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2)« Gießener It«mirtenvrLt1er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt. Donnerstag den 6 December___________________
Gießener Anzeig er
Keneral-Mnzeiger.
___1894
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chratisöeikage: Kießener Jamitienölätter
Die Socialdemokratie und der Bauernstand.
Die „Köln. Ztg." schreibt hierüber u. A.:
Die Beschlüsse des socialdemokraüschen Parteitages über die Landagitation verdienen alle Aufmerksamkeit der bürgerlichen Parteien, die der Gefahr, daß die kleinbäuerliche Bevölkerung mit der Zeit von der socialdemokratischen Führerschaft etngefangen werde, eifrig entgegenarbeiten muß. Die Zustimmung, die VollmarS Vorschläge über die wirksamste Art des Bauernfangs gefunden haben, läßt erkennen, daß nunmehr auch in Deutschland die Socialisten ihren wahren, den Bauern selbstverständlich verhaßten Zielen eine dichte Umhüllung anthun und zunächst sich lediglich als Vertreter solcher Forderungen aufspielen werden, die auch von den bürgerlichen Parteien vertreten werden können. Schon die französischen Socialisten haben aus ihrem unlängst abgehaltenen Congreß offen erklärt, daß man durch Betonung der letzten Ziele des Socialismus, also vor Allem der Verstaatlichung von Grund und Boden, der Aufhebung des privaten Grundeigenthums, den Bauer nur abschrecke. Mit anderer Taktik ist demgemäß ein neues Programm für die Bearbeitung des flachen Landes ausgestellt worden, worin nicht von Verstaatlichung des Grundeigenthums, sondern von der Erleichterung der Grundsteuer, von Ver- befferung der Wege, von Staatszuschüssen für bäuerliche Genoffenfchaften usw. die Rede ist. Aehnlich werden jetzt die deutschen Socialisten verfahren, nachdem sie zu der Ueber- zeugung gekommen sind, daß ohne die Bekehrung des Bauernstandes ihre Bemühungen fruchtlos bleiben müssen. In Bayern hat Herr v. Vollmar bereits gezeigt, wie man durch einen solchen, dem Grundsätze, daß der Zweck die Mittel heilige, gerecht werdenden Feldzugsplan erhebliche Erfolge erringen kann. Daß man dieses Verhalten als politischen Bauernfang bezeichnet — welcher Ausdruck zuerst nicht von den Gegnern, sondern von den eigenen Genoffen herrührt — ficht die Urheber dieser neuen Agitationsweise wenig an. Sie denken, vielleicht von ihrem Standpunkt nicht mit Unrecht, daß ja der Stimmenfang die Hauptsache ist und auch andere Parteien sich schon allerlei Mäntelchen umgehängt haben, wenn es sich darum handelt, Wahlvortheile zu erringen. Wenn nun aber in dem bayerischen Bauernstände, der, durch und durch confer» vativ, aus seiner angeborenen Schwerfälligkeit nur schwer aufzurütteln' ist, die Künste des Herrn v. Vollmar schon beachtenswerthe Erfolge errungen haben, warum sollen sie in anderen Gebieten deS Reiches ohne Wirkung bleiben? ES ist deshalb die dringendste Pflicht der bürget« lichen Parteien, dem Socialismus bei seiner Bearbeitung der bäuerlichen Bevölkerung enkgegenzutreten und sich nicht darauf zu verlaffen, daß der Wühlerei auf dem Lande vielleicht durch die Gesetzgebung und Verwaltung Einhalt gethan werde- die Parteien dürfen sich keineswegs damit begnügen, auf dem Lande Versammlungen zur Wahlzeit abzuhalten, während der übrigen Zeit aber sich um die Land- bezirke gar nicht zu bekümmern, sondern fir müssen der emsigen Agitation der Socialdemokraten durch Aufklärung der bäuerlichen Bevölkerung über deren letzten Ziele entgegentreten. Hiermit muß ober eine entschiedene Vertretung der bäuerlichen Jntereffen und der berechtigten Wünsche verbunden werden. Fehler, wie sie in den letzten Jahren gemacht wurden, z. B. bei der Regelung des Ersatzes für Wildschaden, sind unter allen Umständen zu vermeiden. Der Bauer muß wieder die Ueber- zeugung erlangen, die er leider vielfach eingebüßt hat, daß seine Jntereffen bet den Vertretern der bürgerlichen Mittelparteien am besten gewahrt sind, während sein Anschluß an die Socialdemokratie nur den Erfolg haben kann, ihn deffen zu berauben, worauf er mit Recht so stolz ist, seines Grundeigenthums. Es wäre ein großes Unglück, wenn die bürgerlichen Mi11elpart eien für die Wichtigkeit dieser Aufgabe nicht volles Verständniß hätten. ES fehlt ihnen nicht an den geeigneten Kräften, sich derselben mit gedeihlichem Eifer anzunehmen. Sie verfügen über zahlreiche Persönlichkeiten, die wohl fähig sind, den Eroberungszug der Socialdemokratie auf dem flachen Lande zu hemmen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, heißt es im Sprüchwort. An dem Willen hat es bei den bürgerlichen Parteien bis jetzt gefehlt, möchte er sich jetzt, wo es noch Zett ist, die Thätigkeit der Socialdemokratie auf dem Laude zu hirnmen, baldigst einstellen- dann wird man sich auch leichter über daS verständigen, was zu thun und zu unterlassen ist.
er keinen Anstand, rasch den Brief zu öffnen und zu lese». Der Inhalt lautete: „Geliebte Eltern! Wir können uns nicht bekommen, daS habt Ihr erst gestern gesagt, da wir noch zu jung, ick 18 Jahre und Ernestine 17 Jahre alt ist, und ich zu wenig Geld habe. So wollen wir denn aus de« Leben scheiden. ' Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, so habe« wir uns bereits in den Baumgartner Friedhof geflüchtet. Wir haben beschloffen, uns dort, wenn möglich, in der Dunkelheit in ein vorbereitetes Schachtgrab zu stürzen «nb das in unserem Besitze befindliche Gift zu nehmen. Sollte uns das nicht gelingen, so vergiften wir unS bei einbrechender Dunkelheit auf dem Grabe meiner theuren entschlafene« Großmutter. Verzeihet Euren Kindern Karl und Ernestine." Der Herr eilte den Selbstmordcandidaten nach- die richtig in den Friedhof gingen. Als beide auf einem Grabe kniete«, näherte er sich ihnen und forderte sie auf, bei Vermeidung alles Aufsehens, ihm sofort zu folgen. Aufs Höchste be- stürzt, kamen die jungen Leute der Aufforderung nach, al- sie den Brief in den Händen des Herrn erblickten. Der Reiter der beiden fuhr bann mit den jungen Leuten in einem Wagen nach dem siebenten Bezirke und brachte das Mädche« zu den Eltern zurück. Die Eltern des jungen Paares sollen nun entschlossen sein, der Verbindung der Liebenden tel* Hinderniß in den Weg zu legen.
♦ Das Erdbeben in Suditalien legt sich nach und nach. Die einzelnen Stöße werden schwächer und folgen sich nur noch in langen Zwischenräumen. Das Zerstörungswerk des Erdbebens ist fürchterlich. Drei blühende Provinzen liegen verwüstet, und ihre Bewohner sind obdachlos und elend. Mehr als 50 Städtchen und Dörfer, die vor acht Tagen noch den Seefahrer freundlich grüßten, der von Neapel der Straße von Messina zusegelte, sind heute in Trümmerhause« v-rwandelt. Nach dem lachenden Palmi vor Allem, daS vv« seinem Hügel unter Oelbäumen und Palmen so keck in dadunkelblaue Meer lugte, schaut heute der Schiffer vergeblich aus. Von den Hunderten der weißleuchtenden Häuser dc- Städtchens stehen nur noch 15 oder 20 aufrecht. Die Kirche« sind alle zulammengestürzt. Mit unsäglicher Mühe hat das Volk die Heiligenbilder auS den Trümmern außgegraben und nach dem Marktplatze gebracht. Wenn nicht die Soldate« ihnen Baracken bauten und Zelte aufschlügen, sie selber würde« sich nicht um eine Stätte sorgen, wo sie des Nachts ihr Haupt hinlegen können. Wer irgend diesem Elend entfliehe« konnte, ist geflohen, nur die Armen find zurückgeblieben, denen ihr Häuschen und ihr Hausgeräth Alles war. Aber Palmi gehört noch zu den weniger schwer heimgesuchten Orten. Von seinen 10000 Einwohnern find nur 5 ober 6 getöbtet worden, und wenn sich auch die Zahl der Verwundeten auf mehr als 100 beläuft, so ist für diese doch Hilfe zur Stelle. Wie furchtbar ist im Vergleiche damit das Elend in den abgelegenen Gebirgsdörfern, wo die einstürzenden Häuser Hunderte von Menschen begruben, wo es an Brod für die Geretteten, an Aerzten für die Kranken, an Särgen und Todtengräbern für die Getödteten fehlt. Ein herzzerreißender Nothfchrei erschallt aus Seminara im kalabrischen Apennin. „Heute Früh 7*/3 Uhr," so schreibt der Sindaco des Dorfes an ein neapolitanisches Blatt, „war ein neuer, heftiger Erdstoß. Alles stürzt zusammen. Verlaffen in den Schluchten unserer Berge, ohne rasche Verbindung mit der Außenwelt, gelangen unsere Hilferufe nicht zur Regierung. Allen mangelt Alles. Arme und Reiche hungern. Der Gemeindearzt ist tobt. Die Apotheke ist zusammengestürzt. Wir haben kein Brob unb kein Verbandszeug. Seit sechs Tagen übernachten wir unter freiem Himmel. Vergangene Nacht überraschte uns der Regen. Außer mir halten sich nur «och zwei Männer aufrecht." In San Procopio, Bognara, Oppida, Scilla unb vielen anderen Dörfern ist bas Elenb daS gleiche. Die Einzelheiten des Unglücks sind überall dieselben. Zusammenstürzende Häuser, vergrabene Menschen, gräßlich verstümmelte Leichname, Verwundete mit zerschlagenen Gliedmaßen, Hunger, Krankheit, Elend, und über allem diesen eine dumpfe Verzweiflung in den Gemüthern, thaten- lose Ergebung in das unabwendbare Schicksal. Am besten find noch die Gemeinden nahe dem Meeresufer und bet Eisenbahn daran. Der Director der calabrischen Staatsbahnen hat mehrere Hundert Güterwagen nach den zerstörten Ortschaften gesandt unb sie ber obdachlosen Bevölkerung als vorläufiges Unterkommen zur Verfügung gestellt, so daß wenigstens die Kranken unb bte Frauen unb Kinder dieser Ortschaften gegen die Unbilden des Wetters geschützt find. Die Regierung thut, was in ihren Kräften steht, um das Elend zu mildern, und so wird hoffentlich ber größte Jammer binnen Kurzem gestillt sein. Um die Bevölkerung des betroffenen Landstrichs vor völligem wirthschastlichen Ruin zu bewahren, wird daS Parlament freilich Millionen bewilligen
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Vermißtes.
* Zweifelsucht. Vor einigen Tagen wurde in einer Berliner Neivenklinik ein junger Mann vorgestellt, der an einer Krankheit litt, die man Zweifelsucht nennt. Dieses Leiden bildet eine selbstständige Krankheit. Der Patient berichtete, daß er, wenn er die Lampe beim Ausgehen auS« gelöscht habe und auf der Straße sei, jedesmal von heftigem Zweifel gepackt werde, ob er die Lampe wirklich ausgelöscht habe ober nicht. Er muß bann jehesmal umkehren. um fich immer von Neuem davon zu überzeugen. Dasselbe begegnet ihm auch bei den verschiebensten Verrichtungen des täglichen Lebens, u. A. beim Briefschreiben. Einen bereits vetschloffenen Brief muß er immer wieder öffnen, ba er in Unruhe vergeht, ob er nicht etwas Unsinniges aufs Papier geworfen habe. So Tag und Nacht von Zweifeln gepeinigt, kommt er sich vor wie ein gehetztes Wild, das nirgends Ruhe noch Raft finden kann. Dieses Leiden ist schwer zu heilen, aber wohl zu bessern. Nach längerer Zeit geht es oft ih ein anderes Stadium über. Die Kranken vergehen in Angst, wenn sie etwas berühren sollen, da sie glauben, daß ihnen dadurch Unheil widerfahren könnte. Dieses Leiden dauert zusammen mit der Zweiselsucht viele Jahre, beffert sich zu Zeiten und nimmt dann wieder zu. Vollkommene Heilung ist leiten.
♦ Aegir, „der Herr der Fluthen", ist durch die Com- Position des Kaisers bekanntlich sehr „populär" geworden. Diese Volksthümlichkeit macht sich jetzt sogar schon bei den Kindtaufen bemerkbar- wie ein zuverlässiger Berichterstatter miteheilt, find im Lause des November bei den Berliner Standesämtern nicht weniger als siebzehn kleine „Aegirs" angemelbet worden. Die „N xe" und „Necke" werden schon noch Nachkommen. (Wird mehrfach bementirt. Red.)
♦ Von den Veteranen aus den Befreiungskriegen 1818 dis 1815 sinb jetzt noch, wie aus der neuesten Nummer ber „Parole" zu ersehen, 29 am Leben, von denen 2 ein Alter von 103 Jahren, 1 von 102 Jahren, 1 von 101 Jahren, 7 von 100 Jahren, 10 von 99 Jahren, 3 von 98 Jahren, 2 von 97 Jahren Haden, während das Alter von 3 unbekannt ist.
• Eine moderne Liebesgeschichte und deren Abschluß wird aus Wien erzählt: L'tzthm stiegen zwei junge Leute aus dem nach Baumgarten verkehrenden'Zuge der Dampsftraßen« bahn bei ber Haltestelle „Friebdos" aus. Beim Absteigen entfiel bem Mädchen ein an einen Hausbesitzer am Schottenfeld gerichteter Brief. Da einem Herrn, der ebenfalls dort abstieg, das Benehmen deS jungen PaareS auffiel, fo nahm
Deutsche» Reich.
Darmstadt, 4. December. Wegen des Ablebens Ihrer Hoheit der Prinzessin Louise von Schleswig-Holstein-Sonderburg «Glücksburg ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hostrauer bis zum 8. l. M. einschließlich ber* ordnet worden.
Berlin, 4. December. Der Kaiser wohnte am Montag Vormittag der Einweihung der gewaltigen Hochbrücke über den Nordostsee-Canal bei Levensau bei. Staatssecretär Dr. v. Bötticher hielt eine der Bedeutung des gesummten Canalunternehmens gewidmete Ansprache an den Kaiser, welche derselbe dankend erwiderte, an seinen unvergeßlichen Großvater erinnernd, unter deffen Regierung der Bau des Nordostfee • CanaleS begonnen worden. Nach Beendigung der Einweihungsfeier, bei ber u. A. auch Prinz Heinrich von Preußen und der Reichskanzler Fürst Hohenlohe zugegen waren, fuhr der Kaiser mittelst Salonpinasie durch den Canal und die Neue Schleuse nach dem Kieler Hasen, woselbst ber Monarch Parade über die Kriegsschiffe abnahm. Dann ging er bet der Barbarossa Brücke an Land und verfügte sich in das Schloß. Um 12 Uhr Mittags erschien der Kaiser in der Kaserne der Marine Infanterie und wohnte der Vereidigung der Rekruten im Exercierhause bei, dieselben nach den Ansprachen der Geistlichen ermahnend, dem geleisteten Eide immerdar treu zu sein. Um 3*/a Uhr Nachmittags begab sich der Kaiser an Bord des Flaggschiffes „Kurfürst Friedrich Wilhelm".
— Der Ausschuß des Bundes der Landwirthe hielt am Montag eine Sitzung im Gebäude des preußischen Abgeordnetenhauses ab. Die Berathungen betrafen die Stellung des Bundes im Kampfe gegen die Umsturz- beftrebungen, weiter die Berichte über die Wiederaufnahme des bekannten Antrages Kanitz, über Reformen im Getreide- Handel und über eine Vereinfachung der Alters- und Invaliditäts-Versicherung. Schließlich beschäftigte sich ber Ausschuß noch mit einem Antrag, betreffend die Veranstaltung einer Ehrenkundgebung des Bundes der Landwirthe zum 80. Geburtstage des Fürsten Bismarck.
Annahme von Anzeigen zu der Nach^ttagS für den iolgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Lorrn. 10 Uhr.


