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Drr Hießener Aujeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamikienvlälltr werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgt.
Zweites Blatt. Donnerstag den 5. Juli 1894
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Vierteljähriger Monutmcnlspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schulltraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Giefzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
Hratisöeitage: chießener Kamilienßtätter.
Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Tlmtiidyer Theil.
Gießen, den 3. Juli 1894. Betreffend: Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltern im Falle einer Mobilmachung.
Die
Großh. Kreis-Schulcommifßon Gießen
au die Schulvorstände des Kreises.
Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter einklassiger Schulen, welche militärpflichtig sind, darauf aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobilmachung innerhalb 8 Tagen bei uns einzureichen sind. Später einlaufenve Gesuche können nicht berücksichtigt werden.
In den Gesuchen ist anzugeben:
1) Civilstellung,
2) Vor- und Zunamen.
3) Militärcharge und Truppengattung,
4) Genaue Angabe des Truppentheils, Regiment, Compagnie rc., bei welchem der Eintritt erfolgt ist und Datum des letzteren,
5) Bezirk des Landwehrbataillons.
' Bei Lehrern oder Schulverwaltern, welche, bereits früher bei uns reclamirt haben, bedarf es keiner Meldung.
Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als alleinstehende Lehrer zur Reclamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, betreffend Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Herbst 1894.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1894 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meidung des Ausschlusses von dieser Prüfung
spätestens bis zum 1. August 1894
bei der unterzeichneten Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- ciellen das Folgende bemerkt:
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs - Com- Mission nur dann anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem
17. Lebensjahr erfolgen.
3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckmäßig, wenn die nähere Adreffe angegeben wird.
4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den' Freiwilligen während einer einjährigen aetiven Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten, für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die' Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein;
c. ein Unbescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist-
d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.
5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugniß beizulegeu.
Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden ' gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur 1 Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 — Regierungs-Blatt j Nr. 5 von 1889) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfnngstermins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt entweder weitere Bekanntmachung ober schriftliche Mittheilung.
Darmstadt, den 30. Mai 1894.
Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende:
Freiherr v. Gemmingen.
Deutsches Reich.
nn. Darmstadt, 3. Juli. Die gestern Mittag zu Ehren der Anwesenheit des Königs von Sachsen stattgehabte Galatafel sand in dem mit blühenden und Blattpflanzen aus den Großh. Hofgärten aus das Reichste decorirten Kaisersaal des Großherzoglichen Residenzschlosses statt. An der Tafel- nahmen 58 Personen Theil und zum ersten Mal seit langer Zett waren auch eine Anzahl Damen aus den hohen und höchsten Kreisen der Militär- und Civilbehörden zugezoge« worden. Zur Rechten Sr. Majestät des Königs von Sachsen saß Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin, zur Linken seines hohen Gastes der Großherzog. Dem König gegenüber hatte Staatsminister Finger seinen Platz. Der König unterhielt sich auf das Lebhafteste nut unserer jungen Großherzogin, welche in einer reizenden Toilette erschienen war. An der Tafel nahmen Theil Prinz Wilhelm von Hessen, Finanz- minifter Weber und Gemahlin, Frau Staatsminister Finger, Generallieutenant von Bülow nebst Frau, der englische Gesandte v. Bucha und Gemahlin, der Kgl. preußische Gesandte v. Plessen, E^cellenz v. Westerweller und Frau, Brigade- Commandeur Oberst v. Schmidt nebst Frau, Provinzial- Direetor v. Marquardt, Obereeremontenmeister v. Werner nebst Frau, Geh. Staatsrath Knorr, Präsident Lorbacher, Generalmajor v. Herff, Oberst v. Witzendorf, Oberststallmeister v. Riedesel nebst Gemahlin, Kammerherr Freiherr v. Rotsmann, Oberbürgermeister Morneweg, Oberjägermeister Muhl, Präsident Knorr, Generallieutenant v. Lindcquist, General v. Wolkern, Generalmajor v. Hupeden, Oberst Otto, Oberst v. Wilsdorf, Oberst v. Scholten, Oberstlieutenant v. Schwarzhoff, Oberstlieutenant v. Ardenne, Oberst v. Kröcher, Major v. Frankenberg, Major v. Mittnacht,
Ferrilletsn.
In letzter Stunde.
Erzählung von C. o. Falkenberg.
(Schluß.)
Jacob stöhnte leise.
„Du hast mich verhöhnt und beschimpft, hast der guten Regung Deines Gewiffens widerstrebt- was hat es Dir genützt? Du bist ruintrt durch eigene Schuld, durch das Spiel, den Trunk, Unordnung und Lüderlichkeit," fuhr Christoph fort. „Mich haßtest Du, weil es mir besser ging- selbst die Kinder machtest Du unglücklich, ja, Dein eigen Weib !"
Jacob stöhnte lauter.
„Kurzsichtiger, thörichter Mensch!" sprach Christoph weiter, „Deinen Acker kaufte ich — für Deinen Philipp - ich wollte Dir helfen, Dich aber erst gebeffert wiffen. Und nun? Sage Dir selbst, was Du bist. Mußt Du nicht vor aller Welt erröthen?"
Da weinte Jacob laut auf und sagte: „Schlage mich todt, aber schweige still."
„Nein, Jacob, ich darf nicht schweigen, darf Dich nicht schonen, wenn Du Dich tieffern sollst. Gehe heim, schlafe die bösen Gedanken auö, versuche zu beten und Dich zu beffern und komme morgen früh wieder- dann wollen wir überlegen, was zu thun ist."
„Nichts, gar nichts! Der Bankerott, Christoph, die Schande steht vor der Thüre!"
„So weit ist es schon? — Ja, das ändert die Sache."
Jacob faltete flehend die Hände.
„Wie viel Geld brauchst Du, um Deine Schulden zu bezahlen ?"
Jacob stöhnte wieder leise und brachte dann mühsam über seine Lippen: „Es werden fünfundzwanzigtausend Mark sein."
„Hier find sie, zahle, nimm Deinen Acker wieder in Besitz- ich gebe Dir außerdem zwölftausend Mark zur Anschaffung von Gejchirr und Vieh-,Du bist wieder rehabilitirt, kannst in drei guten Erntejahren die ganze Scharte auö-
wetzen. Dann zahlst Du mir mein baar ausgelegtes Geld nach und nach zurück und bist wieder ein ehrlicher Mann."
„O Christoph!" seufzte er darauf, „bin ich so viel Liebe und Rücksicht noch werth?"
„Sei stille," antwortete Christoph, „ich stelle auch zwei Bedingungen —"
Jacob sah auf.
„Sage mir, welche, und ich will alles erfüllen, nur nicht flüchten in die weite, weite Welt, heimathlos, mit dem bösen Gewissen in der Brust!"
„Also das wolltest Du, Bruder, unglücklicher Bruder! — Aber höre jetzt die Bedingungen: erstlich machst Du den Philipp zum Theilhaber des Hofes und achtest seine Anordnungen wie Deine eigenen."
Jacob nickte: „Ich dachte es. Ich thu'S gern, denn er ist ein guter Junge."
„Das ist er und darum gönne ich ihm die Margareth von Herzen!"
„O, braver Christoph!"
„Dann versöhnst Du Dich mit Deiner Frau und Deinem Schwager, er ist ein guter Kerl, und Eva sehnt sich auch wieder nach dem Erlenhof."
„O, wie danke ich Dir für dieses Wort, Christoph! Wenn Du wüßtest, wie ich unter der Trennung gelitten."
„Ja, ich weiß, ihr seid beide Trotzköpfe und keines will zuerst nachgeben. — Also abgemacht?"
„Ja, von Herzen! Ist das alles, was Du an Bedingungen stellst?"
„Alles. Bist Du zufrieden?"
Da war daL Eis in dem harten Herzen gebrochen - weinend fiel Jacob dem guten Bruder um den Hals, weinend küßte er ihn. Als ein Dieb war er gekommen, als ein reuiger Mann ging er, glücklich, wie er nie gewesen.
Am anderen Pfingsttage sah Pastor Klaus zu seiner Freude die beiden Brüder zusammen im Kirchenvorsteher- ftuhle sitzen.
Am Nachmittag deffelben Tages rauchten die beiden Brüder unter der Linde ihre Pfeifen, als ein Wagen vorfuhr- es war Bruno, der sich höchlichst verwunderte, als er den Oheim beim Vater fand. Er war gekommen, um das
Versöhnungswerk zu betreiben. Mit leuchtenden Augen sah er es aber schon vollendet. Da wandte sich der junge Doctor an den Oheim und sagte: „Ohm Jacob, soll ich Frau Eva und Ilse holen?"
Zwei Thränen, die langsam über die eingefallenen Wangen des Erlenhofbauern rannen, gaben die Antwort und eilends spannte Bruno wieder ein. Bald kehrten beide Wagen mit allen Betheiligten heim und nun war ein großer Jubel in der Thalmühle, in welcher an diesem Abend drei Verlobungen zu Stande kamen.
Die Verhältnisse des ErlenhofbauerS wurden anderen Tages schon geregelt und nun begann dort ein reges Leben. Bruno führte Ilse als Gattin heim, Philipp ehelichte seine Margareth und Lisa heirathete ihren lieben Ahlers.
Jacob hatte sich sehr geändert und zwar zu seinem Vor- theil. Er galt als ein „Studirter" jetzt viel in der Bauernschaft und erlebte sogar die Ehre, zum Gemeindeoberhaupt gewählt zu werden- ja selbst in die Landesbehörde wurde er abgeordnet, weil er es doch am besten „gelernt" hatte.
Jahre waren verflossen, da starb Velten Steffens und bald nachher auch Frau Lene. Da zog Jacob ins Alten- theilerhänschen und übergab den Erlenhof an Philipp. Das änderte in den Verhältnissen gar nichts, denn Jacob blieb der Tugend nun getreu. Nie ist ein Wunsch nach dem früheren Brauseleben in ihm wieder aufgestiegen. Viele suchten ihn anfänglich zu verspotten, als sie merkten, der Jacob sei unter die „Frommen" gegangen - aber Jacob Steffens blieb so gelassen und fest, daß sich der Spott bald legte. Veilchen aber durfte den Erlenhof, dessen hohe Erlen- stämme rundum schöner wie je grünten, selbst mit Lotterieloosen nicht mehr betreten.
Eines TageS kam durch Zufall Jacob Steffens wieder in das Thurmzimmer der Mühle. Es stand jetzt leer, nur altes Geräthe und darunter in einer Ecke ein Brecheisen und eine Laterne lagerte darin. Als er sie sah, zuckte der alte Mann zusammen, bann aber murmelte er: „Herr, führe uns nicht in Versuchung! Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen ruhet, der wird wohl bleiben."


