Ausgabe 
2.10.1894 Erstes Blatt
 
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1894

Dienstag den 2 October

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme»

Kralisöeitage: chießener Jamitienbtätter

Anrland.

CoctiU* nnö

Vierteljähriger Avounemeatsprets: 2 Mark 20 Pjg. uiü Bringerlohn.

Durch die Post bezöge«. 2 Mark 50 Pf-.

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geraten.

Die bedingte Verurtheilung soll bei geringen Vergehen zur Anwendung kommen. Ihr Wesen ist in kurzen Zügen

ein doppeltes. Sie gibt dem Richter die Ermächtigung, | unter gewissen Voraussetzungen auszusprechen, daß die von ihm erkannte Freiheitsstrafe vorläufig nicht zur Vollstreckung gelangen, daß die Strase vielmehr für verbüßt erachtet werden soll, wenn der Verurtheilte fich binnen einer be­stimmten Frist keines weiteren Vergehens gegen das Straf, gesetz schuldig macht. Erfüllt der Betroffene diese Ver- Pflichtung nicht, verletzt er während der ErprobuugSfrtst wiederum ein Strafgesetz, so soll die ersterkannte Strafe an ihm ebenso vollstreckt werden, als wenn er niemals einen be­dingten Straferlaß bewilligt erhalten hätte.

Der Gedanke der bedingten Verurtheilung ist zuerst in England und Amerika zur practischen Durchführung gelangt und hat fich von dort aus einen großen Theil des euro­päischen ContinentS, zunächst Belgien, dann Frankreich und endlich die Schweiz erobert. Am besten lassen fich bisher die fruchtbaren Erfolge der neuen Strafart in Belgien über* sehen. Die Strafaussetzung wird für eine vom Gericht zu bestimmende Bewährungsfrist ausgesprochen, welche fünf Jahre nicht übersteigen darf. Erleidet der Verurtheilte während dieses Zeitraumes keine neue Verurtheilung wegen eines Verbrechens ober Vergehen«, so soll die Bestrafung als nicht erfolgt gelten; im anderen Falle werden beide Strafen voll­streckt. Nach dem die ersten 13 Monate der Geltung des neuen Gesetzes umfaffenden Berichte wurden insgesammt

«) Diese interessante Betrachtung über eine der brennendsten Fragen unseres RechtSlebenS ist an dem dritten Hefte der illustrirten HalbmonatsschriftDom Fels zum Meer" (Stuttgart Union Deutsche Verlagsgesellschaft) entnommen, deren Leitung durch die Publikation dieser Abhandlung den Beweis Mert, daß sie mit ihrem neuen Programm der künstlerischen Modernrsirung die altbewährte Gediegenheit des Inhalts zu verbinden weiß.

Die bedingte Verurtheilung eine sociale \ Forderung.*)

Don Dr Julius Leuthold.

Die Zahlen der deutschen Criminalstatistik reden eine I erschreckende Sprache. Von Jahr zu Jahr bewegen sich bte I Ziffern in steigendem Maße aufwärts. In dem jetzt vor- I Utgtnben Jahr- 1892 hat sich di- Zahl d-r w-g.n V-r. brechen und Vergehen verurtheilten Personen aus 422,32b I gegen 391,064 des Vorjahres, also wiederum um nahezu I 8 pEt. vermehrt. In England ist dem gegenüber in den I Jahren 1871 1891 trotz einer Vermehrung der Bevolke- rungSzahl um rund 7 Millionen die Zahl der mit Gesängntß Bestraften um 32 pEt., der mit Zuchthaus Bestraften um I 54 pCt. gesunken. Die Ursachen dieses auffallenden Gegen- I satzeS sind unschwer zu ergründen. . In England hat man eS I verstanden, sich die lebensvollen Probleme der Strafrechts- I soctologie zu eigen zu machen. Durch die Einführung der I industrial schools (Erziehungsanstalten) und reformatory I schools (Besserungsanstalten) hat man mit überraschendem Erfolge dem jugendlichen Verbrecherthum den Boden abge- I graben und damit ein werthvolles Ersatzmittel für die kurz- I zeitigen Freiheitsstrafen gewonnen. Daß aber ein solches auch allgemein seinen Einzug in daS moderne deutsche Strafen- fystem halten muß, das wird uns klar, wenn wir auf der einen Seite bedenken, daß seit einer Reihe von Jahren zwei Drittel aller von deutschen Gerichten verhängten Gefängniß- strafen die Dauer von einem Monat nicht übersteigen, wenn wir auf der anderen Seite die betrübenden sittlichen und s-cialen Nachtheile ins Auge fassen, welche der Vollzug der kurzen Freiheitsstrafe mit sich führt. Während öer kurzen Strafzeit kann der bessernde Einfluß der Strafzucht in keiner | Weise zur Geltung gelangen, während diese Zeit genügend ist, um die noch unentwickelten Verbrecheranlagen zur vollen Entfaltung zu bringen und für das Leben des Betroffenen unverwischbare Folgen nach sich zu ziehen. Wer einmal und sei es auch noch so kurze Zeit - das Gefängniß gekostet hat, der trägt zeitlebens das Brandmal der Ehrlosigkeit an der Stirn. Mit Mißtrauen tritt man ihm auf Schritt und Tritt entgegen, und wie tief er auch seinen Fehltritt bereuen mag täglich muß er von Neuem sein Vergehen büßen. Für die menschliche Gesellschaft ist ein solcher Mensch oft verloren. Und was ist die Folge davon? Eine verminderte Selbst­achtung des Bestraften. Gerade diese aber erstickt die wirk­samsten Impulse, welche den Bestraften von nochmaligem Eonflict mit dem Strafgesetz abhalten. Sie vernichtet daS Ehrgefühl, schwächt die Scheu vor dem Gefängniß, die zu verschärfen eine hohe und verständige Pflicht ist, und bringt hierdurch den aus dem Gefängniß Entlaffenen in die Gefahr, von Neuem auf die Bahn des Verbrechens zu

laub an den Vice-Admiral Koester.

Berlin, 29. September. DerReichsanzeiger" meldet heute die Ernennung des Fürsten Hatzfeldt-Trachen- berg zum Oberpräsidenten der Provinz Schlesien.

Berlin, 29. September. In der König!. Gewehr- fabrik zu Spandau find die Beamten und Arbeiter durch Namensunterschrift verpflichtet worden, von jeder technischen Erfindung, deren Patentirung beantragt werden soll, den .

Vorgesetzten Mittheilung zu machen; letztere unterbreiten die streng geheim gehalten wird. Angelegenheit dem Kriegsministerium. Es sind nicht nur solche Erfindungen gemeint, die sich auf Waffen beziehen, sondern auch auf alle übrigen von dem Personal der Fabrik

Nr. 230 Erstes Blatt

13 195 bedingte Verurteilungen ausgesprochen; hiervon kam in nur 246 Fällen Rückfall vor. Während der folgenden 12 Monate wurden 14,309 Personen bedingt verurthei.t, unter welchen sich nur 332 eines Rückfalls schuldig gemacht hatten. Mit vollstem Recht fordert daher der frühere bel­gische Justizminister Le Jeune die Richter aus, noch aus­gedehnteren Gebrauch als bisher von dieser Einrichtung zu wachen, da schon die bis jetzt vorliegenden Resultate bewiesen hätten, daß das Mißtrauen und die Furcht, welche man bet Einführung des neuen PrincipS gehabt habe, unbegründet

Baris, 30. September. DemJournal des Döbats" zufolge hat ein Cyklon die Stadt San Domingo größtenteils zerstört. .

Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Der Hleßeuer -azelger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS

Die Gießener Il«mttteuvtL1ter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

beffere Zukunft von ihm erwartet.

Nicht länger mehr darf Deutschland abseits stehen. Die Reichsregierung würde sich eine schwere Vernachlässigung zu Schulden kommen laffen, wollte sie noch weiter zaudern, den genügend gereiften Reformideen aus dem schwanken Boden der Theorie den Weg in das Leben zu bahnen.

Deutscher Reich.

Berlin, 25. September. Wie derReichsanzeiger" meldet, empfing der Kaiser gestern in Rominten den Chef des MilitärcabinetS zum Vortrag.

Berlin, 29. September. DerReichsanzeiger ver- öffentlicht eine Reihe von Auszeichnungen an Offiziere der Marine, u. A. die Verleihung des Großkreuzes des Rothen Adler-Ordens mit Eichenlaub an den Admiral und commandirenden Admiral Freiherrn v. d. Goltz und des Sterns zum Rothen Adler-Orden zweiter Klaffe mit Eichen-

aufgefunden und entfernt worden. Die auSgelegteu Warnucgszeichen sind eingezogen worden; das betreffende Hasengebiet ist für den Verkehr wieder freigegeben.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mzeiger.

herrührenden Erfindungen.

Berlin, 29. September. Der Kaiser, welcher wahrend deS Aufenthaltes auf dem Jagdschloffe Rominten bereits mehrere starke Hirsche erlegte, wird noch bis gegen Ende der kommenden Woche daselbst verweilen und sich dann von Rominten nach Hubertusstock begeben. Am 12. ober 13. October dürfte der Kaiser wieder im Neuen Palais eintreffen.

Berlin, 29. September. DerKreuzztg." wird aus Petersburg aus zuverlässigster Quelle mitgetheilt, daß das Nierenleiden des Czaren eine derartig besorgmß- erregende Dimension angenommen und den ganzen Organismus des hohen Herrn so stark mitgenommen habe, daß man bei der Art und dem Auftreten des Leidens täglich, ja stündlich auf den Eintritt ernster Complicationen rechnen und auf ein plötzliches Erlöschen der Kräfte gefaßt sein müffe. Die Leib- ärzte seien über die Art und die Behandlung der Krankheit uneinig. Einerseits werde Zuckerkrankheit, andererseits ein­fache Nieren-Entzündung diagnosticirt.

Berlin, 29. September. Die Zettungs - Mittheilungen über angebliche Vorarbeiten zu einem Gesetzentwürfe gegen die Umsturz-Bewegungen dauern fort; jetzt werden sogar schon bestimmte Beamte genannt, welche mit diesen Arbeiten betraut worden sein sollen. Nach den der Kreuzztg." gewordenen Mittheilungen steht es aber fest, daß diese Frage bisher im Staatsministerium noch nicht zur Verhandlung gekommen ist. Es scheint, daß erst die Rückkehr des Reichskanzlers abgewartet wird, zumal an erster Stelle entschieden werden muß, ob die Frage im Wege der Reichs- gesetzqebung oder der Landesgesetzgebung erledigt werden soll.

Kiel, 29. September. Nach amtlicher ^"^üung e | daher^ beide Mitte December nach Herbstein,

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ncuefte Nachrichten.

Wolff« telegraphische! Lorr espondenr-Bure«.

Amsterdam, 30. September. Eine Depesche deSHandeis- blad" aus Batavia vom heutigen Tage meldet: ^ataram ist nach heftigem Kampf erobert; alle Palais find tnunsern« Refid eine Kanone wurde erbeutet. Der Feind erlitt erns Verluste. Auf unserer Seite sind ein Lieutenant und zwölf Soldaten gefallen, ein Lieutenant und dreißig Mann schwer, ein Major, zwei Lieutenants und 18 Mann leicht verwun .

London, 29. September. Meldungen ou5 Peking zu- folge soll der Kaiser von China S°^ig über die tm zuqetragenen falschen DiegeSnachrichten der chinesischen Truppen sein und beabsichtigen, zahlreiche Rathgeber und Beamte zu entlaßen. Den Sturz des VicekönigS Li - Hung - Chang bezeichnet man jedenfalls als sicher.

London, 29. September. Aus Sh'.anghat geht dem Times" die Meldung zu, daß dort das GerÜ-ht verb^ sei, der Vicekönig Li-Hung-Chang werde selbst die Kriegs Operationen leiten. Einzelne japanische Truppen sollen sich 30 Meilen vom Yaluflusse befinden.

Warschau, 29. September. Die Zahl der bisher wegen Theilnahme an Geheimbünden Verhafteten, welche vor- toieaenb gebildeten Kreisen angehören, betragt 180. Die betreffenden Personen werden einem besonderen Staat«.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den «ölenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Depeschen bei Bureau »Herold*.

Berlin, 30. September. DieW berichtet unter Vorbehalt, dah gestern Abend etwa 183 Untetoffisiete von der Oberfeverwerker-Schule in der Invaliden- strahe verhaftet worden und mittelst Sonderzuge« heute früh 2 Uhr 50 Min. nach Magdeburg transporürt wviden sind. Begleitet wurden dieselben von den Mannschaften d-S 4. Garderegiments mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als Grund für den senfationellen Vorfall wird aus angeblich sicherer Quelle angegeben, daß es sich um Theilnahme an politischen Umtrieben handeln soll. Genauere Einzelheiten sind noch nicht bekannt, da die Untersuchung militarischerseitS

Sießeu, den L October 1894.

** Empfang. Seine Königliche Hoheit der ®r 0 6 = Herzog empfingen am 29. September u. A. den Assistenz­arzt 2. Klaffe Dr. Weber vom Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großh. Heff.) Nr. 116. _

* Sitzung des Schwurgerichts der Proviuz Oberhesteu atn 29. September 1894. (Schluß). Nach einigen Tagen ließ Möller Plächter wieder zu sich kommen und legte ihm ein Formular einer Bürgschaftsurkunde zur Unterschrift vor Da auf demselben die Unterschrift des Strott bereits stand und er alles Vertrauen in die Erklärung Möllers, e« handle sich nur um eine Schuld von 100 Mark, fetzte/ so unter­schrieb er die Urkunde, ohne sie näher zu prüfen. Einige Wochen später hörte Strott ganz zufällig erzählen, daß der Bürgermeister viel Geld in Herbstein geliehen habe. Als er ihm kurz darauf begegnete, fragte er ihn daher, ob dieses richtig sei. Möller bestritt dies jedoch, tnbem er ihm aus­drücklich erklärte, es seien nur 100 Mk Dabei theilte er ihm auf feine weitere Frage mit, das Johannes Pr achter r mit ihm zugleich sich verbürgt habe. Infolge dieser Mit- tbeilungen erschien ihm die Sache um |o mehr verdächtig, ' als ihm bekannt war, daß die Sparkaffe bei Darlehen von nicht über 100 Mk. nur einen Bürgen fordere. Er besprach darauf mit Prächter die Angelegenheit und theilte ihm dieser mit, daß er denselben Bürgschein, wie er, und zwar nach ihm, unterschrieben habe, es handle sich aber nur um ein Darlehen von 100 Mark. Um die Sache aufzuklären, be-

Es liegt für jeden Verständigen auf der Hand, welche gewaltige Förderung der Humanität und Sittlichkeit eine solche Einrichtung mit sich bringen muß. Sie bewahrt den anständigen Mann, die ehrbare Frau, den jungen Burschen, das unschuldige Mädchen, welche ein leichteres Delict begangen haben, vor dem Aufenthalt im Gefängniß; sie halt damit all die sittlichen und socialen Schädigungen von ihnen ab, welche mit einem solchen Aufenthalt verbunden sind. Sie bedeutet aber auch für den Verurtheilten einen psychischen ...............

Zwang, sich fortan eines anständigen Lebens befleißigen, i ^^f ^UI Aburteilung übergeben. Der bedingt Verurtheilte fühlt sich gehoben, wenn er sieht, godz, 29. September. Hier und in der Umgegend ist die daß man ihn noch nicht verloren gibt, daß man noch e ne ^oIera nunmehr erloschen.