Nr. 127 Drittes Blatt. Sonntaa den 3. Juni
1894
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Amtlicher Lheil.
Straßen Sperre.
Die Kreisstraßen (Hießen — Daubringen und Daubringen — Mainzlar werden von Montag den 4. Juni l. I ab wegen Vornahme von Bauarbeiten an denselben bi» auf Weiteres für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.
Gieße«, den 1. Juni 1894.
Grobherzogliche- Krei-amt Gießen.
I. 93.: Dr. Melior.
Gießen, den 2. Juni 1894. Betreffend: Ausführung des Nahrungsmittelgesetzes, hier den Zinkgehalt amerikanischer Aepfel.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an (tir. Polizeiamt (Hießen und die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
ES ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß getrocknete Aepfel, insbesondere solche amerikanischen Ursprungs (evaporated apples) feilgeboten werden, welche in höherem oder geringerem Grade zinkhaltig sind, und es ist in der That wiederholt in dem bezeichneten Handelsartikel ein so hoher Procentsatz von äpselsaurem Zink vorgefunden worden, daß in Folge des Genusses der Waace laut gutachtlicher Aeußerung der Sachverständigen unzweifelhaft Schädigungen der menschlichen Gesundheit eintreten können. Unter diesen Umständen sehen wir uns veranlaßt, zum Schutz der Bevölkerung gegen sanitäre Gefahren auf dem bezeichneten Nahrungsmittclgebiet Ihre Aufmerksamkeit auf diese Waare hinzulenken. Zugleich empfehlen wir Ihnen, von Zeit zu Zeit Proben bei den betr. Verkaufsstellen zu erheben und durch das chemische Untersuchungsamt der Provinz Oberhessen untersuchen zu lassen. Gegebenen Fall- ist Strafanzeige auf Grund der §§12, 14 und 15 de- Nahrungsmittelgesetzes vom 14. Mai 1879 gegen die Verkäufer gesundheitswidriger Waare zu erheben.
lieber den Befolg dieser Verfügung und über die infolge derselben gemachten Wahrnehmungen wollen Sie uns bis zum 1. August d. I. Bericht erstatten.
v. Gagern.
Feuilleton.
Wochkndriesk aus der Rksidkn?.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 1. Juni.
Seoeralversammlung des Odenwaldclobs. — Die diesjährige vauthätigkeit. — Eine neue Rennbahn. — Allerlei.
Wie in Oberhessen der Vogelsberger Höhenclub eifrig an der Erschließung des BogelSberges für die Touristenwelt arbeitet, so wirkt nicht allein in der hessischen Provinz Starkenburg, sondern auch in den benachbarten Theilen von Boyern, Baden und Preußen der Odenwaldclub mit schönem Erfolge für einen ähnlichen guten Zweck. Der von Jahr zu Jahr wachsende Touristenzufluß, der sich in unserem schönen hessischen Berglande seststellen läßt, belohnt diese Bestrebungen reichlich und führt dem tüchtigen Vereine ftetS neue Freunde und Mitglieder zu. Namentlich seitdem der Odenwaldclub einen practischen „Führer" hat erscheinen lassen und seitdem ein einheitliches Weg-MarkirungSsystem durchgeführt worden ist, das es auch dem mit der Gegend weniger Vertrauten ermöglicht, weite Ausflüge inS Gebirge zu unternehmen, ohne sich vom Jrregehen fürchten zu müssen, ist der Touristenverkehr bedeutend gestiegen. In diesen Tagen hat nun der Odcnwaldclub im alten Rodensteiner Neste Fränkisch- Erumbach seine Generalversammlung abgehalten. Von Darmstadt, als dem Sitze der größten Section, waren zahlreiche Mitglreder eingetroffen - viele hatten den ganzen Weg von der Residenz bis zu dem freundlichen Orte im vielbesungenen Gersprenzthal per pedes zurückgelegt, die anderen folgten mit der Bahn. Im Gasthaus zur Linde begannen die Verhandlungen. Wir entnehmen den statistischen Angaben, daß der Club nunmehr 2344 Mitglieder zählt, die sich auf 36 einzelne Sectionen vcrtheilen. Darmstadt allein hat eine (Section von 747 Mitgliedern. Besonders wirksame Propaganda hatte der Verein im letzten Jahre durch sein großes Reclameplacat, das mehrere Ansichten der schönsten Odenwald
Die (Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung
begann am 26. Mai in Weimar ihre 24. Hauptversammlung, der auch der Erbgroßherzog Karl August beiwohnte. Der Erste Vorsitzende Rickert eröffnete die Sitzung mit einer Darlegung der Entstehung der Gesellschaft. Die Gesellschaft ist begründet, um die Bevölkerung für die neuen Aufgaben der Nation vorzubereiten. Dem hohen Aufschwünge ist leider eine Ernüchterung gefolgt. Die Arbeit ist schwieriger geworden. Alle Wohlhabenden und Gebildeten sollen Helsen. Die Arbeit muß heute in größere Diesen stiegen, insbesondere auch aus daS Land ausgedehnt werden. Der Culturbesitz gehört allen und nützt allen. Was unsere großen Denker und Dichter verarbeitet haben, ist Eigenthum des ganzen Volkes. Nach einer Reihe von Begrüßungen wird von dem Generalsecretär I. TewS-Berlin Bericht erstattet. Die Hauptthätigkeit liegt in den einzelnen Ortsvereinen. Allein in den Vereinen des Landesverbandes für daS Königreich Sachsen sind im letzten Jahre 1700 Vorträge gehalten und 60 000 Mk. für Bibliotheken auSgegeben worden. Dem gegenüber treten die Leistungen der Centralstelle und der Verbände zurück. Die Gesellschaft wandte im letzten Jahre 34 421 Mk. auf. An öffentlichen Borträgen wurden 125 auf Kosten der Centralstelle gehalten. An öffentlichen Volksbibliotheken wurden 37 unterstützt oder neu eingerichtet, 25 Gesuchen konnte noch nicht entsprochen werden. Emen besonderen Erfolg hat die Gesellschaft mir der Veranstaltung von VolkSunterhaltungSabenden gehabt, so namentlich in Düsseldorf, Bromberg, Kiel, Dresden, Bremen. Die Gesellschaft hat zur Zeit 934 körperschaftliche und 2703 persönliche Mitglieder. Zahlreich beigetreten sind im letzten Jahre Bildungsvereine, Magistrate und Lehrervereine. Reichstagsabgeordneter Dr. Pachnicke hebt in seinem Vortrage „Der Sonntagsunterricht in der Fortbildungsschule" hervor, welchen Werth es habe, wenn das in der Volksschule Gelernte in der Fortbildungsschule befestigt und in Berücksichtigung der BerusSintereffen erweitert werde. Die Spitze des gewerblichen Unterrichtswesens bilde das Zeichnen, insbesondere daS Fachzeichnen, das die Brücke zum Kunfthandwerk schlage. Aus dem § 120 der Gewerbe-Ordnung ergießt sich, daß daS Verbot des Sonntagsunterrichts sich nur auf anerkannte Fortbildungsschulen bezieht, nicht auf Fachschulen und nichtanerkannte Fortbildungsschulen. Auch würden nur junge Leute unter achtzehn Jahren betroffen. ES sei also nicht eine Vernichtung, sondern nur eine Erschwerung deS Fort
punkte im Bilde vorführt, machen können. (In Gießen ist auf Burg Gleiberg ein solches Placat ausgehängt). DaS laufende VereinSjahr wird für den Club wohl durch die Errichtung deS Ohly-Denkmals in Neunkirchen von besonderer Bedeutung werden. Ein junger hessischer Bildhauer, Ludwig Habich, hat dazu einen meisterhaften Entwurf geliefert, der nun demnächst auSgeführt werden soll. Als Standort für das Denkmal ist nun von der Generalversammlung nach manch heftiger Debatte Neunkirchen gewählt worden, während Lichtenberg, welches das Monument gern in seinen Mauern haben wollte, als Standort verworfen wurde. Die übrigen Verhandlungen werden für Ihre Leser nicht von großem Interesse sein, sie betrafen meist geschäftliche Dinge. Dem Club aber sei auch an dieser Stelle nochmals für seine fernere Thätigkeit im Interesse unseres schönen hessischen Berglandes ein herzliches „Glück auf!" zugerufen, möge ihm auch die Zukunft so reiche und wohlverdiente Erfolge bringen, wie die Vergangenheit. Die Generalversammlung deS nächsten Jahres soll im idyllisch gelegenen „Zipfen", am Fuße deS OtzbergeS, stattfinden.
Vor etwa Jahresfrist berichtete ich den Lesern des „Gießener Anzeiger" über das wahrhafte Baufieber, daS die Residenz mit einem Male ergriffen zu haben schien. In der That sind seit dem vorigen Jahre ganze Stadttheile auS dem Boden herauSgewachsen und — daS ist das erfreuliche — auch bereits bewohnt. Wer die Stadtviertel im Sudosten und Nordwesten der Residenz lange nicht mehr besucht hat, wird erstaunen, welche Veränderungen sich hier seststellen lassen. Darmstadt hat sich ganz colossal ausgedehnt und hat an Umfang enorm zugenommen. Freilich auf die unnatürlich rege Vauthätigkeit ist ein nothwendiger Rückschlag erfolgt, und in diesem Jahre geht es viel stiller zu, als 1893. Wahl wird auch Heuer viel gebaut, dach nehmen gegenwärtig wohl die großen gemeinnützigen Bauten, vor Allem der Riesenbau der neuen Technischen Hochschule und der kleinere der Johanneskirche die meisten Arbeitskräfte in Anspruch. Daß aber jetzt, wo die Stadt so sehr gewachsen ist, der Bau einer richtigen Trambahn ein dringendes Bedürsniß gewotden
bildungSuntenichtS am Sonntag. Der SonmagSunlerricht fei eine alte Einrichtung, neu sei nur der kirchliche Widerstand gegen diese Einrichtung. Die jungen Leute aber würden nicht ohne Weiteres in die Kirchen gehen, sondern an Orte, wo sie weniger gut aufgehoben sind, als in der Schule. Der Zeichenunterricht könne an keinem anderen Tage ausreichend gepflegt werden, die Schüler wie die Lehrer feien nicht hinreichend frei. Um sich mit dem Gesetz abzufinden, errichte man offene Zeichensäle, wie sie in Berlin (Gewerbesaal), Württemberg, Oesterreich u. s. w. bestehen. Diese fallen nicht unter daS Gesetz. Auch die Erhebung ter Fon- bildungSschulen zu Fachschulen führe zum Ziel. Endlich seien (Surfe für Erwachsene gestattet. Der Kamps gegen daS Gesetz fei dadurch nicht aufgegeben. Auf keinen Fall dürfe der Zeichenunterricht eine Einbuße erleiden, denn er bilde Farmensinn und Geschmack, schaffe daS rechte Augenmaß und die nöthige Handfertigkeit. Dasjenige Volk fei auf dem Weltmärkte am stärksten, das am besten unterrichtet fei. Redner bringt folgende Resolution ein: „Die Generalversammlung der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung erklärt, daß der Zeichenunterricht bei seinem hohen Werthe für die gewerbliche Bildung unter keinen Umständen Einbuße erleiden darf. Soweit Fortbildungsschulen mit freiwilligem Besuch in Betracht kommen, empfiehlt sie deshalb, da, wo eine Verständigung mit den kirchlichen Behörden nicht gelingt, an Sonntagvormittagen offene Zetchenfäle zu errichten oder die Fortbildungsschulen, wo angängig, zum Rang von Fachschulen zu erheben, damit tn ihnen der Zeichenunterricht ohne Störung an Sonntagvormittagen sortgesührt werden kann." Dr. Keferstein - Jena und Director Pache - Leipzig erklärten sich mit dem Berichterstatter einverstanden, falls sich feine Forderungen nur auf die freiwilligen Fortbildungsschulen beziehen, was der Berichterstatter bestätigt. Der Vorsitzende stellt die Uebereinftimmung mit den Ausführungen des Berichterstatters fest und hält darum eine besondere Abstimmung für überflüssig. Lehrer Kalb - Gera hält einen Bortrag „Was läßt sich zur Pflege einer gediegenen volk^thümlichen Bildung in Arbeiterkreisen thun?" und stellt eine Reihe von Sätzen auf, u. A. eine den Zeitverhältniffen und den Forderungen der Pädagogik entsprechende Umgestaltung der Volks- schule und des DolkSschulunterrichtS, den Weiterbau der Volksschule in den Fortbildung--, Fach- und höheren Schulen, die Pflege von Turn-, Gesang- unb Bildungsvereinen, Unter» richtScursen, Vortragsreihen, Volksbibliotheken, Unterhaltung-- abenben, gerechte unb weife Arbeiterschutzgesetze unb Anerkennung ber freien Berufsverbinbungen.
unb baß bte Dampfstraßenbahn aus ben Straßen ber Stadt hinaus gehört unb erst an ber Peripherie ihren Lauf zu beginnen hat, bas stellt sich mit jebem Tage mehr heraus, unb wir wollen nur hoffen, baß bte noch vor Kurzem so lebhaft besprochene Frage nach einer electrischen Trambahn, bie gegenwärtig ganz zu ruhen scheint, recht halb wieder hervorgeholt und endlich auch einmal entschieden werde. Daß ihre Einrichtung nachgerade eine Nothwendigkeit geworden ist, kann von Niemandem mehr geleugnet werden, wenn sie auch freilich von den Darmstädter Droschkenkutschern nicht besonder- freudig bewillkommt werden wird.
Bon einem neuen sportlichen „Ereigniß" kann unser heutiger Brief ferner berichten. Der Rad fahr erverein ist nun auch dem Beispiel deS BicycleclubS und der Freien Radfahrervereinigung gefolgt und hat sich, wie diese, eine eigene Rennbahn erworben. Der Platz liegt an der Heidel- bergerftrafee und soll gleichzeitig als Spielplatz eingerichtet werden. An der Herstellung der Rennbahn arbeiten täglich zahlreiche Arbeiter - im Juli soll die feierliche Eröffnung durch ein großes Wettrennen festlich begangen werden. So gedeiht auch der Sport in Darmstadt fröhlich weiter und daß er hier leistungsfähige Vertreter besitzt, haben ganz neuerdings erst die großen Frankfurter Rennen am vergangenen Sonntag bewiesen.
Das mittelrheinische Musikfest rückt indessen immer näher heran. Die Festhalle wird bereits in Stand gesetzt. Sie soll bekanntlich einen besonders prächtigen und originellen Schmuck erhalten- die Darmstädter Handelsgärlner- Bereinigung hat nämlich beschlossen, während der Dauer de- Feste- in der Fefthalle eine Ausstellung zu veranstalten, die so arranghrt werden soll, daß sie gleichzeitig eine prachtvolle Decoration zum Feste darstellt. Die- Anerbieten kam dem Festausschuß natürlich sehr erwünscht unb in ber That ist biese Bereinigung des ,Utile cum dulci“ sehr glücklich und practisch ausgedacht. Wir werden bald Gelegenheit haben, über den Erfolg deS Näheren zu berichten.


