Ausgabe 
6.12.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 286 Erstes Blatt. Donnerstag dm 6. December

1894

Der Kleiener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».

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Gießener Anzeiger

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Alle Annoncen-Bureaux de» In- und AuSlande» «chmr« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

2lmtiid?er Theil.

Gießen, den 3. December 1894.

Betreffend: Den Umlauf falscher Reichskaffenscheine zu 50 Mk. \ Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Rechner der Gemeinde», Kirchen und Stiftungen des Kreises.

Auf nachstehende Note deS Herrn Reichskanzlers weifen ; wir Eie ausdrücklich hin.

von Gagern.

Bei einem Theil der bis jetzt zum Vorschein gekommenen falschen ReichSkaffenscheine zu 50 Mk. ist die Nachahmung deS Pflanzenfaserpapiers in der Weise bewirkt worden, daß ' die Scheine aus zwei Blättern-zusammengeklebt und zwischen - diese Blätter Fasern eingestreut stnd. Gegenüber derartigen Fälschungen dürfte es zweckmäßig erscheinen, die Kaffen- j beamten des Reichs und der Bundesstaaten darauf hinzu- > weisen, daß ein wichtiges Erkennungszeichen für die Echtheit der : ReichSkaffenscheine in der Lösbarkeit der Pflanzenfasern besteht. I Bei den echten Scheinen sind nämlich durch die eigen- I artige Fabrikation des Faserpapiers die Fasern nur auf der Rückseite der ReichSkaffenscheine verstreut und derartig ein­gebettet, daß sich jede einzelne Faser mit einer Nadel oder einem anderen spitzen Instrumente auS dem Papier herausheben läßt. DaS Papier selbst erscheint in der ganzen Breitendes Faserstretfens beiderseitig echt gefärbt.

ReichSkaffenscheine, welche in Folge häufigerer Anwen­dung dieser Probe ihre Fasern zum größten Theil verloren haben sollten, würden^ als unbrauchbar gewordene Scheine gemäß den sür solche erlassenen Bestimmungen (Beschluß des BundeSraths vom 24. März 1876 § 144 der Protokolle) zu behandeln sein.

DaS Großherzogliche Staatsministerium beehre ich mich ergebenst zu ersuchen, hiernach daS Wettere gefälligst zu ver­anlassen und von den dortseiltgen Anordnungen mir Nachricht zu geben.

Der Reichskanzler

I. V.:

(gez.) Gf. P o sad ow S ky.

Gießen, den 4. December 1894.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Vorschriften des Arbeiterschutzgesetzes vom 1. Juni 1891 über die Arbeitsbücher und die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter und Arbeiter­innen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grofth. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Wir sehen der Vorlage der in Gemäßheit der Vorschrift unter C Ziffer VII der gedruckten Anweisung vom 26. März 1892 an uns einzureichenden Uebersicht der in Ihren Ge­meinden vorhandenen Fabriken und diesen gleichstehenden Anlagen, in welchen Arbeiterinnen oder jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, unter Verwendung des Formulars G. cfr. Ausschreiben vom 7. Februar 1893 (Anzeiger Nr. 35) bis zum 20. December d. I. entgegen.

Als den Fabriken gleichftehende Anlagen sind anzusehen: 1. Hüttenwerke, Zimmerplätze und andere Bauhöfe, Werste und solche Ziegeleien, über Tage betriebene Brüche und Gruben, welche nicht blos vorübergehend oder in geringem Umfange betrieben werden, Bergwerke, Salinen und Auf­bereitungsanstalten, unterirdisch betriebene Brüche oder Gruben.

2. Werkstätten, iu deren Betrieb eine regelmäßige Verwen­dung von Dampfkraft stattfindet und in denen durch elementare Kraft (Gas, Wind, Waffer, Electricjtät) be­wegte Triebwerke nicht blos vorübergehend zur Verwendung kommen.

Sollten in Ihren Gemeinden Fabriken und denselben gleichstehende Anlagen, in denen Arbeiterinnnen oder jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, nicht vorhanden sein, so ist dies binnen der oben genannten Frist berichtlich anzuzeigen.

v. Gagern.

Eröffnung des Reichstags.

(Telegramm.)

W. Berlin, 5. December, 12 Uhr Mittags.

Die Thronrede gedenkt zunächst der Verlegung der Arbeiten des Reichstages an die neue, als Denkmal vater­ländischen Fleißes vollendete Stätte. Möge Gottes Segen auf dem Hause ruhen, die Wohlfahrt des Reiches das Ziel der Arbeit darinnen sein, besonders hinsichtlich der wirth- schaftlichen und socialpolitischen Aufgaben. Die Pflicht, als vornehmste Ausgabe des Staates das Ziel anzustreben, die schwächeren Gesellschaftsklassen zu schützen und ihnen zu höherer wirthschaftlicher und sittlicher Entwicklung zu verhelfen, werde um so zwingender, je ernster und schwieriger der Kampf ums Dasein für einzelne Gruppen der Nation sich gestaltet; die ver­bündeten Regierungen würden fortfahren durch Milde­rung der wirthschaftlichen und socialenGegen- sätze das Gefühl der Zufriedenheit und Zusammengehörig­keit im Volke zu erhalten und zu fördern. Zur Sicherung des Erfolges erscheine es hierbei geboten, dem verderb­lichen Gebühren derjenigen wirksamer entgegenzutreten, welche die Staatsgewalt in Erfüllung dieser Pflicht zu stören versuchen. Es sei deshalb eine Ergänzung des ge- meinenRechts für geboten zu erachten. Dem Reichstag werde unverzüglich ein Gesetzentwurf zugehen, welcher vor­nehmlich durch Erweiterung der Strafvorschriften den Schutz der Staatsordnung verstärken wolle. Die Thron­rede kündigt sodann eine Novelle zur Strasprozeßordnung und Gerichtsverfassung, die Regelung der Entschädigung unschuldig Verurtheilter, ferner eine Börsenreform, eine Vorlage gegen den unlauteren Wettbewerb an; sie fährt dann fort: das finanzielle Verhältniß der Emzelstaaten zum Reich habe sich in für die ersteren bedenklichem Umfange ver­schoben, dem drückenden Uebelstande, daß das Reich gegen­wärtig erhebliche Zuschüsse von den Einzelstaaten fordern müsse, vermochten die Mehreinnahmen aus dem Reichsstempel nur theilweise abzuhelfen. Deshalb sei die Erschließung weiterer Steuerquellen unerläßlich. Demgemäß werde dem Hause eine Tabaksteuervorlage zugehen. Nicht minder fest hielten die verbündeten Regkrungen an der Forderung der organischen Auseinandersetzung des Reiches mit den Einzelstaaten auf finanzwirthschaftlichem Gebiete, sie verzichteten jedoch zu Gunsten der Einzelstaaten auf die im vorigen Jahre geforderten Mehrüberweisungen aus den letzten Jahren. Zur lebhaften Freunde Sr. Majestät habe die Zuversicht auf Erhaltung des europäischen i Friedens neue Kräftigung erfahren; getreu dem | Geiste unserer Bündnisse, pflegen wir mit allen \ Mächten gute, freundliche Beziehungen; zwei benach- ! barte Reiche wurden in den letzten Monaten von i erschütternden Ereignissen heimgesucht, Deutschland schloß sich aufrichtig der allseitigen Theilnahme an, ; welche von Neuem zeugt von der Solidarität menschlicher [ Gefühle und friedlicher Wünsche. In dem Heimgegangenen i Kaiser Alexander betrauert Se. Majestät den Freund 1 und bewährten Mitarbeiter am Werke des Friedens. Die Thronrede schließt mit der Hoffnung, daß die Arbeiten zum ' Heile des Vaterlandes gedeihen und bezeugen mögen, daß von der Einmüthigkeit, womit die deutschen Stämme für : die Gründung des Reiches eintraten, deren Vertreter auch ferner geleitet werden. ____________________________________

Neueste Nachrichten.

Holff« tettyrevonuiei Lorr ei penderu-Bureau

Berlin, 4. December. Wie derReichsanzeiger" mit- lheitt, hat der Ftnanzminister die Provinzialsteuerdirectoren veranlaßt, die Handelskreise darauf aufmerksam zu machen, : daß auch die Zulassung des in Büchsen ve.packten a m er i- kanischen Schweinefleisches, toteCorned Brown", ; von der Beibringung deS vorschriftsmäßigen Untersuchungs- zeugniffes abhängig sei, da die Einfuhr von Schweinefleisch jeder Art, also auch von dem einem Kochproceß unterworfen gewesenen, nur unter dieser Voraussetzung statthaft sei.

I London, 4. December. DerTimes" wird aus Cap­stadt gemeldet, daß die portugiesischen Truppen in der Delagoabai heute zur Offensive übergehen werden.

Brüffel, 4. December. Kammer. Die socialistischen Deputirten begründeten ihren Antrag auf eine Amnestie für politische und Srrikevergehen. Der Justizminister ersuchte die Kammer Namens der Regierung, den Antrag nicht in Er- wcigung zu ziehen.

Depeschen bei Bureau .Herold".

Berlin, 4. December. DieNordd. Allgem. Ztg." theilt den Börsen gesetztntwurf mit und sagt, daß die Einführung des Börsenregisters, welche von der Börsen­enquetecommission zuerst nur für die Produktenbörse in Aus­sicht genommen war, jetzt auch für die Fondsbörse beabsichtigt sei. Infolge dessen soll der Betrag für die Eintragung von 500 auf 300 Mark und für die jährliche Wiederkehr von 300 auf 50 Mark herabgesetzt werden. DaS Staats- Ministerium hat bisher zu den Anträgen noch nicht Stellung genommen.

Berlin, 4. December. Die von verschiedenen Blättern gebrachte Meldung, im Reichsamt deS Innern sei eine Ver­einigung der Organisationen für Kranken-, Unfall- und Jnv al tditätsv erf ich er un g in Angriff genommen worden, bestätigt sich nicht.

Berlin, 4. December. Der Jefuirenantrag del CentrumS ist einer der zahlreichen Initiativanträge, über welche die Parteien des Reichstages heute schon berathen. Morgen wird er im Reichstage eingebracht werden. Die Conservativen berathen die. zwei Kanitz'schen Anträge: dal St aatSgetreidemonopol und die Silberprägung.

Berlin, 4. December. Die Burschenschaften tu Berlin haben bezüglich der Feier zu Fürst Bismarcks 8 0. Geburtstag beschlossen, sich im Allgemeinen de» Vorgehen der Bonner Studentenschaft anzuschließen. In einigen Wochen werden hier Delegirte aller Universitäten zusammentreten, um die Art der Feier zu berathen.

Berlin, 4. December. Der Kaiser ließ, wie aus Kiel telegraphisch berichtet wird, heute früh 8 Uhr die Garnison alarmiren. Beide Divisionen des Manövergeschwaderl gingen um 10 Uhr in See. Der Kaiser gedachte sich aus derBrandenburg" einzuschiffen. Der Kaiser beabsichtigt heute Abend um 10 Uhr 50 Min. Kiel zu verlassen und morgen früh um 7% Uhr auf dem Lehrter Bahnhofe hier- selbst wieder einzutreffen.

Berlin, 4 December. Der Staatssecretär des Aus­wärtigen, Freiherr v. Marschall, litt einige Tage an eine« Jnfluenzaan fall, ist jedoch bereits wieder hergestellt.

Berlin, 4. December. Die an den Reichstag zunächst gelangenden Vorlagen, Etat und Umsturzvorlage, werden am Eröffnungstage Abends ausgegeben. Weitere Vorlagen kommen vorläufig nicht an das Parlament.

Berlin, 4. December. Zur morgigen Eröffnung deS Reichstages treffen die leitenden Minister der deutschen Bundesstaaten hier ein.

Berlin, 4. December. Heute Vormittag begann vor dem hiesigen Landgericht I der große Wucherproceß Treu- herz und Genossen. Angeklagt find sieben Personen. Die Zeugen setzen sich meistens aus Mitgliedern der besten Gesell­schaft zusammen. Die Verhandlung wird acht Tage in An­spruch nehmen.

Haderslebe», 4. December. Der hiesige deutsche Verein trifft Vorbereitungen, um am 1. April eine große allgemeine Huldigungsfahrt mittelst eines Extrazuges zum Fürsten Bismarck zu unternehmen.

Leipzig, 4. December. Im Falle Leist ist die Re­vision noch nicht angemeldet. Hiernach ist die Meldung verschiedener Blätter, wonach der Disciplinarhof deS Reichsgerichts Anfangs Januar diesen Fall verhandeln werde, falsch.

Wien, 4. December. AuS Fiume wird gemeldet: Seit zwei Tagen herrscht hier eine große Boa. Biele Schiffe in den schwimmenden Docks sind beschädigt worden. Auf den Straßen find mehrfach Unglücksfälle vorgekommen.

Triest, 4. December. Hier wüthet eine fürchterliche Boa. Die Einfahrt in den Hafen ist fast unmöglich; viele Unglücksfälle find vorgekommen. Die Kaiserin Elisabeth dürste ihre Absicht, per Schiff nach Algier zu reisen, auf» geben. Sie reist Nachmittags von Pola mit der Eisenbahn nach Marseille und von da per Schiff nach Algier.

Bern, 4. December. Der Chef des Etsenbahnrathel wird zu Neujahr einen umfassenden Bericht an den BundeS- rath richten, wie sich der conceisionSgemäße Rückkauf der Eisenbahnen für die Eidgenossenschaft gestalten würde.

Rom, 4. December. Die Zeitungen commentiren die gestrige Thronrede und zwar übereinstimmend in pessimisti­scher Weise.Osservatore" schreibt, dem König sei ein kalter Empfang bereitet worden, weil die außergewöhnlichen Polizei- lichen Maßregeln, welche gestern in der Umgebung deS Parla- mentSgebäudes angeordnet waren, unter der Bevölkerung Mißstimmung hervorgerufen hätten.Capitale" meint, der Eindruck der Thronrede entspreche völlig dem eiskalten Tone,