M. 179
Freitag den 3. August
1894
Der Hietzener Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aa mitien vkätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeig er
Vierteljähriger^-^
Avollncmentsprel«5
2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogew- 2 Mark 50 Pfg.
Redaktion, Expcditiorr und Druckerei:
Kenerat-Wnzeiger.
Schulstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Giefzen.
| Hr-tisö-ikagk: Kich-mr AamirimMttcr.
Alle Annonccn-Burcaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Die Strikes und ihre soften.
Die alte Erfahrung, daß die Strikes eine ungemein zweischneidige Waffe sind, welche die Arbeiterschaft wie das „Unternehmerthum" gleich scharf zu treffen pflegt, hat durch den jüngsten großen Ausstand der Eisenbahnarbeiter in Nordamerika erneut ihre Bestätigung erhalten. Zwar steht die Kostensumme des genannten Strikes, der bekanntlich von zahlreichen gewaltthätigen Ausschreitungen Seitens der ausständigen Arbeiter begleitet war, noch nicht völlig fest, aber nach übereinstimmenden Schätzungen amerikanischer Statistiker beläuft sie sich auf allermindestens 100 bis 120 Millionen Mark. Diese gewaltige Verlustsumme setzt sich aus den den Arbeitern entgangenen Löhnen, ferner aus dem Ausfall an Einnahmen der boycottirten Bahnen, weiter aus den Werthen, welche die zerstörten Stationsgebäude, Eisenbahnwagen, Bcücken u. s. w. darstellen, und endlich aus den der Geschäftswelt durch den Strike zugesügten Verlusten zusammen. Die unerfreulichen finanziellen Wirkungen des amerikanischen Eisenbahnstrikes vertheilen sich also sowohl nach der Seite der Arbeiterschaft wie auch nach derjenigen der Eisenbahngesellschaften und schließlich auch des handeltreibenden Publikums hin und hieraus erhellt wiederum, wie weite Kreise durch größere Strikes fast stets benachtheiligt werden und welche Summen hierbei verloren gehen.
Selbstverständlich sind es nicht immer die Arbeiter, welche durch Lohnausfall und andere Nachtheile die größte Schädigung bei Strikes erleiden, aber die statistische Wissenschaft lehrt, daß doch bei der Mehrzahl der Ausstände die Verluste für die Arbeiter größer sind, als die von ihnen errungenen Erfolge. Diese Wahrheit scheint aber leider noch immer nicht von der breiten Masse der Arbeiter begriffen worden zu sein, sonst würde ja die Neigung zur Jnscenirung kleinerer wie größerer Ausstände unter den Arbeitern mehr und mehr schwinden, was jedoch bekanntlich nicht der Fall ist. Es muß daher den Arbeitern gegenüber immer und immer wieder darauf hingewiesen werden, daß sie sich durch Arbeits« einstellungen nur ins eigene Fleisch schneiden, ja daß sie selbst bei äußerlich günstig für sie verlaufenden Strikes häufig nicht ihre Rechnung finden. Denn auch in den letzteren Fällen bleiben natürlich die Summen, welche die strikenden Arbeiter durch die ihnen entgehenden Löhne einbüßen, für immer verloren und wenn auf der anderen Seite die Arbeitgeber manchmal noch größere Verluste erleiden, so gleicht das die finanzielle Schädigung des Arbeiterstandes begreiflicher Weise nicht im Mindesten aus. Z. B. betrug der Verlust an Löhnen im Jahre 1892 für die strikende Arbeiterschaft in etwa tausend Etablissements Englands zusammen 77,6 Millionen Mark und weiter erhielten nach den eigenen Angaben der Arbeiter-Verbände 121 357 Arbeiter, welche bei 246 Strikes betheiligt waren, vorher 164 143 Psd. Sterling — 3 282 860 Mark Wochenlohn, nachher aber nur 153 153 Pfund (oder 3 063 060 Mk.). Angesichts dieser emfindlichen Lohnausfälle dürste es sür die Arbeiter wohl nur ein schwacher Trost ge
Bibliotheca
Academica et Senkenbergiana.
Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule Gießen.
Bon Dr. O. Buchner.
(Schluß.)
Nach Arnoldis Tod wurde 1735 Ayrmann Bibliothekar mit 40 fl. Gehalt und ihm zugleich die Aufsicht über die früher erwähnte May ' sche Bibliothek übertragen. 1736 hatte Ayrmann wirklich einen Katalog über die Mah'sche Bibliothek aufgestellt und bewilligte ihm der Landgraf für diese Arbeit 100 fl., bestimmte auch weiter, daß jeder neu ankommende Student außer seinem gewöhnlichen Geldbeitrag für die Bibliothek noch 5 Albus pro Bibliothekario entrichten soll.
Durch das ganze 17. und 18. bis in unser Jahrhundert hinein zieht sich so die Klage über den Mangel eines Katalogs. Oft genug wird seine Abfassung verlangt, auf dieselbe gedrängt, die Bibliothekare selbst von höchster Stelle mit zarten und derben Worten ermahnt, aber alles ist umsonst. Zwar war bestimmt, daß der Syndikus, der Bibliothekar und der Oe- konom, sowie alle diejenigen, welche vom Rektor noch dazu bestimmt werden, die Bibliothek zu besichtigen, ein Verzeichniß doppelt aufnehmen sollten mit Meldung des Verfassers, des Formats, Drucks, Jahrs und dgl. eins für den Syndikus, das andere für den Bibliothekar, auch jedes Jahr die neu zu- Zekommenen Bücher einzutragen seien, aber es wurde nicht ousgeführt, obgleich der jährliche Zuwachs, besondere größere Schenkungen abgerechnet, außerordentlich gering war.
wesen sein, wenn zur selben Zeit die Besitzer von 511 Etablissements, deren Capital auf zusammen 376 Millionen Mark ermittelt war, in Folge des Strikes einen Zinsverlust von co. 25 Millionen Mark verzeichnen mußten.
Jedenfalls beweist eben die Geschichte der größeren Arbeitseinstellungen von Anfang an bis herab zu dem total verunglückten Strike der amerikanischen Eisenbahnbediensteten, eine wie zweischneidige Maßregel solche Massenstrikes bedeuten. Erfahrungsmäßig verschmerzen aber Capital und Unternehmerthum ihre in solchen wirthschaftlichen Kriegen erlittenen Verluste gewöhnlich weit eher, als die Arbeiterschaft die ihrigen, es liegt daher im Interesse der Arbeiter, nur in ganz zwingenden Fällen zu einschneidenderen Strikes zu greifen. Man muß um so mehr wünschen, daß die Arbeiter endlich zu dieser Einsicht gelangen, als die wirthschastliche Lage eine den Strikebestrebungen noch immer sehr ungünstige ist und als nach wie vor eine Uebersülle von Arbeitskräften in den allermeisten Branchen vorhanden ist, welche Erscheinung doch wahrlich nicht zu den Grundbedingungen für das Gelingen eines Strikes gezählt werden kann.__________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 1. August. Auf dem Felde der inneren Politik herrscht im Allgemeinen fortgesetzt hochsommerliche Stille. Wenigstens fehlt eß gänzlich an actuellen Ereigniffen von größerer Wichtigkeit, höchstens, daß die zwischen dem Reichsamte des Innern und dem Reichsversicherungsamte eingetretene Spannung einigermaßen von sich reden macht. Dieselbe soll in jüngster Zeit namentlich dadurch verschärft worden fein, daß die neuen Entwürfe über die Ausdehnung des Unfallversicherungsgesetzes im Reichsamte des Innern ausgearbeitet worden sind, ohne daß angeblich das doch sachverständige Reichsversicherungsamt überhaupt um seine Meinung in dieser wichtigen Frage angegangen worden ist. Falls sich diese Version bestätigt, so wäre es allerdings hohe Zeit, daß endlich das untergeordnete Verhältniß des Reichsversicherungs- amtes zum Reichsamt des Innern gelöst und ersteres Reichsamt ebenfalls zu einer durchaus selbstständigen Behörde erhoben würde. Sonst könnten wir im Deutschen Reiche bei weiteren Conflieten zwischen den beiden hohen amtlichen Stellen noch zu ganz unleidlichen und unhaltbaren Zuständen in unserer socialpolitischen Gesetzgebung gelangen.
— Major v. Wißmann will, entgegenstehend früheren Angaben, nach Ablauf seines gegenwärtigen Urlaubs in der deutschen Heimath wieder nach Afrika zurückkehren. Alle Colonialfreunde werden diesen Entschluß des Herrn v. Wißmann gewiß nur mit Genugthuung begrüßen, denn solche Männer kann Deutschland bei seinen colonialpolitischen Bestrebungen im „dunkeln Continent" wahrlich noch lange nicht entbehren. ___________________________________
Ausland.
— Vor dem Lyoner Schwurgericht beginnt an diesem Frcirag der Prozeß gegen Caserio, den Mörder
Bei der großen Visitation 1715 wurde der Bibliothekar abermals angewiesen, einen neuen Katalog sordersamst zu errichten, die Bibliothek zu Zeiten zu öffnen und was nach und nach drein erkauft wird ordentlich einzutragen.
Anno 1727 befehlen Serenissimus, daß aus denen Rechnungen ein 25jähriger Extract derer die Zeit über erkaufter Bücher, und ob solche insgesammt in der Bibliothek befindlich, angefertigt und solcher eingeschickt, auch keine Bücher ohne Revers weggelehnt werden sollten.
Aber schon 1736 ergeht wieder ein strenges Schreiben des Landgrafen: „So habt Ihr der Zeit Bibliothekarius vermöge geleisteten Eids und Pflichten die ausgelehnten Bücher, welche niemalen ohne Schein über den Empfang zu verabfolgen sind, nicht nur fleißig zurückzufordern, sondern auch, dafern solches ein und das anderemal ohne Frucht geschieht, dem jedesmaligen Rektor die Anzeige daran zu thun und wenn wider Verhofsen auch das umsonst wäre, solches an Uns selbst zu Höchstgemüßigtem ernstem Einsehen ohnverzüglich gelangen zu lassen."
Trotz diesen und zahlreichen anderen wohlmeinenden Vorschriften war am Ende des Jahrhunderts die Bibliothek in kläglichstem Zustand. Zwar war schon 1697 einmal der Fürstl. Amtsverwalter Fink zu Battenberg wegen einiger unter dem Bibliothekar Professor Phasian aus der Bibliothek entkommenen Bücher rechtlich belangt worden, aber es bedurfte nicht langer Zeit, um das zu vergessen. Gerade 100 Jahre später wurden durch den französischen Kommiffär Keil nicht wenige Bücher geraubt und noch viel.mehr wären entkommen, wenn nicht dem General Hoche deren Erhaltung zu danken gewesen wäre. An
Carnots. Die Verhandlung dürfte schwerlich bis in die nächste Woche hinein dauern, da ja die Sache an sich klar genug liegt, höchstens dürfte die Frage nach den anarchistifchen Verbindungen Caserios noch näher aufzuklären fein. Entgegen anderen Meldungen soll das neue französische Anarchistengesetz bereits auf den Prozeß Caserio Anwendung finden, es würden demnach die gejammten Verhandlungen in demselben mit dem Verbote der Veröffentlichung zu belegen sein.
Neueste Nachrichten»
Wolff« telegraphisches Correspondmz-Bureau.
Berlin, 1. August. Zu Ehren des nationalliberalen Abgeordneten Ho brecht, der nächstens seinen 70. Geburtstag feiert, soll am 14. August am Wohnsitz des Jubilars, in Großlichterfelde, ein Gartenfest stattfinden.
Rom, 1. August. Einer Meldung der „Agenzia Stefani" aus Tokio zufolge legte der Minister des Auswärtigen in einer Note an die Vertreter der Mächte die Lage zwischen China und Japan bar und schließt mit der Versicherung, die japanische Regierung sei jederzeit bereit, eine Erörterung friedlicher Propositionen zuzulaffen, die mit der wirklichen Lage und der Würde Japans vereinbar seien.
Tokio, 1. August. Die japanische Regierung insormirte die Vertreter der auswärtigen Mächte, daß Kriegszustand zwischen Japan und China bestehe.
Depeschen bei Bureau .Herold*.
Berlin, 1. August. Die Choleracommission hat heute ihre Thätigkeit wieder aufgenommen. Den Vorsitz führt der Director des Reichsgesundheitsamts, Köhler.
Berlin, 1. August. Der Reichskanzler Graf Caprivi begibt sich heute nach Wilhelmshaven, um dem Kaiser Vortrag zu halten. Auf beffen persönliche Einlabung wirb er Juäfjrenb beS Aufenthalts in Wilhelmshaven auf der „Hohen- zollern" Wohnung nehmen.
Wilhelmshaven, 1. August. Bei der Mittags erfolgten Ankunft wurde der Kaiser, welcher mit dem Prinzen Heinrich auf dem Verdeck des „Hohenzollern" stand, von dem zahlreichen Publikum sehr herzlich begrüßt. Der Kaiser sah sehr wohl aus. Nachmittags fand Festesien statt. Der Kaiser gedenkt bis zum Sonntag in Wilhelmshaven zu verweilen und während dieser Zeit an Bord der „Hohenzollern^ zu wohnen. Am Sonntag Vormittag erfolgt die Abreise nach Cowes, wo der Kaiser voraussichtlich am Montag Nachmittag eintreffen wird.
Wien, 1. August. Wie verlautet, verständigte China sowohl die russische wie englische Regierung davon, daß es ihm an Geld für die Kriegführung fehle und daher in Europa oder Amerika eine Anleihe aufzunehmen wahrscheinlich ge- nöthigt sei. In japanischen Kreisen verlautet ferner, Japan wolle, bevor es China formell den Krieg erkläre, noch ein Ultimatum nach Peking richten.
einer anderen Stelle*) habe ich ausführlicher über diese traurig Zeit Bericht erstattet. Aber immerhin war durch diese französischen Diebstähle die Möglichkeit gegeben, alles Fehlende, das sich bei der ersten großen und gewissenhaften Revision der Bibliothek zu Beginn unseres Jahrhunderts ergab, dem Kommissär Keil in die Schuhe zu schieben. Und es sehlie in der That sehr 'viel. Einzelne Professoren hatten Hunderte von Büchern mit und ohne Schein entliehen, Crome z. B. hatte, deren über 350 auf einmal, ohne daß er über deren Verbleib Auskunft zu geben wußte. Gegen den Nachlaß des Professor Hezel wurde selbst wegen fehlender Bücher Proceß eingeleitet.
Auffallend war auch, daß fast alle lateinischen Klassiker in Taschenformat fehlten, ohne daß wahrscheinlich war, daß and) diese der Kommissär Keil entführt habe. Zwar hatte er sich einiger der Bücher aus der May'schen Bibliothek bemächtigt, anderes aber, und gerade die Manuscripte und die in den Schränken verschlossenen Bücher waren theils von den Mäusen zerfressen, theils mit Schimmel bedeckt. Don der kleinen Münzsammlung, die May der Hochschule vermacht hatte, fehlten die meisten aus edlem Metall, alle goldene.
Die Verluste sind jetzt verschmerzt und hat sich die Gießener Universitäts - Bibliothek in unserem Jahrhundert unter einer wohlwollenden Regierung und einer gewissenhaften und sorgfältigen, dabei aber höchst zuvorkommenden Verwaltung zu einem besonders nützlichen Theil der Hochschule entwickelt.
*) Buchner, Aus Gießens Vergangenheit S. 163.


