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Nr 127 Erstes Blatt. Sonntag den 3. Juni
1894
Der Htthener Äeitlflft crschkint täglich, mit AuSnahmr dk- MontagS.
Die Gießener Familien blätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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2lints- und Zlirzeigeblutt für beit Krei» (ßiefeem
Annahme van Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Barm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Hießener Aamikienblätter.
Alle Annoncen-Lureaux des In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den .Gießener Anzeiger- entgegen.
Amtliche» Theil.
Gefunden: 1 Brosche, 1 Vorstecknadel, 1 Spazierstock, 2 Handschuhe, 1 Paar Filzschuhe, 1 Turnschuh, 1 Brieftasche, 1 Gesangbuch, 2 Notizbücher, 1 Rasirmesser, 1 Benzinlampe, 1 Kindermütze, 1 Ueberzieher, 1 Stück Stoff, 1 Regenschirm (aus unserem Meldebureau stehen geblieben) und 1 Hemmgeschirr von einem Wagen.
Gießen, den 2. Juni 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutscher Reich.
Berlin, 31. Mai. Für die beim 1. und 17. Armeecorps tm September abzuhaltenden Kaisermanöver ist jetzt folgende Zeiteintheilung ergangen: 1. Armeecorps:
5. September große Parade bei Königsberg, 6. September CorpSmanöver bei Königsberg, 7. und 8. September Märsche in die Gegend zwischen Elbing und Braunsberg, 9. September (Sonntag) Ruhe, 10., 11., 12. September Manöver gegen daS 17. Armeecorps zwischen Elbing und BraunSberg. 17. ArmeecorpS: 7. September große Parade bei Elbing, 8. September CorpSmanöver bet Elbing, 9. September (Sonntag) Ruhe, 10., 11., 12. September Manöver gegen -aß 1. ArmeecorpS zwischen Elbing und BraunSberg.
Plaueu, 1. Juni. In der Stichwahl im ReichStagS- Wahlkreise Plauen-OelSnitz wurd Gertfch (Socialdem.) mit 12,582 Stimmen gewählt - Uebel (nationalliberal) erhielt 10,874 Stimmen.
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Neueste Nachrichten.
Deveschen deS Bur een .Herold".
Berlin, 1. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." dementirt die Blättermeldung von der angeblich beabsichtigten Reise des Kaisers Wilhelm nach Bad EmS zum Besuche deS Königs von Schweden.
Berlin, 1. Juni. Wie der „NeichSanzeiger" mittheilt, wurde heute Bormittag von den Aerzten Bergmann, Leuthold und Schlange auS der linken Wange des Kaisers eine kleine Balggeschwulst entfernt. Die Operation wurde ohne Narkose vollzogen.
Berlin, I.Junt. In der heutigen Sitzung der Silbercommission hat die Vernehmung der Fachleute begonnen. Am Montag sollen die Arendt'schen UebergangSmaßregeln verhandelt werden.
Berlin, 1. Juni. Im Reichsjustizamt ist ein Statut ausgearbeitet worden, welches die Herbeiführung einer gleich
mäßigen Behandlung der Strafgefangenen in den einzelnen Bundesstaaten bezwecke. Der Entwurf liegt gegenwärtig den Etnzelregierungen zur Begutachtung vor.
Wien, 1. Juni. Der mit der Neubildung des CabinetS betraute Graf Khuen-Hederwary beabsichtigt, sein Ministerium auS Mitgliedern der liberalen Partei zu bilden und die kirchenpolitischen Vorlagen aufrechtzuerhalten. Der Kaiser verweigerte Wekerle die erbetene Ermächtigung zum Pairsschub, wodurch Wekerle zur Demission gezwungen war. In Budapest herrschte, wie von dort gemeldet wird, nach dem Eintreffen der Nachricht von dem Sturze Wekerles große Aufregung. Riesige Menschenmaffen durchzogen unter den Rufen: „Eljen Wekerle!" die Straßen. Der liberale Club zog in seiner Gesammtheit auf den Bahnhof, um die von Wien zurückkehrenden Minister zu empfangen.
Wien, 1. Juni. Nach auS Petersburg hier eingegangenen Nachrichten sind die Meldungen über das entdeckte, gegen den Czaren gerichtete Complott stark über» trieben. Weder in der Umgebung von Smolensk sind Minen entdeckt worden, noch ist in Finland eine aufrührerische Bewegung zu verzeichnen.
Prag, 1. Juni. Die Auflösung der Stadtvertretung und Einsetzung eines RegierungßcommiffarS für Prag steht unmittelbar bevor.
Paris, 1. Juni. Die republikanischen Blätter feiern die gestrige Kammersitzung als den siegreichen Beginn der Amtsthätigkeit der neuen Minister.
Belgrad, 1. Juni. Wie daS Journal „Videlo" aus Sofia meldet, befinden sich Stambulow und seine bisherigen Mtnister-Collegen in ihren Häusern in Hausarrest und sind unter polizeiliche Ueberwachung gestellt. — In Belgrad glaubt man, daß die neue bulgarische Regierung, durch die Verhältnisse gezwungen, eine Annäherung an Rußland versuchen wird. Diese Annäherung wird nach Ansicht politischer Persönlichkeiten auch eine Rückwirkung auf Serbien haben.
Sofia, 1. Juni. Die Tumulte haben sich gestern Abend wiederholt- eS kam zu heftigen Zusammenstößen mit dem einschreitenden Militär.
Madrid, 1. Juni. Die Regierung ließ an alle fünf Grenzämter die stticte Weisung ergehen, alle deutschen Producte, welche unter Ursprungszeugnissen anderer Nationen die spanische Grenze passiren sollten, sofort zu beschlagnahmen.
Rom, 1. Juni. Im Vatican traf vom russischen Ge- sandten am römischen Hofe die Nachricht ein, daß Rußland I nunmehr endgiltig die Errichtung einer russischen Dele- I gation beim päpstlichen Stuhle beschlossen habe.
Washington, 1. Juni. Der Senat nahm die zollfreie Einfuhr von Bauhölzern an.
Berlin, 2. Juni. Der Kaiser verblieb gestern Abend in bestem Wohlsein bis 10'/, Uhr im Arbeitszimmer und erledigte in gewohnter Weise die laufenden RegierungSgeschäfte. Er nahm heute Vormittag den planmäßigen Vortrag deS Chefs deS MilitärcabinetS entgegen.
Der Liegeuer Bankkrach vor Gericht.
W. Siegen, 2. Juni.
Zum zweiten Male beginnt am Montag vor hiesiger Strafkammer der SensationS-Proceß gegen die vier Angeklagten, durch welche der „Siegener Bankverein", ein Credit-Jnstitut, dessen Actionäre größtentheils den breiten Dolkskreisen entstammen, ruinirt und um 3 bis 4 Millionen Mark gebracht fein soll. Dieser Proceß ist bekanntlich bereits im Februar an zwei Tagen verhandelt und vertagt worden, um feftzu- stellen, ob die Angeklagten, welche behaupten, daß sie für sich selbst keinerlei Vortheile gehabt haben, etwa BcrmögenSstücke beseitigt haben, in welchem Falle eS sich um daS schwere Delict deS betrügerischen BankerottS handeln würde. Es wurde beschlossen, behufs Feststellung in dieser Richtung die Letter jener Berliner Bankhäuser zu laden, bei denen die Unsummen seitens der Angeklagten verspeculirt worden sind.
Die Angeklagten sind der frühere Director deS „Siegener Bankverein" F. Brüggemann, der Kassirer deS genannten Institutes I. Kölsch, der Kaufmann LouiS Schröder, Vorsitzender des AussichtSratheS der Bank und der Kaufmann und Mühlenbesitzer W. Franz-Weidenau (bei Siegen). Die den Angeklagten zur Last gelegten Straftaten gehen aus Folgendem hervor: Brüggemann war seit 1884 Director deS Credit-VereinS, späteren Siegener Bankvereins und hatte mcl. Tantiemen einen Gehalt von ca. 7500 Mark. Kölsch hatte 3000 Mark Gehalt, ca. 3500 Mark Tantiemen und beide Angeklagte waren vom Bankverein in Lebensversicherungen etngekauft, resp. Brüggemann, der abgelehnt wurde, durch 1 % Tantieme entschädigt. Bereits im August v. I. tauchten Gerüchte bezüglich schlechten Standes des Bankvereins auf, die jedoch durch „Eingesandts" in der Presse dementirt wurden, während man „volles Vertrauen" zu der Verwaltung verlangte. Jndeß war das VertuschungS-Syste« unnütz, weil der Bankverein bereits mit zu großen Summen engagirt war, es sich um Millionen handelte und der Krach unausbleiblich war. Zuerst wurde der Kassirer Kölsch und Ende August Brüggemann seines Amtes enthoben. Jetzt wurde der Krach in seinem ganzen Umfange offenbar. Eine große Aufregung und Erbitterung griff unter dem Publikum
^uilkton.
Bas Auarkbrod. *)
Historische Skizze von P. E. von Azeg.
("Nachdruck verboten.)
Motto: O, das war noch eine köstliche Zeit.
Bor der Thüre eines in der JobanniSgasse des Herzoglich Altenburgischen Städtchens Eisenberg belegenen Hauses stand an einem Herbstabend des Jahres 1760 ein junges Mädchen.
Hätte die freundlich leuchtende Scheibe des Vollmonds nicht am Himmel gestanden, so würdest Du, trotzdem die Gasse schmal war, von dieser Hauptperson unserer kleinen Erzählung höchst wahrscheinlich nichts bemerkt haben, denn zu jener Zeit war die Straßenbeleuchtung selbst mit Oellampen in einem Orte von der Größe Eisenbergs und hier im Ostkreise des Herzogthumö, dicht am Fuße des Thüringer WaldeS, noch eine vollkommen unbekannte Sache, und der wohllöbliche Magistrat überließ eS den Bürgern der seiner Obhut an- vertrauten Stadt, wenn je einer von ihnen daran dachte, nach dem Abendbrode die heimische Schwelle zu verlassen und einen oder auch zwei Krüge selbstgebrauten Bieres, dessen Preis nur wenige Pfennige betrug, bei seinem Gevatter Schneider oder Handschuhmacher zu trinken oder sich dabei von dem zu unterhalten, wa- draußen im Lande pasfirte, den Heimweg so gut oder schlecht es eben gehen wollte, bei dem Lichte der Laterne zu suchen, die er mit sich zu führen hatte.
Bei dem freundlichen Lichte des MondeS also, daS hell in die Gasse fiel, vermochtest Du das Mädchen deutlich zu erkennen. Sie mochte in dem Anfänge der zwanziger Jahre
Anmerkung. Ouark ist in Sachsen undThüringen das, was man hier Schmierkäs oder Käsematte nennt. Red.
stehen und wenn auch ihr Geficht nicht gerade schön zu nennen war, so wurde es doch durch den Ausdruck wahrer HerzenS- güte, der aus ;edem ihrer Mienen sprach, verklärt und veredelt. Eins nur fehlte diesem Gesichtchen, was und die Jugend so frisch und anmuthig erscheinen läßt: die lebhafte Farbe, daS blühende Colorit.
DaS Mädchen wartete offenbar auf Jemanden, denn eS schickte die Augen fleißig die Gasse hinunter und lauschte auf jedes sich nähernde Geräusch- aber eS schien, als ob der heutige Abend ihre Erwartungen nicht erfüllen sollte.
Ein paar Mädchen kamen mit vollen Eimern vom Brunnen.
„Wartest Du auf Deinen Schatz, Käthe k" rief die eine, „der kommt heute nicht."
„WaS verschlägtS," lautete die Antwort, „sieh Du nur zu, Martha, daß Deiner nicht auSbleibt."
Lachend verschwanden die Mädchen in den nächsten HauSthüren.
Und jetzt kam ein fester Schritt die Gasse herunter- man hörte schon am Schall, daß es ein Männersuß war, der auftrat. Die Liebe hört vorzüglich. Käthe kennt den Schritt und ging dem Kommenden entgegen.
„Guten Abend, mein Mädchen," sagte der junge Mann, als er mit ihr zusammentraf, und reichte ihr die Hand.
„Guten Abend, lieber Heinrich," erwiderte sie, aber in ihrem Tone lag deutlich ausgeprägt, daß sie sich mit schwerwiegenden mid niederdrückenden Gedanken trug, ^daß eS dem jungen Menschen gleich schwer auf» Herz fiel.
Er mochte etwa vier oder fünf Jahre alter sein alS fie- seine lang aufgeschossene, aber kräfttge und muskulöse Gestalt überragte sie beinahe um Kopfeslänge.
Er ließ ihre Hände los und hob ihr daS Rinn empor, so daß ihre Augen fest ineinander ruhten.
„Neue Sorgen zu den alten, Käthe?" fragte er. „WaS hat es denn wieder gegeben?"
„Ach, Heinrich," erwiderte sie und barg ihren Kopf en seine Brust, dem unaufhaltsamen Thränensttom freien Lauf lassend, der ihren Augen entquoll, „waS kann eS weiter geben, als die ewige Wiederholung der alten Geschichte, daß wir von einander lassen sollen."
„Behandett Dich der Vater unfreundlich, Käthe?"
„Nein, Heinrich, er war heute wie immer ernst, aber freundlich. Du weißt ja selbst genug, daß er Dir nicht Übel gesinnt ist und daß er unserer Verbindung nicht entgegen sein würde, wenn wir nur nicht so arm wären, Heinrich. Diese Armuth ist unser Fluch, der unS endlich trennen wird, denn heute —*
„Nun, Käthe, heute?"
„Herne war Meister Schwammiger, der Weber au» der Holzgaffe, beim Vater und hat erklärt, daß er mich hei- rathen wolle."
„So, und was hat Dein Vater ihm für eine Antwort gegeben?"
„Er solle in acht Tagen wieder anfragen, dann werde sich die Sache schon machen."
„Ja, ja, Käthe, Du hast Recht, die Armuth ist unser Fluch und reißt unS auseinander! WaS kann ich gegen einen solchen Freier thun, der HauS und Hos hat, Bürger und Meister ist, während ich armer Drechslergeselle kau« mehr mein nenne, als waS ich auf dem Leibe trage."
„Heinrich, verliere Du nicht auch den Muth noch, da mir ohnehin daS Herz überquillt, sondern halte Demen Verstand zusammen, und überlege mit mir, ob unS kein Ausweg offen steht, ob wir in diesen bis zu de» VaterS Entscheidung offen bleibenden acht Tagen kein Mittel zu entdecken vermögen, daS unS und sei es auch nur eine entfernte Hoffnung darauf macht, daß wir künftig zusammengehören dürfen."
(Fortsetzung folgt.)
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