1894
Nr. 1. Erstes Blatt.
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Mittwoch den 3. Januar
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Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
ießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
Anntliche»^ Theil.
Bekanntmachung,
betreffend das Ersatz-Geschäft für 1894.
Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr- Ordnung werden alle im Jahre 1874 geborenen Militärpflichtigen, sowie die in früheren Jahren geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, oder welche hinsichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiung vom Militärdienste noch keine definitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben, oder in demselben als Studenten. Gymnasiasten und Zöglinge anderer Lehranstalten, oder als Haus- und Wirth- schaftSbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lchrburschen, Dienstboten, Fabrikarbeiter oder ihn ähnlicher Eigenschaft»sich aufhalten, hiermit aufgefordert, sich behufs Eintragung ihrer Namen in die Stammrolle in der Zeit vom 15. Januar bis zum 1. Februar l. I. bei der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres Aufenthaltsortes, zu melden und dabei, wenn sie an diesem Orte nicht geboren sind, ihren Geburtsschein und wenn sie sich bereits bei einer früheren Musterung gestellt haben, ihren Loosungs-Schein vorzulegen.
Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Diejenigen, welche die Anmeldung unterlassen, zu gewärtigen haben, daß sie mit einer Strafe bis zu 30 Mark oder mit Haft bis zu drei Tagen belegt, von der Theilnahme an der Loosung ausgeschlossen und ihrer etwaigen Ansprüche auf Zurückstellung rc. verlustig erklärt werden.
Bezüglich derjenigen Militärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend sind, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherrn zu diesen Anmeldungen verpflichtet.
Die Großhcrzoglichen Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lassen.
Gießen, am 2. Januar 1894.
Der Civilvorsitzende
der Großherzoglichen Ersatz-Commission Gießen.
Dr. Melior.
Deutsches Reich.
Berlin, 31. December. Ueber die nächsten Kaiser« m an^ver schreibt der „B. L.-A.": Obgleich die Vorarbeiten für die nächsten Kaisermanöver noch nicht abgeschlossen sind, so steht es doch schon, wie wir aus gut unterrichteten militärischen Kreisen hören, unbedingt fest, daß das erste und siebzehnte Armeecorps Manöver vor dem Kaiser haben werden. Wie wir weiter vernehmen, wird jedem Armeecorps eine Cavallerie-Division zugetheilt werden; diese werden außerdem zeitweise zu einem Cavalleriecorps vereinigt werden. Es soll ein ganz besonderes Augenmerk auf die strategische Verwendung der Cavallerie gerichtet werden- die Manöver bei Metz haben in dieser Hinsicht nicht ganz auf der Höhe gestanden, und wer möchte wohl bestreiten, daß wir im nächsten Kriege für die Ausklärungsthätigkeit unserer Cavallerie viel schwierigeren Verhältnissen gegenüberstehen werden als früher?
— Gegen die geplante Tabakfabrikatfteuer sind neuerdings wieder beachtenswerthe Kundgebungen erfolgt. So hat sich die Posener Handelskammer entschieden gegen die Steuer erklärt und beschlossen, eine in diesem Sinne gehaltene Petition an den Reichstag zu richten. In Speyer fand am Mittwoch eine von dem Comits der pfälzischen Tabokbauer einberufene Versammlung statt, die von Bürgermeistern und Delegirten der tabakbauenden Orte sehr zahlreich besucht war und sich einstimmig gegen die Tabaksteuervorlage aussprach. Lucke - Pattershausen, als Vertreter des Bundes der Landwirthe, gab die osficielle Erklärung ab, daß sämmt- liche Mitglieder des Bundes deutscher Landwirthe im Reichstage gegen die Tabaksteuer stimmen würden, welche den Jnlandsbau nickt genügend schütze. Große Massenkundgebungen sind in Aussicht genommen. — Die Handelskammer für Karlsruhe-Baden beschloß eine Denkschrift gegen die Tabakfabrikatsteuer mit einer Petition, sowie eine solche gegen die geplanten Reichssteuern.
— Zur Landtagseröffnung macht der Minister des Innern Graf zu Eulenburg mit Bezug auf die Verordnung des Königs vom 26. December, durch welche die beiden Häuser deS Landtags der Monarchie auf den 16. Januar zusammenberufen worden sind, im „Staatsanzeiger" bekannt, daß die besondere Benachrichtigung über den Ort und die Zeit der Eröffnungssitzung in dem Bureau des Herrenhauses und in dem Bureau des Hauses der Abgeordneten am 15. Januar in den Stunden von 8 Uhr früh bis 8 Uhr Abends und am
16. Januar in den Morgenstunden von 8 Uhr ab offen liegen wird. In diesen Bureaus werden auch die Legitimationskarten zu der Eröffnungssitzung ausgegeben und alle sonst erforderlichen Mittheilungen gemacht werden.
Berlin, 30. December. Der „Reichsanzeiger" bringt aus Anlaß seines 75jährigen Bestehens einen Rückblick auf seinen Entwicklungsgang, sowie Mittheilungen über die inneren Einrichtungen und äußeren Verhältnisse des Blattes.
Berlin, 30. December. Das Präsidium des deutschen Handelstages ladet für den 12. und 13. Januar zu einer Plenarversammlung ein.
Berlin, 30. December. Die Meldungen einzelner Blätter, daß die Reichssteuerreform auf eine spätere Session vertagt sei, erklären die „Berliner Politischen Nachrichten" für unbegründet.
Berlin, 30. December. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Der Austausch der Ratificationen des deutsch-serbischen Handelsvertrags ist heute im Auswärtigen Amte durch den Staatssecretär Frhrn. v. Marschall und den serbischen Geschäftsträger erfolgt. Der Termin für das Inkrafttreten ist auf den 1. Januar 1894 festgesetzt. Die in dem deutsch- rumänischen Handelsverträge verabredeten Zollsätze werden vom 1. Januar ab thatsächlich in Anwendung kommen, vorbehaltlich der durch die Genehmigung des Handelsvertrags Seitens der rumänischen Kammer und durch den alsdann erst möglichen Ratificationsaustausch bedingten formellen Inkraftsetzung. — Zwischen Deutschland und Spanien ist ein weiteres Provisorium beabsichtigt, wonach vom 1. bis 31. Januar gegen die volle Meistbegünstigung der spanischen Ausfuhr in Deutschland die deutsche Einfuhr in Spanien neben dem Minimaltarif auch die allein spanischerseits einem dritten Lande eiugeräumten Zollvergünstigungen mitgenießen wird. Eine entsprechende Erklärung wird sofort in Madrid vollzogen werden.
Berlin, 31. December. Aus den deutschen Schutzgebieten sind in letzter Zeit mancherlei unerfreuliche Meldungen eingegangen. Am bedenklicksten von ihnen nimmt sich aber wohl ote Meldung über die Meuterei der schwarzen Schutz- und Polizeitruppe in Kamerun aus. Zwar liegt über diesen Vorgang bis jetzt nur eine kurze und ungenaue Mittheilung vor, trotzdem klingt sie ernst genug. Denn die schwarzen Polizisten haben sich mit den Waffen in der Hand gegen das Gouvernement aufgelehnt und sogar das Regierungsgebäude in Joßlatte geplündert. Mannschaften des vor Kamerun stationirten Kanonenbootes „Hyäne" mußten landen und die Meuterer aus dem Gebäude wieder vertreiben, wobei es nicht nur Verwundete, sondern auch Todte gegeben haben soll. Ob die Meuterei eine größere Bedeutung besitzt, läßt sich augenblicklich noch nicht beurtheilen- offenbar ist aber der Zwischenfall in Hinblick auf die verschiedenen anderen aus den deutschen Colonieen seit einiger Zeit eingelaufenen ungünstigen Nachrichten unliebsam genug.
Berlin, 31. December. Ueber die in Aussicht genommenen Wintermanöver des Gardecorps verlautet zuverlässig, daß dieselben nur bei wirklichem Winterwetter, also bei strengem Frost und Schnee, abgehalten werden sollen. Erst in dem gegebenen Moment ergeht an sämmtliche Gardetruppen der Befehl zum Ausrücken. Alle Dispositionen werden erst in letzter Stunde bekannt gegeben. Als Uebungsgebiete sind auch die Havelseen in Aussicht genommen.
Dresden, 31. December. Prinzessin Friedrich August ist heute Nachmittag von einem Prinzen glücklich entbunden worden.
Glatz, 30. December. Auf höheren Befehl wurde die Wache be. den zwei wegen Spionage verurteilten fran- zösischenOffizieren verstärkt. Jeglicher Verkehr mit der Außenwelt ist denselben verboten.
Kiel, 30. December. Heute Vormittag reisten der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen wieder ab. Der Kaiser besichtigte mit dem Prinzen Heinrich, dem Großherzog von Hessen und dem Admiral Knorr die neuerbaute Brücke bei Levensau, sowie die Schleusenanlagen bei Holtenau. Gegen 1 Uhr kehrte der Monarch nach Kiel zurück, von wo aus er sodann die Reise nach Potsdam antrat.
Leipzig, 30. December. Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" sind auf Grund zuverlässigster Informationen in der Lage, alle Gerüchte über eine Wendung in dem Befinden des Fürsten Bismarck, wie die Combinationen, die an die Reise des Grafen Wilhelm von Bismarck und des Professors Schweninger nach 'Friedrichsruh geknüpft wurden, als Erfindung bezeichnen zu können. Der Fürst befinde sich so wohl, daß der Leibarzt schon unmittelbar nach dem Weihnachtsfeste Friedrichsruh wieder verlaffen und gestern eine Reise nach Süddeutschland antreten konnte, von der er erst am Neu
jahrstage in die Umgebung des Fürsten, der seine Auöfahrien täglich fortsetzt, zurückkehrt.
Karlsruhe, 30. December. Die Erbgroßherzogin von Baden, welche gegenwärtig in Freiburg weilt, ist an der Influenza ernstlich erkrankt.
Anstand.
Wien, 30. December. Die „Neue Freie Presie" bespricht die innere politische Lage Preußens und die in Berlin umlaufenden Krisengerüchte. Das Blatt schließt den betreffenden Artikel mit den Worten: „Caprivi wird der gegen ihn mit allen Waffen kämpfenden Conservativen nicht eher Herr werden, als dis er den alten Zuruf beherzigen wird : „Landgraf werde hart!" Ueber diese Gegner könne man nur drohend Hinwegschreiten oder unterliegen. Dieselben wüßten nichts von |ber Treue, nichts vom Gemeingefühl, wenn ihre Standesinteressen und ihr Klassenhochmuth int Spiele seiL
Wien, 30. December. Zu Ehren der deutschen Militär- Deputation fand gestern Abend im Marmorsaale der Hofburg ein Diner beim Kaiser statt, welchem sämmtliche Mitglieder der Deputation, der Erzherzog Albrecht, der deutsche Botschafter und die deutschen Militär-Attaches beiwohnten.
Prag, 30. December. Der Kohlenträger V o i t e ch, der Quarttergeber der wegen Ermordung Mrvas verhafteten Individuen, ist dem Strafgerichte eingeliefert worden. Die Wohnung Mrvas wurde neuerdings gerichtlich untersucht.
Prag, 30. December. .Der durch seine Vorurtheilung wegen des Ueberfalles Deutscher Besucher der böhmischen Landesausstellung bekannte Secretär des jungczechischen Abgeordnetenclubs, Cizek, sowie der Candidat der Medicin Dutka wurden unter dem Verdachte, die Zwecke des Geheimbundes „Omladina" gefördert zu haben, verhaftet und dem Strafgerichte eingeliefert- in ihren Wohnungen wurde mel belastendes Material gefunden.
H. v. St. Brüssel, 30. December. Ueber die projectirte Gründung einer deutschen Hand elskammer am hiesigen Platze wird der in Antwerpen erscheinenden „Deutschen Zeitung für Belgien und Holland" von hier aus geschrieben: Hier ist ein erbitterter Streit unter den Mitgliedern unserer deutschen Colonie ausgebrochen. Eine Anzahl derselben war nämlich auf die Idee gerathen, in Brüssel eine deutsche Handelskammer nach dem Muster der französischen ins Leben zu rufen, hatte aber weder bei der deutschen Regierung noch bei der Gesammtheit der hiesigen Deutschen mit diesem Einfall Beifall gefunden. Die erstere ließ die betreffenden Projecteure wissen, daß sie nicht daran dächten, jenen Plan zu unterstützen, daß sie vielmehr die Herren dringend ersuchen müsse, Alles ■ zu vermeiden, was das Publikum auf den Gedanken bringen könnte, als handle es sich bei dem vorliegenden Projecte um etwas Anderes, als um ein rein privates Unternehmen. Ein großer Theil der hiesigen Deutschen dagegen ist dem Unternehmen aus dem Grunde feindlich gesinnt, weil sie vor allem dessen Nothwendigkeit und Nützlichkeit bezweifeln, ja sogar glauben, daß bei der gegenwärtigen Lage der Dinge eine Deutsche Handelskammer den Interessen der Gesammtheit der Brüssels Deutschen insofern nachtheilig werden könnte, als diese Handelskammer wahrscheinlich in Versuchung gerathen würde, lediglich die Interessen ihrer Mitglieder zum Schaden der übrigen Deutschen in Brüssel zu vertreten. So liegt für den Augenblick diese Angelegenheit, der gegenüber Stellung zu nehmen wir vorläufig nicht für gut befunden haben. Die Freunde wie die Feinde des Unternehmens befinden sich in einem Zustande wachsender Aufregung und möglicherweise werden die erbitterten Gemitther nochmals heftig aufeinander platzen, womit dann eine kleine Abwechslung in das behagliche, aber etwas langweilige Stillleben unser deutschen Colonie gebracht werden würde.
Madrid, 30. December. In Sevilla verhaftete die Polizei einen aus Amerika eingetroffenen Anarchisten. Bei der Visitation fand man hochwichtige Papiere und große Geldbeträge vor.
Paris, 30. December. Wie der „Temps" aus Madrid meldet, haben die in Barcelona inhaftirten anarchistischen Rädelsführer Selbstmordversuche gemacht. Codina habe sich mit einem Glasstück die Pulsadern aufgeschnitten.
Paris, 30. December. DaS „Journal officiell" veröffentlicht eine Verordnung, durch welche die Einfuhr und Durchfuhr von Rindvieh, Hammeln, Ziegen und Schweinen aus der Schweiz untersagt wird und die Zollämter an der Schweizer Grenze für die Einfuhr solcher Thiere zeitweise geichlossen werden. Ausgenommen sind nur aus Deutschland und Oesterreich kommende und nach dem Schlachthaus in La Billette bestimmte Hammel.


