Ausgabe 
3.10.1894 Erstes Blatt
 
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Mittwoch den 3 October

1894

Nr. 23 t Erstes Blatt.

Der Hleßener An»elger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Amtliche*' Theil.

Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Chauffirungsarbeiten muß der Theil der Bahnhofstraße längs des Anatomiegebäudes jeweils in halber Breite abgesperrt werden, so daß nur eine Fahr­bahn von 3,50 m Breite verbleibt.

Die dortselbst verkehrenden Fuhrwerke haben daher diese schmale Streckeim Schritt" zu befahren bei Meidung der int § 36610 St. G. B. angedrohten Strafe.

Die Zu- und Abfahrt zum Bahnhof darf nur von der Liebigstraße und nicht von der Bahnhofstraße aus erfolgen.

Gießen, den 2. October 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Verhaftung von Schülern der Ober­feuerwerkerschule.

Am Sonntag hat in Berlin eine Mastenverhaftung stattgefunden, die durch die Kreise, zu denen die Betheiligten gehören, das größte Aufsehen über die Grenzen Deutschlands erregen wird. Es sind in der Nacht vom Samstag zum Sonntag über 180 Schüler der Oberfeuerwerkerschule unter militärischem Aufgebot verhaftet und nach Magdeburg über­geführt worden. Natürlich muß dieses Eretgniß, das in der Geschichte der preußischen Armee nur in dem bekannten Graudenzer Vorfall aus dem Anfang der 60er Jahre ein Gegenstück hat, auf das Peinlichste berühren. In Berlin durchschwtrren die abenteuerlichsten Gerüchte die Luft, eS ift daher unmöglich, sich für irgend eins bestimmt zu ent­scheiden, man muß die Mittheilungen von maßgebender Stelle abwarten.

DerBerliner Localanzetger" meldet: Es sind auf Allerhöchsten Befehl 183 Schüler der Oberfeuerwerkerschule in der Frühe des gestrigen Sonntags verhaftet und von Berlin nach der Cttadelle in Magdeburg unter starker mili­tärischer Bedeckung tranSportirt worden. Es handelt sich um ein schweres Vergehen gegen die DiSciplin und zwar gegen «inen Offizier der Anstalt. Es sollen dem Vernehmen nach sehr häßliche Rufe auSgeftoßen worden sein, als einige Unter­offiziere gelegentlich eines Trinkgelages, daS sie in der Kaserne abhielten, von den Vorgesetzten zurechtgewi'.sen worden sind. Der Urheber der betreffenden Rufe konnte nicht ermittelt werden. ES wurde eine Untersuchung eingeleitet, von welcher der Director der Anstalt seiner vorgesetzten Behörde Bericht erstattete. Dieselbe verfügte hiernach die Mastenverhaftung. Die Verhaftung der Oberfeuerwerker war von langer Hand vorbereitet. Bereits am Freitag war in aller Stille ein innerhalb der Citadelle in Magdeburg belegeneS Kasernement geräumt und für die Ankunft der Arrestanten vorbereitet worden. Ebenso hatte das Eisenbahn-BetriebSamt Berlin- Magdeburg seitens des Ministers Weisung erhalten, einen Sonderzug für die Nacht zum Sonntag zu stellen; zu welchem Zweck, blieb freilich den Bahnbehörden bis zum letzten Augen­blick unbekannt. Gegen 1 Uhr Nachts wurde das 2. Bataillon des 4. Garde-Regiments z. F, besten Kaserne unweit der Oberfeuerwerkerschule liegt, durch einen Regimentsadjutanteu alarmirt. Als daS Bataillon angetreten war, wurde es mit scharfen Patronen versehen. Jeder Mann erhielt 15 Patronen zugezählt. Unter dem Commando eines Majors rückte die Mannschaft in größter Stille nach der Oberfeuerwerkerschule ab. Nach der Ankunft daselbst besetzten die Truppen alle AuSgänge des umfangreichen Grundstücks, so daß dieses voll­ständig von einer Postenkette eingeschlosten war. Während diese Maßnahmen getroffen wurden, lagen die Schüler der Oberfeuerwerkerschule in tiefem Schlafe. Als die Aufstellung beendet war, erstattete der commaudirende Offizier dem Director der Schule Meldung. Dieser ließ sofort die Ober- seuerwerkerschule alarmiren und auf d-n Mannschaftsstuben den Sergeanten und Unteroffizieren des älteren Jahrganges mittheilen, daß sie im Tuchanzuge ohne Seitengewehr auf dem Hofe antreten sollten. Als sie daselbst erschienen waren, wurde die Mannschaftsliste verlesen; fehlten zuerst drei Mann, die sich jedoch nachträglich zur Stelle meldeten. Als die Zahl der Anwesenden genau festgestellt war, hielt der Dtrector der Schule, Major v. Stetten, etwa folgende An­rede:Sie haben sich von diesem Augenblick an als Unter- suchungögefangene zu betrachten. Wer sich den Transporteuren widersetzt, den treffen die schweren Folgen." Die Be­gleitungsmannschaften halten Befehl erhalten, sofort auf jeden zu schießen, der etwa einen Fluchtversuch machen würde. Die Transporteure, welche daS Seitengewehr aufgepflanzt hatten, nahmen hiernach die Arrestanten, deren Zahl, wie schon oben

erwähnt, 183 betrug, in die Mitte und geleiteten dieselben nach dem Potsdamer Güterbahnhof, wo ein Sonderzug bereit stand; derselbe wurde sofort von den Verhafteten und ihren Transporteuren bestiegen, diese halten den strengsten Befehl erhalten, mit keinem der Verhafteten ein Wort zu wechseln. Um 3 Uhr Morgens setzte sich der Sonderzug in Bewegung und langte gegen 4^2 Uhr Morgens in Magdeburg an. Dort wurden die Arrestanten von zwei Compagnien der Magde­burger Garnison in Empfang genommen und nach der Cita­delle übergeführt. Die Arrestanten, denen auch jede Unter­haltung mikeivander aufs Strengste verboten war, befanden sich angeblich in dem Zustande großer Bestürzung.

Nach demKl. Journ." bildete folgender Vorgang die Veranlaffung der Verhaftung: Als am SamStag Nachmittag kurz nach dem Appell der Dtrector der Oberfeuerwerkerschule, Major v. S etten, mit einigen Offizieren im Hofe der An- stalr stand und mehrere der Schüler in strengem Tone zur Rede stellte, wurde plötzlich ein Fenster des zweiten Stock­werkes geöffnet und von einem bisher nicht ermittelten Schüler mit lauter Stimme in den Hof gerufen:Es lebe die Anarchie!" In der kurz darauf folgenden Unterrichtsstunde deS älteren Jahrganges wurden die Schüler über die fest­gesetzte Zeit hinaus in den einzelnen Sälen festgehalten und inzwischen eine eingehende Revision der Mannschaftsstuben vorgenommen. DaS Ergebniß derselben wurde sosort dem Generalcommando zugestellt und von diesem telegraphisch dem Kaiser nach Rominten mitgetheilt. Von dort aus erfolgte auf dem Drahtwege der Befehl des Kaisers, die Verhaftung des gesammten CötuS vorzunehmen. Zur Vorgeschichte der Verhaftung wurde demKt. Journ." aus zuverlässiger Quelle mitgetheilt, daß zwischen den Schülern der Oberfeuerwerker­schule und der Leitung derselben seit Langem ein wenig er­freuliches Verhältniß besteht. Die hauptsächlichste Veran­laffung zur Unzufriedenheit dürfte in der Verpflegung seitens des Oeconomen Wollermann zu suchen sein. Die Feindschaft gegen diesen ging so weit, daß die Schüler sich darauf be­schränkten, nur Speisen bei ihm einzunehmen, sich aber gegen­seitig verpflichteten, sämmtliche Getränke von auswärts zu beziehen. Da die Boten der liefernden Händler den Mann­schaften nichts in das Kasernementsgebäude liefern dürfen, ließen die Schüler die Bierwagen der Brauereien vor dem Portal halten und nahmen ihren Bedarf kastenweise von den Wagen herunter. Wegen der Anstiftung zu diesem Boycott wurden seinerzeit bereits vier bis fünf der Rädelsführer be­straft. Außerdem glaubte die Mannschaft Veranlassung zu haben, sich über die strenge Handhabung der Hausdisciplin und namentlich über die Beschränkung der Urlaubszeit zu beklagen.

Bet der Abführung der 183 Unteroffiziere der Ober­feuerwerkerschule handelt es sich nach einer Meldung des Wolff'schen Bureaus lediglich um ein DtSciplinarvergehen, keineswegs um hochverrätherische Umtriebe oder um eine politische, insbesondere socialdemokratische oder anarchistische Bewegung. Das Vorgehen bestand iv einer Demonstration gegen eine Revision, welche behufs Controle der Lebensführung nothwendig erschien. Um die Rädelsführer und Theilnehmer an der Ausschreitung zu ermitteln, erschien die Jnternirung deS ganzen Jahrganges als die zweckmäßigste Maßregel.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. October. Nach der Heimkehr des Kaisers von seinen jüngsten Manöver- und Jagdreisen dürfte es sich vielleicht auch zeigen, welche practischen Wirkungen seine bekannte Thorner Kundgebung etwa haben wird. Bis jetzt hat sich nach außen noch nicht der Schatten eines Vorganges gezeigt, welcher auf eine schärfere Schwenkung in der bisherigen Polenpolitik der maßgebenden Berliner Kreise hindeutete. Inwieweit nun die zu erwartenden persön­lichen Vorträge der Minister beim Kaiser und König in Betreff der Polenfrage eine solche Wendung herbeiführen werden, daS bleibt allerdings noch abzuwarten. Möglicher Weise haben diejenigen Conjecturalpolitiker Recht, welche be­haupten, der Kaiser habe durch seine Thorner Rede vorläufig nur eine persönliche Warnung, und nichts Anderes, an die Adreffe des Polenthums bezweckt, und daß vermuthlich zu­nächst das fernere Verhalten der Polen abgewartet werden solle. Unter diesen Umständen werden die Deutschen in den Ost- marken des Reiches gut thun, nicht allzuviel auf die Re­gierungshilfe in.ihrem Kampfe mit dem übermüthigen Polen- thum zu bauen, sondern mehr nach dem Grundsätze zu handeln: Selbst ift der Mann!" Mit Genugthuung kann daher auch nur die jetzt stattgefundene Bildung des Vereins zur Förderung des Deutschtums in den Ostprovinzen, der seinen Sitz in I der Stadt Posen nimmt, begrüßt werden, doch muß man von dem

Vereine wünschen, daß er nicht in die Bahnen irgend welcher einseitigen Parteirichtung gerathen möge.

Mit dem Monat October ist die Zeit heran­genaht, in welcher die Vorbereitungen für die kommende Wintersession des Reichstages allmählich zum Abschluffe ge­langen müssen. Noch im Laufe dieser Woche sollen daher auch die Plenarsitzungen des Bundesrathes wieder ausgenommen werden- unter den Gegenständen der Tages­ordnung für die nächsten BundeSrathssitzungen befinden sich, wie verlautet, 8ie Entwürfe, betreffend die Ausnahmen vom Verbot der Sonntagsarbeit in den gewerblichen Anlagen, und betr. die Vornahme einer Berufs- und Gewerbezählung im Jahre 1895.

Die Vorarbeiten zu dem angekündigten Gesetz­entwürfe über die Organisation des Handwerkes sind, dem Vernehmen nach, in letzter Zeit derart gefördert worden, daß die Einbringung der betreffenden Vorlage viel- leicht schon in der nächsten Reichstagssession erfolgt.

Ausland.

Petersburg, 1. October. Allgemeine Thetlnahme weit über die Grenzen Rußlands findet die ernste Er­krankung des Czaren, nachdem an letzterer auf Grund der jüngsten Mittheilungen hierüber nicht mehr gezweifelt werden kann. DaS Hauptleiden des russischen Herrschers besteht in einem Nierenleiden, der sogenannten Brtght'schen Nierenkrankheit, wie von dem zum Czaren berufenen be­rühmten Berliner Arzt Prof. Lehden in Uebereinstimmung mit dem Professor Sacharjm festgeftellt worden ist. Außerdem soll der Kaiser noch an hochgradiger Nervenschwäche, verbunden mit Blutarmuth, leiden- daß er seelisch lies niedergedrückt ist, erscheint unter den obwaltenden Umständen wohl begreiflich. Jndeffen müffen diejenigen Zeitungsmeldungen, welche den Zustand des Czaren in den dunkelsten Farben malen und von der Möglichkeit sprechen, daß eine plötzliche Katastrophe jeden Tag eintreten könne, als entschieden übertrieben be­zeichnet werden, da Leyden und Sacharjin dem Kaiser Alexander die weite Reise nach Livadia angerathen haben. Eine andere Frage ist es freilich, ob der Aufenthalt des Czaren in dem milden Klima der Krim die zu wünschende nachhaltige Besserung in seinem Zustande zur Folge haben wird, anscheinend sind sich die behandelnden Aerzte hierüber selber noch nicht klar. Kaiser Wilhelm soll sich über das Befinden des Czaren täg­lich Bericht erstatten lassen - mit der Krankheit deS Kaisers Alexander wird auch die plötzliche Abreise des deutschen Botschafters am Petersburger Hofe, Generals v. Werder, nach Deutschland in Verbindung gebracht.

Neueste Zlad^rid^en.

WolffS tclegraphtscheS Corr ei pondenz-Bureau.

Berlin, 1. October. DerRetchsanzetger" weist gegen­über der Kritik der Ankaufsoperationen der Pro­viantämter auf die Bestimmungen der Proviantsordnung hin, die Verpflegungsmittel, wenn es irgend möglich ist, von den Producenten und nur ausnahmsweise im Auslande zu kaufen. Es sei jedoch zweckmäßig, bei niedrigen Maispreisen einen Theil des Haferbedarfs in Mais sicherzustellen, um den Pferden eine größere Futtermenge zuzuführen, ferner sei die Beschaffung von ausländischem trockenem hartem Roggen zur Herstellung deS Dauermehls, das in feuchten Jahren im Jn- lande nicht zu erhalten sei, nicht zu vermeiden, werde aber auf das äußerste zulässige Maß beschränkt.

Berlin, 1. October. Der bekannte Bankier August Sternberg, der wegen zweier Anklagen, einer geschäft­lichen und einer privaten, ins Ausland geflohen war, worauf sein Vermögen beschlagnahmt wurde, hat sich nun dem Berliner Gericht gestellt und ist in Untersuchungshaft genommen worden.

Dortmund, 1. October. DerDortmunder Ztg." wird aus Garnen gemeldet: In der Nacht zum Montag wurde in der Wohnung des Betriebsinspectors der Zeche Monopol ein Packet mit Dynamitpatronen und angebrannter, aber erloschener Zündschnur vorgefunden.

Pilsen, 1. October. Gestern Abend um 11 Uhr sand in der Kelleröffnung des Hauses eines gewißen Zniller, deS Mitbesitzers der Pankrazzeche in Nuerschan. eine Explosion statt, vermuthlich mit Dynamtt. Der Thäter ift unbekannt. Der Schaden ist unbedeutend.

Paris, 1. October. Heute Nachmittag wurde der inter­nationale sociologtsche Congreß unter dem Vorsitze John Lubbocks eröffnet. Es sind ungefähr 100 Theilnehmer erschienen, darunter Dr. Schaeffle.

Chateauduv, 1. October. Mehrere Armee-Fourage- magazine sind niedergebrannt, wobei eine Million Gentner Heu vernichtet worden ift.