Nr 152
Dienstag den 3. Zuli
1894
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Gießener Anzeiger
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Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juli. Der Reichskanzler hielt dem Kaiser am Samstag einen längeren Vortrag in Kiel an Bord der „Hohenzollern". Bermuthlich hat derselbe mit der am Freitag stattgefundenen dreistündigen Sitzung des preußischen Staatsministeriums zusammengehangen, welcher auch der Reichskanzler, sowie der Reichsschatzsecretär Graf Posadowskh beiwohnten und in der eS sich um Reichsfinanzangelegenheiten gehandelt haben soll.
— Noch einmal.ist nach dem Schlüsse des badischen und des meintngenschen Landtages das Flämmlein des parlamentarischen Lebens in Deutschland schwach aufgeflackert. An diesem Montag tritt der Landtag von Coburg-Gotha zusammen, um über verschiedene dringliche Angelegenheiten zu berathen, doch dürften seine Verhandlungen schwerlich über die Grenzen des Herzogthums hinaus Jnteresie und Aufsehen erregen. Auch der Bundesrath ist noch versammelt, die vielfach gehegte Annahme, die am 28. Juni abgehaltene Plenarsitzung des Bundesraths würde die letzte in der laufenden Session sein, war verfrüht, indessen steht die genannte Körperschaft offenbar doch am Ende ihrer schon im vorigen October begonnenen Thätigkett. Ob der Bundesrath vor Abschluß seiner Session noch den Reichstagsbeschluß betr. die Aufhebung des Jesuitengesetzes zur Erledigung bringen wird, muß abgewartet werden. Um Uebrigen liegt gegenwärtig kein irgendwie bemerkenswertheres Eretgniß aus der inneren Politik vor, die sommerliche Ruhepause macht sich eben doch mehr und mehr geltend.
— Der Dresdener Bierbohcott hat zu einer Verurtheilung einer ganzen Anzahl Dresdener Socialdemokraten auf Grund des bekannten Unfugparagraphen geführt. Der Gerichtshof erkannte gegen 41 Socialdemokraten wegen ihres Verhaltens im Bierbohcott auf eine Geldstrafe von je 40 Mk., ein weiterer in derselben Sache angeklagter Socialist wurde zu 15 Mk. Geldbuße verurtheilt.
— Am Freitag sind in Eisenach der 22. deutsche Aerztetag und in Hamburg der 3. allgemeine deutsche Journalisten- und Schriftstellertag zusammengetreten.
Berlin, 30. Juni. Der Kaiser hat durch Cabinets- ordre vom 14. d. Mts. bestimmt, daß der zweite Satz des Kriegsartikels 22 folgende Fassung erhält: „Auch darf der Soldat niemals während oder unmittelbar nach Beendigung deS Dienstes, sondern erst am folgenden Tage seine Beschwerde anbringen."
Lübeck, 30. Juni. Bei der gestrigen See-Regatta Kiel-Travemünde erhielt die von Sr. Majestät dem Kaiser geführte Yacht als schnellstes Boot den Kaiserpreis. Se. König!. Hoheit Prinz Heinrich errang mit seiner Yacht
„Irene" in Abtheilung 1b den zweiten Preis. Die Regatta, an welcher sich 31 Yachten betheiligten, nahm bei sonnigem Wetter einen prächtigen Verlauf.
Ausland.
— Die Jtalienerhetze in Frankreich hat in Italien bekanntlich eine Reihe von Protestdemonstrationen zur Folge gehabt, deren Fortsetzung jedenfalls auf das offizielle Ver- hältniß zwischen Italien und Frankreich bedenklich zurückgewirkt haben würde. Glücklicher Weise scheint es dem energischen Auftreten der italienischen Regierung gelungen zu sein, weitere Demonstrationen im Lande gegen Frankreich zu verhüten, was man auch in den Pariser Regierungskreisen voll anerkennt. Immerhin dürsten die Ereignisse in Frankreich aus der hieraus resultirenden Vertreibung zahlreicher Italiener eine bittere Empfindung im italienischen Volke zurücklaffen.
Paris, 30. Juni. Die neuesten Erhebungen über die Blutthat, welcher Pr äs i d ent Carnot zum Opfer gefallen ist, lassen kaum mehr einen Zweifel daran übrig, daß ein förmliches anarchistisches Complot zur Ermordung des unglücklichen Staatsmannes bestand. Eine officiöse Meldung aus Marseille besagt, es stehe nunmehr fest, daß eine Verschwörung zum Zwecke der Ermordung Carnots bestanden habe. Die Polizei sei den Mitverschworenen Cesatios auf der Spur. 5Xe letzte Versammlung der Verschwörer habe in (Sette stattgefunden, in derselben sei Cesario durch das Loos zum Verbrechen bestimmt worden. Die Verhaftung der Mitschuldigen stehe bevor. Hoffentlich gelingt es, die verbrecherischen Genossen des elenden Attentäters sämmtlich zu ermitteln und nebst dem Mordbuben selbst der wohlverdienten Strafe zuzuführen. Am Freitag hielten beide Häuser des französischen Parlaments ihre ersten Sitzungen seit der Wahl Casimir- Periers zum Präsidenten der Republik ab. Die Verhandlungen hingen im Senat wie in der Kammer lediglich mit den Ereignissen der letzten Tage zusammen. Mit lebhafter Zustimmung wurde hierbei im Senat die Aeußerung Challemel-Lacours entgegengenommen, daß die Beileidökund- gebungen anläßlich des Todes Carnots hoffentlich die Mißstimmungen beseitigen würden, welche zwischen Frankreich und ihm befreundeten Nationen entstanden seien. Selbstverständlich spielte hierbei der Redner auf die infolge der jüngsten Ereignisse entstandenen französisch-italienischen Zwischenfälle an. Die Lösung der anläßlich der Demission des Cabinets Dupuy eingetretenen Mtnistercrisis ist noch einigermaßen unsicher. Dem Vernehmen nach hat Burdeoau den Auftrag zur Bildung des neuen Cabinets abgelehnt, er gedenkt für das Kammerpräsidium zu candidiren. Casimir - Perier ersuchte deshalb Dupuy, wiederum die Bildung des Cabinets zu übernehmen. Am Sonntag hat in Paris das Leichenbegängniß Carnots
nach dem festgesetzten Programme feierlichst und unter ungeheuerem Menschenandrange ftattgefunden. Vertreter des deutschen Kaisers war der Botschafter Graf Münster.
Paris, 30. Juni. Wie mit ziemlicher Bestimmtheit verlautet, hat der Chef der Sicherheitspolizei seine Demission eingereicht.
Paris, 30. Juni. Bis gestern Abend 10 Uhr sind über 50000 Personen vor dem Sarge Carnots defilirt. Die günstigen Plätze, um den Leichenzug zu sehen, werden öffentlich versteigert, alle großen Hotels in der Rivolistraße bis zum Louvre haben ihre Fenster vermiethet. Je nach den Stockwerken kostet ein Fenster 50 bis 1000 Fr. In der Nähe des Stadthauses kostet ein Fenster 200 Fr., ein Balkon 1500 Fr., für Mansardenfenster werden 30 Fr. verlangt.
Paris, 30. Juni. In politischen Kreisen wird die Ansicht laut, daß, wenn Kaiser Wilhelm anstatt den Botschafter Grafen Münster einen Prinzen als Specialvertreter zum Begräbniß Carnots beordert hätte, dies viel zur Befferung des Verhältniffes zwischen Frankreich und Deutschland beigetragen haben würde.
Marseille, 30. Juni. Hier herrscht eine große Aufregung, nachdem festgestellt worden ist, daß wirklich eine Conspiration, um den Präsidenten Carnot zu ermorden, hier stattgefunden hat. Die letzte Versammlung der Verschwörer hat in (Sette stattgefunden. Cesario hat das Loos getroffen, die That auszuführen.
Brüffel, 30. Juni. In Lüttich kamen in der vorvorigen Nacht plötzlich fünf choleraartige, zum Theil schwere Erkrankungen vor. Gestern wurde ein neuer, in seinem Verlauf tödtlicher Fall von Cholera festgestellt.
Brüffel, 30. Juni. Das „Osficielle Journal" constatirt, daß in Belgien die Einführung des Minimallohnes bei Ausführung von Staatsarbeiten bereits große Fortschritte gemacht hat.
Loudon, 30. Juni. „Daily Chronicle" meldet aus Moskau, daß die dortige Polizei eine neue Verschwörung entdeckt habe. An drei verschiedenen Stellen der Borki-Route sei ein Attentat auf den Czaren geplant gewesen.
Petersburg, 30. Juni. Die Residenzpreffe begrüßt fortgesetzt die Wahl des stets für die franco-russische Freundschaft eingetretenen neuen Präsidenten Casimir Perier mit freundlichen Worten. Gleich Carnot sei er einwandsfrei und unbescholten, indessen habe Perier große Thatkraft, persönlichen Anregungstrieb und ein bestimmtes Programm vor Carnot voraus- letzterer habe sich jeder activen Einmischung in Politik und Regierung enthalten. Perier würde ein Präsident von anderem Schlage sein. „Swet" meint, eine Liebäugelei Deutschlands mit Frankreich werde fortan vergeblich sein.
Feuilleton.
I n letzter Stunde.
Erzählung von C. v. Falkenberg.
(8. Fortsetzung.)
Es war an einem Sonutagmorgen gleich nach Pfingsten. Der Pastor und der Lehrer, ferner der Kirchenvorsteher Christoph Steffens und Bruno, der jetzt zur Universität ging, dazu auch der alte Cantor Zimmermann, traten vereinigt nach Beendigung des Gottesdienstes aus der Kirche heraus. Vor dem Kirchhofe standen Gruppen von Bauern, jungen Burschen, Mädchen und Frauen. Ziemlich abseits standen auch Jacob Steffens, Philipp und ein Händler, der als Spieler von Profession sich nicht des besten Leumunds erfreute.'
Als Jacob seinen Bruder Christoph wahrnahm, schwoll ihm die Zornesader mächtig an; roth wie ein Truthahn, dann aschbletch, drehte er sich um, als ihm Christoph die Hand bot, und sagte laut: „Ich kenne Dich nicht."
Da trat Christoph einen Schritt näher.
„Um Gotteswillen, Jacob, was soll das? Mäßige Dich, bedenke, wir sind Brüder. Ich meine es ja nur gut mit Dir."
Und auch Philipp umklammerte des Vaters Arm und sagte: „Vater, gib doch nach!"
Bruno war inzwischen auch einen Schritt vorgetreten und sah den Oheim drohend an. Dieser riß sich von Philipp los und sagte: „Gehe fort, dummer Junge!" Zu Bruno aber sagte er: „Was will der Laffe? Geh zur Schule, Junge, laß Dir erst noch das Gelbe vom Schnabel wischen!" Dann wandte er sich Christoph zu und rief: „Meinetwegen
mags die ganze Welt wissen, — ich, Dein Bruder, sage, daß Du ein Schleicher und Heuchler bist."
Er wandte sich dann und ging. Bruno wollte ihm nach, aber sein Vater riß ihn zurück.
„Willst Du das auf Dir sitzen lassen?" frug Bruno den Vater.
„Stille, Bruno!" gab dieser zurück. „Soll ich wieder schelten, wo ich gescholten bin? Nein, laß ihn, er ist nicht recht bei Sinnen."
• *
Wir übergehen einen Zeitraum von fünf Jahren. In dieser Zeit hatte Veilchen den Erlenhof öfter besucht- er machte dort -'sichtlich gute Geschäfte, denn wenn er im Wirths- hause „zum goldenen Bienenkorb" einkehrte, lächelte er jedesmal und leistete sich eine Flasche Rothwein, was er sonst nicht leicht that.
Ganz Langendorf schüttelte die Köpfe über die feindlichen Brüder und selbst Herr Pastor Klaus begann an Christoph zu zweifeln, denn dieser kaufte noch zweimal Landcomplexe von Veilchen, welche früher zum Erlenhof gehört hatten.
Dort war inzwischen das Elend auf das Höchste gestiegen. Jacob fröhnte dem Trünke und das vollständige Verderben hielten nur Philipp und der alte, grauhaarige Vater Velten auf. „Prinzeß Ilse", wie sie allgemein genannt wurde, die schöne Tochter Jacobs, weilte mit ihrer Mutter bei deren Bruder, dem Klosterhofbauer, denn der Vater war bereits gestorben. Der Verfall des Erlenhofes war durch nichts mehr aufzuhalten, wenn es so weiter ging.
Aber nun kommt ein Stück in unserer Geschichte von dem bekannten Märlein, das ewig neu bleibt und so Manchem das Herz zerbricht. Bruno, der stolze Bruno, hatte sein Herz on die „Prinzessin Ilse" verloren. Erwiderte Ilse seine
Neigung? Bruno war jetzt Arzt in Meilenstein, eine Meile von Langedorf. Ilse Wiedersehen und sein Herz an sie verlieren, war eins. Sie schien ihm geneigt — aber ihre Mutter, ihr Vater? Was sollte da werden bei dem bitteren Haß zwischen den Familien? Auf der anderen Seite bestand eine offene Zuneigung zwischen Philipp und seiner Cousine Margareth in der Mühle. Dieses ahme nun Christoph - er hinderte die Sache nicht, aber er seufzte oft und wandte den Kopf ab, wenn Philipp heimlich am Grenzzaun stand und mit Margareth, dem lieben einfachen Mädchen, plauderte. Wer sich nun fand, das waren Bruno und Philipp. Sie wurden Freunde, vertrauten sich wechselseitig ihr Geheimniß und schworen sich Freundschaft und gegenseitigen Beistand. Auch Herr Ahlers, der neue Lehrer, hatte in der Mühle ebenfalls einen Magneten gesunden, nämlich die kleine Lisa, die jetzt ein stattliches junges Mädchen geworden war. Herr Christoph und Frau Dörte sahen das nicht so ungern, nur hatten sie noch Bedenken wegen Lisas Jugend.
Soweit wäre nun alles gut gewesen, wenn nicht die Feindschaft zwischen den Steffens gewesen wäre.
An einem warmen Sommerabend hatte sich Philipp auch wieder an die Grenzhecke geschlichen und tauschte mit der Margareth Liebesworte aus - da stand plötzlich Jacob Himer seinem Sohne, schlug in höchster Wuth nach ihm und schrie seine Nichte an: „Du infame Schlange, willst Du mir den gutmütigen Jungen auch in Eure Schlingen locken?"
Sprachlos stand Margarethe da, dann entgegnete sie weinend: „Was habe ich Dir denn gethan, Oheim, daß Du mich so beschuldigst? Schäme Dich, daß Du uns so verfolgst!"
Damit verschwand sie in der Dämmerung. Jacob SteffenS aber ging in sich gekehrt heim. (Fortsetzung folgt.)


