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Donnerstag den 4. Januar

1894

Nr. 2

Eichener A »zeig er

Generat-Wnzeiger.

Zimts- und Anzeigeblatt für den Tireis Gietzen

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Ar.7.

Fernsprecher 51.

Vierteljähriger Abonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener

AamikieuStäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Hitßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Iamitienölätter

Alle Annonccn-Burcaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlichem Theil.

Gießen, am 29. December 1893.

Betr.: Erlaß einer Polizeiverordnung für den Kreis Gießen, betr. den Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gietzeu an die Großh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Wie wir Ihnen bereits in unserem Ausschreiben vom 13. d. M. (Anzeiger Nr. 296) mitgetheilt haben, ist von Ihnen über die in Gemäßheit des § 7 der baselbst abge­druckten Polizeiverordnung rubr. Betreffs an die Fahrrad« besitzer ertheilten Nummern ein Register zu führen, in welches zu den betr. Nummern der Name, Stand und Wohn­ort des Besitzers des Fahrrads einzutragen ist.

Die Lieferung der Nummern, deren Farbe bei den Fahrrädern, deren Besitzer in einer der Landgemeinden wohnen, schwarz auf weißer Platte ist, haben wir dem Herrn Wil­helm Hamel, Bleichftraste 7 dahier übertragen und wird derselbe die nach Ihrem Bericht für Ihre Gemeinden erforderlichen Nummern direct an Sie abgehen lassen. Bei der Abgabe der Nummer an die Fahrradbesitzer werden Sie zugleich die Herstellungskosten im Betrag von 1 JL 25 pro Stück von dem Betreffenden erheben und an den Liefe­ranten W. Hamel portofrei einsenden.

Das durch die Sendung entstehende Porto ist auf die Fahrradbesitzer auszuschlagen und von denselben bei der Ab­gabe der Nummer ebenfalls zu erheben.

Bei weiterem Bedarf von Nummern wollen Sie sich unter genauer Angabe der erforderlichen Zahl jedesmal au uns wen­den, worauf wir die Lieferung durch den vorgeuauuten Wilh. Hamel bewirken.

Die Namen der Fahrradbesitzer mit Angabe der den­selben ertheilten Nummern wollen Sie berichtlich anzeigen.

Gleichzeitig weisen wir Sie an, jede in Ihrem Register eintretende Aenderung sofort, sowie außerdem halbjährlich, das erstemal am 1. Juli k. I., die inzwischen stattge- sundenen und in Ihrem Register gewahrten Ab- und Zugänge von Fahrradbesitzern mit den zugehörigen Nummern uns mit- zutheilen.'

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Januar. Der große Neujahrsempfang am Berliner Hofe hat sich auch diesmal in den her­kömmlichen Formen und unter der üblichen Glanzentfaltung vollzogen. Ueber eine etwaige politische Ansprache des Kaisers bei dieser Gelegenheit ist noch nichts bekannt geworden. Da­gegen werden aus Paris und aus Pest bemerkenswerthe politische Kundgebungen bei den dortigen officiellen Neujahrsempfängen gemeldet. Präsident Carnot empfing am Nachmittag des Neujahrstages das diplomatische Corps, wobei der Sprecher desselben, der päpstliche Nuntius Monsignore Ferrata, sich vertrauensvoll hinsichtlich des friedlichen Cha- ! racters des neuen Jahres äußerte. In seiner Erwiderung gab Carnot derselben Zuversicht Ausdruck und schloß er mit dem Wunsche, daß das begonnene Jahr die Hoffnungen auf das Gedeihen und auf die Wohlthaien des Friedens wie der internationalen Eintracht befestigen möge. In Pest empfing Ministerpräsident Dr. Wekerle die liberale Partei anläßlich des Jahreswechsels. Die Ansprache des Ministerpräsidenten beschäftigte sich zum Theil mit den inneren Angelegenheiten Ungarns und erklärte Herr Dr. Wekerle hierbei den bestimmten Entschluß seiner Regierung, die von ihr geplanten Reformen auf verschiedenen Gebieten im liberalen Geiste durchzuführen und die Fahne des Liberalismus selbst in einem etwa noth- wendig werdenden Kampfe makellos zu bewahren. Die all­gemeine politische Lage characterisirte der leitende Staatsmann Ungarns als gesichert und dementsprechend bezeichnete er die auswärtigen Beziehungen der Monarchie als friedliche.

Ausland.

Die Prager Mordafsaire zieht immer sensationellere Enthüllungen über die czechische Geheimbündelei nach sich. Die Aussagen Dolezals, des einen der Mörder Mrvas, sollen für zahlreiche Personen ungemein belastend sein und zugleich einen ortentirenben Einblick in die weitverzweigten Verbin­dungen derOmladina" gewähren. Der Prozeß gegen die Mörder Mrvas wird zufammen mit dem Prozeß gegen die Mitglieder derOmladina" geführt werden, weil die Er­hebungen in der ganzen Angelegenheit eine weitverzweigte Verschwörung klargelegt haben sollen. Es sind dem Ver­nehmen nach noch viele Verhaftungen erforderlich geworden, weßhalb der Omladina-Prozeß verschoben werden muß.

In Frankreich hat am Neujahrstage ein allgemeine» Treiben auf die Anarchisten stattgesunden. In Pari» selbst wie an zahlreichen Orten der Provinz, so in Mont- lucon, Brest, Rouen, St. Quentin, St. Etienne, Lyon, Decazeville u. s. ro. wurden Haussuchungen bei vielen ver­dächtigen Persönlichkeiten vorgenommen und führten diese Maßnahmen zur Verhaftung von im Ganzen 64 Individuen, sowie in verschiedenen der genannten Städte außerdem zur Beschlagnahme vvn Explosivstoffen und anarchistischen Schriften. Ob durch diese allgemeine Razzia das anarchistische Unwesen jenseits der Vogesen endlich einen empfindlichen Stoß erhalten wird, muß freilich noch sehr abgewartet werden.

Die Freisprechung der Urheber des schaurigen Blutbades von Aigues-Mortes seitens des Angulemer Schwur­gerichts hat in ganz Europa peinliches Aussehen, speziell in Italien aber nur zu begreifliche Entrüstung und Erbitterung hervorgerusen. Aus den Prozeßverhandlungen ging wahrlich klar genug hervor, daß gegen die italienischen Arbeiter in Aigues Mortes damals in der That die empörendsten Schänd- . lichkeiten begangen, daß die verwundeten und fliehenden ; Italiener meist in geradezu barbarischer Weise von ihren wüthenden Gegnern niedergemacht worden find. Und doch i sanden es die Geschworenen von Angouleme für gut, ihr Nicht schuldig V gegen die Abschlächter der unglücklichen ; Italiener auszusprechen, und der Gerichtshof beeilte sich, dieses j der Gerechtigkeit ins Gesicht schlagende Verdict der Jury durch die Freisprechung sämmtlicher Angeklagten zu bestätigen. Dieser Ausgang des Prozesses von Angouleme eröffnet einen bedenklichen Ausblick auf die wachsende chauvinistische Strömung ' in Frankreich, die in Fällen, in denen die nationalen Leiden­schaften in Frage kommen, selbst die einfachsten Forderungen , von Recht und Billigkeit mehr und mehr zu ersticken droht. I In Italien selbst beginnt sich bereits der Unmuth und Zorn i des Volkes über den Wahrspruch von Agou'eme zu regen. ! In Genua bewarfen in der Sylvesternacht einige Betrunkene ; das Schild an dem Hause des französischen Consuls mit

Steinen; zwei der Attentäter konnten verhaftet werden. Ein ' höherer Beamter der Genueser Polizei sprach dem sranzö- ! fischen Consul bereits sein Bedauern über den Vorfall aus.

Athen, 31. December. Die gegen Hamburg angeord­nete Quarantäne ist aufgehoben worden.

Feuilleton. i

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Ein Rundgang durch die neuen Kliniken )u Gießen.

Von Dr. med. H. Leyden.

(Fortsetzung.) !

Bon den einzelnen Räumlichkeiten muß vor allem das tut ersten Stockwerke gelegene große prächtige Laboratorium unser ganzes Interesse in Anspruch nehmen. Den weit­gehendsten Anforderungen der Neuzeit entsprechend, ist es ' nicht nur mit den nötigen Apparaten, sowie Chemikalien für alle einschlägigen klinisch - chemischen Untersuchungen armtrt, sondern auch für mikroskopische Beobachtungen und die sonstigen speziellen Versuchsanstellungen berechnet.

An dasselbe schließen sich nach beiden Seiten hin die Zimmer für die physikalischen Instrumente, für bakteriologische Forschungen rc., sowie ein gesondertes Untersuchungszimmer für den Director an. Auf der nämlichen Etage befinden sich nach der Straße zu links die Directorialzimmer, rechts die geeigneten Räume für die höchst comfortabel ausgestattete Poliklinik, ein eigenes Electrisirzimmer und ein laryn- goskopischen Zwecken dienendes Zimmer, auf deren Ausstattung einzugehen jedoch zu weit auf das medicinische Gebiet sich begeben hieße.

In entsprechender Weise gestaltet sich auch die Bau­anlage im zweiten Stockwerk, wo besonders das helle, amphi- iheatralisch aufgebaute Auditorium, direct über dem Labo- ratorium gelegen, nebst feinen dazu gehörigen Nebenräumlich, fetten für die Vorbereitungen zu den klinischen Vorlesungen ' Hervorzuheben ist, sowie die reichhaltige, mit einer Menge * von Fachzeitschriften ausgestattete Bibliothek.

Und nun das Punctum saliens: Was hat der Patient von dieser Klinik als Krankenhaus zu erwarten? Gewiß begibt sich wohl ausnahmslos ein jeder Kranke mit einer I unwillkürlichen Bangigkeit in ein Krankenhaus, wie dieses ja auch in vielen Fällen leicht erklärlich ist, wenn man betrachtet, wie wenig in den älteren und zum Theil auch in den neueren Kliniken darauf Rücksicht genommen ist, dem Patienten wenigstens diejenigen Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten

zu schaffen, welche er in seiner Häuslichkeit nur ungern entbehrt.

Wie anders muß es den Patienten hier berühren, wo er auf Schritt und Tritt wahrnimmt, daß bei den ganzen Einrichtungen neben der vollen Würdigung heutiger Kranken­haushygiene auch darauf Bedacht genommen ist, einen an­genehmen und beruhigenden Eindruck hervorzurufen.

Breite, durch eine Flucht von Fenstern erhellte, hohe Corridore, deren Fußböden, wie fast in sämmtlichen Räumen der Kliniken, aus mosaikartig gehaltenem Terrazzo her^estellt und mit Läufern bedeckt sind, führen ihn zu den Krankensälen.

Mit bewunderungswürdiger Fürsorge ist hier auf Alles Rücksicht genommen. Helle, lichte, nicht zu große Säle, für höchstens 810 Betten berechnet, wodurch namentlich die Krankenwartung eine bessere und die Controle der Reinlich- feit eine leichtere wird, nicht minder aber den gewiß gerecht­fertigten Antipathien des Publikums, besonders der etwas besseren Gesellschaftsklassen, mit vielen Kranken zusammen­zuliegen, Rechnung getragen ist.

Daneben findet die Einrichtung der Säle an sich die gleiche Berücksichtigung: Breite, bequeme Betten (ein noch immer zu wenig gewürdigter Punkt der Spitäler), solider eiserner Nachttisch mit Glasplatte - in der Mitte des Saales ein großer, sauber gedeckter Tisch zu verschiedentlichem Ge­brauch, daneben ein kleinerer, alle die nötigen Utensilien zum Schreiben und Untersuchen bergender Tisch für den Arzt, endlich eine Reihe von Stühlen nebst Lehnstühlen für die Reconvalescenten, ein eleganter Marmorwaschtisch mit Warm- und Kaltwasserleitung, Bettschirme, verstellbare Betttische zum Lesen, Essen rc. Alles Mobiliar, wie der Saal selbst aus Materialien hergestellt, welche eine häufige Reinigung und DeSinfection ermögliche/,. Aus den nämlichen Intentionen sind eine eigene Kranken- und Personalkleidung, sowie überall verschließbare Schachte zwecks sofortiger Entfernung der ge­brauchten Wäsche vorgesehen.

Mit jeder Abtheilung in engster Verbindung stehend das Badezimmer rc., die Wärmküche, sowie der Aufenthalts­raum für die Schwester, refp. das Wachpersonal. Jeder dieser Räume ebenfalls durch directes Tageslicht genügend erhellt.

Nicht allein jedoch in den Sälen ist das Luft- und Licht-

bedürfniß der Patienten voll gewürdigt worden, sondern auch außerhalb derselben. So ist mit jedem Saale eine geräumige, mit Schutzvorrichtungen gegen Sonne und Wetter ausgerüstete Veranda verbunden, ferner dienen hierfür die weiten Garten­anlagen mit Ruheplätzen, sowie ein traulich eingerichteter Reconvalescentensaal für die in Genesung befindlichen Patienten vorgesehen ist.

So mancher Einrichtung von Interesse wäre ja vielleicht noch zu gedenken, falls uns dieses nicht zu weit ins Einzelne führen würde, daher mögen denn nur noch die zwei Jsolir- baracfen für Jnfectionskrankheiten hier Erwähnung finden, die eine für Diphtherie- und Scharlachpatienten, mit allem (Somfort für die einschlägige Behandlung ausgestattet, die andere für Cholera.

Ein bescheidenes, originell decorirtes Casino bietet den Aerzten der Anstalt nach des Tages Last und Mühen in zwangloser Geselligkeit die verdiente Erholung.

Bei der fast gleichen Bau- und Einrichtungsart der inneren mit der Frauenklinik bleibt uns für letztere nur Weniges zur Vervollständigung ihres Bildes zu erwähnen übrig.

Dieselbe ist, ihrem mehr oder minder Specialkrankenhaus- Character entsprechend, zwar nicht so umfangreich wie die innere, aber gleichwohl an Betten-, wie an Krankenzahl den größten Frauenkliniken ebenbürtig. Auch in ihr sind, ab­gesehen von den mit der nämlichen Sorgfalt eingerichteten Krankensälen, welche jedoch mit Bezug auf die vornehmlich chirurgischen Krankheitsfälle auf eine noch geringere Betten­zahl, von höchstens acht, bemessen sind, die Anforderungen der Lehr- und wissenschaftlichen Zwecke voll berücksichtigt worden. Hierfür dient ein geräumiges, Helles Auditorium, zu verschiedentlichen Unterrschtszwecken verwendet, ein den Ansprüchen der Specialwissenschaft vollauf genügendes Labo­ratorium, eine umfangreiche Präparatensammlung, sowie eine große Bibliothek nebst reichhaltiger Jnftrumentensammlung. Desgleichen sind in ihr die nötigen Zimmer für die poli­klinische Behandlung von Patienten, die Directorialzimmer, das Casino der Anstaltsärzte, große Schlaf- und Aufenthalts- säle für das zahlreiche Wartepersonal, loroie eine besondere Waschküche und deren Zuräume enthalten.

(Schluß folgt.)