Wie verlautet, hatte die Petersburger Reise der russischen Unterhändler großen Erfolg. Jetzt sei auch das russische Finanzministerium der deutschen Nachtragsforderung nachgiebiger gesonnen. Diese Nachtragssorderungen bildeten neben der Frage der Vertragsdauer noch die einzigen Streit­punkte- in Betreff derselben sei jedoch eine Einigung zu er­warten. Deutscherseits halte man an einer Vertragsdauer bis 1904 fest. Im Reichstage wird der Handelsvertrag wahrscheinlich Ende Februar berathen werden.

Berlin, 5. Januar. DerSoctalift" meldet: Der Commandant der Berliner Schutzmannschaft ließ in voriger Woche das Polizeipräsidium und die Centralwache der Schutzmannschaft Nachts a la r mir en, um die Kellerräume des Gebäudes des Polizeipräsidiums zu untersuchen, weil er vermuthete, daß daselbst französische Höllenmaschinen versteckt seien. Der Polizeipräsident schritt ein und beantragte die Beurlaubung des Commandanten, sowie strenge Bewachung der bekannten Anarchisten.

Fulda, 5. Januar. Der Bischof Joseph von Fulda wurde vom Schlage getroffen. In allen Kirchen der Diöcese werden Gebete für seine Wiederherstellung gehalten.

Thora, 5. Januar. Die Kälte beträgt 22 Gr. C. Mehrere Todesfälle kamen durch Erfrieren vor.

Ratibor, 5. Januar. Im hiesigen Kreise kamen durch Einschleppung 16 Erkrankungen an Pocken vor. Seitens der Sanitätsbehörden wurden weitgehendste Vorsichtsmaßregeln ergriffen.

Hamburg, 5. Januar. Infolge des starken Eisganges sind zahlreiche schwere Schiffsunfälle vorgekommen.

Wieu, 5. Januar. Wie aus Po la gemeldet wird, wüthet dort seit mehreren Tagen ein furchtbarer Sturm, der überall große Verheerungen anrichtct. Der Schiffsverkehr, auch der der großen Lloyddampser, mußte eingestellt werden. Eine aus mehreren Kanonenbooten bestehende Schiffsdivision, die am 2. Januar ausgelaufen war, ging in Fasana vor Anker, da sie sich nicht länger auf See halten konnte. Die vom Erzherzog Carl Stephan commandirte FregatteRadetzky" gerieth bei Valditore auf den Grund und konnie nur durch Heizung aller Keffel wieder hoch gebracht werden. Das Schiff hatte alle Ketten verloren und kehrte mit starken Be­schädigungen in den Hafen zurück.

Pilsen, 5. Januar. Der Beschluß des Gemeinderaths, alle hiesigen Straßen mit czechischen Tafeln zu versehen, erregt großes Aufsehen.

Rom, 5. Januar. Die Verhängung des Belage­rungszustandes über Sicilien hat auf der ganzen Insel große Gährung hervorgerufen. Die Blätter sprechen die Ansicht aus, daß die Regierung in Kurzem sämmtliche politischen Vereine, namentlich die Fasci, auf­heben wird.

Kairo, 5. Januar. Der Khedive wird am 4. Mai eine Reise durch Europa antreten. Er beabsichtigt, den Höfen von Petersburg, Wien, Berlin und London seinen Be- such abzustatten.______________________________________________

Cocoles tano ^provinzielles,

Gießen, den 6. Januar 1893.

** Die seit Mitte der Woche eingetretene starke Kalte erinnert lebhaft an die Kälteperiode im verflossenen Jahr. \

Glücklich Derjenige, der eben ohne Nahrungssorgen sich im gut gewärmten Zimmer aufhalten kann. Leider ist aber unter den Minderbemittelten die Noth vielfach sehr groß, indem öfters an Arbeit und Verdienst fehlt. Da ist es denn eine heilige Pflicht der Bessersituirten, der darbenden und noth- leidenden Mitmenschen zu gedenken. Hilfsvereine bestehen je fast allenhalben, welche die milden Gaben planmäßig ver- theilen. Steuere Jeder nach Kräften bei, um die Noth der Armen in duffer bösen Jahreszeit zu lindern. Laut erheben wir den Ruf: Gedenket der frierenden und hungernden Menschen!

** In unserer gestrigen Notiz über die demnächstige Stiftungsfeier der Gießener Ruder-Gesellschaft ist aus Versehen die Zahl 27 anstatt 17 gesetzt worden, was wir hiermit berichtigen.

** Theater. Die gestrige zweite Aufführung des Brandon Thomas'schen Schwankes:Charleys Tante" hatte den­selben Erfolg wie die erste. Das ziemlich gut besetzte Haus zollte den Darstellern reichen Beifall. Für morgen Sonn­tag steht das v. Wildenbruch'sche SchauspielDie Hauben­lerche" auf dem Spielplan. Das hier schon mehrere Male aufgeführte Stück ist ein Zugstück ersten Ranges auf allen deutschen Bühnen und wird hoffentlich nicht verfehlen, den morgigen Abend zu einem recht zahlreich besuchten zu machen.

** Juristisches. Auf Anregung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz hat sich hier eine freie Ver­einigung von Mitgliedern der hiesigenGerichte, Staats- und Rechtsanwaltschaft gebildet, welche durch Vorträge und Besprechungen der practisch wichtigsten Rechtsinstilute und Rechtsfragen, namentlich aus dem Gebiete des hessischen Particularrechts eine bessere Ausbildung unserer Gerichts Accessisten erstrebt. Die Leitung liegt in der Hand des Herrn Landgerichts - Präsidenten Freiherrn v. Ricou. Die Versammlungen finden alle vierzehn Tage im Plenar- Sitzungszimmer des Landgerichts statt. Den ersten Vortrag: über die Verjährung der persönlichen Klagen nach hessischem Rechte wird am Dienstag den 9. Januar Nachmittags 5 Uhr Herr Rechtsanwalt Justizrath Dr. Reatz halten.

** Ju der gestrigen Straskammerfitzung wurde F. W. von Heuchelheim wegen fünf begangener Diebstähle und zweier Schlüsseldiebstähle zu fünf Monaren Gefängniß ver- urtheilt, die Ehefrau eines hiesigen Arbeiters und ihre Consorten wegen Gefangenenbefreiung zu 14 Tagen, 1 und 2 Monaten Gefängniß.

** Eintragung in die Gebrauchsmuster-Rolle. Nr. 20211, Nietkopfreiniger, bestehend aus einem vierzacklgen, quadratischen Schieber, dessen Diagonalen die arbeitenden Kanten sind. Karl Stroh, Maschinist, Gießen. 20. November 1893.

** Aus der BezirkS-Eifenbahurath-Sitzung Hannover v. 5.d. M° Der von den Mitgliedern für Gießen und Cassel gestellte Antrag auf Einstellung von Wagen für den Local- Verkehr in den Zügen 75 und 76 unter Weg­fall der ^Zuschlagsgebühr für Entfernungen unter 80 Kilometer fand nahezu einstimmige Annahme Seitens der Plenar-Versammlung. Es dürfte möglich sein, daß die Staatsregierung, der Anregung Folge leistend, die Züge 73 und 74 anstatt der Züge 75 und 76 zu Corridor-Zügen einrichtet, unter Beibehaltung der 3. Klaffe, für welche Wagen in Arbeit sich befinden sollen. Auch liegt die Wahrscheinlichkeit vor, daß die Platzkarten wieder in Wegfall kommen.

Unser Garten im Januar.

Wiederum ist über unsere in Schlaf gesunkene Natur der be­dächtige und doch so unaufhaltsame Flügelschlag eines Jahres dahin­gerauscht. Im grauen Nebel ist das alte Jahr entschwunden und aus dem grauen Nebeldunst unseres dahtnrollenden Erdenheims leuchten uns wieder die feierlichen kurzen Morgenstrahlen der Januar­tage auf, die uns in freundlichem Mahnen die zitternden Lichter an die Wand der Morgenstube schreiben: hier habt Ihr ein neues Jahr benutzt es, Euch Zufriederheit und Verschönerung Eurer Erden­tage zu schaffen!

Und an wie vielen Fenstern solcher Winterstuben, ehe die sonn­täglichen Kirchenglocken von ihren hohen Stühlen hallen, knieen jetzt Kinder, ihr Weihnachtspferdchen hinter sich, drücken den Sparnickel an die gefrorenen Scheiben, daß des deutschen Reichsadlers Schwingen und Wappenzierralhen köstlich im Eife flimmern! Sie machen sich dann mit dem warmen Finger ein Guckloch, und sehen mit einem kleinen Seufzer hinaus in den lieben stillen Garten! Die glücklichen Unglücklichen!Glückliche Unglückliche? warum denn?" Nun, sie find glückl'ch in ihren Gedanken an die sommerlichen Freuden und das Glück, das sie da drüben im lieben, lieben Garten schon ver­lebten, und recht unglücklich, daß der grimme Winter ihnen jetzt das Glück geraubt, ihnen seine eisige Faust zum Guckloch hereinmacht.

Aber wie viele andere Kinder kauern vor ihrer gefrorenen Scheibe: sie haben vielleicht auch einen Nickel abgedrückt und er ist das einzige, das sie beim Ausblick erfreut! Sie mögen noch so große Gucklöcher hauchen: es ist nichts dahinter, was ihre Seele mit freudiger Erinnerung erfüllt. Sie sehen mit stumpfer Gletch- gültiAkeit zu den grauen Wänden der Nachbarhäuser oder auf den halbverschnetten kahlen Platz, auf dem einige schiefe Wäschepfähle einem Haufen Bauschutt Gesellschaft leisten. So war es immer und so wirds bleiben. Ihnen ist die Erinnerung an das Glück des Tummelns im grünen, blühenden Garten unbekannt. Die Be- dauernswerthen! Sie starren auch alsUnglückliche" in den Winter hinaus, denn auch in ihrer Brust wohnt das Sehnen nach Früh­lings- und Sommerzeit; aber nicht als glückliche durch die Er­innerung, sondern als trübselige.

Wie, wenn das nun bei vielen anders würde, wenn die vielen häßlichen Oedplätze, die in Stadt und Land so manchen ganz hübschen Häusern ein unwohnliches, unordentliches Aussehen geben, immer mehr und mehr verschwänden, wenn jetzt beim Aussteigen des Sonnenbogens auch manch schöner praktische Gedanke auffliege und dann rührige Hände mit Hacke, Spaten und Karren hantirten, und die Stätten der langweiligen Oeke und freudloser Unordnung sau­beren Hausgärten wichen, über die ein bald einziehender Frühling seinen ersten Blüthenschnee schüttete? Würde da mit der Freude um das Haus nicht auch ein Lichtstrahl von Freude ins fiauS mit einziehen?!Ach papperlapapp! lassen Sie uns doch mit dem ver­himmelnden Zeug zufrieden: einen Garten anlegen kostet Geld und Arbeit; bann bringt er nur Schererei und zu guter letzt werden uns die paar sauren Birnen doch gestohlen! die Jöhren können sich da unten auf dem Platz viel besser aushasten, Kuhblumen gibt's auch drauf, gratis, und der Happm Schutt liegt lange gut da!"

Bravo! Herr Schlaudermann! Vor solch wackerer Ansicht ziH ich den Hut, denn sie ist so recht dazu geeignet, die schwarze Folie abzugeben, aus der der Demant echter Liebe zum Garten und Garten­bau doppelt hell erstrahlen muß. Ich versage mir, Herr Schlauder­mann, schon um nicht insVerhimmeln" zu verfallen, auch jedes Wort der Widerlegung; will letztere vielmehr einem Dritten, Un­parteiischen überlassen, indem ich zu stiller Januarbetrachtung goldes- werthe Worte eines ganz schlichten Gartenfreundes hier folgen lasse. Er hat sie, ganz aus sich und seiner kleinen Welt heraus, vor einigen Jahren an die retchaufblühende Lesergemeinde einer beliebten Gartenzeitschrist gerichtet.

Für alle Schätze der Welt," so sagt unser Glücklicher,gebe ich nicht das kleine Fleckchen Erde her, wo ich selbst meine Blumen pflege, meine Obstbäumchen schneide, und das köstlichste Südfrucht­spiel einer reichbesetzten Tafel wiegt nicht den Apfel auf, den ich vom selbst gezogenen Baum pflücke. Mein Garten unter meinem Fenster ist mir der Prunkraum meines Hauses, die Schatzkammer meiner Habe; er ist für mich die HauskapeUe, worin mir jede Blume zurust:Es ist ein Gott!" Hierher flüchte ich mich in jenen Stun­den, an denen unser Leben so reich ist, wo wir uns vergeblich fragen: womit haft Du sie verdient? Und, siehe da, Sorge und Kummer fliehen beim Anblick meiner Lieblinge! Hierhin bringt nicht bet Schwall bes Menschentreibens, hier gibt nichts Zeugniß von bem Kampf ums Dasein, von bem Hasse, der unter Menschen wohnt. Hier ist Friebe!

Mein Garten bietet mir aber noch mehr: er ist der Tummel­platz meiner Kinder, das Himmelreich der herrlichen foigenlofen Jugendzeit. Hier liegt sein größter Segen. Meine Kleinen haben nicht nöthig, als aufgeputzte Püppchen die Straße zum Schauplatz einer ihnen aufgebrungenen Dressur zu wählen. Frei wie das muntere Reh können sie umherschweifen und spielen, nur geleitet von dem jedem Kinde innewohnenden Gefühl für die Schönheiten der sie umgebenden Natur. Hier zeige ich meinen Kindern den gütigen Schöpfer in bem, was er schuf; hier erkläre ich ihnen bie auf Jahrtausende gegründete Ordnung der Natur, die auf eine uns unbegreifliche Einsicht gegründeten Gesetze des Lebens. Hier erforsche ich mit ihnen, wie jedes Naturmesen für sich selbst lebt und für sein Leben kämpft. Hier erkläre ich ihnen, daß jedes Geschöpf einen Zweck im Haushalte der Natur erfüllt.

Hier lernt das Kind gehen, sich bewegen, spielen, gehorchen, arbeiten, zum späteren Lebenskämpfe vorbereiten. e b t d e n Kindern den Garten wieder!" Es ist aber nicht nur das Gemüth, welches im Garten Pflege findet, auch der Köiper bekommt seinen Antheil. Hinten, verdeckt von Holder und Syringe, liegt die nie versiegende Speisekammer meines Heims, der Obst- und Gemüse­garten. Hier wächst mir jahraus, jahrein, auf kleinem Fleck eine Fruchtfülle, wie sie mancher umfangreiche Garten nicht aufzuweisen hat. Woher das kommt? Weil ich Zeit und Land ausnutze, weil ich jedem Obstbaume, Strauch, jedem Kohlkovs das ihm zuträglichste Nahrungsquantum gebe, keinen unbenutzten Platz dulde, jede nichts­versprechende Pflanze entferne, alle Vegetationsfeinde vertilge, kurz, meine Feierstunden ganz meinen Pfleglingen widme. So laßt sich jedes Gärtchen nutzbar machen durch Gemüsebau, Obst, Blumen, 1 ober Samen, woran es dieser und jener Gegend mangelt. Dabei

macht das bloße Wissen einer neuen Errungenschaft dem echten Natur- und Gartenfreunde Freude, und welcher Genuß ist es, hinterrn gemüthlichen Kaffeetische in der grünen Laube, vor sich die unter Blumen spielenden Kinder, aus einer Oartenjeitung über bie Gärten anberer, über neugezüchtete Blumen, Obst ober Gemüse zu lesen, bie eigenen Erfahrungen anberen Gartenfreunben mittheilen zu können!

Garten, Wohnung unb Familie sinb bret unzertrennliche Dinge unb jeher gemüthreiche Mensch muß Genuß am Garten em- pfinben. Mögen meine Worte diesen Genuß anregen unb alle, bie sie lesen, mit mir eins sein, bie Liebe zu ber uns umgebenden Natur der Garten ist ja weiter nichts, als eine in ihren Idealen sich uns darbietende Natur überall zu wecken und zu erhalten; eins sein, das Schönste, was wir Menschen kennen, bas Glück in ber Familie zu erhöhen! Der stärkste Hebel dazu ist unser Garten!"

Zu biefen tiefgefühlten Worten Erläuterungen hinzuzufügen, hieße sie nur abschwächen; mögen sie in manchem unschlüssigen Ge- müthe bas erwecken, was ihm bisher abging unb soweit es nur immer möglich, den Worten freubige Geltung geben, baß Familie, Wohnung unb Garten drei unzertrennliche Dinge sein müssen.

Am Thore des neuen Jahres werden so viele schöne Entschlüsse gefaßt, warum nicht auch der bestimmte Vorsatz, wo immer örtlich ausführbar, sich und den Seinen, vornehmlich seinen Kindern, einen lieben Garten zu schaffen, ober den vorhandenen bisher stiefmütter­lich behandelten zu einem kleinen Frucht- unb Freudenquell umzu- geftalten? Jetzt tm Januar, wo draußen alle -anderen Arbeiten ruhen, ist die Zeit zu planen unb bem freudig Geplanten durch Abstecken unb Beginnen ber Erbarbeiten sofern irgend schneefreier offener Boden vorläufige Gestaltung zu geben. Die Schwierigkeit ist nicht zu groß: wer die Sache nicht selbst zu machen versteht, mag sich vom Gärtner einen Plan fertigen lassen. Aber auch biese Kosten können vermieden werden, wenn uns fertige Pläne aus einer guten Gartenzeltschrift zugänglich; wir können bann daran ganz nach unserem Bedürfniß und Geschmack abändern. Einfache, schöne und für verschiedene Anforderungen brauchbare Gartenpläne findet man z. B. in dem bewährtenPrakt. Rathgeber im Obst- unb Garten­bau". Dort ist in ben Nrn. 4450 des Jahrganges 1887 sehr werthvolle Anleitung zur völligen Neuanlage eines Hausgartens ge­geben. Hübsche kleinere Pläne bringen die Nrn. 69 d. Jahrgangs 1888; solche zu Vorgärtchen Nr. 17,1888. Größere Hausgartenpläne finden sich Nr. 47, 1890 und Nr. 6-8, 1893. Mit Abänderung mangelhaft angelegter alter Gärten, beschäftigen sich die Nrn. 11, 12, 14 unb 37 bes Jahrgangs 1887.

Wenn der letzte Spatenstich enbllch vollendet, der Lenz mit Vogelsang, jungem Grün und den ersten lieblichen Frühlingskmdern eingezogen, wird sich der angehende Gartenfreund kaum noch der alten Wüste um sein Haus erinnern; es wird ihm sagen, baß bie bescheidenen Kosten ber Anlage sich für ihn und bie Seinen bald reichlich unb köstlich verzinsen werben.

Heinrich Frhr. v. Schilling