1894
Nr. 29 Zweites Blatt. Sonntag den 4. Februar
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wir einmal da« GraS der „Wlnkelgärten", über die fle, ganz mit Grund, ihr pfui 1 auSsprtchl: liegt das Abstoßende und Trostlose solcher Gärten — ihre gegebenen Verhältnisse sind oft nicht so schlimm als es aus den ersten Blick scheint — nicht häufig in ihrer ganz und
möglichst vermieden werden.
v. Gag ern.
Unser Garten im Februar.
Der Hartmond, der grimme Geselle, regierte mehr mit plötzlicher Wucht als Ausdauer. Seine krystallenen Brücken, die er über die deutschen Ströme und Flüsse, über die vor Kälte wie Urmeere rauchende» Landseeen geschlagen, find wohl meist wieder gesprengt. Wo fie aber noch in der wiedererwachenden Sonne jfllmmern sollten, da ist Freund Hornung nun zur Stelle, die langgezogenen klagenden Warnungslaute von den Eisflächen herein zu den Ufern erwachen zu lassen. die Vorboten des endgültigen Berstens — des Brechens der Gewalt des Winters. Und hoch oben in den Lüften über unferm Garten klingts, wie in Posaunentönen, die eine kommende mildere Zeit verkünden wollen. Die hungernden Krähen hören es, mit Freudengeschret fchwingen ste sich in Schaaren auf und begegnen verfrühten Wandervögeln, die vor den ersten, wieder bläulich schimmernden Wolkengebtlden frohmuthtg erneut gen Norden ziehen.
Freilich, winterlich tsts noch draußen: in so vielen Landstrichen ist noch die weiße, diesmal ost leider nur spärlich bescheert gebliebene D-cke gebreitet und die Gartenstaketen da und dort haben noch ihre lustigen weißen Mützchen auf. Beim Nachbarn drüben sinds Erstlings-Zipfelmützen, denn fein Zaun ist ganz neu: er hat sich in unsere letzte Plauderei zu sehr verlieft, will sich nun zur stillen Freude Mutterns und zum Jubel von Fritz und Hannchen ein trauliches Gärtchen auf den Oedplatz anlegen. Schon sieht man die Form der Wege durch blitzblanke Rofenstäbe, die er sich zu künftigen Blüihen- tagen selbst gefertigt, angedeutet; Rigolgräben sind gezogen, prächtige schwarze Gartenerde aus Pastors Baugrube im uralten Pfarrgarten ist angefahren, und nur der neue Schneefall hat nun die Arbeiten vorläufig gestört. Aber solche kleine Störungen sind oft nicht vom Uebel: der Gartenfreund studiert nochmal die drei ober vier Pläne, die er sich um ein Geringes hat kommen lassen und da fällt ihm immer etwas Neues noch Schöneres ein: „Mütterchen, ne, wie konnte ich auch fo eilfertig sein! Da muß eine kleine FelSanlage hin; am Fuß einen Kranz von himmelblauem Vergißmetnicht, die Du so gern hast, und oben drauf von den reizenden weißen Arabis; natürlich ein paar große leuchtende Genttanen dürfen mir auch nicht fehlen! Gieb acht,! da« macht sich prächtig von Deinem Bänkchen auS! Und zum Gärtner FrÜhanf geh ich noch heute, die Bäumchen anzufehen; muß noch eine weitere Aprikose zugeben — da ist noch Raum genug und ein Plätzchen, ein sonniges, wie gemacht dazu!
Aber auch nicht wenige gartenfreundltche Leser haben geschmollt: „Wozu uns wäfferigen Mund machen? Ach, wir haben ja nur den kleinen Winkel; von zwei ©eiten Häuser und drüben über den Hof die rauchige Schmiede. Ja, ja, es giebt ja wohl viele solche Winkel- gärtchen, aber pfui! wie fehen die auch aus! bann lieber gar keinen!" — So etwas schmollte Frau Eulalia Zweifel, unb im Grunbe hatte ste nicht unrecht. In einem unglücklichen Häusergewinkel, gar umgeben noch von hohen Miethskafernen und rauchenden Fabrikschloten,
empfohlen und sorgfältigste Ausstellung der U-berstchten er- | »«WM aa<TbtogS«W wartet , damit Rücksendungen behufs Ergänzung derselben “ll »«« «-«-.»« .Wintetgärtm^, üb.
gar verkehrten Anlage?
Auch der Februar bietet noch Zeit zu vorbereitenden und um= gestaltenden Arbeiten. Da ist ein Wörtchen über das Schäften, wenn auch bescheidener, so doch freudespendender Gärtchen in ungünstige» Lagen gewiß am Platz. Ja, ich glaube, einen kleinen Strahl von Freude, von recht warmer, an der Gottesnatur, von Freude über ihre Gaben, die sic auch in weniger glücklichen Gefilden ihren Kindern beut, tn solche, oft gar freudlosen Winkelplätze zu senden, ist fast wohlthuender, als auf die- leichte Kunst hinzuweisen, weite, üppige und sonnige Flächen tn Prunkparks umzuwandeln!
Betrachten wir doch einmal ein solches schwergeprüfte- mehr ober weniger eingeengtes Durchschnittsgärtchen. ES käumft mit Schwierigkeiten, die nur schwer oder fast gar nicht zu heben sind; »ft ist es kalter zu feuchter Boden, oft flachgehender, im Sommer durch die Gluth der Mauern förmlich aus gebackener Grund; fast immer der Mangel an frischer Luft und Sonnenlicht. Aber statt die Schwierigkeiten einigermaßen zu mlldern, werden fie von den Besitzern in der Regel nur noch vermehrt. Man steht da oft alte hohe L>bftbaume, freudlos und mager; kein Blüthenschnee überfchüttet im Lenz ihre melancholischen Zweige, keine Frucht lacht in der Herbstsonne von ihnen herab. Dabei stehen ste in beschränkten Raum viel zu dicht, wurden so gepflanzt, um durch ihr Grün die tobten Mauern zu beleben. Aus eben btefem wohlgemeinten Grunbe fristen ba mit Vorliebe elende bünne Hecken ein trübes Dasein; ihre arge Lücken sind mit allen möglichen Pfählen unb Latten verpflickt. Diese unglücklichen „lebenben" Zäune, die in freier fiaae vielleicht prächtig gewachfen wären unb anmuthig gewirkt hätten, scheinen hier nur Schlupfwinkel bes Schmutzes und ungestörte Brutstätten allen möglichen Garten- ungeziefers zu hüben. , ...
Die Erfahrung lehrt jeben Besitzer solcher Gärten, baß auch bei sorgfältiger Bestrllung bes noch bleibenben Raumes, auch in guten Jahren, in Folge ber Eingeschloftenheit feine Hoffnungen auf eine» selbst bescheidenen Ertrag unbesriedigt bleiben, unb bleiben mutten. Aber trotzdem kann man eS mitunter sehen, baß in solchem UnglückS- gehege noch eine eingekerkerte kleine Baumschule (!) ben Ertrag erhöhen soll l Was soll von Bäumen erwartet werben, bie vielleicht nach 16 trüben Lenzen enblich als spinbelige Krüppel Ihren Mutterboden zur Versetzung oerlaffen ! ? Also vor Allem: weg mit hochstämmigen Bäumen aus solchen Gärten! Wer von Gemüsebau und von der Blumenzucht in solchem Hausgarten auch nur einige Befriedigmrerleben will, muß bas Wenige an Licht unb Luft feinen Gewächsen zum minbeften ungeschmälert gönnen. Außer ben EinfaffungS- hecken, die ausgerodet unb durch leichten, lichten unb gefälligen Zau» von Holz ober Metall (eoent. starke« Drahtnetz) zu ersetzen wären, müffen auch bk beliebten verwilderten Büsche unb Katzenhecken vv» Stachel- unb Johannisbeeren fallen. Diefe, im Komplex, ber tau* saures Zeug erträgt, nehmen bem Erbreich bas Letzte an Licht und Luft. Diese so außerordenllich bantbaren Beerensträucher foHen beßhalb burchaus nicht ganz verbannt bleiben, aber undeblngt in Ä»5 ständen, reich im Gezweige gelichtet, uub gut gepflegt, stehen. Wo selbst diese Anspruchslvsm bei Pflege nicht mehr reich tragen wollen, da ist es überhaupt bester, auf eine eigentliche Nutzgartenanlage z»
Gießen, den 1. Februar 1894.
Betr.: Die Jahresübersichten und Rechnungsabschlüsse der Krankenkasten; hier für das Jahr 1893.
DaS Grotzherzogtiche Kreisamt Gietzeu au die Großh. Bürgermeistereien, die Verwaltungen der Gemeindekrankenverficherungen, die Vorstände der eingeschriebenen Hülsskasseu und der Betriebs- (Fabrik) Krankenkasse der Main- Weser-Hütte zu Lollar.
Unter Hinweis auf die Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 23. December 1892 -r- abgedruckt in Nr. 34 des Großh. Regierungsblattes vom 30. December 1892) und mit Bezug auf die Verfügung vom 28. Januar 1893 — Anzeiger Nr. 28 — erinnern wir daran, daß bis zum 31. März I. I. die nach den
9 und 41 des Krankenversicherungsgesetzes bezw. nach §. 27 des Gesetzes über die eingeschriebenen Hülfskasten zu liefernden Nachweisungen (Jahresübersichten und Rechnungs- abfchlüste) eingereicht sein müssen.
Indem wir Ihnen empfehlen, hiernach die Ausarbeitung der fraglichen Nachweisungen baldthunlichst vorzunehmen, machen wir gleichzeitig auf Folgendes aufmerksam:
1. Die Nachweisungen sind in zweifacher Ausfertigung einzufenden und ist hierzu erstmalig das durch BundeSraths- beschluß vom 3. November 1892 vorgeschriebene neue Formular zu benutzen. Letzteres ist in der Schreibmaterialienhandlung von W. Klee dahier erhältlich.
2. die Zahl der zu Anfang 1893 vorhandenen Mitglieder muß gleich fein derjenigen, welche zu Ende des Jahres 1892 vorhanden war.
3. Der haare Kastebestand am 31. December 1893, wie solcher sich aus dem Rechnungsabschluß (Formular II.) ergiebt, muß im Vermögensausweis unter pos. A. 1 a in der gleichen Höhe erscheinen.
4. Die Rechnungen der Gemciudekrankenversiche- r««gen dürfen infolange nicht mit einem baaren Reste ab- schließen, als noch Vorschüsse an die Gemeindekasse zurückzu- erstatten sind; ein etwaiger Ueberschuß ist in diesem Falle zur Tilgung solchen Vorschusses an die Gemeindekasse abzuführen.
Im Uebrigen wird die Beachtung der am Fuße des Formulars für die Nachweisungen abgedruckten Anmerkungen
Feuilleton.
Lederknödeln.
Humoreste von Th. MüIler-Plattensteiner.
(Schluß.)
Wie im Fluge war sie Über den Schloßhof und an Lungelmann vorüber in die EScadronsküche gehuscht, wohin ihr derselbe eilig folgte.
„Ist auch wirklich Niemand außer Ihnen in der Kaserne, Herr Lungelmann?" fragte sie, von der Anstrengung deS Laufens tief athmend, und als dieser entgegnet hatte „Gewiß net," begann sie sich in der Küche etwas umzusehen, wobei fie ein mitleidiges Lächeln über die Einfachheit der Einrichtung nicht zu unterdrücken vermochte, und sagte: „Dann will ich Ihnen rasch die Leberknödeln machen!"
Lungelmann fiel eine Centn erlast vom Herzen, — ba war die Rettung wie vom Himmel gefallen.
„So," befahl Anna, die schon über dem Abhäuten der Leber war, „nun machen Sie hier im Herde rasch Feuer und' setzen dann diesen Kessel, ja, bas ist schon der rechte, nachdem Sie ihn mit Wasser gefüllt haben, tn diesen Ring, schließlich kommt dann das gereinigte Fleisch und dieses Grünzeug hinein, dann lassen Sie ruhig kochen und unterhalten nur das Feuer."
Das Bereiten des Knödelteiches ging der gewiegten Köckin von der Hand, daß es eine Lust war, ihr zuzusehen. Nun gönnte sie sich eine Pause und als fie die aufrichtig bewundernde Blicke Lungelmanns sah, wurde sie roth und meinte: „Nicht wahr, das ist ganz einfach, Herr Lungelmann ?"
„Fräulein Anna," entgegnete dieser, der die tiefste Dank- barfeit im Herzen fühlte, mit aufrichtigster Bewunderung, „Ihnen schaut man nur gerne zu."
„Gott fei Dank, er spricht," dachte sie, „und für ben Anfang gar nicht so Übel!" und schmiedete ihr Eisen Weiter:
„O, Herr Lungelmann, das ist gar nichts; ich will mich nicht loben, aber ich kann schon sagen, ich koche sehr gut . . . sehen Sie, das Kochen ist Dasjenige, was einem Haushalte erst ben richtigen Halt gibt, . . . denken Sie sich einmal, Sie . . . Sie (Anna that verwirrt) würden sich, wenn Sie . . . wenn Sie einmal verheirathet find, an den Tisch setzen und sollten ungenießbares Zeug essen ... Sie würden verstimmt werden, nicht wahr?"
Lungelmann machte ein entsprechendes Gesicht und Anna fuhr fort: „Sagen Sie, Herr Lungelmann, haben Sie Ihre . . . Zukünftige überhaupt schon gewählt?"
„Ich?" entgegnete er der Wahrheit gemäß, „ich hab kein Schatz — mich möcht ja so Keine!"
Anna jubelte innerlich und flüsterte: „SD, ich wüßte Jemand, der . . . dem Sie sehr . . . sehr gut gefallen, . . . können Sie sich nicht denken, wer das sein kann . . . nicht?"
Lungelmann, welcher erstaunt vom Herdfeuer aufsah, wo er gerade nachgelegt hatte und den honigsüßen Blick auffing, den Anna ihm zuwarf, begriff allmältg, aber eS kam bas so plötzlich über ihn, daß er nichts anders zu thun vermochte, als vor übermäßigem Erstaunen den Mund so weit aufzumachen, als es eben ging.
„Ja, und fie käme auch nicht mit leeren Händen, o nein; Mark zu Mark hat sie gelegt, und nun habe ich dreitausend . . . a—ach — was werden Sie von mir denken — ich habe mich verrathen ... mir wird schwarz vor den Angen . . . so halten Sie mich doch!"
Aennchen wäre gefallen, wenn Lungelmann nicht rasch hinzugesprungen wäre und sie aufgefangen hätte. Erft nach einer Weile öffnete sie die Augen wieder, ihre Blicke begegneten sich und — wie es gegangen, wollte später keines von ihnen wissen, — plötzlich knallte ein Riesenschmatz durch die Küche. Lungelmann, der es bis jetzt nur gewagt hatte, mit dem größten Respect zur Bezirksamtsköchin emporzusehen, fühlte sich durch deren Liebe außerordentlich gehoben, überdies hatte er auch Geschmack an ber Sache gefwnben und so knallte bald noch ein zweiter Kuß dem ersten nach, dann aber
entwandt sich Anna seinen Armen, ertheilte, da liebende Eltern nicht zur Stelle, sich und Lungelmann selbst den Segen. Das Ziel war erreicht, Anna wandte sich nun wieder dem Knödelteige zu.
„Hundertundvier," meinte fie lachend, „da heißt fich S sputen, groß sollen sie auch werden, da muß ich sie schon mit den Händen drehen."
Eine Biertelftunde später nahmen sie Abschied. Anna band ihrem Erwählten noch die große weiße Schürze um, welche sie mltgebradjt, steckte ihm die Cotelette zu und schlüpfte nach einem letzten Kusse ebenso rasch wie sie gekommen war zurück ins Bezirksamt — der Gott der Liebe hatte fie beschützt, Niemand hatte fie gesehen.
Als die Schwadron eingerückt war, eilte der Menage- Unteroffizier aufs Aeußerste besorgt nach der Küche, athmete aber freudig erleichtert auf, als er alles in solch musterhafter Ordnung vorsand. Auch der Rittmeister, dem die Koch- angelegenheit doch nicht recht Ruhe lassen mochte, kam, nm selbst nachzusehen und versuchte sogar von den Knödeln. Lungelmann erntete das erste Lob aus seinem Munde, die Knödeln waren vorzüglich.
„Ja, ja," meinte er zum Premierlieutenant Mander, der du jour hatte und beßhalb in seiner Begleitung war, „seh'n Sie, von so einem alten Praktikus von Wachtmeister kann man hier und ba immer noch waS lernen!"
Der Premier aber, welcher mit einem sehr scharfen Combinationsvermögen ausgestattet war, murmelte beim Ber- lassen der Küche in den Bart: „Mich soll Dieser oder Jever holen, wenn da kein Frauenzimmer dahinter steckt, der Kerl hat ’nen Weiberschurz an!"--
Lungelmann diente sein Jahr gut ab — er durste sogar wegen fortgesetzt guter Führung die letzten Manöver in Reih und Glied mitmachen — bann heirathete er seine Ann» unb kaufte eine kleine Wirtschaft, welche er, in dankbarer Erinnerung an das Ereigniß, welches fie beide zusammen- führte, „Zum Leberknödel" nannte.


