Ausgabe 
4.8.1894 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 180 Erstes Blatt.

Samstag den 4. August

1894

Amts- unb Airzeigeblatt für den Uveis (Sieben

Gratisöeikage: Gießener Kamitienötätter. |

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.

Neneste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Torrefpondmz-Bure«u.

Berlin, 2. August. Im Gefolge des Kaisers auf der Reise nach England wird sich von Künstlern u. a. auch der bekannte Landschafts- und Marinemaler Willy Hamacher auS Breslau, z. Zt. Hierselbst wohnhaft, befinden. Derselbe hat seine Studien hauptsächlich unter W. Schirm in Breslau gemacht und unter Leitung des Profefiors Hans Gude in Berlin vollendet. Durch seine Schöpfungen lenkte er bald die Aufmerksamkeit zahlreicher Kunstkenner auf sich, die Ver- anlafiung genommen haben dürften, ihn dem Kaiser zu em­pfehlen.

Berlin, 2. August. Ein Major vom General st ab, der am Dienstag Nachmittag vom Anhalter Bahnhofe nach einem süddeutschen Badeort reisen wollte, hat diese Absicht einstweilen verschieben müsien. Der Major führte einen Handkoffer mit sich, den er im Vertrauen auf die Sicherheit des belebten Bahnhofes außerhalb der Absperrungslinie au dem Bahnsteige niedersetzte, während er sich auf kurze Zeit entfernte. Bet der Rückkehr war der Koffer gestohlen. Der Verlust ist für den Major um so empfindlicher, als der

Deutsches Reich.

Darmstadt, 2. August. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin trafen, von Co­burg kommend, gestern Abend wieder in Jagdschloß Wolss- garten ein. Seine Königliche Hoheit der Großherzog fuhren heute früh 5 Uhr 30 Min. zur Bahnstation Groß- Gerau, um Ihre Großherzogliche Hoheit die Prinzessin Alix, Höchstwelche in Begleitung der Hofdame Fräulein v. Fabrice und Fräulein Schneider von England gekommen war, zu begrüßen und nach Jagdschloß Wolfsgarten ab- zuholen. Gleichzeitig trafen dort Seine Durchlaucht der Prinz und Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Ludwig vonBattenberg in Begleitung von Miß Robson ein und fuhren nach Begrüßung mit Seiner König!. Hoheit dem Groß­herzog über DarmstadtBickenbach nach Schloß Heiligenberg weiter.

Darmstadt, 2. August. Wegen des Ablebens Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des E rzh erzo gs Wil­helm von Oesterreich ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer vom 2. bis zum 9. August einschließlich angeordnet worden.

Berlin, 2. August. In der inneren Politik regiert die sommerliche Fertenstille und nirgends zeigt sich eine neue und wichtigere Frage. In den meisten Reichsämtern und Ministerien fehlen die Chefs, sie weilen zur Erholung von der anstrengenden politischen Thätigkeit längere Monate am Meeresstrande oder an irgend einem lauschigen Plätzchen im Gebirge. Nur der Reichskanzler Graf Caprivi selber mag sich noch immer keine Ruhepause gönnen, er weilt noch immer am Mittelpunkte der Geschäfte, um erst später, wahr­scheinlich im September, eine Cur in Karlsbad zu gebrauchen. Auch der Staatssecretär im Reichsschatzamte, Graf Posa- dowsky, ist noch immer strammbet der Stange", er soll sich eifrigst mit der Ausarbeitung neuer Finanz- und Steuer­vorlagen für die nächste Reichstagssession beschäftigen, wohl in der stillen Hoffnung, daß diesen Entwürfen ein besseres Schicksal beschteden sein werde, als ihren Vorgängern. Von den deutschen Einzelparlamenten tagt zur Zeit nur der Landtag des Herzogthums Gotha- in einer seiner jüngsten Sitzungen lehnte er nochmals die Regierungsforderung, betr Gewährung eines Staatszuschusses für das Hoftheater in Gotha ab.

Das in der Stadt Hannover erscheinende social­demokratische Blatt veröffentlicht mehrere geheime Er­lasse des Regierungspräsidenten Grafen Bismarck in Sachen der socialisttschen und welfischen Agitation. Die social­demokratische Partei hat doch vortreffliche Verbindungen!

Nach einem dem Südafrikanischen Handels- contor in Dresden zugegangenen Berichte seines General- Vertreters in Windhock sollen sich nicht allein im Süden, sondern auch im Norden des deutschen Schutzgebiets in Süd­westafrika die politischen und damit auch die wirthschaftlichen Verhältnisse von Woche zu Woche bessern. Dem Häuptling Witboi, der unser Gebiet nun schon so lange schwer beunruhigt hat, sind ganz erhebliche Verluste beigebracht worden, sodaß, wie verlautet, seine ehemals zahlreiche Gefolgschaft bis auf 60 Krieger zusammengeschmolzen ist. Inzwischen wird die 250 Mann betragende Verstärkung der Kaiserlichen Schutz­truppe in Swakopmund gelandet sein, nach deren Eintreffen im Hauptquartier sehr bald eine völlige Ordnung der Ver­hältnisse drüben zu erwarten ist.

Vierteljähriger Abouncmeatsprels: 2 Mart 20 Pfg. mit Bringcrlohn.

Durch die Post bezöget 2 Mark 50 Pfg.

Rcdaction, Expedition und Druckerei:

Schutstrahe Kr.7.

Fernsprecher 51.

Localer «nd provinzielle»

Sieben, den 3. August 1894.

** Ernennungen. Durch Entschließung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 28. Juli wurden die Lehramtsaccessisten Karl Vogt zu Gernsheim, Jakob Sieben zu Groß Gerau, Philipp Bitsch zu Darm­stadt, Anton Schlamp zu Gießen, Karl Bader daselbst, Heinrich Lucius zu Alsfeld, Hermann Oswald zu Lau­bach, Ernst Hen sing zu Mainz, Wilhelm Schottler da­selbst und Franz Bock zu Dieburg zu LehramtSassefforen ernannt.

* * Uuglückssall. Gestern Nachmittag gerieth auf dem Bahnhofe zu Sich der Bremser Hch. Lehr mund von hier beim Ankoppeln zwischen die Puffer und wurde derart verletzt, daß er heute Nacht infolge der erhaltenen Verletzungen in seiner Wohnung gestorben ist.

* * Feuer. In einer Scheune am Riegelpfad entstand gestern Nachmittag Feuer, welches aber gleich im Entstehen bemerkt und gelöscht werden konnte. Man vermuthet, daß Kinder, die in der Scheune spielten, den Brand verursachten.

* * Warnung. Es ist gelegentlich der Omnibusfahrten die Beobachtung gemacht worden, daß Fahrgäste statt 10 Pf. nur 2 Pf. in den Einwurfkasten legten. Es ist diese Handlungs­weise ein vollendeter Betrug und sollen diese Zeilen dem Publikum zur Warnung dienen.

* * Versuchter Fleischschmuggel. Vorgestern war im hre- sigen Schlachthause ein an Ruhr erkranktes Kalb vom Fletsch­beschauer zurllckgewiesen worden. Der betr. Händler ver­brachte es alsbald nach Wteseck, wo es anstandslos geschlachtet und vom Fleischbeschauer für gesund erklärt worden war. Das Fleisch dieses Kalbes hätten die Gießener alsbald ge­bracht bekommen und für gesund verzehrt, wenn nicht die hiesige Polizei rechtzeitig die Sache vereitelt hätte.

* Bei der jüngst stattgefundenen Vorstandswahl der Israelitischen Religiousgemeiude hier, wurden an Stelle des Herrn A. Marcus Herr Bankier I. Grünewald zum ersten Vorsitzenden und an dessen Stelle Herr Kaufmann S. Rosenbaum in den Vorstand gewählt. Wie wir weiter hören, beabsichtigt diese Gemeinde eine eigene Synagoge erbauen zu lassen.

* * Ernannt wurden am 21. Juli zu Gefangenwärtern: Jakob Welker am Haftlocal in Alsfeld, Christian Leh- ning am Haftlocal in Büdingen, Peter Pfaff am Haft-

Koffer, einer Localcorrespondenz zufolge, außer anderen Gegen- ständen militärischePläne barg, die der Offizier während seines Urlaubs vervollständigen wollte. Obgleich der Major den Verlust sofort der Polizei anzeigte und 100 Mark Be- lohnung für die Herbeischaffung des Koffers aussetzte, blieben Dieb und Koffer unentdeckt.

Berlin, 2. August. Wie derReichsanzeiger" berichtet, yat einer amtlichen Meldung zufolge die japanische Re­gierung den Vertretern der Mächte in Tokio mirgetheilt, daß sie sich, obwohl eine formelle Kriegserklärung nicht erfolgt sei, mit China als im Kriegszustände befindlich be­trachte. Die chinesische Regierung ihrerseits informirte die auswärtigen Vertreter in Peking, daß, nachdem Japan die Feindseligkeiten eröffnet habe, China sich zur Vertheidigung gezwungen sehe.

Nom, 2. August. DieAgenzia Stefani" bezeichnet die Meldung in Betreff Aufhebung des Belagerungs­zustandes in Sicilien sür verfrüht. DerRi- forma" zufolge sind in Garess io bet Coni während des ExercirenS ein Corporal und ein Soldat durch Flinten­schüsse verwundet worden. In Maconna in Sar­dinien wurde ein Artilleriepferd durch einen Schuß ver­wundet. In beiden Fällen ist eine strenge Untersuchung ein« geleitet worden.

Toulon, 2. August. In der Werkstätte des Arsenals wurde in der letzten Nacht unter einem Hausen Körben eine brennende Schwefelschnur entdeckt. Der Thäter ist noch nicht ermittelt.

Yokohama, 2. August. Der chinesische Gesandte in Tokio verlangte seine Pässe. Er reift am Freitag ab.

Depeschen des BureauHerold*.

Berlin, 2. August. Nach Schluß der gegenwärtig in Berlin tagenden Choleraconferenz reift der Ober­präsident von Westpreußen, v. Goßler, nach Wilhelmshaven, um dem Kaiser Vortrag über den Stand der Cholera in Westpreußen und im Weichselgebiet zu halten. Der Vortrag hängt mit der demnächst zu treffenden Entscheidung des Kaisers über den etwaigen Ausfall der großen Herbstmanöver zusammen.

Berlin, 2. August. DerReichsanzeiger" weist wieder­holt die Behauptung einiger Blätter zurück, daß zu den Schießversuchen der Jnfanterie-Schießschule zu Spandau im Januar bis März d. I. 80 Leichen verwendet worden seien. DerReichsanzeiger" erklärt nochmals, daß nur mit Leinwand umhüllte Präparate des anatomischen Instituts zu diesen Versuchen gebraucht wurden.

Graz, 2. August. Der gestern hier eröffnete Eisen­bahntag ist von zahlreichen Vertretern Deutschlands und Oesterreichs besucht. Das projectirte Festbanket wurde wegen des Todes des Erzherzogs Wilhelm abgesagt.

Budapest, 2. August. Hier findet morgen ein M onstre- meeting von Arbeitslosen statt.

Budapest, 2. August. DieMagyar. Allam" bringt einen offenbar gegen den Fürstprimas Vaszary gerichteten außerordentlich heftigen Artikel, in welchem denjenigen Bischöfen, welche sich dem Kampf gegen das Civtlehegesetz' nicht an­schließen, angedroht wird, man werde die katholische Kirche von solchen ungetreuen Verwaltern durch eine canonische Untersuchung säubern und den Papst bitten, einen apostolischen Legaten nach Ungarn zu entsenden.

Paris, 2. August. Gestern Abend wurde auf den Boulevards Seitens des Publikums überall die Ausgabe des Jntransig ean t" verlangt, welcher einen Leitartikel über das neue Preßgesetz enthielt, der statt in gewöhnlichen Lettern in Taubstummenschrift gedruckt war. Der Artikel, zu dessen Entzifferung am Schluß des Blattes ein Schlüssel beigegeben war, begann mit den Worten:Republikaner! Hier ist die Guillotine und im Elysee wird heute Abend getanzt!"

Lyon, 2. August. Hier cursirte gestern Abend das Gerücht, mehrere mit Revolvern bewaffnete Anar­chisten hätten den Wagen angegriffen, der die Gefangenen aus dem Justizpalais nach dem Gefängniß zurückbringt, in der Annahme, daß sich Caserio im Wagen befinde. Dies war aber nicht der Fall. Bestimmte Angaben fehlen noch.

Lyon, 2. August. Eine große Menge Volk und eine doppelte Postenkette umgeben den Justizpalast. Im Verhör hält Caserio feine trotzige Haltung bei und gesteht Alles unumwunden ein. Auf die Frage des Präsidenten, aus welchen Gründen er den Präsidenten Carnot ermordet habe, antwortete Caserio, er werde darüber Einzelheiten in der Erklärung abgeben, die er vor den Geschworenen verlese. Ueber seine Beziehungen zu den Anarchisten verweigerte Caserio jede Antwort. Bezüglich der Rathschläge seiner

Alle Annoncen-Burcaux des In» und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Der Htetzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener Aamitienblätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

Mutter, die er nicht befolge, sagte er begeistert, es gibt eine größere Familie als Vater und Mutter, nämlich die Familie der Menschheit. Auf die Frage des Präsidenten, warum er nichts über die Mitschuldigen mittheilen wollte, sagte er: Die Polizei erfüllt dieses Handwerk." Sodann gibt Caserio eine eingehende Beschreibung des Wagen Carnots, dessen Insassen und die Ausführung des Verbrechens. Auf die weitere Frage des Präsidenten, ob er nicht den Urheber einer Correspondenz kenne, die Frau Carnot zwei Tage nach der Ermordung ihres Gemahls zugegangen und aus einer Photo­graphie Emil Henrys bestand, worauf die Worte standen: Habe ich ihn nicht gut gerächt?" Caserio antwortete: ich kenne ihn nicht, aber er hat gut gethan. Caserio bestritt energisch die Annahme, er sei irrsinnig und behauptete, et habe nicht wie ein Narr, sondern allein für sein anarchistisches Ideal gehandelt.

London, 2. August. DieTimes" meldet lange Emzel- heilen über die Jngrundbohrung des Transport­schiffesKowshung" durch den japanischen Dampfer Naniva". Danach hat der japanische Capitän zuerst die Papiere desKowshung" geprüft. Der Capitän desKowshung bemerkte, daß er unter englischer Flagge segle, daß der Krieg nicht erklärt sei, und ersuchte die Japaner, die englische Flagge zu respectiren. Kurz nachher erfolgte die Jngrundbohrung desKowshung".

London, 2. August. Der ehemalige Unterstaatssecretar für Indien, Curzon, erklärte, nach seiner Kenntniß der Verhältnisse könne China im Kriege mit Japan nicht gewinnen, sondern werde unausbleiblich eine Niederlage erleiden. Curzon ist der Ansicht, der Krieg werde nicht von langer Dauer sein.

Brüssel, 2. August. Ein hiesiges Blatt meldet, die Polizei habe hier etwa sechs deutsche und holländische Juden, welche heimliche Spiethäuser hielten, über die Grenze geschafft.

Chicago, 2. August. Der Strikeführer D e b b s erklärte, an keinem ferneren Strike mehr theilnehmen zu wollen. Den Arbeitern verbleibe kein anderes Mittel zur Verbefferung ihrer Lage als der Stimmzettel.