Einzelbild herunterladen

1894

9lt. 3

Freitag den 5. Januar

Der

Hietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamikienvlälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Siebener Anzeig er

Kenerat-Unzeiger.

Vierteljähriger Abonnementspreir« 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Redaction, Expedition und Druckerei: Schutstraße Ar.?.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblntt für den Ureis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Aamitienbkälter.

" " - - ' - 1

Alle Annoncen-Bureaux des Jn< und Auslande- nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtliche* LKeil.

Gießen, den 2. Januar 1894.

Betr.: Obstbaumwärter-Cursus zu Friedberg im Jahr 1894. Der Dircctor des landw. Bezirksvereins Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Ich benachrichtige Sie hierdurch ergebenst, daß der land- wirthschaftliche Bezirksverein Gießen in dem Voranschläge pro 1893/94 eine Subvention von 600 Mark für junge Leute, welche an einem Obstbaumwärter Cursus theilnehmen, in Ausgabe vorgesehen hat. Der Betrag von 300 Mark ist dem landwirthschaftlichen Bezirksverein von der Sparkasse zu Grünberg unter der Bedingung zur Verfügung gestellt worden, daß auch jungen Leuten aus den zum Sparkasse­bezirk Grünberg gehörenden Orten zum Besuche eines Obst­baumwärter-Cursus die entsprechende Subvention bewilligt wird.

Bewerber um Bewilligung dieser Subvention aus den zum Kreise Gießen und den zum Sparkassebezirk Grünberg gehörenden Gemeinden der Kreise Alsfeld und Schotten werden zur alsbaldigen Einreichung ihrer Gesuche und etwaiger Zeugnisse bei der betreffenden Bürgermeisterei unter dem Anfügen aufgefordert, daß unter mHreren Bewerbern die Priorität der Anmeldung Anspruch auf vorzugsweise Berück­sichtigung gibt und daß die Subvention namentlich unbe­mittelten Personen zugewendet werden wird.

Der Lehr - Cursus für Obstbaumwärter zu Friedberg dauert 10 Wochen. Von diesen 10 Wochen fallen 6 Wochen auf das Frühjahr, 2 Wochen auf den Sommer und 2 Wochen auf den Herbst. Der Unterricht beginnt den 4. März 1894. Junge Leute, welche an dem rubr. Obstbaumwärter-Cursus theilnehmen, erhalten eine Subvention von je 70 Mark aus der Bezirksvereinskaffe.

Die Großh. Bürgermeistereien werden ersucht, dieser Bekanntmachung die thunlichste Verbreitung zu verschaffen, Anmeldungen entgegen zu nehmen und dieselben unter Begut­achtung der Gesuche an Großh. Kreisamt Gießen bis zum 10. Februar l. I. einzusenden, damit die Gesuche dem Aus- schuffe zur Prüfung und Genehmigung rechtzeitig vorgelegt werden können.

Zugleich ersuche ich Sie weiter, geeignete Zöglinge für den genannten Cursus ausfindig zu machen und zur Anmel­dung zu veranlassen.

Carl Jost.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 3. Januar. Gestern Abend 6 Uhr sand im Weißen Saale des Großherzoglichen Schlosses die Neu­jahrs-Galatasel statt, wozu an die Spitzen der Civil- und Mtlitärbehöroen, sowie an die Großherzoglichen Hofstaaten \ gegen 70 Einladungen ergangen waren. Der K. K. Oester- ! reichisch'Ungarische Gesandte Okolicsanyi von Okolicsna, der ; Königlich Preußische Gesandte Freiherr v. Plessen und der | Königlich Großbritannische Geschäftsträger Mr. Buchanan j nahmen daran Thetl. Nächsten Samstag, Abends 8 Uhr, ) findet im Großherzoglichen Palais am Louisenplatz der erste - H o f b a l l statt.

Berlin, 3. Januar. Kaiser Wilhelm hat sich beim * diesjährigen Neujahrsempfang am Berliner Hofe jeder * officiellen Ansprache und ostenstat>ocn politischen Kundgebung enthalten. Dagegen soll sich der Monarch beim Empfange der Generalität befriedigt über die Entwickelung des deutschen Heerwesens im abgelaufenen Jahre geäußert haben. Außerdem ist es allseitig sehr bemerkt worden, daß bet der großen Glückwunsch- und Defilircour im Berliner Residenzschlosse der Kaiser von der Throneftrade herabstieg, als sich der Reichs­kanzler nahte und demselben unter gnädigen Worten die Hand reichte- in gleicher Weise zeichnete auch die Kaiserin den ersten Beamten des Reiches aus. Vielleicht 'darf man diesen allerhöchsten Huldbeweis, welcher dem Grafen Caprivi so öffentlich zu Theil geworden ist, als ein Zeichen betrachten, daß die Stellung des leitenden Staatsmannes des Reiches durch die Krisen und Differenzen der jüngsten Zeit keinerlei Erschütterung erlitten hat. Uebrigens nahm der Kaiser am Dienstag im Neuen Palais bei Potsdam die gemeinsamen Vorträge des Reichskanzlers und des Staatssecretärs v. Marschall entgegen, während das preußische Staalsmini- sterium am gleichen Tage abermals eine Sitzung abhielt.

Nächsten Dienstag nimmt der Reichstag nach Ablauf der parlamentarischen Weihnachtspause seine Arbeiten wieder auf und wird es sich nun bald zeigen, ob und inwieweit die Aussichten der großen Steuervorlagen in der weihnacht­lichen Ruhepause eine Verbesserung erfahren haben. Eine solche würde zweifellos zu verzeichnen sein, falls die von der clericalenReichszeitung" in Bonn zuerst gebrachte Meldung sich als richtig erweisen sollte, wonach das Gros des Centrums angeblich bereit wäre, für die Steuervorlagen zu stimmen. Trotzdem aber das genannte Blatt seine überraschende Nach­richt aus sicherer Quelle haben will, bleibt deren Bestätigung doch noch abzuwarten, galt es doch bis jetzt als gewiß, daß die Tabakfabrikatsteuer und die Weinsteuer gerade in den Reihen des Centrums mit die meisten Gegner zählten- auch | läßt sich vorläufig kein plausibler Grund auffinden, der die !

signalisirte Schwenkung in der steuerpolitifchen Haltung der Centrumspartei erklärlich machen würde.

Der neugeborene Sachsenprinz und zweite Großneffe König Alberts hat am Dienstag in Gegenwart eines glänzenden Kreises von Fürstlichkeiten die heilige Taufe empfangen. Der jüngste Sprößltng des erlauchten Wettiner Königshauses ist auf die Rufnamen Friedrich Christian getauft worden.

lieber einen bevor st ehenden neuen Erlaß an die preußischen Beamten erfährt dieB. B.-Ztg.": Man signalisirt uns das demnächstige Erscheinen eines weiteren Erlasses an die Beamten. Man will den Landräthen nicht das Recht beschränken, als Mitglieder demBunde der Landwirthe" anzugehören, man will aber verhindern, daß sie ihre Autorität dem Bunde dienstbar machen darum wird der Erlaß den Beamten disciplinarisches Einschreiten in Aus­sicht stellen, wenn sie sich in Gegensatz zur Politik des Kaisers stellen würden, was ja thatsächlich Corruption wäre. Gespannt wird man angesichts dessen darauf sein müssen, wie sich die Landräthe und Mitglieder des Bundes der Landwirthe, die zugleich Parlamentarier sind, bei Abstimmungen verhalten werden?"

Die Meuterei der schwarzen Polizeitruppe in Kamerun stellt sich nach eingegangenen weiteren Nach­richten in der That als ein nicht unbedenklicher Vorgang dar. Die Empörer bemächtigten sich nicht nur des Regierungs­gebäudes, sondern auch der Factoreien und behaupteten sie sich neun Tage in diesen Stellungen, aus welchen sie dann endlich durch die gelandeten Mannschaften derHyäne" wieder verjagt wurden. Von den Meuterern fielen eine ganze Anzahl bet diesen Kämpfen, eine noch größere Anzahl wurde ver­wundet, der Rest entkam einstweilen in den Busch, mit Aus­nahme von vier Mann, die gefangen genommen und ohne viel Federlesens gehängt wurden. Seitdem sind noch 18 der meuterischen Polizisten, unter ihnen die Rädelsführer, von Eingeborenen aufgegriffen und an das Gouvernement abge­liefert worden.

Ausland.

Paris, 3. Januar. Den französischen Anarchisten ist mit dem großen Kesseltreiben, welches die Regierung auf die Dynamitbolde im ganzen Lande veranstalten ließ, eine angenehme" Ueberraschung zum neuen Jahre bereitet worden. Im Ganzen waren 2000 Befehle zu Haussuchungen bei de« Anarchisten ausgefertigt worden und die Durchführung dieser bis zum letzten Augenblick geheim gehaltenen Maßnahme beanspruchte nicht nur den Neujahrstag, sondern auch noch den nächstfolgenden Tag. lieber die Ergebnisse der beton«

Feuilleton.

Ein Nnndgsng durch die neuen Kliniken

Gießen.

Von Dr. med. H. Leyden.

(Schluß.)

Ganz speziell erwähnungswerth bleibt vor allem aber der imposante, große, auf drei Seiten von mächtigen Fenstern erleuchtete Operationssaal im Mittelhausbau, der den An­sprüchen der Anti- und Aseptik vollständig entsprechend ein­gerichtet und mit allen Erfordernissen zur sachgemäßen Auf­bewahrung der Instrumente und von Verbandmaterial aus- gestattet ist.

Zum Schluß haben wir uns noch dem pathologischen Institute zuzuwenden, welches neben den geeigneten Sälen und Räumlichkeiten für Sectionen, der einfachen, aber gleich­wohl würdevoll ausgestatreten Capelle in gleich ausgezeichneter Weise, sowohl in räumlicher Anlage wie in Ausstattung mit den neuesten technischen Hilfsmitteln den Lehrzwecken und wissenschaftlichen Beobachtungen vollkommen Rechnung trägt.

Außer dem großen, Hellen Microseopirsaal mit seiner, man könnte fast sagen eleganten Einrichtung, dem Auditorium, sowie einer Reihe von großen Sälen für eine bedeutende und reichhaltige Sammlung von Präparaten, enthält er ver­schiedene einzelne Untersuchungszimmer mit allem Zubehör für jederlei Untersuchungen, daneben Vivisections- und bakterio- logische Zimmer, kleinere Microscopirsäle, abgesehen von den Arbeitsräumen des Directors und der Assistenten.

Ist nun auch den hygienischen Anforderungen bei dem Bau dieser Kliniken vollste Berücksichtigung geworden, so wären gleichwohl ihre bisherigen Leistungen zweifelhafte vielleicht gewesen, falls nicht gleichzeitig ein noch fast wich­

tiger er Factor, die Organisation und die Leitung, eine muster- giltige wäre.

In richtiger Erkenntniß der Bedeutung der sachgemäßen Verwaltung für ein Krankenhaus, finden wir dieselbe hier in der Hand eines bewährten, ärztlichen Directors, welchem zugleich die volle Freiheit im Handeln und alle die Mittel zu Gebote stehen, um das Beste, was die Medicm zur Zeit leistet, für die Kranken, wie für die Studirenden nutzbar zu machen.

Von gleich segensreichem Einfluß sür die Anstalten ist die Krankenpflege, welche säst ausschließlich von den Schwestern des Aliceordens in selbstloser Hingebung für die Patienten ausgeübt wird. Durch exacte Schulung mit allen Pflichten einer sorgfältigen Krankenwartung vertraut, übt ihr stilles Wirken einen ebenso wohlthuend beruhigenden Einfluß auf die Patienten, wie einen erziehenden auf das ihnen unter­stellte Wartepersonal aus und überhebt den Arzt so mancher Sorge und Controle. Ueberall begegnet. dem musternden Blick hier eine zweckmäßige Ordnung und eine bis auf das Kleinste sich erstreckende Sauberkeit, ohne daß dadurch die Behaglichkeit der Kranken beeinträchtigt wäre.

In herrlichster Entfaltung kommt dieses Walten und dieser Geist der Anstalten zum Ausdruck beim Weihnachts- feste, dessen Feier wohl Jedem, ,bem es vergönnt war, einer solchen beizuwohnen, unvergeßlich bleiben dürfte, wie in auf- opsernder Liebe für jeden einzelnen gesorgt wird, und jeder wieder in der Hingabe für das Ganze seine vollste Zufrieden- heit findet.

Nur unter solchen Verhältnissen kann naturgemäß eine Klinik, in welcher auch der Kranke erkennt, daß für ihn in jeder Hinsicht auf das Beste gesorgt ist, allseitig beffer helfen und größere Heilerfolge verzeichnen, als jede häus­liche Pflege.

Daß diese Thatsacke auch von einem stets größeren Kreise erkannt wird, zeigt sich wohl am offenkundigsten bei

Vergleichung der Zunahme der Krankenaufnahme, welche die Kliniken in ständig wachsenden Zahlen seit ihrer Eröffnung im Jahre 1890 bis jetzt erfahren haben.

In engstem Zusammenhang hiermit stehen auch zugleich die Vortheile, welche sich für den Studirenden von solchen Instituten ergeben. Bei der verhältnißmäßig kleinen Zahl von angehenden Medicinern ist jedem die Gelegenheit geboten, an einem reichen Krankenmaterial am Krankenbette selbst seine practischen Erfahrungen zu schöpfen und nicht, wie an den großen, überfüllten Universitäten, durchs Fernglas auf den Kranken höchstens herniederschauen zu dürfen. Er lernt aus nächster Nähe so eine sachgemäße Krankenpflege und das Umgehen überhaupt mit Patienten, wie durch das ständige Voraugenhaben einer maßgebenden Krankenhauseinrichtung sozusagen unbewußt den richtigen Begriff für alles, was er später in der Ausübung der Krankenbehandlung nach dieser Richtung hin zu beobachten und zu verlangen hat.

Daneben fällt noch der Frauenklinik speziell die bedeu­tungsvolle Aufgabe zu, eine Lehrstätte zu fein für Hebammen und Wärterinnen, sowie als Fortbildungsschule zu dienen für ältere Hebammen durch Abhalten von periodisch wieder- kehrenden practischen Repetitionscursen, welche letztere segens­reiche Institution bisher nur im Großherzogthum Hessen durch­geführt ist.

Wahrlich ein erhabenes und schönes Werk edler Mensch­lichkeit ist hier geschaffen worden, welches in lebendigen Worten sür die hochherzigen Humanitätsbeftrebungen deS hessischen Staates spricht.

Möge dasselbe wie bisher der leidenden Menschheit alle Zeit schnellste Hilfe, den heranreifenden Aerzten eine allseitig vollendete Ausbildung und der forschenden Wissenschaft neue bahnbrechende Entdeckungen zum Wohle des gesammten deutschen Vaterlandes sichern.