Ausgabe 
4.12.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 284

Der

Kiekener -«zeiget erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener

A«mtkie« b kälter werden dem Anzeiger wdchmtlich dreimal beigelegt.

Erstes Blatt. Dienstag den 4. Deeember________________

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

1894

Vierteljähriger Avonnemeutspreisr 2 Marl 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pfg.

Redaction, Sxpcditior und Druckerei:

SchukstraßeAr.7.

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Amts- und Anzeigeblatt för den Kreis Gietzen.

chratisbeitage: Hießener Kamilienbkätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Aste Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlichen Theil.

Gießen, den 28. November 1894.

Betr.: Ausnahmebestimmungen von der Vorschrift des $ 137 Abs. 1 der Gewerbeordnung zu Gunsten von Mol­kereien.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises und an Gr. Polizeiamt Gießen.

Nach § 137 Abs. 1 der Gewerbeordnung dürfen Ar­beiterinnen in Fabriken nicht in der Nachtzeit von achteinhalb Uhr Abends bis fünfeinhalb Uhr Morgens und am Sonn­abend sowie an Vorabenden der Festtage nicht nach fünfein­halb Uhr Nachmittags beschäftigt werden.

Neuerdings sollen Erhebungen darüber angestellt werden, ob und inwieweit für Molkereien die Zulassung von Aus­nahmen von den Vorschriften des vorangeführten Paragra- phen der Gewerbeordnung erforderlich sei.

Wir bemerken hiezu, daß als den Bestimmungen der Gewerbeordnung nicht unterliegend diejenigen Molkereien angesehen werden, welche im Zusammenhänge mit der Land- wirthschaft betrieben werden und welche nur selbstgewonuene Milch verarbeiten. Dagegen fallen Genossenschaftsmolkereien, auch wenn sie nur die von Genossen gewonnene Milch ver­arbeiten, unter die Vorschriften der Gewerbeordnung, wenn die Genossenschaft eingetragen ist, also eigene Rechtspersön­lichkeit besitzt.

Unter Berücksichtigung des Vorstehenden beauftragen wir Sie, bis spätestens zum 7. Deeember a. c. an uns zu berichten: . m ,,

1) Wie groß ist die Anzahl der unter die Vorschriften der Gewerbeordnung fallenden Molkereien in Ihrer Ge­meinde? ,

2) Wie groß ist die Anzahl der in denselben beschäf- tigten männlichen und weiblichen, erwachsenen und jugend- licheri' Arbeiter?

3) Sind nach Ihrer Ansicht Ausnahmebestimmungen von § 137 Abs. 1 der Gewerbeordnung erforderlich und wie groß ist die Zahl der an dem Erlaß von Ausnahmebestimmungen interessierten Arbeiterinnen?

Soweit Molkereien, welche unter die Vorschriften der Gewerbeordnung fallen, in Ihrer Gemeinde nicht bestehen, ist dies gleichfalls mit Innehaltung des vorgenannten Ter- mines hierher zu berichten.

v. Gagern.

Bekanntmachung, betreffend Gesuch des ComitoS für Gründung einer Kleinkinder­schule zu Altenburg um Genehmigung zur Veranstaltung einer Verloosung.

Das Comite für Gründung einer Kleinkinderschule zu Altenburg beabsichtigt eine Verloosung zu veranstalten, um die Mittel zur Beschaffung eines geeigneten Locals zur Unterbringung derselben zu gewinnen.

Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die'nachgeiuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 10000 Loose zu 0,40 Mk. das Stück ausgegeben werden dürfen und min­destens 45 Procent des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu ver­wenden find.

Der Vertrieb der Loose ist in den Kreisen Gießen, Alsfeld und Lauterbach gestattet.

Gießen, den 30. November 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bckanntmachmlg,

betreffend die Veranstaltung einer landwirthschaftlichm Ver­loosung zu Butzbach während des dortigen Frühjahrs­faselmarktes in 1895.

Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die Genehmigung zur Vornahme einer, mit dem am 21. März k. IS. stattfindenden Frühjahrsfaselmarkte in Butzbach zu verbindenden Verloosung von Faseln, Rindern, Schweinen, Geflügel und landwirthschaftlichen Geräthen unter der Be­dingung ertheilt, daß nicht mehr als 13 000 Loose ä 1 Mk. ausgegeben werden dürfen und (abzüglich eines Betrags von 350 Mk. zur Prämiirung) mindestens 65 Procent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenftänden zu verwenden sind.

Der Vertrieb der Loose ist in der Provinz Oberheffen gestattet.

Gießen, den 30. November 1894. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Deeember. Die jüngste, auf Erkältung beruhende' Unpäßlichkeit des Kaisers,\ welche den hohen Herrn veranlaßte, den Beisetzungsfeierlichkeiten in Weimar fernzubleiben und weiter auch auf den geplanten Jagdausflug nach Oberschlesien zu verzichten, ist wieder völlig beseitigt. Der Kaiser gedenkt darum der an diesem Montag in Kiel stattfindenden Vereidigung der Marine-Rekruten beizuwohnen und alSdann an der Einweihung der gewaltigen Brücke über den Nord Ostsee-Canal bei Levensau Theil zu nehmen. Für Dienstag ist ein Flottenmanöver in der Kieler Bucht unter dem Oberbefehl des Kaisers in Aussicht genommen. Am Mittwoch wird der Monarch wieder in Berlin zurück sein, um hier im Königlichen Residenzschlosse Mittags den Reichs­tag zu eröffnen.

Am Mittwoch wird also die neue Session des Reichsparlamentes, die dritte der gegenwärtigen Legislaturperiode, beginnen, die an Wichtigkeit und an Um­fang ihrer Geschäfte den vorausgegangenen Sessionen nicht das Mindeste nachzugeben verspricht, ja, dieselben eher noch übertreffen dürste. Schon hieraus erklärt sich das allgemeine Interesse, mit dem man in Deutschland überall der anhebenden neuen Session des Reichstages entgegen­blickt. Dasselbe erfährt aber dadurch noch eine Erhöhung, daß dem Zusammentritte des obersten Parlamentes diesmal der Regierungswechsel vorangegangen ist,, welcher im Reiche wie in Preußen den Fürsten Hohenlohe an die Spitze der politischen Geschäfte brachte. Jetzt werden sich das neue Regime und der Reichstag zum ersten Male näher treten und es hat sich nunmehr bald zu zeigen, ob und wie Regierung und Volksvertretung mit einander auskommen werden. Jedenfalls sind die Schwierigkeiten der neuen Lage nicht gering, namentlich, wenn man erwägt, daß gerade gegenüber den beiden wichtigsten Vorlagen, dem sogenanntenUmsturz- gesetz" und dem Tabakfabrikatsteuer-Gesetzentwurfe, eine leb­hafte Opposition seitens eines erheblichen Theiles des Reichs­tages zu erwarten steht. Es wird offenbar von Setten der neuen Regierung wie des Parlamentes aufrichtigen Entgegen­kommens und einer gewiffen Nachgiebigkeit bedürfen, sollen beide maßgebenden Factoren zu einerlVerständigung mit ein­ander in diesen ebenso schwierigen wie bedeutsamen Fragen gelangen, andernfalls müßte allerdings wohl ernstlich mit einer abermaligen Reichstags-Auflösung gerechnet werden.

Im Uebrigen harrt des Reichstages wiederum ein recht stattliches Arbeitsprogramm. Außer den beiden oben genannten wichtigsten Vorlagen wird es von anderen hervorragenderen Sachen noch umfaffen den Etat und die mit letzterem stets zusammenhängenden Gesetzentwürfe, ferner den Gesetzentwurf über die Bestrafung von Sclaven- raub und Sclavenhandel, die Börsenreform-Vorlage, welche soeben vom preußischen Staatsministerium gutgeheißen worden ist, sowie die Entwürfe, welche sich auf die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes und die Reform des Hausirhandels beziehen. Ob dem Reichstage später noch wettere wichtige BerathungSstoffe, spectrll der die Einbeziehung deS Hand­werkes unter die staatliche Unfallversicherung bezweckende Gesetzentwurf, zugehen werden, läßt sich zur Zeit noch nicht beurtheilen. Dafür wird aber an verschiedenen Vorlagen auch dritten und vierten Ranges, an Initiativanträgen u. s. w. diesmal ebenfalls kein Mangel sein, es gilt also für den Reichstag, ein besonders iuhaltschweres und reichhaltiges ArbeitSprogramm zu erledigen. Möge ihm die Bewältigung dieses Arbeitspensums gelingen, ohne daß eS hierüber zu schweren und verhängnißvollen Conflicten zwischen Parlament und Regierung kommt!

An die feierliche Eröffnung deS Reichs­tages, welche diesmal im Rittersaals des Berliner Residenz- schloffes, anstatt im historischen Weißen Saale, erfolgt, wird sich nach einer kurzen Pause die Schlußsteinlegung deS neuen Reichstagsgebäudes und hiermit deffen feier­liche Einweihung anreihen- der solenne Act findet unter Theilnahme des Kaiserpaares, des deutschen Kronprinzen, der Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses, der höchsten Reichs- und Staatswürdeuträger, der Generalität u. s. w., ! sowie selbstverständlich auch der BundesrathSmitglieder und der Abgeordneten statt und wird sich im Rahmen des hierzu schon bekannt gegebenen Ceremoniells vollziehen. Um 8 Uhr Abends folgt ein Banket im neuen Reichstagsgebäude.

Fürst Bismarck befindet sich, nachdem er den ersten großen Schmerz über das Htuscheiden seiner Gattin überwunden, verhältnißmäßig wohl, wie man aus Varzia meldet. Er wird bis aus Weiteres noch in Varztn verweilen und daselbst auch das Weihnachtsfest verleben. Zur Ein­weihung deS neuen Reichstagsgebäudes, zu welcher Fürst Bismarck aus spectellen Befehl des Kaisers eingelade« worden war und bei welcher er einen Ehrenplatz erhalten sollte, wird er nicht erscheinen. Ganz außerordentlich groß ist die Zahl der dem Alt-Reichskanzler anläßlich des Ablebens seiner Gemahlin übermittelten TheilnahmSbezeugungen, ebenso diejenige der Spenden, welche für die Beisetzung der Fürstin etngegange« waren.

Berlin, 1. Deeember. DaS erste offizielle Gespräch mittels Telephons zwischen Berlin und Wien ist heute Vormittag zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef ausgetauschr worden.

Berlin, 1. Deeember. Der Wortlaut der Thronrede zur Eröffnung deS Reichstages ist sicherem Vernehme» nach festgestellt. In derselben wird die Nothwendigkeit be­tont, gegen die Umfturzbewegungen die Schärfe des Gesetzes anzuwenden, und die Zuversicht ausgesprochen, daß der Reichs­tag die Hand bieten werde, die Regierungen in diesem Kampfe zu unterstützen. Ferner wird Bezug genommen auf de» erneuten Versuch, den Finanzen des Reiches eine festere Regelung zu verleihen und auf die geplanten Reformen i» der Rechtspflege und dem socialen Versicherungswesen hin- gewiesen.

Berlin, 1. Deeember. In der letzten Sitzung deS Bundesraths wurde auch über die Resolution des Reichs­tages, betreffend den Gewerbebetrieb der Militärmufiker, Be­schluß gefaßt.

Berlin, 1. Deeember. Die deutsch-conservattve Fraction hält am Dienstag den 4. Deeember, AbendS 8 Uhr, im Zimmer 5 des alten ReichStagSgebäudeS ihre erste Sitzung ab.

Berlin, 1. Deeember. DerReichsanzeiger" veröffent- licht die Bekanntmachung, daß am 3. Deeember der Verkehr auf der Fernsprechlinie zwischen Berlin und Frank­furt a. M. eröffnet wird. An dem Verkehr werden auch die in die Linie einbezogenen Stadt Fernsprecheinrichtunge» in Nordhausen und Kaffel theilnehmen. Die Gebühr für das gewöhnliche Gespräch bis zur Dauer von drei Minute» beträgt 1 Mk.

Berlin, 1. Deeember. Die Enthüllung des Mitscher­lich-Denkmals fand heute Nachmittag in Gegenwart der Angehörigen Mitscherlichs und zahlreicher Vertreter der hie­sigen Universität, hiesiger und auswärtiger akademischer Würdenträger und studentischer Deputationen statt. Der Kaiser entschuldigte sein Fernbleiben in einem huldvolle» Schreiben an das Denkmalcomitö.

Berlin, 1. Deeember. In einer gestern Abend ftatt- gehabten, zahlreich besuchten Versammlung der Christlich- Socialen sprach Stöcker über das Thema:Conservattv oder Antisemitisch?" Stöcker mißbilligte energisch den Radau- antisemitismus, welcher nie zum Ziele führen könne. Mit dem RufeNieder mit den Juden" treibe man keine practische Politik, wenngleich man die Juden auf das Schärfste be- kämpfen müsse. Zwischen dem guten Antisemitismus und den Conservativen seien viele Berührungspunkte. Die Ver­sammlung ging nach unwesentlicher Discussion Nachts um halb 12 Uhr auseinander, ohne Beschlüffe gefaßt zu haben.

Köln, 1. Deeember. DieKöln. Zeitung" tritt a» leitender Stelle energisch den socialifttschen, fortschrittlichen und ultramontanen Forderungen auf Ermäßigung des HeereSbudgets entgegen und sagt: Deutschland müsse auf eine ungeschwächte Erhaltung seines MilttärstandeS Be­dacht nehmen. Als lehrreiches Beispiel bei etwaiger Er- sparniß an den Heeresausgaben verweist dieKöln. Ztg." aus England, dessen Heer, vom Standpunkte der europäischen Verhältniffe auS betrachtet, kaum noch ernst genommen werden könnte. Deutschland habe noch auf Jahrzehnte hinaus alle Ursache, daS Schwert scharf und den Schild kräftig zu erhalten.

Ausland.

Paris, 1. Deeember. In der heutigen Nummer des Figaro" befindet sich eine officiöse Note, die besagt, daß der deutsche Botschafter nur sein Bedauern darüber aus­gedrückt, daß man in Frankreich nicht begreife, daß Offiziere im Dienst stets zu respectiren seien. Die Minister ent­schuldigen sich mit der absoluten Preßfreiheit und überlaffen den Blättern die Verantwortung. Kein Mitglied der Re­gierung habe mit den bekannten Artikeln etwas zu thun.