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6.4.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 79

Erstes Blatt.

Freitag den 6. April

1894

Kenerat-Mnzeiger.

2lmts* und Anzeigeblatt für den Tkreis Giefzeir.

Ärtartwn, und Drucker«:

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Die Gießener ^ttleeiritter Werten dem Anzeiger >M»chmtl»ch dreimal detgelegl.

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Amtlicher Tbeil.

Bekanntmachung,

betreffend Verhütung von Waldbränden.

Mit Rücksicht auf die herrschende Trockenheit und die hiermit verbundene Gefahr der Entstehung von Waldbränden bestimmen wir auf Grund des Art. 79 der Kreis- und Pro- vinzial-Ordnung das Folgende.

1- Im Laufe des Monats April ist das Rauchen von Cigarren. Cigaretten und ungedeckelten Tabakspfeifen in Wald­ungen und auf Haiden außerhalb der chaujsirten Ortsver- bindungsmege verboten.

2. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis iu 90 Mark bestraft.

Gießen, den 3. April 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

tetr. Die Veranstaltung von Verloofungen innerhalb des Großherzogthums.

Das (Sonnte für Abhaltung des Alzeyer Fett- und Zuchtviehmarkts beabsichtigt mit dem am 9. Mai d. I. statt­findenden Markte eine Verloofung von Zuchtthieren, land- wirthschaftlichen Maschinen, Geräthen und GebrauchSgegen- ständen, zu verbinden, um die Mittel zur Prämiirung von Vieh zu gewinnen.

Das Gr. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Vcr- loosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 10 000 Loose zu 1 Mk. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 45°/0 des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu ver­wenden sind.

Zugleich ist der Vertrieb der zur Ausgabe gelangenden Sooft in der Provinz Oberhesien gestattet worden.

Gießen, den 4. April 1894.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

(Gefestigte Friedensaussichten.

Seit Jahren hat Europa kein so friedliches Gepräge gezeigt, wie gerade im jetzigen Zeitpunkt, und es begreift sich daher, wenn allseitig die Hoffnungen auf die fernere Erhaltung der Dölkerharmonie unseres Welttheiles im Wachsen begriffen sind Namentlich stellt eS sich immer mehr heraus, daß dem deutsch-russischen Handelsverträge in der That eine nicht zu unterschätzende allgemeine Friedensbedeutung zukommt, denn mit seinem Abschluß ist unzweifelhaft eine freundlichere Wendung auch in den rein politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland eingetretcn. Erst die jüngsten Tage haben hierfür wieder einen neuen Beweis geliefert, durch die Aus­zeichnung deS Reichskanzlers Grasen Caprivi, des Staats- secretärs v. Marschall und deS preußischen Gesandten v. Thielmann Seitens deS Czaren mit hohen russischen Orden, und es liegt in Erwägung der obwaltenden Ver­hältnisse auf der Hand, daß diesem Vorgänge nicht lediglich der Character eines der zwischen befreundeten Staaten üblichen HöflichkeitSacte zukommt.

Sicherlich würde die Besserung in dem politischen Ver­hältnisse zwischen Deutschland und seinem mächtigen östlichen Nachbarreiche allerdings eine noch weit hellere Beleuchtung erfahren, wenn es im lausenden Jahre zu der gerüchtweise angekündigten Begegnung des deutschen Kaisers mit dem Czaren kommen sollte, offenbar erscheint aber den betreffenden Ge­rüchten gegenüber noch große Zurückhaltung geboten.

Wenn somit die Wiederannäherung zwischen Deutschland und Rußland als eine neue Friedensgewähr begrüßt werden darf, so bleiben doch zugleich die alten bewährten Bürgschaften für die Fortdauer des europäischen Friedens bestehen. Vor Allem erhält sich das innige Bündniß- und Freundschafts- verhältniß zwischen den beiden mitteleuropäischen Kaiserreichen in ungeschwächter Stärke, wie soeben die Zusammenkunft der Kaiser Wilhelm und Franz Josef in Abbazia dargelegt hat und wie dies weiter auch der bevorstehende Gegenbesuch Kaiser Wilhelms beim österreichischen Herrscher in Wien bekunden wird. Daneben währen auch die herzlichen Beziehungen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns zu Italien ungetrübt fort, was aus mancherlei Anzeichen erhellt, die hie und da zu vernehmenden Behauptungen von einer angeblichen Lockerung des Dreibundes sind durch nichts begründet. Politische Zeichendeuter wollen in dem unläugbaren Umstande, daß die handelspolitische Spannung zwischen Frankreich und Italien |

nachzulassen beginnt, eine sich leise markirende Vorbereitung Italiens zur Abschwenkung vom Dreibunde erblicken- eS lohnt indeffen nicht, aus das Haltlose einer solchen Combination näher emzugehen, zumal sich ja eine wirthschaslliche Wieder- annäherung Italiens an Frankreich ganz gut mit den Ver­pflichtungen ersteren Staates gegen feine beiden Bundes- genossen vereinbaren ließe. Weiter glaubten die nämlichen Leute der Verleihung des Großkreuzes des österreichischen Stephanordens an den Präsidenten Carnot eine gereifte Be­deutung beilegen zu müssen, gewiß trägt aber baß Ereigniß nur den Character einer höfischen Kundgebung. Kaiser Franz Joses wollte mit dieser dem französischen StaatSoberhaupte erwiesenen Aufmerksamkeit seine besondere Befriedigung und Genugthuung über den Verlauf feines kürzlichen ErholungS- aufentbalteS in Südfrankreich zu erkennen geben, politische Motive haben jedoch den österreichischen Monarchen bei seinem Vorgehen gewiß nicht geleitet. Höchstens könnte man auS demselben noch den Schluß ziehen, daß Oesterreich Ungarn mit der französischen Republik auf gutem Fuße zu stehen wünscht, unbeschadet seiner festen Zugehörigkeit zum Drei­bunde.

Angesichts deS unbewölkten heiteren politischen Horizonts Europas ist es wohl erklärlich, daß wieder der alte Vorschlag einer allgemeinen Abrüstung unseres Welttheiles austaucht. Aber so erhebend dieser Gedanke auch ist, so muß seine Ver­wirklichung doch entschieden bezweifelt werden, die Einführung eines immerwährendenGottesfriedens" durch eine Ablegung des Waffenkleides der Völker wird eben immer wieder an den realen Verhältnissen scheitern. Immerhin heißt eS für die Sache des Friedens schon viel ^gewonnen, wenn die schlummernden großen Gegensätze in der europäischen Politik immer weiter zurückgedrängt werden, wie eS unstreitig durch die gegenwärtige Entwickelung der europäischen Tagesgeschichte geschieht. Schließlich haben hierbei auch die zeitweiligen großen internationalen Vereinigungen ihre versöhnende und aus- gleichende Rolle zugewiesen erhalten, wie gerade jetzt die harmonischen Friedensklänge bekunden, welche von dem in Rom versammelten internationalen Aerzte-Congreß auß ertönen.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. April. AuS Abbazia gehen über daß Be­finden deß Kaiserpaar und der kaiserlichen Kinder fort­gesetzt die günstigsten Nachrichten ein, offenbar bekommt daß milde und doch stärkende Klima Abbazias den erlauchten Herr­schaften ausgezeichnet. Im Utbrigen hat daß Programm für den weiteren Aufenthalt der Majestäten in ihrer jetzigen Frühlingsvilleggiatur auf österreichischem Boden hier und da Abänderungen erfahren. U. A. heißt es, der Kaiser habe auf den geplant gewesenen größeren Ausflug nach der dal- matinischen Küste verzichtet. Dagegen soll der Ausflug des Kaiserpaares nach Venedig und dessen Begegnung in der be­rühmten Lagunenstadt'mit den italienischen Majestäten bestimmt erfolgen. Nach den vorläufigen Mittheilungen hierüber würden der Kaiser und die Kaiserin zwei Tage in Venedig weilen und daselbst Absteigequartier im königlichen Palaste nehmen.

Die Festlichkeiten am Stuttgarter Hose anläßlich der Vermählung deS Prinzen Johann Georg von Sachsen und der Herzogin Maria Isabella von Württemberg erfuhren am Dienstag Abend ihre Einleitung. Zunächst fand um 6 Uhr im WilhelmspalaiS beim König ein Familiendiner im engsten Kreise statt, an welchem nur die nächsten Ver- wandten des hohen Brautpaares, sowie letzteres selbst iheil- nahmen. Um 9 Uhr folgte im Weißen Saale des Residenz- schlosseS ein größerer Hofball, an welchem die meistere der in Stuttgart anwesenden sürstlichen Gäste theilnahmen. Um 11 Uhr wurde der Ball durch ein bis 1 Uhr währendes Diner unterbrochen, nach dessen Beendigung die Ballfeftlichkeit ihren Fortgang nahm.

Das preußische Abgeordnetenhaus hielt am Dienstag seine erste Sitzung nach Ostern ab. Dieselbe ver- lief ohne größeres Interesse - außer einer Anzahl Petitionen gelangte die Vorlage, betreffend die Aufhebung der im Geltungsbereiche des rheinischen Rechts bestehenden Vorschriften über die in die Geburtsregister einzutragenden Vornamen, in erster und zweiter Lesung zur Erledigung. Ferner wurden die Anträge Eckels Aenderunz deS § 39 der Vormund- schastsordnung (Belegung von Mündelgeldern) und Krause Gleichstellung der Notare mit den anderen Beamten be­züglich der Strafen bei Nichtverwendung der tarifmäßigen Stempel durch besonderes Gesetz berathen und angenommen. Am Mittwoch beschäftigte sich daß Haus neben kleineren Vor- lagen hauptsächlich mit dem Gesetzentwurf über den Bau des Elbe-Trave Canals.

Die Frage der Errichtung deß nationalen Bismarck - Denkmals in Berlin hat endlich einen weiteren Schritt nach vorwärts gethan. In seiner am Diens­tag abgehaltenen Sitzung beschloß der große Ausschuß für daß Bismarck-Denkmal, dasselbe vor dem RechtSportale des neuen ReichStagsgebäudeS aufzustellen. Dem Kaiser soll der Beschluß nunmehr zur Genehmigung unterbreitet werden.

Neueste nad?rid>teit.

WolffS telegraphisches Korrespondenz- Bureau.

Berlin, 4. April. DerReichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung über die Anzeigepflicht für die Schweineseuche, Schweinepest und den Rothlauf der Schweine für Ost- und Westpreußen, Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen vom 16. April bis auf Weiteres.

Lemberg, 4. April. Anläßlich der KoSciuszkofeier fanden Vormittags Reveille und Gottesdienst, Abends Fest­vorstellung und Illumination statt. Die Betheiligung der Bevölkerung war groß und die Ordnung musterhaft.

Rom, 4. April. König Humbert reift Freitag nach Venedig ab.

Depeschen deS Bureau ,£>eroU)*'.

Berlin, 4. April. Die conservative Fraction deS preußischen Abgeordnetenhauses hat beschlossen, gegen die Vor­lage betr. den Elbe-Travecanal, deren zweite Lesung heute vorgenommen wurde, zu stimmen.

Berlin, 4. April. Anläßlich des Abschlusses deß deutsch- russischen Handelsvertrages sind noch weitere russische Ordensauszeichnungen an deutsche Beamte erfolgt.

Berlin, 4. April. DieNordd. Allg. Ztg." bemerkt zu den heutigen Erklärungen deS Redacteurs Polstorff und deß Verlegers Hofmann vom Kladderadatsch in der National­zeitung, durch diese Erklärungen habe sich die Briefkastennotiz als eine leichtfertige Erfindung erwiesen. Wollten die Heraus­geber deß Kladderadatsch jetzt noch beanspruchen, daß man an ihre bona fides glaube, so würden sie mit dem Material herausrücken müssen, auf Grund dessen ehrenwerthe, pflicht- treue Beamte völlig grundlos verdächtigt und verunglimpft worden seien.

Berlin, 4. April. Die Urthei le gegen die bei dem Spielerproceß in Hannover beteiligten Offiziere sind nunmehr erfolgt. Wie dieKreuzztg." hört, sind 15 Offiziere infolge dessen verabschiedet worden.

Berlin, 4. April. Der Reichstags- und Landtags- abgeordnete Fritzen, der vor einigen Monaten schwer erkrankt war, ist wiederhergestellt und hat nur einen gewissen Grad von Nervosität noch zu überwinden. Infolge dessen muß er daraus verzichten, in der laufenden Tagung noch in den Reichstag und Landtag einzutreten.

Berlin, 4. April. Der Oberbürgermeister Zelle hat in Gemeinschaft mit dem Geh. Commerzienrath Frentzel, dem Präsidenten des AeltestencollegiumS der Berliner Kauf­mannschaft, bei dem Reichskanzler Grasen Caprivi eine Audienz nachgesucht, um dessen Ansicht über eine in Berlin zu veranstaltende Gewerbeausstellung zu erfahren.

Leipzig, 4. April. Nach einer Meldung desLeipziger Generalanzeiger" ist in der vergangenen Nacht im alten Amtshof Großfeuer zum Ausbruch gekommen, welches durch das Rohproductenlagcr reichliche Nahrung fand. Die städtische Feuerwehr mit sämmtlichen Dampfspritzen hatte große Mühe, den Brand zu localifiren. Ein Arbeiter ist in den Flammen umgekommen. Man vermuthet Brandstiftung, eine der That verdächtige Person ist bereits verhaftet worden.

Budapest, 4. April. Die Söhne KossuthS statteten gestern den verschiedenen Clubs deS Abgeordnetenhauses Be­suche ab. Im Club der Nationalpartei unterhielt sich Franz Kossuth längere Zeit mit Apponyi. Im liberalen Club, wo sämrntltche Minister anwesend waren, erwartete man, daß Ministerpräsident Wekerle sich an der Unterhaltung beteiligen würde. Es geschah jedoch nicht und es herrschte deßhalb große Enttäuschung. Ludwig Kossuth reift morgen nach Neapel, Franz Kossuth nach Szeglad - Arad und dann nach Turin, um den Nachlaß seines Vaters zu ordnen.

Rom, 4. April. Die Redaction desSecolo LIX." in Genua,_ vor deren Gebäude gestern Abend eine mit Dynamit unb Nägeln gefüllte Bombe explodirte, hat nochmals einen Drohbrief erhalten, worin mitgetheilt wird, daß daß Attentat wiederholt werden mürbe; seien ferner An­schläge auf alle öffentlichen Gebäube in Aussicht genommen.

Nom, 4. April. Es verlautet hier mit Bestimmtheit, daß die Zusammenkunft des deutschen Kaisers mit dem König von Italien am nächsten Samstag in Venedig