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1894

Freitag den 6. Juli

Nr. 155

Amts- und Zlnzeigeblutt für den Areis Gieren.

Redaction, (Srpebitiea und Druckerei:

KLutstrakc "Nr.7.

Fernsprecher 51.

Vierteljähriger AßonncmttrtsprtU: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlodu.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener

Aa mitien Slütter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Kichemr Anzeiger

Keneral'-Wnzeiger.

2inrtlichev Shell.

Bekamtmachmlg,

Betr.: Maßnahmen gegen die Cholera.

Der Ausbruch der Cholera in mehreren Deutschland benachbarten Ländern veranlaßt uns, wiederholt auf diejenigen Vorkehrungen hinzuweisen, welche geeignet sind, dem Ausbruch der verheerenden Krankheit entgegen zu arbeiten.

Als wirksamstes Vorbeugungsmittel gegen die Seuche ist die peinlichste Reinlichkeit anzusehen. Dieselbe darf sich nicht allein auf die einzelnen Häuser und Hofraithen erstrecken, sondern muß auch auf deren nächste Umgebung ausgedehnt werden. Besondere Aufmerksamkeit in dieser Beziehung ist dem Zustand der Aborte, der Art des Abflusses der flüssigen Abgänge aus den Haushaltungen und aus Gewerbebetrieben, sowie der Ansammlung festerer der Fäulniß unterliegenden Rückstände aus diesen zuzuwenden. Auch beim Betriebe der Landwirthschaft und Viehzucht ist Reinlichkeit nicht minder zu beachten. Die Dunggruben sowie die Abflüsse aus den­selben, die Ställe, besonders solche in enggebauten Orten und dichtbewohnten Stadttheilen, müssen öfter auf ihre Reinhaltung geprüft und allenfalls desinftcirt werden. Dasselbe gilt von Aborten, Dung- und Senk-Gruben, wobei auch darauf zu achten ist, daß dieselben im Sommer öfter entleert werden müssen, als in den kühleren Jahreszeiten. Ferner empfiehlt es sich, Gossen, Reule, Schlammfänge und Abzugsgruben durch Ausspülen mit hinreichenden Wassermengen gründlich zu reinigen, damit jede Ansammlung fauliger Rückstände in denselben verhindert wird.

In allen öffentlichen Anstalten und Localitäten, welche von Dielen Menschen besucht zu werden pflegen, wie Bahn­höfe, Spitäler, Armenhäuser, Schulen, Gefängnisse, Haft­locale, Gasthäuser, Wirths(haften, Herbergen und Logirhäuser u. dgl. müssen reichliche Wasserspülungen der Aborte und Pissoirs mehrmals im Tage, sowie hie und da gründliche Desinfectionen vorgenommen werden.

Eine weitere Schutzmaßregel gegen die Seuche ist die Verwendung nur reinen, keimfreien Wassers zum Trinken, Reinigen und Spülen. Brunnen, Quellen und Wasser­leitungen sind sorgfältig rein zu halten, verdächtige Brunnen sofort zu schließen.

Eine besonders reinliche Handhabung ist bei der Aus­übung derjenigen Gewerbe geboten, welche die Anwohner durch üble Ausdünstungen belästigen, wie Schlachthäuser und Hausschlächtereien, Wildhandlungen, Seifensiedereien, Knochen­lager, Häute und Lumpen bei Sammlern und Händlern.

Gießen, den 4. Juli 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, den 4. Juli 1894.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grofth. Bürgermeistereien und Polizei­behörden des Kreises.

B etr.: Wie vorher.

Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie ortsüblich publi- ciren und die Ausführung der darin enthaltenen Empfehlungen sich angelegen sein lassen; insbesondere werden Sie für gründ­liche Reinigung der Gossen, Reule, Kanäle und Schlammfänge, sowie für Reinhaltung der Brunnen, Quellen und Wasser­leitungen Sorge zu tragen haben.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 10 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der Kreis­ausschuß während der Zeit vom 21. Juli bis 1. September Ferien hält.

Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen, dagegen wird der Lauf der gesetzlichen Fristen dadurch nicht unter­brochen.

Gießen, 3. Juli 1894.

Der Kreisausschuß des Kreises Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 12 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der Provinzialausschuß mährend der Zeit vom 21. Juli bis 1. September Ferien hält.

Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen.

Auf den Lauf der gesetzlichen Fristen sind dieselben ohne Einfluß.

Gießen, den 3. Juli 1894.

Der Provinzial-Ausschuß der Provinz Oberhessen.

v. Gagern.

Provinzial-Director.____________________

Bekanntmachung.

Betreffend: Die Handhabung der Feierabendstunde.

Mit Rücksicht auf die in letzter Zeit sich mehrenden nächtlichen Ruhestörungen, insbesondere in Wirths« und Kneiplocalen und auf die vielfach eingelaufenen berechtigten Beschwerden haben wir uns veranlaßt gesehen, die Schutz­mannschaft anzuweisen, in denjenigen WirthSlocalen, Vereins­und Studentenkneipen ohne Ausnahme, in welchen nach 11 Uhr (die gesetzliche Feierabendstunde) noch gesungen, musicirt, gelärmt oder gekegelt wird, alsbald Feierabend zu bieten und jede Nichtbeachtung zur Anzeige zu bringen.

In besonderen Fällen kann durch bei uns vorher ein­geholte Erlaubniß die Feierabendstunde verlängert werden.

Gießen, den 5. Juli 1894.

GroßherzoglrcheS Polizeiamt Gießen.

___________________I. V.. Roth.____________________

Deutscher Reich.

Berlin, 4. Juli. Kaiser Wilhelm weilt nunmehr mit seiner erlauchten Gemahlin wieder aus norwegischem Boden, um hier, im Anblicke großartiger und stets wechseln­der Naturscenerien, wie schon in früheren Jahren sich von den mannigfachen Anforderungen und Anstrengungen seines Herrscheramtes für mehrere Wochen zu erholen. Die Nachricht, daß die Kaiserin die Nordlandsreise ihres hohen Gemahls nur bis Malmö mitmachen werde, erweist sich als unbegründet, voraussichtlich wird die Kaiserin den Kaiser bis nach Trondhjem begleiten. Neueren Meldungen zufolge trifft die Kaiserin an Bord des SchulschiffesGrille" am 20. Juli aus Norwegen wieder in Kiel ein.

Die Begnadigu ng der wegen Spionage vom Reichsgericht zu Festungshaft verurtheilten französischen Marineoffiziere Degony und Delguey Seitens des

Bemerkungen ?«r Frsuenstage. I

Die nachfolgenden Bemerkungen über eine Frage, die \ durch manche neue Anregung in letzter Zeit an allgemeinem Interesse gewonnen hat, beruhen auf langjährigen Beobachtungen und vielfachem Gedankenaustausch mit einsichtigen Männern und Frauen. Wenn der Versasser des Aufsatzes von vorn­herein erklärt, daß er der Möglichkeit einer Lösung auf den 1 bis jetzt eingeschlagenen Wegen für seine Person zweifelnd ; und stellenweise ablehnend gegenübersteht, so wird die Offen- { beit des Bekenntnisses die Lectüre für manche Leserin weniger angenehm machen. Der Sache aber kann es, wo es sich doch nicht um bloße Unterhaltung handelt, nur förderlich sein, wenn der Standpunkt des Verfassers zum Widerspruch und zu weiterem Nachdenken veranlaßt. In der Ausführung soll möglichste Kürze herrschen. Denn es kommt nicht darauf an, zu überreden, sondern verstanden zu werden.

Die Frage nach der Erwerbsfähigkeit der Frauen besserer Stände ist, soweit ich mich erinnere, zunächst für | Berlin um von einem maßgebenden Centrum auszugehen zuerst vor einem Menschenalter practisch aufgeworfen worden. ES sind daraus allerlei segensreiche und mit Erfolg arbeitende Einrichtungen hervorgegangen, die nicht einzeln genannt zu werden brauchen, weil sie jedem bekannt sind. Allen diesen Einrichtungen ist gemeinsam, daß sie sich inner­halb der von der Natur oder wenigstens von der herkömm­lichen Auffassung gezogenen Grenzen weiblicher Thätigkeit halten, daß sie die nach eben dieser Auffassung der männ­lichen Arbeiten vorbehaltenen Berufsarten nicht oder doch nicht vorwiegend berühren. Das ist in neuester Zeit anders geworden und wird gleich weiter zu verfolgen sein. Einst­weilen erinnern wir uns an die jedem von uns bekannte Thatsache, daß die Bewegung innerhalb der sogenannten niederen Stände, der arbeitenden Klasse, viel älter ist, daß sie längst allerlei Ergebnisse, darunter auch recht unfreund­liche, gezeitigt hat, daß hier also ein in mancher Hinsicht ab­geschlossenes Gebiet hinter unserer Erfahrung liegt, von wo aus manch lehrreicher Ausblick in die Zukunft der noch un- t gelöstenhöheren" Frauenfrage möglich sein wird. In den niederen Ständen ist die Frau naturgemäß häufiger die l

Arbeitsgenossin des Mannes, auch in der gleichen Arbeit. Der Antheil der Frauen ist längst Bestandtheil des practischen Lebens und Gegenstand der ordnenden Gesetzgebung geworden. Das Maß dieses Antheils ist erfüllt. Die Gesellschaft, inner­halb deren jetzt am meisten diese Frage erörtert wird, die Socialdemokratie, fordert keine Steigerung dieses Arbeits- antheils mehr. Sie möchte im Gegcntheil den Frauen zwar politische Rechte verschaffen, aber in der Beschränkung der Frauenarbeit geht ihr gerade der sürsorgend eingreifende Staat noch nicht weit genug. Und zwar nicht etwa blos, weil der Mann seine Frau für das Haus und die Besorgung der Kinder nöthiger zu haben glaubt. Vielmehr lassen alle Erörterungen einerseits über Arbeiterschutz und Herabsetzung der Arbeitszeit überhaupt, anderseits über Beschränkung der Frauenarbeit/ wie sie in den letzten Jahren reichlich gepflogen wurden sie lassen alle einen Punkt als Resultat klar hervortreten: der Mann empfindet seine Frau als Concur- renttn in seiner Arbeit und für beide ist nach seiner Auf­fassung in dem bisherigen Umsange der Arbeitsleistung kein Platz mehr. Ich brauche wohl nur mit einem Worte aus­zusprechen , daß dieser Wendepunkt auch einmal in der höheren" Frauenfrage eintreten wird, und zwar um so eher, je entschiedener die im Sinne dieser Frage sich organisirende Frauenarbeit sich auf bisheriges männliches Domanialgebiet wagt. Die folgenden Betrachtungen werden sogar zeigen, daß diese Wendung für einzelne Arbeitsgebiete bereits sich borbereitet. Analogieschlüsse sind nicht für alle Einzelheiten zwingend, aber sie geben uns einen Standpunkt zur vor­läufigen Auffassung des Ganzen. Deßwegen durfte ich diesen Ausblick lehrreich nennen. Nun wenden wir uns zu den einzelnen Thatsachen, mit denen sich unsere Frage zu beschäftigen hat.

Doch zuerst muß ich den Leser bitten, noch einige Augen­blicke in den Vorhallen zu verweilen und sich das zu ver­gegenwärtigen, was sich in den letzten dreißig Jahren auf den Arbeitsgebieten vollzogen hat, die, mehr weiblicher Art entsprechend, darum auch die Unterschiede höherer und ge­ringerer Geistesbildung nicht so scharf hervortreten lassen. Ich erinnere an einzelne Zweige des Handels und des Ge­werbes, an Buchhalterinnen, Rechnerinnen und Ladnerinnen,

innerhalb des staatlichen Betriebes an Post und Telegraphie. Das ist natürlich örtlich sehr verschieden. In der Schweiz war man beispielsweise hier schon vor Jahrzehnten zu einer Entwickelung gekommen, die bei uns noch jetzt nicht er­reicht ist.

Der alle diese Einzelerscheinungen bewegende Gedanke war nicht, den Frauen eine besondere Arbeit zu schaffen, dte der Mann nicht auch hätte leisten können. Vor allem lag nicht etwa die Vorstellung einer höheren ober auch nur einer spezifischen Intelligenz der Frauen zu Grunde. Höchstens berief man sich auf Charactereigenschasten und größere äußere Applikation; das mag sich jeder meiner Leser im Einzelnen selbst ausführen. Namentlich war maßgebend die starke Triebfeder in unserem, von der Concurrenz erfüllten Geschäfts­leben, das Streben nach möglichst geringen Productionskosten, also die Billigkeit der Frauenarbeit.

Dieser Gesichtspunkt nun, ins Praciische übersetzt, hat, wenn wir ihn nur für einen einzigen Ort und auf einem einzigen Gebiete verfolgen wollen, ein Ergebniß von ver­blüffender Deutlichkell ins Leben gerufen. In Berlin war vor dreißig Jahren weibliche Bedienung in Läden, abgesehen vom Hauspersonal und einzelnen Geschäftszweigen, eine Seltenheit. Jeder weiß, daß jetzt, was damals Ausnahm- toar, die Regel bildet. Die Kehrseite davon ist die Misere der stellenlosen Commis und das aussichtslose Lehrlingssystem. Hat nun aber, was Tausende von Männern, die sich im tiefsten Elend befinden, genommen wurde, die Frauen glücklich gemacht und ihnen zu einer ihren Ansprüchen entsprechenden Lebenslage verholsen? Oder sehen auch sie bereits ihre Wünsche nicht erfüllt und das Leben nicht geneigt, noch ge­eignet, weiteres zu gewähren, so daß hier die Frauenfrage von einer befriedigenden Antwort noch ebenso weit entfernt ist wie vor dreißig Jahren? Die Antwort darauf mag sich jeder nach seinen Erfahrungen selbst geben. Auf alle Fälle wird er zugestehen, daß dieses ganze Gebiet zu einem frucht- reichen Ertrag für Frauen besserer Stände nicht weit ge­nug bemessen ist.

(Fortsetzung folgt.)