Ausgabe 
4.7.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 153

Mittwoch den 4. Juli

1894

Der

Gießener Anzeiger .rschcint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

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Amtlichem Theil.

Gießen, den 2. Juli 1894.

Betr.: Die Vorschriften des Arbeiterschutz-Gesetzes vom 1. Juni 1891 über die Arbeitsbücher und Beschäf­tigung jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Nach e. II Abs. 2 der Ihnen zugegangenen gedruckten Anweisung vom 26. März 1892 ist von der Ortspolizei­behörde in jeder gewerblichen Anlage, welche den Be­stimmungen der 135 bis 139b der Gewerbeordnung vom 1. Juni 1891 unterliegt und in welchen Arbeiterinnen oder jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, jährlich mindestens eine ordentliche Revision vorzunehmen.

Hierbei sind folgende Punkte festzustellen:

1) Wie groß ist die Zahl der in der revidirten Anlage zur Zeit beschäftigten Arbeiter

a. zwischen 16 und 21 Jahren,

b. zwischen 14 und 16 Jahren, c. unter 14 Jahren?

In allen Rubriken a., b. und c. sind diese Zahlen ge­trennt nach Geschlechtern feftzustellen. Außerdem ist, soweit dies thunlich, die Zahl der Arbeiterinnen über 21 Jahre zu ermitteln.

2) Sind sämmtliche minderjährige Arbeiter (mit Aus­nahme der unter A III Abs. 3 der Anweisung bezeichneten) mit vorschriftsmäßig ausgefüllten Arbeitsbüchern versehen?

3) Ist in den Arbeitsräumen, in denen Arbeiterinnen über 16 Jahre beschäftigt werden, der Auszug aus den gesetz­lichen Bestimmungen ausgehängt?

4) Stimmt die regelmäßige tägliche Arbeitszeit an den Vorabenden der Sonn- und Festtage und die Mittagspause der Arbeiterinnen über 16 Jahren mit den gesetzlichen Vor­schriften (§ 137 Abs. 14 der Gew.-Ord.) und mit der der Ortspolizetbehörde erstatteten Anzeige überein?

5) Wird denjenigen Arbeiterinnen über 16 Jahren, welche ein Hauswesen zu besorgen haben, auf ihren Antrag eine l»/zftündige Mittagspause gewährt?

6) Werden nicht Arbeiterinnen entgegen der Vorschrift des § 137 Abs. 5 der Gewerbeordnung während der ersten vier Wochen nach ihrer Niederkunft beschäftigt oder ist, sofern eine Beschäftigung während der folgenden zwei Wochen statt­findet, das Zeugniß eines approbirten Arztes, welches diese Beschäftigung für zulässig erklärt, beigebracht worden?

7) Sind in den Arbeitsräumen, in denen jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, der Auszug aus den gesetzlichen Bestimmungen und das Verzeichniß der jugendlichen Arbeiter ausgehängt?

8) Stimmen die Angaben dieses Verzeichniffes über Arbeitszeit und Pausen mit den der Ortspolizeibehörde ge­machten Anzeige überein?

9) Stimmen die in die Verzeichnisie eingetragenen jugend­lichen Arbeiter mit dem Befunde und mit den vom Arbeit­geber verwahrten Arbeitsbüchern überein?

10) Stimmen Arbeitszeit und Pausen der jugendlichen Arbeiter mit den gesetzlichen Vorschriften und den auf den Verzeichnissen eingetragenen Angaben überein?

Indem wir Sie an die Vornahme dieser Revision hier- mit erinnern, wollen wir Ihrer berichtlichen Vorlage, unter genauer Berücksichtigung der vorerwähnten Punkte, bis zum 1. August d. I. spätestens entgegensehen.

v. Gagern.

Gießen, den 3. Juli 1894.

Betr.: Die land- und forstwirthschaftliche Berufsgenossenschaft im Großherzogthum Hessen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die Grotzst. Bürgermeisterei«« M «reife-.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 2. Mai 1894 Anzeiger Nr. 117 noch nicht entsprochen haben, erinnern wir an Erledigung derselben binnen 3 Tagen.

v. Gagern.

Bekauntmachnng.

Betreffend: Feldbereinignng in der Gemarkung Staufenberg; hier den allgemeinen Meliorationsplan.

In der Zeit vom 26. Juni bis einschließlich

10. Juli d. Js. liegen auf dem Bürgermeisterei-Bureau zu Staufenberg die Arbeiten der rubricirten Feldbereinigung nämlich:

1) der allgemeine Meliorationsplan,

2) der Erläuterungsbericht,

3) das Protocoll über die Prüfung des allgemeinen Meliorationsplans

zur Einsicht der Betheiligten offen.

Termin zur Entgegennahme von Einwendungen gegen diese Arbeiten habe ich auf

Mittwoch, den 11. Juli d. I., Nachmittags von 4 bis 5 Uhr"

in das Gemeindehaus zu Staufenberg anberaumt. Die in diesem Termin nicht erscheinenden sind mit Einwendungen ausgeschlossen.

Gießen, den 21. Juni 1894.

Der Vollzugs - Commissär:

Dr. Wallau, Gr. Kreisamtmann.

Bekanntmachung.

Es kommen im Juli zur Erhebung:

1. Directe Steuern,

2. Brandversicherungs-Beiträge,

3. Forst- und Feldstrafen der II. Periode.

Gießen, am 28. Juni 1894.

Großh. Districtseinnehmerei I. Platz.

Bekanntmachung.

Mehrfach gemachte Wahrnehmungen veranlassen uns, daran zu erinnern, daß die unterm 19. Mai d. I. unserer­seits angeordnete Sperre der Entnahme von Wasser aus der Quellwasserleitung für besonders bezeichnete

Feuilleton.

In letzter Stunde.

Erzählung von C. v. Falkenberg.

(4. Fortsetzung.)

Die Liebe hatte aber auch in Ilses Herzen eine Wand­lung hervorgebracht, denn sie liebte Bruno, und seit diesem Tage aber ging mit Ilse eine Wandlung vor-' eines Tages trat sie zum Oheim hin und sagte:Erlaubst Du, daß ich von jetzt an Deine Küche führe?"

Der Klofterhofbauer war noch unvermählt und so war eS ihm recht. Zum Erstaunen Aller kleidete sich Ilse von da an höchst einfach und beschäftigte sich Tag für Tag mit dem Haushalt. Frau Eva sah ihre Tochter öfter fragend an, aber Ilse blieb verschlossen. Sie war es ja gewöhnt, ihre eigenen Wege zu gehen und so blieb der Mutter der Tochter innere Wandlung ein Geheimniß.

Bon jener Zeit an fuhr man öfter nach Weilenstein und nun fand der junge Arzt auch Gelegenheit, mit Ilse zu sprechen. Das junge Mädchen sagte ihm gerade heraus: Bruno, rede mir nicht von Liebe, ich bin Deiner nicht würdig- zuerst laß mich eine Andere werden, bann suche die Eltern miteinander auszusöhnen und dann dann will ich die Deinige sein."

Gut," entgegnete der junge Arzt darauf,ich nehme eS für ein Versprechen, Ilse. Und was die Eltern betrifft, so soll es mein heißestes Bemühen sein, in dem alten Haß Wandel zu schaffen, obschon das schwer halten wird."

In der Thalmühle war es friedlich wie sonst - doch ging Christoph Steffens sorgenvoll umher, denn mit seinem Bruder Jacob stand es zum Schlimmsten.

Da trat eines Abends spät ein ganz unerwarteter Gast in die Mühle ein: der alte Velten. Weinend reichte er dem Sohne die Hand, der ihn freudig erregt zum Lehnstuhl führte. Und nun erleichterte der Alte sein Herz, indem er erzählte, wie sogar er und Frau Lene Noth litten, da dasAlten- theil" schon lange nicht mehr gezahlt werde.

Also so schlimm geht es bei Euch zu?" fragte da Christoph traurig.Armer Vater! Arme Mutter! Armer Jacob!"

Den bedauere nur nicht!" rief Vater Velten aus.Er ist an allem Schuld - jetzt sehe ich es ein."

Christoph schwieg eine Weile, dann versicherte er:Ich will ihm helfen, aber er muß erst ganz mürbe sein - daß Ihr keine Noth leidet, dafür soll schon gesorgt sein."

Jetzt kamen auch der alte Cantor Zimmermann, der Herr Pastor und Herr Ahlers dazu und der alte Velten konnte sich nun davon überzeugen, daß unter dem Schirm des Höchsten besser ruhen ist als unter weltlichem Sorgen und Trachten. So hatte er sich das Leben gottesfürchtiger Männer nicht gedacht und lebhaft erinnerte .sich habet her alte Bauer des Gespräches mit Herrn Pastor Klaus, als er Frau Lene In sein Haus führte, und jetzt schämte er sich seiner damaligen Rede. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: er selbst war nicht ohne Schuld an dem Unglück, welches dem Erlenhofe drohte. Aber der Herr Pastor erinnerte nicht daran, denn kein Wort, kein Blick erinnerte daran, und Velten befand sich so wohl wie noch nie. Bald folgte ihm Frau Lene in die Mühle, bann fanb sich auch Philipp ein und alle waren froher unb glücklicher als sie je gewesen.

Das blieb bem Jacob nun nicht verborgen, benn Philipp war zu ehrlich, er geftanb dem Vater auf seine Frage alles. Wiber Erwarten sagte berselbe kein herbes Wort- er erkun- btgte sich vielmehr teilnahmsvoll nach allen Gewohnheiten bes Brubers unb ging bann stille seiner Wege. Was er aber plante, sollte bald (unb werben.

Weit war es mit Jacob gekommen, denn schon war her Concurs unabwendbar - dazu hatte Veilchen ihn abermals in der Hand.

EineS Morgens fand sich der Wucherer wieder im Erlen« Hofe ein, um sein Geschäft zu machen. Er steckte zufrieden seine Wechsel ein unb meinte Abschied nehmend:Sie müssens machen wie Ihr Herr Bruder, Herr Steffens - sehen Sie, zehntausend Mark bring ich ihm heut- es ist rein ge­wonnen Geld aus her Lotterie."

Die Sache hatte ihre Richtigkeit, benn Frau Dörte hatte bem Veilchen wirklich ein Lotterieloos abgekauft, weil sie ihn nicht anders los werben konnte, unb bieses Loos hatte gewonnen.

Es war zwei Tage vor Pfingsten. Sehr eingehenb ! erfunbigte sich Jacob bei Philipp, was man in der Mühle i zum Feste beabsichtige.

Sie verreisen alle bis auf die Magb," meinte Philipp zum Vater.Darf ich auch mit nach Wellenstein?"

Meinetwegen." Und zur Seite tretend, brummte er: Dem Christoph gibts Gott im Schlafe, während ich elend zu Grunde gehe. Wenn ich das Sündeügeld, welches sie ge­wonnen, aber nehme, bann bin ich gerettet."

Jacob raffte heimlich alles Werthvolle zusammen und am Pfingftabenb gegen 11 Uhr huschte er, im Gesicht mit Kohle geschwärzt, eine Blendlaterne in her Tasche, ein Brech­eisen in der Hand, durch den Garten zur Mühle hinab. Sie lag dunkel da, keinen Laut hörte man. Er kannte das Ge­bäude von früher her wie seine Tasche. Durch das Rad kroch er, wie oft zur Knabenzeit, in das Innere und schlich gleich den sogenannten Thurm hinauf, wo sein Bruder die Gelbtruhe verwahrte. Leise öffnete er die Thüre, in welcher der Schlüssel steckte, zog die Laterne hervor unb leuchtete umher. Aha, hort stanb bie Truhe . . Er hob sie klopfenden Herzens auf- es flirrte drin. Er lächelte, die Sache ging ja gut. Jetzt setzte er das Brecheisen ein, ein kräftiger Ruck unb her Deckel ächzte. Er brach ihn behende auf und vor ihm lag Gold, Silber unb Papiergeld. Gierig griff er zu, da knarrte die Thür unb vor ihm stanb sein Bruber Christoph mit einer Nachtlampe- hinter ihm aber fletschte der große Hofhund Sultan bie Zähne.

Jacob, Jacob Du?" fragte der Müller angstvoll. So weit also ist es mit Dir gekommen, daß Du zum Ein­brecher unb Dieb herabgesunken bist?"

Jacob machte eine Geberde, als wolle er sich auf den Redner werfen, aber Christoph sagte:

Wage das nicht, der Hund würde Dich zerreißen. Setze Dich dort in den Stuhl unb höre, was ich Dir zu sagen habe."

Jacob Steffens biß bie Zähne zusammen unb that, wie ihm befohlen war. Christoph aber setzte sich ihm gegenüber und begann leise:

Jacob, gehe endlich in Dich! Sieh, wir sind hier ganz allein Sultan verräth nichts, kein Mensch wird er­fahren, was hier vorgegangen sieh, ich reiche Dir die Hand zur Versöhnung und Hilfe in der Noth."

(Schluß folgt.)