1894
Dienstag den 4. September
Nr. 206
Gießener Anzeig er
General-Anzeiger.
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Amtlichem Theil.
Gießen, den 1. September 1894. Betr.: Die unschädliche Beseitigung von Thiercadavern. Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
M die Grotzh. Bürgermeister eie« de- «reise-.
Wir haben in Erfahrung gebracht, daß sehr viele Wasenplätze mit ungenügender Einfriedigung versehen sind, so daß das Eindringen von Thieren (Füchsen rc.) und das Verschleppen von Cadavertheilen mit Jnfectionsstoffen leicht möglich ist.
Soweit es noch nicht geschehen ist, beauftragen wir Sie, daher für baldige Einfriedigung der Wasenplätze in der vorgeschriebenen Weise zu sorgen. Wir werden uns gelegentlich von der Befolgung dieser Verfügung überzeugen.
Da es neuerdings wieder vorgekommen ist, daß Wasenplätze ohne unsere Genehmigung neu angelegt worden sind, so verweisen wir Sie dieserhalb auf § 2 unseres Amtsblattes Nr. 6 vom 24. August 1880 und erwarten für die Folge genaue Beachtung dieser Bestimmung.
I. V.: Dr. Melior.
In dem Dorfe Bürgeln bei Cölbe sind einige Fälle von asiatischer Cholera festgestellt worden. Da alsbald seitens der Behörde alle erforderlichen Maßnahmen gegen eine weitere Verbreitung der Krankheit getroffen worden sind, so ist zu hoffen, daß es gelingen wird, dieselbe alsbald im Keime zu ersticken. Jedenfalls liegt zur Zeit für die hiesige Bevölkerung keinerlei Grund zur Beunruhigung vor.
sGroßherzogl. Kreisgesundheitsamt.
Lehrer-Conferenz.
Die im letzten Sonntagsblatt auf Mittwoch den 5. September angezeigte Conferenz in
Grimberg
kann an diesem Tage nicht abgehalten werden.
Dieselbe findet statt
Mittwoch, 12. September, Vormittags 10 Uhr, in Grünberg.
Die Gr. Bürgermeister werden gebeten, den Herren Lehrern sogleich hiervon Kenntniß zu geben.
Gießen, den 1. September 1894. Büchner, Schulrath.
Bankrott und Aecord.
Um der gegenwärtigen geschäftlichen Misere auf einem ihrer dunkelsten Gebiete entgegenzutreten, regen sich jetzt eine ganze Anzahl Stimmen, welche verlangen, daß bankrotten Schuldnern der Accord und zumal die Erreichung des Zwangsvergleiches mit den Gläubigern nicht erleichtert, sondern erschwert werden müsse, denn die Thatsache, daß durch eine geschickte Mache und ein dreistes Verfahren ein für den Schuldner günstiger privater Accord oder gerichtlicher ZwangS- vergletch sehr oft wider den Willen einer Anzahl Gläubiger erreicht werde, erleichtere das leichtsinnige Bankrottmachen in bedenklichster Weise und schaffe dadurch Zustände, welche daS Rechtsleben für den Kaufmann zu verwirren geeignet wären.
Man muß zugestehen, daß diese Beschwerden in vielen Bankrott- und Accordfällen ihre Berechtigung haben. So gibt es eine gewisse abscheuliche Sorte von Geschäftsleuten, welche sich erst groß aufblähen, dann coloffale Credite, auf Deutsch „einen frechen, schmählichen Pump" in Anspruch nehmen und einige Jahre oder Monate darauf mit einer enorm hohen Unterbilanz Bankrott machen und dann vielleicht mit der Bagatellsumme von 6 bis 8 Procent mit ihren Gläubigern accordiren. Wenn dann in solchen Fällen oft eine Schuldenmasse von mehreren hunderttausend Mark oder doch in verhältnißmäßig sehr bedeutender Höhe vorhanden ist, so empfinden die Gläubiger einen derartigen Bankrott dann meist nicht nur als einen Vermögensverlust infolge eines geschäftlichen Unglückes, sondern sie haben häufig den Eindruck, als ob sie um ihre Forderungen mehr oder weniger betrogen worden wären.
Aber wie soll gegen ein solches verwerfliches Gebühren der Bankrottmacher neben den bestehenden Strafbestimmungen noch besonders gesetzlich eingeschritten werden? Der betrügerische Bankrott mit all seinen verbrecherischen Anhängseln wird ja bereits bestraft, soweit man den Thatbestaud ausdecken kann, aber darüber hinaus laffen sich sehr schwer gesetzliche Bestimmungen treffen, um Bankrotte und Accorde zu beschränken, eS sei denn, daß jedem Gläubiger das gesetzliche
Recht zugesprochen wird, sich zu jeder Zett durch einen ver- etdeten Bücherrevisor den wirklichen Vermögensstand deS Schuldners klarlegen zu lassen. Dieses in gewiffen ver- dächtigen Fällen am Platze erscheinende Verfahren würde sich indessen die große Mehrheit der Geschäftsleute dringend und mit Recht verbitten, denn jeder Kaufmann und Gewerbetreibende, Landwirth usw. braucht Credit, und eS kommen auch Fälle vor, wo er infolge der Conjunctur, aber ohne Jemanden zu schädigen, seinen Credit sehr stark in Anspruch nimmt. Daraus geht deutlich hervor, daß gesetzlich gegen Bankrott und Accord neue Gegenmittel kaum noch anwendbar erscheinen, daß aber allen Lieferanten dringend empfohlen werden muß, nicht inS Blaue hinein Credit zu geben, dann können ihnen leichtsinnige und betrügerische Schuldner nicht gefährlich werden.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 2. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen gestern den Generalmajor z. D. Frhrn. v. Gemmingen-Hornberg, den Major z. D. Lauckhard, Commandeur des Landwehr-Bezirks Friedberg, den Hauptmann a. D. v. Wachter, eine Deputation des Gustav-Adolf- Festspiels, bestehend aus: Landgerichtsrath Küchler, Hofprediger Ehrhardt, Dr. Bassermann und Oberconsistorial- kalkulator Rothermel, den Rechnungsrath Eger von Mainz, den Director Schwabe von der Blindenanstalt in Friedberg, den Prof. Dr. Sell von Bonn, den Director Bär von der Bembeschen Möbelfabrik in Mainz; den Königlich Großbritannischen Geschäftsträger Mr. Buchanan- zum Vortrag den Cabinettsrath Römheld.
Berlin, 1. September. Der Kaiser und die K a i s e r i n wohnten am Sonnabend nebst den sämmtlichen zur Zeit in Berlin, resp. Potsdam anwesenden Prinzen und Prinzessinnen der feierlichen Einweihung der Sarkophage weiland des Kaisers Wilhelm I. und der Kaiserin Augusta im Mausoleum zu Charlottenburg bei. Auch die Personen, die zum Hofstaate des verewigten Kaiserpaares gehört hatten, wohnten der Feier bei.
— Die Frage d e r Nothwendigkeit neuer Steuern für das Reich ist in der Tagespresse unter Hinweis auf die jüngsten günstigen Abschlüsse über Zoll- und Verbrauchsabgaben vielfach verneint worden. Dieser Ansicht treten indessen die „Berl. Pol. Nachr." mit folgender anscheinend officiöser Auslassung entgegen: So freudig eine Steigerung der bisherigen Einnahmen des Reiches infolge der Belebung von Handel und Verkehr auch begrüßt werden muß, so ist doch nicht anzunehmen, daß die Entwickelung eine derartige sein wird, um die Erschließung neuer Einnahmequellen entbehren zu können, wenn auch nur das Gleichgewicht zwischen Matrikularbeiträgen und Ueberweisungen erreicht werden soll. Die gegenwärtige Finanzlage erfordert gebieterisch, nicht unbedingt nothwendige Ausgaben biß auf Weiteres zurückzustellen; eine Finanzpolitik des absoluten Stillstandes ist aber mit der Entwickelung eines lebenskräftigen Staatswesens unvereinbar. — Trotzdem scheint man es aber mit der Erschließung neuer Einnahmequellen für das Reich in den leitenden Berliner Kreisen noch nicht so eilig zu haben, wenigstens, wenn es5 richtig ist, daß die verbündeten Regierungen in der nächsten Reichstagssession mit keinen neuen Steuervorlagen kommen, sondern nur mit der Tabaksteuer-Vorlage u. s. w. wieder aufwarten wollen.
— Die Untersuchung in der Berliner Anarchisten- Affaire hat es jetzt als zweifellos ergeben, daß die ursprüng- lichen Meldungen über die Bedeutung der ganzen Sache sehr übertrieben worden sind. Es liegt kein Anlaß vor, gegen die allein noch in Haft befindlichen in die Angelegenheit verwickelten Personen, Schäwe und Dräger, wegen anarchistischer Umtriebe vorzugeheu. Es soll gegen sie vielmehr nur wegen Widerstandes wider die Staatsgewalt, Körperverletzung und groben Unfuges verhandelt werden.
Berlin, 1. September. Der Kaiser begab sich heute früh mittelst Sonderzuges über Frankfurt a. O. nach der Station Jacobsdorf, woselbst die Ankunft um 8^4 Uhr erfolgte. Dort verließ der Kaiser den Zug, bestieg seine mit vier Schimmeln bespannte Equipage und fuhr nach dem von der Station etwa 7 Kilometer entfernten Dorfe Treppltn, woselbst er zu Pferde stieg, um dem Manöver der beiden Garde-Jnfanterie-Divisionen zu folgen.
Berlin, 1. September. Die Deutschen der Provinz Posen, so wird den „B. N. 9?.“ geschrieben, die sich zur Huldigungsfahrt nach Barzin rüsten, sind aufs Peinlichste berührt durch die Weigerung des commandirenden Generals v. Seect, einer Militärcapelle des 5. Armeecorps die Begleitung auf der Fahrt nach Barzin zu gestatten.
Berlin, 1. September. Die Leiche des Fräulein Agnes Wabnitz wird am morgigen Nachmittag nicht vom Hause Rhkeftr. 37, wie dies von den Socialdemokraten ge- >lant war, sondern von der Leichenhalle des Friedhofes der reireligiösen Gemeinde aus bestattet werden. Das öffentliche Leichenbegängniß ist polizeilich untersagt worden.
Berlin, 1. September. Wie die „Nationalzeitung" erfährt, ist in Bundesrath - Kreisen von der Absicht, die Steuerfreiheit des denaturirten Spiritus aufzuheben, nichts bekannt; eS gelte dort vielmehr eine derartige Maßregel als absolut ausgeschlossen.
Berlin, 1. September. Die „M. P. C."-wtll wissen, daß der Ministerpräsident Graf Eulenburg zu Ende voriger Woche seinen Urlaub nur zu dem Zweck unterbrochen hat, um sich mit dem Reichskanzler noch einmal über ein preußisches Vorgehen zur Verschärfung des Vereins- und Versammlungsrechts zu verständigen, nachdem der Kaiser seine Zustimmung dazu ausgesprochen habe.
Elbing, 1. September. Dem für den Besuch der Kaiserin in Elbing aufgestellten Programm zufolge wird dieselbe gleich nach Beendigung der Parade auf dem Neustädter Felde ihren Einzug in die Stadt halten, während der Kaiser noch eine Kritik auf dem Paradefelde abhält. Auf dem Friedrich-WtlhelmSplatz wird der Kaiserin von zwölf Ehrenjungfrauen ein Bouquet überreicht werden, worauf der Oberbürgermeister die Begrüßungsrede hält. Später will die Herrscherin sechs Damen ElbingS empfangen.
Ars-land.
Paris, 1. September. Präsident Casimir Perier wird der Truppenschau am 18. September nicht beiwohnen, sondern nur einem Angriffe auf die Befestigung von Chateaudun.
Paris, 1. September. Ein französisch-chinesisscher Zwischenfall wird von der tonkinesischenGrenze ge- meldet. Der Zollcontrolleur Chatllet in Monsai wurde in der Nacht vom 26. zum 27. August von Chinesen überfallen und ermordet, die Frau und die sechsjährige Tochter Chatllet» wurden von den Schurken fortgeschleppt. Die von einer französischen Truppenabtheilung ins Werk gesetzte Verfolgung der schuldigen Chinesen blieb leider erfolglos. Der französische Gesandte in Peking ist von seiner Regierung bereits ermächtigt Morden, Vorstellungen bei der chinesischen Regierung zu erheben und darf man wohl um so eher erwarten, daß das Pekinger auswärtige Amt den Genugthuungsforderuugen Frankreichs wegen der Affaire von Monsai ftattgiebt, - als den Chinesen eine etwaige neue Verwickelung mit Frankreich in Hinblick auf ihren Krieg mit Japan doch gewiß nicht erwünscht sein könnte.
— Ueber daS Befinden des Grafen von Paris besagt eine Depesche aus Buckingham (England) vom 31. August Folgendes: „In dem Zustande des Grafen von Paris ist keine Aenderung eingetreten. Derselbe ist fortdauernd bei klarem Bewußtsein. Heute wurden ihm in Anwesenheit der Familienmitglieder die Sterbesacramente gereicht."
Paris, 1. September. Nach dem „Echo" steht die Begnadigung und Haftentlassung des im Panamaprozeß ver- urtheilten ehemaligen Ministers Baihaut demnächst vor.
Loudon, 1. September. Mehrere Blätter melden, das von der Königin im Lande der Zulus für den Prinzen Lulu Napoleon errichtete Denkmal sei zerstört worden. Untersuchung sei eingeleitet.
London, 1. September. Nach einer Meldung der „Times" aus Shanghai wird durch eine Depesche auS Tientsin bestätigt, daß 14 japanische Kriegsschiffe mit 4000 Mann an Bord Port Arthur angegriffen haben. Die chinesische Flotte habe den Befehl erhalten, mit der japanischen Flotte den Kampf aufzunehmen.
Petersburg, 2. September. Die Angabe, daß die gegenwärtige Krankheit des Kaisers von Rußland in einem Nierenleiden bestehe, war von Petersburger Meldungen wiederholt als unrichttg bezeichnet worden. Jetzt aber besagt eine neuerliche Nachricht auS der russischen Hauptstadt, daß die Krankheit des Czaren, welche bislang im Wesentlichen als nervöse Abspannung bezeichnet worden sei, nach Aussagen des Profeffors Sacharjin doch ein Nierenstein- leiden sei. Ob dasselbe ungefährlich oder aber ernsterer Natur ist, darüber scheint sich Professor Sacharjin nicht weiter ausgelaffen zu haben. UebrigenS ist der Czar mit seiner Familie von Peterhos nach dem Walde von Ltelawosch abgereift.


