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9tt, 104 Zweites Blatt. Sonntag den 6. Mai
1894
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Hratisbeikage: Hießener Jamitrenötätter.
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Ise Innoncffl-Burrauj des ftn» nk Auslandes oehmm» lujkigcu für de» „Gießener Äw|ti|tr* ratyrgcB.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Die Grundbesitzer, welche ihren Grundbesitz entweder ganz oder theilweise nicht selbst bewirthschaften, werden hierdurch aufgefocdert, bei der Bürgermeisterei derjenigen Gemeinde, in deren Gemarkung die Grundstücke liegen, bis zum 1. Juni L I schriftlich oder mündlich zu Protokoll den Antrag zu stellen, daß der aus die Steuercapitalien ihrer Grundstücke oder einzelner derselben entfallende Beitrag zur Berufsgenossenschaft von einem Anderen, als Betriebsunter- nehmer zur Zahlung Verpflichteten, erhoben werde. Die Anträge müssen auch die nöthigen Angaben über die Pachterträgnisse der einzelnen Loose enthalten.
Sodann wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 10 der Verordnung vom 11. Juli 1888 von nachverzeichneten Objecten ein Beitrag zur Berufsgenossenschaft nicht erhoben wird:
1) von Grundstücken, welche zu einem land« ober forst- wirthschaftlichen Betrieb überhaupt nicht gehören;
2) von allen Gebäuden nebst zugehörigen Hofräumen, Haus- und Ziergärten;
3) von Grundstücken von Betrieben, deren Sitz außerhalb de« Landes gelegen ist;
4) von steuerpflichtigen Grundstücken, deren land- und forst- wirthfchaftliche Benutzung dauernd eingestellt ist, fei es, daß jede Nutzung aufgehört hat, fei es, daß an Stelle der land- oder forstwirthschaftlichen eine gewerbliche Be- nutzung getreten ist (z. B. Verwandlung eines Ackers in einen Stembruch).
Diejenigen Grundbesitzer, welche derartige Befreiungs- gründe, die sich der amtlichen kenntniß entziehen, geltend machen können, werden aufgefordert, die Befreiung bei der Bürgermeisterei derjenigen Gemarkung, in welcher das Grundstück gelegen ist, bis zum 1. Juni l. I. zu beantragen.
Gießen, den 2. Mai 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. 93.: Dr. Melior.
Gießen, den 2. Mai 1894.
Betreffend: Die la> d- und forstwirthschaftliche Berufs- genossenschaft für das Großherzogthum Hessen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
•* die «rstzb. Nüraermeittcreie« deS AretfeS.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie alsbald auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.
Unter Bezugnahme auf $ 5 und 10 der Verordnung vom 11. Juli 1888, die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirthschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen betr., und unser Ausschreiben vom 17. Juli 1889 (Anzeigeblatt Nr. 167) machen wir Sie noch darauf aufmerk, sam, daß die Grundbesitzer, welche ihren Grundbesitz nicht selbst bewirthschaften, bei der Anmeldung das Rechts- verhältniß (z. B. Pacht rc.) und die Pachterträgnisse der einzelnen Loose anzugeben haben.
Heber die gestellten Anträge haben Sie ein Register nach der Zeitsolge der Anträge in vorschriftsmäßiger Form (cf. Formular A. zu der Verordnung vom 17. Juli 1889, S. 93 des Regierungsblattes) zu führen und dies Register spätestens bis zum 15. Juni l. I. unter Anschluß der gestellten Anträge und der dazu gehörigen Nachweise an uns einzusenden.
Innerhalb gleicher Frist sind die Anmeldungen ein* getretener Befreiungsgründe von der Beitragspflicht (cf. $ 10 der allg. Verordnung) mit dem von Ihnen zu führenden Antragsregister uns mitzutheilen. Die Anträge sind von Ihnen zu prüfen und nach Befund als richtig zu bescheinigen.
Sodann weisen wir Sie unter Bezugnahme auf § 14 und 15 der genannten Verordnung hierdurch an:
1) Verzeichnisse her in den Gemeinden etwa vorhandenen landwirthschaftlichen Nebenbetriebe (z. B. von Fuhrwerks, Drescherei, Brennerei , Molkerei-, Steinbruchs-, Sandgruben-, Lehmgruben-, Torfstich-, Ziegelei-, Kalköfen-, Kellerei Betrieben rc ), soweit diese Betriebe nicht bereits nach dem gewerblichen NnfallversicherungS- gesetz vom 6. Juli 1884 versichert sind,
2) Verzeichnisse der außerhalb des Großherzog- thums gelegenen Grundstücke, welche zu einem landwirthschaftlichen Betrieb im Großherzogthum gehören, mit Angabe dieser Grundstücke nach der Katasterbezeichnung, der Größe und des Eigenthümers, an den Vorstand der land- und forstwirthschaftlichen BecufS- genosienschaft, Herrn Regierungsrath Nover in Darmstadt, bis Ende Juni l. I. einzusenden.
I. V.: Dr. Melior.
Cocains und provinzielles.
Gießen, den 6. Mai 1894.
•* In Amerika verstorbene Hessen. Newyork City: N. A.: Philipp Junker, 53 Jahre alt, aus Gedern; Nikolaus Winkler, 73 Jahre alt, aus Viernheim; Dr. Peter Baumann, 54 Jahre alt, auS Groß-Gerau; Elise KlemenS geb. Neckermann, 32 Jahre alt, aus Offenbach a. M. Brooklin, N. D.:
John Oestreich, 43 Jahre alt, aus Lauterbach. Jersey City, N. I.: Karl Metz, 57 Jahre alt, auS Mainz. R hine, WtS.: Friedrich Geffert, 68 Jahre alt, auS Nierstein. Smithon, Jll.: Katharine, Gattin von Leonhard Kunkelmann, 76 Jahre alt, aus Erbach. Toledo, O.: Konr. Jäger, 40 Jahre alt, auS Pfungstadt. Town Jackson, Washington Co, WiS.: Christian Schowalter, 81 Jahre alt, auS Wallertheim.
*♦ Im Jahre 1893 ergingen im Großherzogthum Hessen 2747 rechtSkrästige Bestrafungen von Landstreichern und Bettlern (Starkenburg 1058, Oberheffen 498, Rheinhessen 1191). In den letzten fünf Jahren (1889 bis 1893) hat
Im Verhältniß zur Bevölkerung betrachtet, entfällt hiernach auf 10,000 Einwohner die nachstehende Anzahl Bestrafungen von Landstreichern und Bettlern:
die Anzahl der Bestrafungen
in den
drei Provinzen
und im
Großherzogthum betragen :
in
1889
1890
1891
1892
1893
Starkenburg
1202
850
1223
1304
1058
Oberhessen
594
510
468
552
498
Rheinhessen
1106
876
908
1194
1181
im Großh. Hessen
2902
2236
2599
3043
2747
in
1889
1890
1891
1892
1893
Starkenburg
29,42
20,03
29,14
30,66
20,69
24,79
Oberhessen
22,69
19,16
17,60
18,04
Rheinhessen
36,57
28,39
29,54
37,87
37,92
im Großh. Hessen 29,83
22,48
26,18
30,25
27,25
W. Aus
der Wetterau,
3. Mai
. Die
Gänsezüchter
machen dieses
Jahr ähnliche Erfahrungen,
wie die
Züchter
von Biurncu,
Gräser- und Waldsämereien,
nämlich
es sind
ziemlich taube, unbefruchtete Eier, beziehungsweise Samen vorhanden, was wohl mit dem heißen, dürren Sommer 1893 zusammenhängt. Einsender dieses erzielte von zwölf Eiern nur sechs junge Gänse. Ein Nachbar brachte von neun Eiern nur ein Junges und ein anderer sogar von vierzehn Eiern nur ein Junges davon, obgleich die betreffenden Brutgänse sehr tüchtige, fleißige Brüterinnen sind. Schreiber dieser Zeilen legte die Gänseeier einer Truthenne unter, welche bekanntlich vortreffliche Brülermnen sind, und trotzdem ergab eS ein ungünstiges Resultat, woraus folgt, daß die Eier mangelhaft waren. DaS nasse, frostige Wetter ist bekanntlich dem jungen Geflügel nicht zuträglich. Wer keine Verluste erleiden will, lasse das Gethier im warmen Raume.
-e. Reu. Ulrichstein, 1. Mai. Monatsbericht der Arbeiter-Colonie pro April 1894. Ende ? April 1894 sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitslos I 72 Mann. Dieselben vertheilen sich auf das Groß- * herzogthum Hessen 14, Regierungsbezirk Kassel 12, Regierung--
Feuilleton
Mnftr Garten im Msi.
„Ihr Grübler, die ihr, fern verloren, Traumwandelnd irrt auf trüber Bahn — Wacht auf, die Welt ist neu geboren, tote zeigt euch Wunder, nehmt sic an!" (Seibel.
Der Mat ist da! Dem Sonnenstrahl gleich, der sich rüstet, dm köstlichen thauglitz-.rnden Morgen einer im srischm Jugendschmuck prangenden Natur zu vergolden, will das Pfingstfest durch blüthen- schwere Thore einziehen. Und wie wenige wachen auf — wie wenige kennen die überwälitgmde Schönheit, die kleinen Wunder eines lachenden Maimorgens im Garten!
UnS treibt eS heute früh heraus. Noch ist e« Stacht und stied- Uche Stille umlagert das weltferne Heim, unseren Garten. Wir treten durch das Hlnterpjöitchen, aus dem mit Epheu traulich umsponnenen Vorplatz, in die frische Kühle hinaus.
Alles noch grau irr grau; kaum em bleicher Lichtschein deutet am Himmel den Osten an. lieber unS funkeln noch die Sterne. Je länger wir in das unergründliche All hinaufsehen, desto mehr scheint das Funkeln an Lebhaftigkeit zuzunehmen. Sollte dies Flimmern und Winken, nach altem Seemannsglauben, uns baldigen Regen bringen .' Es ist die immer feuchter und deshalb durchsichtiger werdende ßuft; die ersten Hahnenschreie mahnen den eben sich bildenden Frühlhau, sich in seinem geheimnißoollen Weben zu sputen!
Wir treten hinunter auf die grau verschleierte Rasenfläche, über die, fast geisterhaft, mit unhörbarem Fluge eine Eule wegstreicht. Im ersten Grauen erkennen wir schwach vor dunkelem Buschwerk bleiche Liliensterne, deren süßer Nachtdust im Thau leise erstirbt. Es sind B e r m u d a , Orterlilien; den diesmal so frühen Äuferftebung8tag haben sie versäumt: nun aber blicken sie uns. träumerisch ernst, mit ihren fast potaunenförmigen Blüthen inS Gesicht. Wollt ihr uns erzählen von eurer fernen Heimath im Ccean, von den furchtbaren Meeresstürmen, die euere Blülhentage so häufig umtosen, vom verzweifelten Ringen der zum Spielball der Orkane gewordenen Schiffe, vom harten Seemannstod manch tapfern jungen Blutes? — wie ihr auf hohem Meeresstrand erblüht, die Trost- und Ruhelilien für manch verzweifelte- Mutter Herz schon geworden?'.
Immer dichter webt der Thau. ES ist, wie wenn drei Schichten im Luftmeer über dem schlummernden Garten lägen: die jungen Fichten hier, daneben der blühende Quitter bäum, sie strahlen ihre Erdwärme leise 'in die oberste Schicht. Das führt zur Abkühlung ihrer Umgebung. Es sinken die abgekühlten Lufitheilchen, lammt Wassergehalt, in die tiefere, mittlere Rcgion. Hier ist die Vegetation durch niederes Buschwerk, durch Stauden, andere Blurnen- pflanzcn und Gemüse, noch reicher oertreten : sie strahlt ebenfalls fortgesetzt ihre Wärme aus, dadurch, wir fühlen es deutlich, wird die Luft noch mehr abgekühlt: der Thaupunkt ist perfect — Milliarden Dunstkügelchen verdichten sich, taumeln in lebhaftem Frühreigen hin und her und hängen sich an Blätter und Blüthen. Inzwischen sinkt die gekühlte Luft noch mehr herab, in die unterste Schicht, bis auf den Boden. Dieser erwärmt sie, führt ihr aber auch zugleich einen Theil feiner entfliehenden Feuchtigkeit zu. Die erwärmten LuflthUlchen fliehen aufwärts. biS »n die oberste Schicht, um von dort den Weg erneut und immer wieder zurück- zulegen, bis das erwärmende TageSgeftirn der Ausstrahlung ein Ziel setzt.
Wehe, wenn die Ausstrahlung bei völlig klarem Himmel und gesunkener Temperatur eine zu intensive wird: bann regieren die Eisheiligen, die diesmal im Kalender gerade zu Pfingsten dräuen — der Nachtfrost ist da!
Und nun dämmert der Morgen herauf.
Zuerst in kaum sichtbar zarter H-lle, bann in unbeschreiblich feierlicher Glorie, zeigen sich leichte Schleierwolken über bem östlichen Horizont. Es ist, wie wenn von ihnen aus das leuchtende Signal zum Morgen, zum Erwachen der ganzen Natur, erstrahlte. Der Ausgang röthet sich sanft, besäumt feine Morgenwolke mit überirdischem Licht — die sanfte Röthe ftrahll schüchtern hinauf zum Sternenzelt, erlöscht das Gesunkel leise und läßt das Grau des südlichen, und westlichen Himmelsgewölbes, nach einem vorübergehenden rosigen Hauch, in morgenfrischem Azur leuchten.
Jetzt werden zuerst leise, dann frohlockende Stimmen im nahen Parkwäldchen wach. AuS dem geräumigen Etarenkästchen im noch blühenden Apfelbaum sieht zuerst ein gelber Schnabel, wie nach bem Wetter spähend; dann fLegt der Star heraus, gewandt hinaus auf die höchste Spitze der ihm gesetzten Stange. Er bläst sich auf, flüchtig glättet er sein Gefieder, j tzt schwatzt cr, prälubtrt und gehr bann jutelnb in sein Loblied des auftauchenden Moraens über. Nun wird es auch im Häuschen lau': das Piepen und Schwatzen der Brut. Am Himmelfahrtstage sollte sie nach dlm alten Volksalauben ausfliegen, dazu reichte es aber in diesem Jahre nicht. Bald wirds sicher geschehen, das totarenpäichen sorgt eifrigst dafür. Beide sind
jetzt da. Unter Geschwätz und fröhlichem Flügelfchlagen geht eS auS und ein. Bald ist der Herr Gemahl drüben in Der Wiese, mit zierlichem Kopfnicken einherstolzirend, um den eben sich auS der Bodennacht ins Frühlicht herausarbeitenden Maikäfer abzufasfen, bald wackelt Frau Stärin durchs Salatbeet, einen Schnabel voll schmackhafter Drahtwürmer heroorzuziehen. Dann gehts in schwirrendem Flug zurück, die Mäuler zu stopfen, nicht zu rasten und zu ruhen, bis die Pflicht aethan : zwiefache, Elternpflicht gegen die nimmer* satte Brut, DankeSpflicht gegen den Schöpfer deS geliebten Sommer- häuSchenS! .
Inzwischen umlagert eine unendliche Weihe Baum und Strauch: ein feierliches Licht überkommt von oben her die alte Pappel; das zwischen Fruchtbäumen fast versteckte ferne Kirch- thürmchen strahlt plötzlich vergoldet, dann taucht eS herab, das goldme herrliche Licht, umfließt Garten und Gegend, um Myriaden von Lebewesen von Neuern zu beglücken — majestätisch, hinter purpurner filberumsaßter Wolkenbank taucht Allstegerin Sonne langsam auf!
Schwalben, die am Hausdach fröhlich zwitschern, fliegen auf, baden sich im leichten Morgenwind die Flügel und im nahen Felde steigt eine Lerche senkrecht jubelnd zum Himmel, um in innigem Loblied Sonne und Maimorgen zu begrüßen.
Nun wird es überall wach; Tausende von Blüthen, die sich <m Nachttbau halb geschlossen, öffnen leise ihre Kelche, wenden sich der Hellen Lichtquelle zu. Die Jnsictenwelt hat beim ersten Strahl der Sonne ihre Nachtoersttcke verlassen: e5 krabbelt, fliegt, summt, glänzt durch die diamantfunkelnden Gräser, über die frischgrünen Gartenbeete, über anmuthige Blumen und durch das trauliche Blätterdach der zum Theil schon mit jungen Früchten behangenen Bäume. Hirr, in den lauschigsten Verstecken, haben unsere kleinen Sänger, unter unserem Schutz, ihre Nester gebaut, Baum und Früchten dafür selbst sorgfältigsten Schutz gegen die zahllos austauchenden Zerstörungsgeister bietend.
Und wie hat sich unser kleines Eden, zum Tank für unsere Herbst-, Winter- und Vorfrühlingsarbetten geschmückt, wie bereitet cS sinnig sein Pfingstfest vor! Sieh hier die Pracht der blühenden Syringe, die mit köstlichem Wohlgeruch die Morgenluft durchwürzt; wie reich und in wie lieblichem Eontrast zu dem Hellen Llla schüttet der schlanke Goldregen die Fülle feines Gelb über die zarte Blüthen- aenossin hinweg. Dahinter das Dunkel der Fichtengruppe, aus der sich die Lärche in ihrem jugendfrischen Frühlingökleid prächtig heroor- hedt; sie wird in pfingstlicher Lieblichkeit nur noch von deS HauseS treuer Freundin, der Birke übertroffen. Diese will mit ihrem jungen Grün Mar- und Pfingstsreunde auch hinein in jene Sphären tragen


