Ausgabe 
4.11.1894 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

259 Erstes Blatt. Sonntag den 4. November

1894

Der chießener Anjeiflcr tvfdjcint täglich, mit Ausnahme deS Montag«.

Die Gießener Aamikienstälter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigrlegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

Vierteljähriger > ^Sonucmentspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, ErpeditioL und Druckerei: Kchrrlstraße Zlr.7. Fernsprecher 51.

Amts- und 2lnzeigeblntt für den TLreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für bm jolgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

Hratisöeikage: Hieß euer Jamilienblätter.

Alle AnnonceN'Bureaux deS In« und Auslandes nehme« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Die Ueberproduetion und der Einfuhrbedarf europäischer Länder an Weizen.

Das colofsale Sinken der Weizenpreise, welche zumal auch in Amerika den Weizenbau unrentabel machen, hat doch noch nicht, wie man noch vor einem Vierteljahre annahm, zu einer Verminderung der Weizenproduction geführt, sondern es hat sogar nach den neuesten, zumal von dem ungarischen Ministerium vorgenommenen statistischen Untersuchungen noch eine weitere Vermehrung der Ueberproduetion an Weizen stattgesunden.

Nach den Veröffentlichungen deS ungarischen Ackerbau. Ministeriums übersteigt nämlich die Gesammterntemenge der Welt an Weizen im Erntejahr 1894/95 die vorjährige um 69,5 Millionen Hectoliter und beträgt in diesem Jahre 872,8 Millionen Hectoliter. Nach derselben Quelle brauchen in diesem Jahre die Weizeneinsuhrländer unter Berücksichtigung ihrer Ernteschätzung folgende Einfuhrmengen: Großbritannien 60 Millionen Hectoliter, Deutschland 11,5, Oesterreich 11,2, Italien 10,5, Belgien 9, Frankreich 7, Spanien 4,5, Holland und die Schweiz je 4,2 Millionen Hectoliter, die übrigen Länder kleinere Einfuhrmengen. Der gesammte Einfuhr« bedarf stellt sich sonach auf 128,5 Millionen Hectoliter gegen 133,7 Millionen im Vorjahre. Die folgenden Länder sind dagegen darauf angewiesen, einen Theil ihrer Weizenernte auözuführen und zwar Rußland 50, Argentinien 26, die Vereinigten Staaten von Nordamerika 25, Ungarn 16, Oft. Indien 8, Rumänien 7, Canada 5,5, Australien 5, Bulgarien 4,6, Ebile 3,5 Millionen Hectoliter. Im Ganzen wären sonach 156,6 Millionen Hectoliter gegen 133,5 im Vorjahr zum Export verfügbar.

ES würden sonach in diesem Winter ungefähr 25 Millionen Hectoliter Weizen noch mehr auf die europäischen Märkte geworfen als im vorigen Jahre und dadurch ein weiterer Rückgang der Weizenpreise hervorgerusen werden. Daraus geht unzweifelhaft hervor, daß sich der Weizenproducent in einer außerordentlich Übelen Lage besindet, die zumal in denjenigen Ländern, welche keine oder nur geringe Schutzzölle besitzen, geradezu ruimrend wirkt. Das Schlimme ist ferner auch bei der ganzen Misere, daß sobald keine wesentliche Besserung eintrcten kann, denn jedes Culturland, und zumal Ungarn, Rußland, Rumänien und Nordamerika sind darauf angewiesen, verhältnißmäßig viel Weizen zu bauen, weil sie den Boden dazu haben und weil der Weizen auf dem Welt.

markte immer noch als die begehrteste Kornfrucht gilt. Die deutschen Landwirlhe, welche nicht so sehr wie die Gutsbesitzer in Ungarn, Nordamerika usw. auf den Weizenbau angewiesen find, sollten daher ohne Bedenken ihren Weizenbau vermindern, sobald sie durch eine Berechnung feststellen können, daß sie mit dem Bau von Hafer, Klee oder falls die Verhältniffe es gestatten, durch den Bau von Specialitäten, wie Zuckerrüben und Braugerste, Halbwegs günstigere Resultate als mit dem Weizenbau erzielen. Die Thatsache, daß heutzutage guter Hafer ebenso theuer bezahlt wird als Weizen und außerdem der Hafer oft eine starke Neigung zur Preissteigerung hat, spricht wohl deutlich für unsere Rathschläge.

Ucucfk Nachrkhten.

Walff» telegrxphffcheS Eorrefpondem-Burvm

Troppau, 2. November. Bet der heutigen Abendschicht in Peterwald, Orlau, Poremba und Lazy verweigerten über 5000 Bergarb eiter die Anfahrt wegen Ein­führung der zehnstündigen Schicht.

Petersburg, 2. November. DasJournal de St. Peters« bourg" schreibt:Das russische Volk verlor einen gerechten, guten und gnädigen Monarchen, den es mit grenzen­loser Liebe, Verehrung und Dankbarkeit umgab. Der Monarch erhob Rußland auf eine hohe Stufe nationaler Entwickelung, des Ansehens und der Macht. Alexanders Regierung ist mit goldenen Lettern in der Geschichte Rußlands verzeichnet. Der Schmerz Rußlands findet einen Widerhall im Auslande, wo Alexander allgemein geachtet als mächtiger Schützer des Weltfriedens." DerRuskt Invalid", das Organ deS Kriegsministeriums, bemerkt:Das Gedächmiß des Herrschers, der seine ganze Seele dem Wohle des Volkes, dem Glück und Gedeihen bef- Landes geweiht hat, wird ewig fortleben im Herzen des Volkes und des HeereS." DieNowoje Wremja" schreibt, daß die innere Politik des verstorbenen Kaisers auf die Hebung der Autorität der Regierungsgewalt gerichtet gewesen sei und die inneren Reformen auf streng nationaler Grundlage geruht hätten. DaS^Princip derselben sei gewesen: Rußland für die Russen. Die äußere Politik ha^e sich durch Wahrheits« und Friedensliebe ausgezeichnet. - Die (russische)Handels- und Jndustrie-Zeitung" betont d> Förderung oes öconomischen Aufschwungs. Heute Nachmittag um 3 Uhr fand anläßlich der Thronbesteigung ein Gottesdienst in der Isaaks-Kathedrale statt, welchem die Hofstaaten, die Generalität und die Oberoffiziere bei­

wohnten. AuS Moskau wird gemeldet, daß in de« Hauptstraßen gewaltige Menschenmaffen schweigend ver­sammelt find.

Shanghai, 2. November. Meldung deS Bureau Reuter. Chinesischen Blättern zufolge nahmen die Chinesen wiederum Kin - lien - Ch eng - die Japaner verloren 3000 Mann.

Yokohama, 2. November. Meldung deS Bureau Reuter. Die Japaner nahmen Port Arthur.

Drvefchcn bet Hurexu «Herold".

Darmstadt, 2. November. Der hessische Hos hat aus Anlaß des Ablebens deS Czaren eine vierwöchentliche Trauer angeordnet.

Berlin, 2. November. Prinz Heinrich, welcher sich als Vertreter des Kaisers zur Beisetzung nach Petersburg begeben wird, reist voraussichtlich auf der Yacht Hohenzollern. Im Auftrage der Kaiserin statteten die Oberhofmeisterin Gräfin Brockdorff und der Oberhofmeister Freiher v. Mirbach der russischen Botschaft Condolenzbesuche ab. Der Reichskanzler ist ermächtigt, die Blättermeldung, wonach der Reichskanzlerposten anfänglich dem Kriegsminifter Bronsart v. Schellenoorf angeboten worden sei, als jeder Begründung entbehrend zu bezeichnen.

Berlin, 2. November. Neuesten Nachrichten zufolge ist der Zusammentritt des Reichstages infolge Reichs­kanzlerwechsels um ungefähr 3 Wochen verschoben worden.

Berlin, 2. November. Die Nachricht von dem Tode des Czaren erhielt Kaiser Wilhelm in Stettin, als er bet dem Osfiziercorps des Grenadierregiments tafelte. Der Kaiser erhob sich von seinem Platze und äußerte:Soeben kommt die Nachricht von einem weittragenden schweren Er- eiguiß. Majestät Czar ist gestorben. Nicolaus II. hat den Thron seiner Väter bestiegen, wohl eine der schwersten Erb­schaften, die ein Fürst antreten kann. Wir gedenken der alten Waffenbrüderschaft, die uns früher und aufs Neue mit dem russiichen Kaiserhaus verbunden hat und verewigen un- sere Gefühle mit dem neuen Czaren in dem Wunsche, daß ihm der Himmel Kraft verleihe zu seinem schweren Amte. Kaiser Nicolaus er lebe! Hurrah!"

Berlin, 2. November. Alle offiziellen Gebäude haben heute Halbmast geflaggt, auch auf dem Neuen PalaiS in Potsdam weht die Kaiserstandarte Halbmast. Kaiser Wil- Helm wird heute nach Berlin kommen, um auf der russischen

Feuilleton. i

Wochcnbriesc ans brr Nrsidrn).

(Origtnalbericht für denGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 1. November.

Geschenk der Darmstädter Damen au das Grotzherzogliche Paar. Rennen des Reiterverems. Vom Hoslheater.

Seit einigen Tagen ist dahier in einem Laden der oberen Rheinstraße das Hochzeitsgeschenk ausgestellt, welches die Darmstädter Damen unserem Grobherzoglichen Paare am 25. November d. I., bekanntlich dem gemein­samen Geburtsfeste Ihrer König!. Hoheiten, überreichen werden. Da die Ausführung derselben in so hervorragender Weise gelungen ist, verlohnt es sich schon, daß ich Ihren freund­lichen Lesern einiges darüber berichte. Die ganze Gabe be­steht aus vier Stücken, einem Prunkschranke, zwei Armsesieln und einem Prunktisch.

Der Schrank ist gefertigt von der hiesigen Firma Gluckert und ausgeführt in deutschem Renaissancestil. Das Material, aus dem derselbe hergestellt ist, besteht aus dem Eichenholz der Pfeiler der Römerbrücke bei Mainz, das in verschiedenen Farben, hell und dunkel verwandt ist. Der ganze Schrank zeigt eingelegte Holzarbeiten aus Birnbaum-, Eichen-, Nuß- und Ulmenholz in Menge, von denen jedes Stück ein kleines Kunstwerk ist. Das mittlere Feld der Thüre wird ausgesüllt von einem großen aus Elfenbein ge­schnitzten ReliefDie Huldigung" darstellend, die Beschläge find hergestellt aus Schmiedeeisen und ebenso wie die aus Silber gefertigte Widmungstasel dem Stile des Ganzen ge­nau angepaßt. Gekrönt wird der mächtige, zur Aufnahme von Kunstgegenständen bestimmte Schrank durch ein pracht­volles in Holz geschnittenes und gefärbtes Wappen, das zu- fammengesetzt ist aus dem Wappen des Großherzogs und dem Seiner hohen Gemahlin. Die beiden Sessel sind aus hessischem Nußbaumholz angefertigt. Die mit Leder über­zogenen gepolsterten Sitze ruhen auf vier reich mit Btld- hauerarbett verzierten Säulen. Die Rücklehnen zeigen bei

dem einen das Wappen von Heffen, bei dem andern das von Coburg, beide mit Hermelinmantel und Krone in bunten Farben gehalten und eingepreßt. Die in reicher Anzahl ver- wandten Nägel stellen sich dem Beschauer als vergoldete Löwenköpfe dar. Endlich das vierte Stück ist ein achteckiger Prunktisch mit herrlich ausgeführter eingelegter Platte. Die Einlage läßt das reichverzierte Alliancewappen der Fürsten­häuser Heffen und Coburg sehen, die Umrahmung sowohl, wie der massive Fuß ist in Eichenholz von der Römerbrücke hergestellt. Die drei zuletzt genannten Stücke sind in dem Atelier der Firma Bechtold entstanden. Der Gesammt- eindruck, den das Ganze macht, ist ein überaus imponirender und beweist, daß unsere heimische Industrie hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit keine auswärtige Concurrenz zu fürchten braucht.

Voraussichtlich den Schluß der Sportsestlichkeiten in unserer Stadt mag das Herbstrennen des hessischen Reiter Vereins auf seiner bei dem Grobherzoglichen Jagd­schloß Krauichstein gelegenen Rennbahn gebildet haben. Ob« wohl die ganze vorhergegangene Woche fast ununterbrochen der Regen vom Himmel geströmt war, so konnte man doch, dank dem vtelgeschmähten Sandboden unserer Umgegend, den Zustand der Bahn als relativ gut bezeichnen. Allerdings der Weg bis dahin konnte selbst dem rasfinirtesten Gigerl sein allersalonfähigstes" Aeußere aber gründlichst rauben. Doch das genirte die Darmstädter nicht, sie kamen in Hellen Haufen, um dem sportlichen Schauspiel beizuwohnen, selbst aus die Gefahr hin, einmal tüchtig gewaschen zu werden. Indessen der Himmel hatte es anders gewollt, die leibhaftige Sonne schien während des Festes, eine bemerkenswerihe Thatsache in unseren Tagen.

Geritten wurden im Ganzen 5 Rennen: 1) Leichtes Jagd Rennen über 3500 Meter, gewonnen von Rittmeister von Treskow vom 24. Drag.-Regt. 2) Jagd-Rennen für Chargenpferde über 2500 Meter. Sieger Lieutenant Frhr. von Schäffer vom Drag.-Regt.Nr. 23. 3) Schweres Jagd-Rennen über 3000 Meter. Sieger Lieutenant von Negenborn vom 24. Drag.-Regt. 4) Hunter-Jagdrennen

über 2500 Meter, den Preis errang Lieutenant Prinz Holstein vom 23. Drag.-Regt. 5) Park-Jagd-Rennen um denEhrenpreis Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs'. Distance 3500 Meter. Gewinner wurde Lieutenant von Negeub orn. Vor dem dritten Rennen war das Groß- herzogliche Paar, sowie Prinz Heinrich von Preußen mit hoher Gemahlin erschienen, vom Volke mit brausenden Hochrufen empfangen und von der Mufik mit der Nationalhymne begrüßt. Die Allerhöchsten Herr­schaften verblieben bis zum Schlüsse der Rennen in den Wagen. Nach Beendigung derselben begaben sie sich zur Tribüne, wo Ihre Kgl. Hoheit die Großherzogin den glücklichen Siegern die Preise überreichte. Die Rennen ver­liefen ohne ernsten Unfall und wurden von den nach vielen Hunderten zählenden Zuschauern mit wachsendem Interesse verfolgt.

Wahrhafte Festtage waren es, die unser Theaterpublikum in den letzten Tagen durchlebte. Die drei G ast dar- stellungen der Frau Sigried Arnoldson, von denen ich Ihnen schon geschrieben habe, waren Kunstgenüffe in des Wortes edelster Bedeutung. Frau Arnoldson verfügt über eine nicht zu große, wohl aber sehr sympathische Stimme und was die Hauptsache ist, sie versteht dieselbe zu behandeln. Wie die meisten unserer großen Sängerinnen ist Frau Arnoldson auch eine gottbegnadete Schauspielerin. Ihre größten Erfolge hat sie hier in der einst bei der Premiöre recht kühl aufgenommenen DeliboS'schen Oper Lakmc" unbedingt errungen, auch alsMignon" war die Künstlerin großartig, während ihreCarmen" diese beiden Leistungen nicht erreichte. Für eineCarmen" hat eben die Natur der Dame nicht bie Jnbividualität der Persönlich­keit verliehen, die dazu nöthig ist. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog ließ Frau Arnoldson nach Schluß ihrer letzten Gastdarstellung m die Hofloge bescheiden, wo Höchstderielbe der Künstlerin seinen Dank für die gebotenen vorzüglichen Leistungen aussprach. Hoffentlich besucht Frau Arnoldson bei ihrem nächsten Tournee ihre Darmstädter Verehrer wiederum. -»