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6.1.1894 Zweites Blatt
 
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Samstag bet) 6. Januar

Zweites Blatt

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Kenerat-Mnzeiger.

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Die Gießener

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Was wollen die Bestrebungen für Knaberr- Handarbeit?

Der Zweck der Bestrebungen ist in seinem innersten Kern ein rein erziehlicher. Wie heute die intelleclnelle Seite des Kindes durch den Unterricht methodisch geschult wird, so soll künftig auch sein Trieb, wcrkrhälig mit der Hand zu schaffen und zu gestalten, durch einen den kindlichen Kräften angemessenen Unterricht methodisch zur Entwickelung gebracht werden. Der Handfertigkeitsunterricht bildet also eine Er­weiterung der Erziehungsmittel.

Der von Natur so lebendige Thätigkeitstrieb wächst heute wild auf, die ihm zugesührte Nahrung tst eine spärliche und meist rein zufällige. So nimmt derselbe, gefördert durch die einseitige und oft überreich gebotene geistige Nahrung, mit jedem weiteren Schuljahre an Lebenskraft ab und erstirbt in manchen Fällen wohl auch ganz. Der gedeihlichen Gesammt- entwickelung des Kindes wird hiermit eines der wirksamsten Förderungsmittel entzogen. Durch die heutige einseitig geistige Anspannung des Kindes werden aber auch öffentliche Interessen von erheblicher Bedeutung betroffen. Das Kind gewöhnt sich daran, nur die geistige Arbeit zu schätzen, die wirthschaftliche Arbclt der Hand aber gering zu würdigen. Die Erziehung unterläßt heute so gut wie Alles, um eine solche Würdigung Hervorzurusen. Diese verschiedenartige Schätzung hat sich seit längerer Zeit in der öffentlichen Meinung bereits befestigt und ihren Einfluß auf die künftige Berufswahl ansgeübt.

So drängt Jedermann heute gern einem geistigen Berufe zu, selbst der Beruf eines Schreibers wird höher als der eines Handwerkers, Fabrik- ober Landarbeiters ge­schätzt. Da n/i2 der Berufsarten qber inmitten der wirth- schastlichen Arbeit des Levens stehen und nur etwa f/i2 der­selben in der gesellschaftlichen und Bildungsarbeit, so wird durch die heutige einseitige Entwickelung der Anlagen des Menschen nach der geistigen Seite hin zugleich eine un­natürliche und socialgefährliche Verschiebung des Interesses für die Berufsarten des Lebens geschaffen. Diese Verschiebung steht in btrectem Wider- Spruch mit den heutigen Zeitsorderungen.

Schon seit Jahrhunderten ist gerade von den hervor­ragendsten Pädagogen die Forderung betont und aufgestellt worden, den Heranwachsenden Menschen nicht allein zur geistigen, sondern auch zur werkthätigen Arbeit zu erziehen, ja

kaum weichen die heute hierfür geltend gemachten Gründe wesentlich von den ehemals hervorgel-odeuen ab. Dessen­ungeachtet waren die früheren Bestrebungen, die im Laufe der Zeit nur an wenigen Stellen eine practifche Gestaltung erfahren hatten, bei Beginn der heutigen Bewegung so voll­ständig dem Gedächtniß der Gegenwart ent­schwunden, daß selbst die pädagogischen Kreise kaum noch gelegentlich hierauf zurückkamen. So hat die hierfür erwachte neuere Bewegung erst die Ueberzeugung wieder zur Geltung bringen müssen, daß eine regelrechte Bearbeitung körperlicher Stoffe auch einen tiefergehenden erziehlichen und socialen Werth bat. Wenn die heutigen Bestrebungen aber einen größeren Erfolg als die früheren haben, so liegt die Ursache bann, baß sie einerseits organisirt über ganz Deutschland auftreten und daß es andererseits gelungen ist, diesen Er­ziehungsstoff durch Schaffung von System und Methode zu einem Unterrichtsgegenstande heranzubilden.

Dieftr Unterricht wirkt in doppelter Weise auf die Ent­wickelung des Kindes ein. Zunächst entfaltet er den Eingangs gedachten Thätigkeitstrieb selbst, der zu der Neigung heran­reift, sich stets nützlich zu beschäftigen. Es erwacht der Sinn für Bctriebsamkett. Ein Kind, in welchem dieser Sinn recht lebendig geworden ist, verfällt weniger leicht in Thorheiten und folgt leichter jedem Mahnruf der Eltern und Lehrer: cs ist leichter zu erziehen. Aber der entwickelte Thätigkeitstrieb wirkt auch körper-, gei st es- , und characterbildend - er erhöht die körperliche Kraft, Gewandtheit und Anstelligkeit und wacht durch heil­same Abwechslung in der Beschäftigung den Schüler wider­standsfähiger gegen die rein geistigen Anstrengungen. Er übt ! ferner die Fähigkeit des Auges, scharf und richtig zu sehen. Die geistige Ausbildung wird insofern unterstützt, als ein solcher Unterricht die Aufmerksamkeit schärst, solgertchliges Denken befördert, die Kraft, practische Dinge zu beurtveilen, weckt und bte Kenntnisse erweitert. Nicht minder wird endlich auch die Character- und W'llensbildung gefördert, indem der Handfertigkeitsunterricht zur Freude am Arbeiten und über bas Gearbeitete führt, an ein sorgfältiges unb anhaltenbes Ausführen der Arbeitsaufgaben gewöhnt und hiermit zur Ausdauer, Geduld, Sauberkeit und Ordnung erzieht. Keines der heute vorhandenen Erziehungsmittel greift tn die bezeich­neten Anlagen und Kräfte des K ndes tief genug ein, nm sie zu einer volleren Entfaltung zu bringen.

So sieht d>e in Deutschland vnv anderen Culturländern

hierfür lebendig gewordene Bewegung in dem Arbeits-Unter­richt also eine wesentliche Ergänzung der heutigen Er­ziehungsmittel. Daß ein solcher allgemein verbreiteter Unter­richt Anlagen und Kräfte weckt, die in volkswirthschaftlicher Beziehung von höchster Bedeutung sind, ist naheliegend. Diese gleichzeitige practische Bedeutung deS Handfertigkeitsunterrichts hat deshalb Vetanlaffung gegeben, daß andere Länder, wie Frankreich, England, Schweden, Norwegen rc. diesen Bestreb­ungen bereits eine große Beachtung zugewendet haben. So folgt Deutschland in der Reihe der Staaten, welche den Hand- fertigkeitöunterricht durch ihre Mittel fördern, bezw. ihn bereits allgemein eingeführt haben, erst an neunter Stelle! Wir haben somit alle Veranlassung, dahin zu wirken, daß wir hier von anderen Ländern nicht überflügelt werden.

Vermischtes.

* Berlin, 4. Januar. Der Polizeibericht meldet, daß drei Personen erfroren sind. Im Norden fiel eine obdach­lose gfrau der Kälte zum Opfer, in der Mariannenstraße erfror ein ausgesetztes Kind.

*Geschnitten." Pariser Blätter erzählen, daß ein be­kannter Chirurg, der sein Honorar für schwierige Ope­rationen nach dem Vermögen der Patienten bemißt, vor nicht gar langer Zeit einem Besucher erklärte, er würde einen ge­fährlichen Schnitt nicht unter 30,000 Francs thun. Der Operationsbedürftige empfahl sich verblüfft und ließ sich nicht wieder in dem Privatcabinet des berühmten Mannes blicken. Einige Zeit darauf kam ein Diener in schmucker Livree und glatt rafirt in bte Hoipttalklinik bes Chirurgen unb erhielt bas Bett Nummer so und so viel in einem der Säle. Der Chirurg that seines Amtes und besuchte den wackeren Kammer­diener mehrmals. Als dieser so weit geheilt war, daß er die Anstalt verlassen konnte, ließ Dr. 9E. ihn zu sich rufen. Ich habe Sie sehr wohl erkannt", sagte er,Sie haben die Lioree Ihres Dieners angezogen, um 30,000 Francs zu er­sparen. Jetzt geben Sie diese Summe der öffentlichen Hilfs­gesellschaft als milde Spende oder ich sorge dafür, daß es Scandal gibt." Gern oder ungern mußte der atme Herr Baron in den sauren Apfel beißen unb bann ging er aufs Land, um sich bei sparsamem Leben den umsonst geopferten Schnurtbart nachwachfen zu lassen.

Feuilleton.

Fanny.

Humoreske von Gebh. Schätzler-Peres fint.

(Nachdruck verboten.)

I.

Aenn chen.

,PaPa! Mama!"

Ein reizender Blondkopf rief es jubelnd und eilte in die Arme der Eltern.

Aber, Aennchen!" wehrte die Frau Oberst lachend ab.

Die 'ne Bombe fliegt das Mädel einem an den Hals!" knurrte der alte Oberst a. D. Tannheim, wobei sich der große graue Schnurrbart sträubte.

Aennchen, das einzige, lustige Töchterchen Tannheims, war erst gestern, spät in der Nacht, von einer Reise heim­gekehrt, die sie im schönen Mai, wo alle Knospen sprangen, zur Tante in Waldheim machte.

Fünf Wochen war sie dort geblieben.

,Wie Anny, wie Anny!" seufzte die Mama, und

Ach Gott, die schöne Zeit, wie schnell vorbei!" icufzte Aennchen.

Weßhalb der Kobold die Zeit so gerne festgehalten hätte, davon nach dem- ich möchte das reizende Kindchen nicht jetzt schon in Verdacht bringen.

Nun, früh am Morgen war sie aus dem Bett gehüpft, wie ein Vöglein aus dem Neste flattert.

Der goldene Sonnenstrahl, umrahmte die holde Schläferin, und was konnte dem widerstehen!-

Nun ging es an ein Erzählen von dem grünen Wald­heim, von der lieben Tante, den Bergen und Wäldern; ach, wie herrlich dort alles war!

Mama, Mama! Ich möchte ewig dort bleiben!"

Nun, nun," beruhigte die Mutter ihr begeistertes Töchterchen,zu Hause ist cs doch auch ganz angenehm; Du bist undankbar, Aennchen!"

Ach nein, Mammchen, gewiß nicht," bat der Schelm verwirrt,aber ich weiß nicht, wie mir ist . . . mir klopft und hämmert das Herz in der Brust!"

Aennchen erröthete bis in die Haarwurzeln.

Alle Wetter noch einmal," kollerte der Oberst,was hat denn mein Mädel? Du bist mir doch nicht am Ende gar herzkrank geworden?"

Nein, nein, gewiß nicht, Papa!" befeuerte mir einer Lebhaftigkeit Aennchen, als gelte es das Glück ihres noch jungen Lebens.

Na, na!" machte Tannheim,ich werde an die Tante schreiben; die muß mir beichten."

Der alte Oberst hatte ganz martialisch gesprochen,- im Grunde genommen aber meinte er's nicht so ernstlich. Kannte er doch fein Aennchen! Das wird nichts Unrechtes thun.

Aennchen war aber doch erschrocken. Papa wollte die Tante fragen; das konnte er ja thun. Die Tante wird herrsch! So viel Zeit blieb ja gar nicht mehr, weil er doch schon heute Morgen kommen wollte.

Nun sehen Sie, schöne Leserin, ich habe mich verplaudert! Aber ich hoffe auf ein gnädiges Gericht; weßhalb auch soll ein junges liebliches Menschenkind nicht einenEr" haben!

Mit den Knospen im Mai war auch die Blüthe der jungen, ersten Liebe im Herzchen Annas aufgebrochen. Ja, sie liebte, wirklich und wahrhaftig und dazu noch einen jungen, hübschen Mann.

O, süße Zeit der ersten Liebe! Was auf sie noch folgt, kann höchstens die zweite fein!

Wie es kam, wer kann das sagen?! Aennchen wußte das selbst nicht mehr so genau.

Die Liebe fällt ein wie ein Feuerfunke in dürres Stroh; das arme Herz ist rettungslos verloren. Wehe ihm, wenn esder andere Theil" etwa nicht merkt! Dann gibt es ein Grämen und Weinen und Sehnen und Aergern daßder andere Theil" so dumm, so erschrecklich dumm ist.

Glücklicherweise trifft dies nicht häufig ein, meist merkt mans doch. Wozu wären denn die Blicke da? Die fliegen hin und her, die treffen und halten sich eine Weile und bann bringt es hinunter bis aufs heiße Herz. Da schauert man erst zusammen, bann aber schlagen bie Flammen hoch auf, vier Hände finden sich und manchmal auch ein rothes Lippenpaar; Summa Summarum: das Göttergericht Liebe" ist fertig und schmeckt so wunderbar.

Und fertig wars auch bet Aennchen.

Sie zählte siebzehn Jahre und war noch nie ver­liebt gewesen. Die Schwärmerei für die Gedichte des kleinen, dicken Gymnasiasten war noch lange nicht Liebe; ebensowenig die Bewunderung, welche sie der dünnen Taille des langen Lieutenants Schnagelberg zollte, welche von meinen kleinen Leserinnen hat nicht schon die Taille eines Lieutenants bewundert!

Aennchen aber hatte bei dem Offizier stets ein geheimes Bangen empfunden; er knickte einmal in der Mitte zusammen wie Papas Taschenmesser.- Das wäre eine schöne Bescheerung gewesen! Siebzehn Jahre! Jetzt wars die höchste Zeit! In zwei Jahren ist sie eine alte Jungfer und bekommt keinen Mann mehr, unb bas wäre ja entsetzlich!

Wie Aennchen alle die Schönheiten heraussprudelte, die es bei der Tante gab natürlich nur Naturschönheiten!

Eine Helle Stunde ging das Geklapper schon wie am Rädchen. Die Mama hatte vergeblich versucht, dem Redestrom Einhalt zu thun; der Oberst nahm sich ein über das andere Mal an dem einen Ohr es war ein bischen lang ihm brummte gewaltig der Kopf.

Endlich stand er auf.

Nun ist's aber gerade genug, Aennchen," stieß er heraus,jetzt laß mich gehen. Du bist heute von einer Munterkeit, die beinahe lebensgefährlich wird! Nein, ist es möglich! Ich glaubte immer, nur Deine Mutter wäre im Stande, so lange zu sprechen, aber"

Jetzt war er aber erst recht angenommen. Nun fielen sie beide über ihn her, Mutter und Tochter; die Mama ge^ kränkt und das Töchterchen beleidigt. Eine solche Zungen­fertigkeit hatte er noch nie vernommen.

Er war vorm Feind gestanden beim Donner der Kanonen wie eine Mauer, wie ein ächter Held, ohne zu weichen. Jetzt aber nach einem Versuch, auch etwas zu sprechen wich er doch, ja noch mehr, er nahm direct Reißaus. Mit ge­sträubtem Schnurrbart und flatterndem Schlafrock floh er zur Thür hinaus nach seinem Arbeitszimmer.

(Fortsetzung folgt.)