Ausgabe 
5.12.1894
 
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Nr 285

Der

Oiekrner Auzeiger erscheint täglich, mit Au-nahme deS Montag-.

Die Gießener

A««trlenvtältex werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigelegt.

Erstes Blatt. Mittwoch den 5. December

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

1894

Vierteljähriger ASonncmeutspretsr 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn.

Durch die Poft bezog« 2 Mark 50 Psg.

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Amtlichem Theil.

Gießen, den 5. December 1894.

Bet'r.: Das Landgestüt; insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschüler in 1895.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir sehen Ihrem Berichte binnen 14 Tagen darüber entgegen, wie viele Scheine Sie im Jahre 1895 für zum Bedecken zu bringende Stuten bedürfen.

v. Gagern. *

Bekanntmachung.

Betr.: Das chemische Untersuchungsamt für die Provinz Oberhessen.

Durch Entschließung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 28. v. M. zu Nr. M. I. 33096 ist das chemische Untersuchungsamt für die Provinz Ober- Hessen auf Grund des § 16 Ziffer 4 der Vorschriften betreffend die Prüfung der Nahrungsmittel-Chemiker, den staatlichen Anstalten zur technischen Untersuchung von Nahrung»- und Genußmitteln gleichgestellt worden.

Gießen, den 1. December 1894.

Großh. Provinzial-Direction Oberheffen.

v. G.agern.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. December. Mit großerSpannung sieht man überall im deutschen Vaterlande der neuen Reichstags­session entgegen, die an diesem Mittwoch anhebt. Der Reichstag befindet sich bet seinem diesmaligen Zusammentritte in einer ganz neuen Situation, welche ihr Gepräge durch den stattgefundenen Regierungswechsel erhält. Es gilt jetzt für Regierung und Parlament, sich kennen zu lernen und zu prüfen, wie weit sie wohl mit einander auszukommen ver­mögen. Freilich, allzugünstig stehen da die Zeichen nicht, denn gerade in den Hauptfragen, welche den Reichstag be­schäftigen werden, muß eine scharfe Opposition befürchtet werden, und selbst wenn dieselbe nicht die Mehrheit des Hauses umfassen sollte, so würden doch auf jeden Fall große Schwierigkeiten zu überwinden sein. Vorerst kann man darum nur hoffen, daß sich zwischen der neuen Regier­ung und dem Parlamente eine Brücke der Verständigung finden werde und daß beide Factoren bestrebt sein werden, einander Entgegenkommen zu belhätigen, da sonst eine politische Katastrophe schwerlich zu vermeiden wäre.

Die Zeitungsnachricht, daß Fürst Bismarck den kaiserlichen Majestäten das Ableben seiner Gemahlin ange­zeigt habe, wird jetzt in denBert. N. N." als unbegründet bezeichnet. Das genannte Blatt erklärt, der Kaiser habe die Nachricht vom Ableben der Fürstin Bismarck auf dem postalischen Dienstwege erhalten, das erste Beileidstelegramm, welches dem Altreichskanzler zugegangen fei, fei vom Staats- secretär Dr. v. Stephan abgeschickt worden, kurz darauf habe der Fürst die Condolenzdepesche des Kaisers erhalten.

Ausland.

König Humbert von Italien hat Emil Zola, den zur Zeit in Rom weilenden französischen Romancier, em­pfangen und sich hierbei nach verschiedenen Richtungen hin in bemerkenswerther Weise geäußert. Der König beklagte es, daß man in Frankreich weder die Fortschritte Italiens auf allen Gebieten, noch die Thati'ache anerkennen wolle, daß die Italiener nichts wie den Frieden wollten. Als ein großes Glück für Frankreich bezeichnete es der Monarch, daß an der Spitze der Republik ein so friedliebender Mann wie Casimir Perier stünde. Dann fuhr der König fort:Nie­mals war Europa so friedlich und ruhig wie heute, niemals war auch der Friede so gesichert. Was Italien anbelangt, so kann eS nur im Frieden leben und gedeihen. Frankreich hat alle guten Eigenschaften, um mit der ganzen Welt in Eintracht zu leben- es ist reich, glücklich, stark und genießt alle Wohlthaten des Fortschritts. Wozu braucht es ^also einen Krieg?" Am Ende des Gespräches nahm König Humbert seinen Premierminister Crispi gegen die Anklage, derselbe sei ein Feind Frankreichs, lebhaft in Schutz.Man kennt," soll er bemerkt haben,in Frankreich seine friedlichen Gesinnungen nicht, er liebt Frankreich, hat er doch lange genug dort gewohnt, um es zu lieben und zu schätzen. Es

besteht ein Mißverständniß in der französischen Presse über alles, was französisch-italienische Beziehungen betrifft, und das ist sehr bedauerlich." Die Offenherzigkeit, mit welcher sich der italienische Herrscher Zola gegenüber speciell Hinsicht- lich des Verhältnisses zwischen Italien und Frankreich aus- gesprochen hat, verdient alle Anerkennung. Aber trotzdem wird sich an den bestehenden Verhältnissen nichts ändern, die Franzosen können es nun einmal den Italienern nicht ver- zeihen, daß sich dieselben der politischen Vormundschaft Frank­reichs entzogen haben und daß sie enge Freundschaft mit den Deutschen halten. In Italien schwelgt man gegen- wärtig inReformen". Auf die königlichen Decrete über die neuen organisatorischen Maßnahmen in der Heeres­verwaltung find anderweitige allerhöchste Verfügungen ge- folgt, welche sich auf die Ausführung verfchtedener finanz- und steuerpolitischer Maßregeln beziehen. Die militärischen wie die finanziellen Reformen sind durch das neue Spar- system begründet, welches Crispi ausgeklügelt hat- ob sie Italien wirklich frommen werden, das muß fich allerdings erst noch zeigen.

XUudjte Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Lorrefponden»-Bure«u

Berlin, 3. December. Eine von fünfhundert Tabak - interefsenten besuchte Versammlung sprach sich gestern einmüthig gegen die einheitliche Schließung der Läden um 8 Uhr aus.

Kiel, 3. December. Der Kaiser traf um 12 Uhr In der Kaserne der Marine-Infanterie ein, schritt mit dem Prinzen Heinrich, dem Reichskanzler und Gefolge die Front der Ehrencompagnie ab. Sodann wurden im Exercierhaufe die Rekruten vereidigt. Nach den Ansprachen der Militär- geiftlichkeit ermahnte der Kaiser die Rekruten, ihrem Eide im Inland und Ausland treu zu fein. Um 12^ Uhr war Früh­stück im Marine Offizier-Casino.

Prag, 3. December. Als heute der in der Brentano- Affaire mehrfach genannte Profeffor Marty nach mehr­tägigem Unwohlsein den Hörsaal betrat, wurde er von einem ungewöhnlich zahlreichen Audidorium mit stürmischen Prostt- rusen empfangen. Marty dankte für die freundliche Kund­gebung, die sich auf feinen verehrten Lehrer Brentano beziehe,der nun leider von uns scheiden wird." Hierauf folgte wieder stürmischer Applaus.

Rom, 3. December. Der König eröffnete um 11 Uhr Vormittags das Parlament im Beisein der Königin, des Prinzen von Neapel, der Herzoge von Aosta und Genua und des Grafen von Turin, der Minister und des diplomatischen CorpS. Die Tribünen waren von einem zahlreichen Publikum und vielen Damen überfüllt. Der Saal bot einen prächtigen Anblick. Das Königspaar wurde auf der ganzen Fahrt zum Parlament, beim Eintritt und beim Verlassen des Saales in lebhaftester Weise begrüßt. Die Thronrede wurde von häufigem Beifall unterbrochen, besonders an den Stellen über die Armee, den finanziellen Theil und den europäischen Frieden.

Rom, 3. December. Nach einer Meldung derAgencia Stefani" aus Belgrad hat König Alexander die Ab­sicht kundgegeben, den König von Italien tm nächsten Früh­jahre in Rom zu besuchen.

Washington, 3. December. Die Botschaft des Präfidenten Cleveland an den Congreß hebt hervor, die von Belgien der Einfuhr gewisser Nahrungsmittel aus- erlegten Beschränkungen seien unnöthig. Die strenge Ueber- wachung in Amerika biete einen genügenden Schutz gegen die Ausfuhr kranken Viehes und Fleisches. Ferner wird der vernichtende Krieg zwischen den mächtigsten Nationen des Ostens beklagt. Der Präsident würde nicht zögern, irgend welcher Andeutung Gehör zu geben, daß der freundliche Bei­stand der Union zu einer ehrenvollen Beendigung der Feindseligkeiten für beide Kriegführenden annehmbar wäre. Er weist auf die Fortschritte Japans hin und dessen lobens- werthe Bemühungen, die vollständige Autonomie in den inneren Angelegenheiten und vollkommene Gleichheit in der Familie der Nation zu erhalten. Die deutscheRegierung habe gegen die Bestimmung der Tarifgesetze protestirt, die einen Differentialzoll von 1/10 Cent auf Zucker aus den Ausfuhrprämien zahlenden Ländern legt, und habe erklärt, die Maßregel laufe den Artikeln 5 und 9 des Vertrags von 1828 mit Preußen zuwider. Im Interesse des Handels beider Länder und um selbst die Beschuldigung' einer Ver­tragsverletzung zu vermeiden, empfiehlt Cleveland die Aushebung desjenigen Theiles des Gesetzes, welcher jenen Differential­zoll auserlegt. Der Präsident befürwortet noch immer ent­schieden die Zollfreiheit für Kohlen und Eisen, und spricht

sich für Beseitigung jedweden Differentialzolles auf rasfinirten Zucker aus.

Washington, 3. December. Der Staatssecretär Gresha« erklärte den Inhalt einer gestern in Newyork veröffentlichte« angeblichen Depesche des amerikanischen Gesandten in Peking, wonach dort sehr beunruhigende Zustände herrschen sollen, sür durchaus unbegründet. Er habe ein Telegramm dieser oder ähnlicher Art nicht erhalten- amtlicherseits wird behauptet, daß Japan auf die durch Vermittelung deS ameri­kanischen Gesandten in Peking gemachten FriedenS- vorschläge Chinas eine günstige Antwort ertheilt habe. Aber China werde den Beweis liefern müssen, daß es de« Willen und die Macht habe, feine Anerbietungen zu erfüllen.

Yokohama, 3. December. Meldung des Reuter'schen Bureaus. Im Hauptquartier von Hiroshima ist Folgendes durch Anschlag bekannt gemacht worden: Am 28. vor. Mts. telegraphirte der Gouverneur von Hiogo, der chinesische Zollcommissar Detrin g wünsche eine Unterredung mit dem Premierminister Grasen Ito und überbringe ei« Schreiben Li Hung TschangS. Der Secretär des Grasen Ito begab sich daraus nach Kobe und benachrichtigte Detring, daß der Premierminister die gewünschte Unterredung ver­weigere, wenn Detring nicht gehörig accrebittrt sei. Außer­dem wurde das von Detring überbrachte Schreiben mit der Bemerkung retournirt, die Verhandlungen könnten nur durch einen berufenen Gesandten gesührt werden. Detring stellte darauf in einem Privatschreiben an den Premierminister in Abrede, daß er von Li Hung Tschang gesandt sei.

Depeschen de« BureauHerold*.

Berlin, 3. December. DieNordd. Allgem. 3tg/ dementirt die Meldung eines Hamburger Blattes, nach welcher der deutsche Botschafter Graf Münster anläßlich der bet der französischen Regierung erhobenen ernsten Vor­stellung mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen gedroht haben soll.

Berlin, 3. December. Nach demReichsanzeiger" wurde der oldenburgische Minister Jahnsen zum Bevollmächtigte« beim Bundesrath ernannt.

Berlin, 3. December. Der Großherzog von Sachsen-Weimar hat dem Präsidenten Casimir Perier als Dank für die an der Bahre des ErbgroßherzogS in Frankreich erwiesene Theilnahme das Großkreuz deS Falkenordens verliehen.

Berlin, 8. December. Wie verlautet, werden die social- demokratischen Mitglieder deS Reichstages fich weder an der Schlußsteinlegung des neuen Reichstagsgebäude» noch an dem am 5. December stattfindenden Abgeordneten-Banket im alten Reichstagsgebäude betheiligen.

Berlin, 3. December. In der heutigen Sitzung des Ausschusses des Bundes der Landwirthe wurde be­schlossen, beim Kaiser eine Audienz nachzusuchen.

Berlin, 3. December. König Christian von Däne­mark wird morgen früh auf der Durchreise von Petersburg nach Kopenhagen Berlin passiren. Den beabsichtigten Besuch am hiesigen Hose hat der König infolge des Todes seiner Schwester aufgegeben.

Berlin, 3. December. Zu der morgen in Itzehoe statt­findenden Beisetzung der verstorbenen Prinzessin Luise von Schleswig-Holstein-Sonderburg - Glücks­burg wird die Kaiserin dort eintreffen.

Berlin, 3. December. Die Denkschrift über die deutschen Schutzgebiete, die dem Reichstage bei seinem Zusammentritt gleichzeitig mit dem Etat für 1895/96 zugehe« sollte, wird demselben, wie diePoft" hört, zu dem gedachte« Termine noch nicht vorgelegt werden können.

Berlin, 3. December. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt, die Heeresverwaltung sei seit Jahren eifrig bemüht, die einheimische landwirth schaftliche Production nach besten Kräften zu unterstützen, doch müsse man sich hierin an die vorgeschriebenen Bedingungen halten. In vereinzelte« Fällen seien Verstöße, auch Seitens der Subalternbeamten, vorgekommen, doch habe der jetzige Chef der Heeresverwaltung von Beginn seiner Amtsführung ab darauf gesehen, daß die einheimische Production berücksichtigt werde.

Kiel, 3. December. DerNordostseeztg." zufolge ist der japanische Prinz Yamashina, der bis zum Aus­bruch des chinesisch japanischen Krieges Unterlieutenant in der deutschen Marine war, bei dem Sturm auf Port Arthur gefallen. Der Prinz war bekanntlich vor seiner Abreise auS Deutschland vom Kaiser in Stettin empfangen worden.

Wien, 3. December. Wie polnische Blätter aus Peters­burg melden, hat der Minister des Innern an alle General­gouverneure in Rußland ein Circularschreiben gerichtet, in