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Nr 102
Der Kie^ener Aazeiger erschnnl täglich, mit AuSnahnir bc» Montag»
Dir Gießrnrr Pamirienvrälter »rtben btm Bnjcigcr wochrnklich brtimal bcigrlcgt.
Erstes Blatt.Donnerstag den 3. Mai
1894
Meßmer Anzeiger
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Zlints- und rliizeigeblatt für beit Ureis <fitef$cn.
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eingctretenc Zersplitterung in characteristischer Weise, nicht weniger als sechs Eandidcttcn bewerben sich um das erledigte Mandat, nämlich der bisherige Inhaber desielben, Graf Kanitz-Flatow (cons.), Rittergutsbesitzer Hilgendorff-Patzig (Bund der Landwirthe), LandgerichtSrath Neukirch-Kanitz (lib.), Decan Neumann Hammcrftcin (Centr.), v. Mosch (Antisemit) und Gutsbesitzer v. ProndzynSki-Gr.-Lohburg (Pole). Sine Stichwahl ist also sehr wahrscheinlich, doch dürfte daS Mandat den Eonservativen verbleiben.
streben, weltfremde, einseitige, fürs practische Leben unbrauch- bare Leute sind oder werden. Erscheinungen dieser Art, wo sie vor kommen, sind Krankheitserschelnungen. Wem daS Der- ständniß für die obere Welt aufgegangen ist, der sucht waS droben ist, aber er steht auch klaren Blickes und festen Fußes in der Erdenwelt und trachtet darnach, seinen irdischen Beruf als einen Beruf für den Himmel im Dienste seines Heilandes zu erfüllen und denen, die ihm als die Seinigen gegeben sind, ein Wegweiser zur ewigen Heimath zu werden.
eine Welt! Unsichtbar freilich, unerforscht, aber sie ist da, dte Welt deS unsichtbaren, heiligen, barmherzigen, in Christo geoffenbarten GotteS, das Ziel und die ewige Heimath derer, dte durch ihn GotteS Kinder geworden sind. Himmelan geht unsere Bahn, wir sind Gäste nur aus Erden. Das verklärt unser Leben im Staube. Wenn« uns anmuthet hier drunten, wie dem Pilger in der Fremde, — Himmelfahrt wird unS zum Wegweiser nach der ewigen Heimath.
Jn die Höhe gehen unsere Blicke, wenn wir heute vom HimmelfahrtSderge wie die Jünger dem Herrn nachschauen- und wenn wir die Blicke abwärts senken, wie groß, wie herrlich erscheint daS Erdenleben in diesem LichteAlle Arbeit und aller Kampf ein Dienst dem ewigen Könige. Alles Wandern durch Höhen und Tiefen eine Wallfahrt nach der ewigen Heimath!
ES ist ein großer Jrrthum, .daß Diejenigen, die aus dem Staube des Irdischen empor nach der ewigen Heimath
Ausland.
— Die österreichische Hauptstadt ist zur Zett der Schau- platz verschiedener MassenstrikeS, unter denen namentlich der Ausstand der Tischlergesellen und weiter derjenige der Maurer und ihrer Hilfsarbeiter hervorragen. Die strikenden Maurer veranlaßten im Vereine mit anderen Beschäftigungslosen am Montag nicht unerhebliche Straßenaufläufe in den Bezirken Ottakring und Hernals, erst nach Aufgebot zahlreicher Wachmannschaften konnte die Ruhe wiederhergestellt werden. Im- Ganzen wurden von der Polizei etwa 20 der Hauptscandal- wacher verhaftet- einige Wachleute erhielten durch Steinwürfe Verletzungen, anderseits wurden zwei Tumultuanten von einem Polizisten durch Revolverschüsse leicht verwundet.
Astc Annoncen-Bureaux be» In- unb AuSlanbe» nehmen Anzeigen für ben „Gießener Anzeiger- entgegen.
Deiche, Reich.
Darmstadt, 1. Mai. Seine Königliche Hoheit der ! Großherzog empfingen heute das Bureau der Zweiten ! Kammer der Stände behufs Entgegennahme einer Glückwunsch- i adresse anläßlich der Verlobung Ihrer Grobherzoglichen Hoheit
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correfpondenz-Bureau.
Wiesbaden, 1. Mai. Zum Landrath des Kreises Biedenkopf wurde Regierungsasieffor von Heimburg ernannt.
Erfurt, 1. Mai. Die Thüringer Gewerbe- und Industrie-Ausstellung wurde heute vom Regierungspräsidenten v. Brauchitsch mit einem Hoch auf den Kaiser und die thüringischen Fürsten eröffnet. Der Redner wies in der Eröffnungsansprache auf die hohe wirthschaftliche Bedeutung der Ausstellung für Thüringen und die propagandistische Eigenschaft des Unternehmens hin. Wenn die Thüringer Erzeugnisse auch bekannt wären, so seien sie doch noch nicht auf einer größeren Ausstellung vereinigt gewesen.
Mantua, 1. Mai. Im EingakigSthor des hiesigen CasinoS wurde eine Bombe gefunden, jedoch ohne Lunte.
London, 1. Mai. Auf dem Corridor der an die Guildhall angrenzenden Gemäldegallerie wurde heute Nachmittag eine Bombe gefunden, die sich jedoch als unschädlich herausstellte. Man glaubt, eS handle sich um einen bloßen Unfug.
der Prinzessin Alix.
Berlin, 1. Mai. Um das Schicksal des wichtigsten Gesetzentwurfes der gegenwärtigen Landtagssession in Preußen, der Vorlage über die Landwirthschaftkammern, ist es recht fraglich bestellt. Allerdings hat daS Abgeordnetenhaus den grundlegenden § 1, sowie die meisten übrigen Besttmmungen deS Entwurfes in zweiter Lesung angenommen, aber gerade der wesentlichste Theil deffelben, der in den §§ 6 bis 15 vom Wahlverfahren handelt, ist gescheitert. Nachdem bereits die nochmaligen Commissionsverhandlungen über diese Paragraphen resultatlos verlaufen waren, sind sie nun auch im Plenum abgelehnt worden, welches sich am Montag mit den Bestimmungen über das Wahlrecht beschäftigte. Sowohl die einzelnen Paragraphen (§§ 6 bis 15, § 27a und § 28) als auch die gestellten DermtttelSanträge fielen, wobei sich die sonderbarsten Gruppirungen ergaben. Ob eS gelingen wird, wenigstens in dritter Lesung noch eine Verständigung in Bezug auf das Wahlverfahren zu erzielen und hierdurch das ganze Gesetz doch noch zu retten, erscheint vorläufig ziemlich zweifelhaft.
— Wilhelm v. Rauchhaupt, der frühere Führer der eonservativen Partei in Preußen, ist gestorben. Der Verstorbene gehörte lange Jahre dem preußischen Abgeord- netenhause wie dem Reichstage an, in beiden Parlamenten hat er der eonservativen Sache wichtige Dienste geleistet.
— Zu denjenigen Reichstagswahlkreisen, in denen in nächster Zeit Ersatzwahlen vorzunehmen sind, gehört auch der westpreußische Wahlkreis Schlochau-Flatow. Deffen bisheriger Vertreter, der conservatire Graf Kanitz, hatte sein Mandat niedergelegt und hierdurch die Neuwahl veranlaßt, er candidirt aber jetzt selber wieder. Auch bei dieser Parlamentswahl zeigt sich die in unserem Parteileben
Jn die Höhe richtet das Himmelfahrtsfest unsere Blicke. Im Staub deS alltäglichen Lebens wird uns der Blick auf den Himmel mannigfach verdunkelt. Unser Beruf bindet unS an daS Vergängliche - dem Kaufmann gehen die Maaren durch die Hände- der Gelehrte vergräbt sich in seine Bibliothek, in sein Laboratorium, die Tiefen der sichtbaren Welt zu durchforschen- der Politiker verfolgt mit Jntereffe die Drehungen des Rades der TageSgeschichte, selbst in die Speichen greifend mit kühner Hand. Der Landmann zieht seine Furchii in die Erde und vertraut ihr seine Saat, um daS tägliche Brod für Viele mitzuschaffen. Die Hausfrau geht auf in häuslichen Mühen und Sorgen, der Arbeiter ringt im Schweiße seines Angesichts für sich und die Seinen um die Existenz,
dem Industriellen dröhnt das Rasseln seiner Maschinen im . Ohr, daß er schier taub wird für alle andern Stimmen. | Alles dreht sich umS Irdische, in dem ruhelosen Arbeits- und t Genußleben der Gegenwart - unter dem Raffeln der Maschinen und dem Pfeifen der Locomotiven, unter dem Zank und Zorn und Kampsgeschrei der Parteien geht Vielen der Sinn
für daS Ewige verloren.
Da ist - als riffe ein Windstoß das Fenster auf, und in den Staub hinein fährt- wie ein frischer Lusthauch, ins Dämmergrau hinein blitzts wie ein heller Lichtstrahl.
ist Himmelfahrt!
Hallelujah, wie lieblich stehn Hoch über uns deS Himmels Höhn Seit du im Himmel sitzest!
Da blicken wir aufwärts. Ja, ja, da ist auch
^uilleton.
Um ein Haar.
Humoreske von W. Anthony.
(Schluß.)
„Aber Agnes, die Anfrage war ja eigentlich nur ein Scherz !"
„Ein Scherz'? Du hast bitteren Ernst daraus gemacht. Aber so beginnt Ihr Männer ja stets die Unterjochung der armen Frauen. Alle meine Freundinnen haben mich davor gewarnt. Ich wollte ihnen nicht glauben. Jetzt aber sehe ich den Abgrund zu meinen Füßen!"
„Den Abgrund? Du wirst beleidigend. Abgrund! Bin ich und ist die Ehe mit mir ein Abgrund?"
„Wenn Dir der Ausdruck zu scharf ist, mir scheint er recht bezeichnend."
Und mit diesen Worten ging sie, blutroth im ganzen Gesicht wie eine Pfingst-Pänonie, ohne Gruß und weitere Erklärungen raschen Schrittes davon.
Ernst blickte sich um, zum Glück war in dieser abge- legenen Gegend kein Zeuge der peinltchen Scene, denn das Erste, was ihn überkam, war das Gesühl einer unverdienten Demüthigung. Dann aber ergriff ihn eine Art von innerer Empörung, daß er so lange diese schmachvolle Behandlung geduldet, und als sei er plötzlich von einer thörichten Verblendung geheilt, rief er aus: „Sie können ja den Abgrund vermeiden, mein Fräulein! Ich, aber ich — Onkel, Du bist ein reifer Menschenkenner! Freilich wird er mich ein wenig hänseln und verspotten — aber gleichviel! Danken wir dem Himmel, daß es heute noch Zeit ist, dem Fräulein den Sprung in den Abgrund zu ersparen."
Agnes war längst in ihrem mütterlichen Hause verschwunden', als er endlich sich von der verhängnißvollen Straßenecke losriß. Jnstinctiv schlug er den Weg nach
Martinys Weinstube ein. Der Onkel sei mit einem dem Kellner unbekannten Gaste fortgegangen, so hieß eS. Also zum „blauen Affen". Aber auch dort wußte man nichts von Herrn Wachler. Ernst irrte durch die Gaffe wie Einer, der sich selbst verloren. Er suchte sein Logis auf, er wollte an Agnes schreiben. Vergebliches Unternehmen! Er sand nicht die richtigen Worte und er war sich auch über das Warum nicht klar. Wogte doch alles, was er soeben empfunden und erfahren, chaottsch durcheinander in seiner Seele, und wenn er auch allgemach sich etwas beruhigte und in seinem Benehmen nichts fand, was er als incorrect bezeichnen zu müffen glaubte, so schien doch immer mehr und mehr als eigentlicher Niederschlag dieser Scene in ihm ein Gefühl unendlicher Traurigkeit Platz zu greifen und zwar sowohl über den unersetzlichen Verlust seiner so heiß Geliebten, als auch über seine herbe Täuschung in Bezug auf den Character derselben.
Es litt ihn nicht lange daheim. Er drückte den Hut tief in die Stirn und rannte davon, ohne zu wissen, wohin?
„Wie ich nur so blind sein konnte," knirschte er in sich hinein. „Der Onkel hat Recht, das Stumpfnäschen sagts ja ganz klar und deutlich. Und der Zug um das Kinn! — Und doch, ach, ich möchte ja alles nur zu gern verzeihen, könnte ich den Vormittag nur auslöschen aus meinem Ge- dächtniß! Aber — eS ist unmöglich! Darum sei ein Mann! Welch ein Loos würde meiner harren? Die unberechenbaren Launen würden mich ins Irrenhaus bringen, daS steht bombenfest! Und wie schlau sie mir den Einblick in ihren Character vorenthielt- jetzt hab ich ihn sicher, so mag sie denken, wozu da noch Verstellung. Aber Sie haben sich verrechnet, Mademoiselle, wenn Sie glauben, eine Wachspuppe vor sich zu haben. Wir wollen zeigen, daß wir von Stahl sind und daß nichts unS rührt ober umstimmt, falls Sie etwa versuchen sollten — —"
Was war denn das, was ihm vor die Füße fiel? Eine rothe Rose? Wahrhaftig! — Jn solchen Augenblicken eine
neue Eroberung? Das konnte in der Thal verhängnißvoll werden. Er blickte empor — ein wehender Lockenkopf verschwindet hinter dem Fenster der Bel - Etage. Aber wo ist er? Ist das Spuk am Hellen Tage? Er befindet sich vor dem Hause seiner Braut. Was soll die Rose? Ist daS Spott?
Einen Augenblick schießt es heiß durch sein Hirn, dann aber nimmt er die Blumenbotschast auf und öffnet die Thür, denn es treibt ihn mit unwiderstehlicher Gewalt, der arglistigen Schönen sich nun in seiner vollen Mannesgröße zu zeigen. Moralisch zerschmettern will er sie, und dann gehen, gehen für immer.
Aus dem Hausflur rennt er fast mit der Köchin zu- sammen, welche ein Paar braune Stiefeletten in der Hand hält und dem Herrn Ernst in ihrem redseligen MittheilungS- bedürfniß zugleich mit der Meldung, daß das Entree oben offen stehe, auch die wichtige Entdeckung mittheilt, eS seien die neuen Schuhe vom Fräulein so enge gewesen, daß sie halb ohnmächtig vor Schmerz nach Hause gekommen. — O, dieser Schuster!
Jn drei Sätzen war Ernst oben und in vieren zu den Füßen der Geliebten und blickte nicht ohne stilles Lächeln auf zwei Goldkäferschuhe hernieder, welche an die Stelle der braunen Quälgeister getreten waren. Natürlich wurde von letzteren kein Wort geredet. Die wären's auch nicht werth gewesen. ES wurde überhaupt nicht geredet, wenigstens eine lange, lange Zeit nicht.
Er lag knieend vor ihr und sie hatte beide Hände auf sein Haupt gelegt. So schauten sie sich an, als sähen sie sich heute zum letzten Male, und nachdem nun beide aus dem tiefsten Grunde der Augensterne herausgefunden, daß auch die letzte Wolke von vorhin geschwunden sei, da endlich sanken sie sich in die Arme und besiegelten den Bund ihrer Herzen durch einen, nein, durch hundert Küsse.
„Bei einem Haar," flüsterte Agnes, „o, die gräßlichen Stiefelchen!"


