Nr. 178
1894
Donnerstag den 2 August
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Gießener Anzeiger
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Amtliche»' Theil.
Gieße«, den 31. Juli 1894.
Betr.. Die Vorschriften des Arbeiterschutzgesetzes vom 1. Juni 1891 über die Arbeitsbücher und die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
M die Grstzh. vürgermewereie« de» «rette-.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 2. d. Mts. — Kreisblatt Nr. 153 — noch nicht entsprochen haben, werden hiermit an Erledigung derselben erinnert.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin. 31. Juli. Der Kaiser hat für die sämmt- ltchen Opfer der Katastrophe auf dem Kriegsschiffe „Brandenburg" eine herrliche Gedenktafel gestiftet, welche in der Garnisonkirche zu Kiel Aufstellung finden wird.
— Wie übereinstimmende Berichte melden, hat die BiSmarckfeier in Jena am Sonntag in großartigster Weise stattgefunden. Prof. Goetz hielt eine aus begeistertem Herzen strömende Festrede, worauf das Bismarck-Denkmal enthüllt wurde. Abends wurde auf dem Markte, der, im Glanze von tausend Lichtern und Lampions strahlend, einen wunderbar schönen Anblick darbot, ein feierlicher Commers abgehalten. Auf die an ihn gerichtete Einladung, der Feier beizuwohnen, hatte Fürst Bismarck geantwortet, daß er zu seinem Bedauern jetzt eine solche weite Reise nicht unternehmen könne.
— Die Eisenbahndirectionen in Berlin haben wegen des heftigen Auftretens der Cholera in Rußland die Grundsätze für die Einrichtung des Eisenbahnverkehrs in Cholerazeiten in vollem Umfange in Anwendung gebracht.
Ausland.
Paris, 31. Juli. Auch die französische Republik hat jetzt ihre sommerliche Ruhe, denn nach dem Schluffe der Kammern sind nicht nur die Senatoren und Deputirten, sondern auch die meisten Minister in die Ferien gegangen. Auch der Ministerpräsident Dupuy begibt sich in den nächsten Tagen zu seiner Erholung auf drei Wochen nach Evian. — Mit großer Spannung erwartet man inzwischen den Beginn des Prozeffes gegen den Präsidentenmörder Caserio -in Lyon. Falls es der Justizminister nicht im letzten Augenblicke anders bestimmt, beginnen am 2. August die Gerichtsverhandlungen gegen Caserio.
— Vom ostafiatischeu Kriegsschauplätze. Obwohl noch immer keine offizielle Kriegserklärung zwischen China und Japan stattgefunden hat, so ist doch der Krieg zwischen den betoen Staaten im vollen Gange. Aus Yokohama wird gemeldet, daß die Reserven des Heeres und der Flotte Japans Befehl erhalten haben, sich auf ihre Sammelplätze zu begeben. Die Chinesen verlassen Japan. Ferner wird aus Tokio berichtet, daß das Hauptcorps der chinesischen Armee schon am 25. Juli die nördliche Grenze Koreas überschritten hat. Auch werden die japanischen Kriegsschiffe täglich von den chinesischen beschossen. Andererseits wird aus Shanghai gemeldet, daß die Japanesen eine ganze Anzahl chinesischer Schiffe vernichtet hätten. Ein regelrechtes Seegefecht fand zwischen drei chinesischen und drei japanischen Kriegsschiffen bei Asan statt. Die Japanesen nahmen in demselben einen chinesischen „Aviso" weg, schoflen ein chinesisches Transportschiff zusammen und schlugen die übrigen chinesischen Schiffe in die Flucht. In diesem Gefechte wollen aber auch die Chinesen ein japanisches Kriegsschiff kampfunfähig gemacht haben. Sehr verwickelt ist die Lage in Korea. Die Hauptstadt Höul ist in den Händen der Japaner, welche auch den König von Korea gefangen halten. Ein Theil der Koreaner har sich zedoch mit den Chinesen vereinigt und rückt gegen die Japaner vor.
Netteste Nachelchten.
WolffS telegraphisches Correspondmz-Bureau.
Paris, 31. Juli. Der Centralpolizeicommissar von Cette wurde seines Amtes entsetzt, weil die Untersuchung ergab, daß die Localpolizei die Verwaltung über das Ergebntß der im April d. I. in der Wohnung Caseriös vorgenommenen Haussuchung in Unkenntniß ließ.
Paris, 31. Juli. Casimir-Perier ist heute Nachmittag nach Pont-sur-Seine abgereist.
WB. Schlawe, 1. August. Der „Schlawer Zeitung" zufolge befand sich Fürst Bismarck am Montag Nachmittag auf der Spazierfahrt in Gefahr. Das rechte Wagenpferd fiel in einen Sumpf, der Wagen konnte rechtzeitig halten- weiteres Unglück wurde verhütet. Das Herausziehen des Pferdes erforderte l1/2 Stunden. Das Befinden des Fürsten hat sich gebeffert.
Depeschen de» Bureau .Herold*.
Berlin, 31. Juli. Entgegen anderweitigen Meldungen theilt die „Kreuzzeitung" mit, daß eine Neubewaffnung der Armee bei der Vortresflichkeit unseres jetzigen Gewehrmodells nicht in Aussicht steht.
Berlin, 31. Juli. Nachtgefechte finden jetzt dauernd
Bibliotheca
Acadeinica et Senkenbergiana.
Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule Gießen.
Bon Dr. O. Buchner.
(5. Fortsetzung.)
Wie gering die Mittel zu Bücherkäufen waren, geht aus einem landesfürstlichen Rescript vom 28. September 1770 hervor, wo es heißt:
„Da die Bibliotheque keinen anderen Fonds hat, als das wenige, was die candidati bei ihren Promotionen und die studioai bei ihrer Jnseription entrichten müssen, und darin vornehmlich die neueren Werke fehlen, so wollen Wir, um diesem Mangel nach und nach abzuhelsen, nicht nur die in Unserer und der neu erkauften Hombergkischen Bibliothek sich befindenden Doubletten dahin abgeben lasten, sondern auch per generale verordnen, daß von Unserer sämmtlichen so geist- als weltlichen Dienerschaft, welche künftig neu angenommen und bestellet werden wird, mit Einbegriff Eures corporis, von ihren in dem ersten Jahr ihrer Bedienung zu empfangen habenden salariis, inclusive der Naturalbestallung fürohin zwei Prozent zum Fonds der Gießner Bibliothek abgegeben werden sollen."
In einem anderen Rescript aus dem Dezember desselben Jahres heißt es:
„Damit auch die medicinische Bibliothek mit denjenigen kostbaren Werken, die in Privatbibliotheken sich nicht befinden und woran es dermalen noch mangeln soll, nach und nach versehen werden möge, so soll der zur Vermehrung der Uni- versitäts - Bibliothek überhaupt von Uns bestimmte Fonds jährlich unter die Fakultäten zu gleichen Theilen ausgetheilet werden, damit jede Wissenschaft in ihrem Fach nach und nach besorget werden können."
Ferner wird, nm den Gebrauch der Universitärs-Bib
liothek gemeinnütziger zu machen, bestimmt, daß dieselbe wie auf anderen Universitäten die Woche hindurch zweimal, als nämlich an Mittwochen und Sonnabend Nachmittag drei Stunden lang geöffnet werden soll.
Das Amt eines Bibliothekars war von Anfang an bis in unsere Zeit (1885) Nebenbeschäftigung und theilweise auch Nebenverdienst für einen Professor. So angenehm für diesen die kleine Einnahme war, so lästig war das Katalogisieren der Bücher und die anderen damit verbundenen Arbeiten, die denn auch meist in der nachlässigsten Weise ausgeführt wurden.
Die alten Universitatsstatuten enthalten sehr genaue und eingehende Bestimmungen über die Pflichten des Bibliothekars- nur selten wurde einem anderen der unbehinderte Zutritt gestattet- so 1635 dem Professor und Ephorus Dr. Johann Sreuber, dem der Landgraf Georg II. erlaubte, sich auf seine Kosten einen Schlüssel zur Bibliothek machen zu lasten, doch dürfe er diesen niemand anders anvertrauen, auch müsse er die zu gebrauchenden Bücher mit Vorwissen des Bibliothekars Bachmann selbst abholen und eine schriftliche Bescheinigung darüber ausstellen.
1669 wurde der Bibliothekar wieder auf die Bestimmungen inbezug des Ausleihens verwiesen, auch auf den Katalog gedrängt und beschlossen, daß bei der Rcchnungsabhvr jedesmal auch die Bibliothek visitirt und die erkauften und verrechneten Bücher eingetragen werden sollten. Auch wurde befohlen, daß der Rektor vor seinem Rücktritt ein richtiges Verzeichnis was und wie viel zur Vermehrung der Universitäts - Bibliothek an Zusteuerungen und sonsten einkommen, sowohl den Administratoren aU auch dem Landgrafen selbst einzureichen habe.
In der langen Reihe von Bibliothekaren findet sich wie es scheint nur einmal der Fall, daß einer vom Landgrafen in Ungnaden abgesetzt wurde. Dies war Prosestor P h a s i a n, dem 1696 befohlen wurde, die Schlüssel und den Katalog der Bibliothek an seinen Nachfolger, den Prosestor des Ra
in der Umgebung Berlins statt. Die Truppen rücken Nachmittags um 5 Uhr aus und kehren nach Mitternacht in die Garnison zurück.
Berlin, 31. Juli. Der königliche Hof legt von heute an eine vierzehntägige Trauer für den Erzherzog Wilhelm von Oesterreich an.
Varziu, 31. Juli. DaS Befinden der Fürstin Bismarck hat sich wesentlich gebestert. Das Unwohlsein wird auf die Reisestrapazen zurückgesührt. Der Altreichskanzler fühlt sich in der hiesigen ländlichen Abgeschiedenheit besonders wohl und macht täglich große Spaziergänge.
Wien, 31. Juli. Die Beisetzungsfeierlichkeiten für den Erzherzog Wilhelm finden am Freitag Nach« mittag statt. Der König von Rumänien wird persönlich einen Kranz niederlegen.
Wien, 31. Juli. Dem Vernehmen nach hat Erzherzog Wilhelm seinen Neffen, den Erzherzog Eugen, der Hochmeister des Deutschen Ritterordens wird, zum Universalerben eingesetzt. Der Kaiser und sämmtliche Mitglieder des Kaiserhauses treffen heute hier ein. Die Zahl der Beileidsbezeugungen, darunter eine in herzlichen Worten abgefaßte Depesche des Deutschen Kaisers, desgleichen des Czaren, ist sehr groß.
Wien, 31. Juli. Einer Meldung der „Polit. Corr." aus Paris zufolge hat die französische Regierung in Ueber- einstimmung mit anderen Mächten ihre Vertreter in Peking und Tokio beauftragt, alles aufzubieten, um den chinesisch- japanischen Krieg zu verhindern.
Prag, 31. Juli. Der hiesigen Polizei ging ein anonymer Brief zu, worin mitgetheilt wird, daß das Grab des ermordeten Mrva mittelst Dynamit in die Luft gesprengt werden würde. Die Polizei läßt das Grab scharf bewachen.
Rom, 31. Juli. Gestern Abend reifte ein Jnspector aus dem Mtnisterinm des Innern nach Massaua ab, wo derselbe eine als Deportationsort für italienische Anarchisten geeignete Ortschaft aussuchen will.
Paris, 31: Juli. Wie nach hier gemeldet wird, hat sich unter, den bei dem Untergang des Transportschiffes „Kow- Shing" umgekommenen Personen auch ein früherer deutscher Offizier Namens Hannequen befunden. Auch mehrere französische Matrosen und Ingenieure sind ertrunken.
Paris, 31. Juli. In einem Restaurant in der Rue Amelot erkrankten gestern plötzlich zwanzig Arbeiter, welche sofort in das Krankenhaus geschafft wurden. Man vermuthet, daß sie durch schlechtes Fleisch vergiftet worden sind.
London, 31. Juli. Briefe von Missionaren, deren Niederlaffungen am Nordende des Nyaflasees sind, melden unterm 21. Mai, daß Deutsche den arabischen Sclaven- händleru Flinten geschickt haben. Am 10. Mai haben
turrechts Hedinger zu übergeben, dem zugleich 40 fl. Gehalt zugesprochen wurden. Auch solle dieser sich schriftlich darüber äußern, wie die Bibliothek aus aller Confusion in rechte Ordnung gebracht, auch durch welche Mittel dieselbe ohne Beschwerung des Fiskus vermehrt und dem Gebrauch bester an- gepaßt werden könne.
Hedinger kam auch dieser Auflage nach, doch scheint Serenissimus nicht davon befriedigt gewesen zu sein, denn 1699 verlangte er zum Bibliothekar einen solchen Mann, der die Bibliothek in Ordnung bringe, notitiam librorum non vul- garum habe und zu deren augmentation und Verbesserung gute Vorschläge gebe.
Dennoch blieb Hedinger in seiner Stelle; ja noch mehr, es wurde 1705 ein Stübchen der Bibliothek zum erstenmal
mit einem Ofen versehen!
Hedingers Nachfolger, der Professor der Eloquenz, Kortholt, bekam 1717 10 fl. Zulage und als 1729 der erwähnte Ofen an das Gewächshaus abgegeben wurde, ver- willigte man dem Bibliothekar die Anschaffung eines anderen Ofens „und daß er solchen zu Ersparung des Holzes einst- weils in fein Haus nehmen möge." Da blieb er sechs Jahre,
bis er wieder in die Bibliothek kam.
Doch auch Kortholt stellte den verlangten Katalog nickt auf- sein Nachfolger Dr. Arnoldi bekam daher 1725 abermals die Aufgabe, den so oft geforderten indicem zustand zu bringen. Ta er nach drei Jahren dem noch nicht nachgekommen war, wurden thm die Professoren Estor und Ayr mann beigegeben, „damit alles desto ehender in Stand gebracht werden möge, " auch außer dem Katalog ein vollständiges Inventar über die ganze Bibliothek ausgenommen werde. Wieder drei Jahre später wird befohlen, dem Bibliothekar für diese Arbeiten das nötige Papier und die übrigen Schreibmaterialien zu reichen, auch einen Ofen in das zur Bibliothek gehörige Museum zu setzen. (Schluß folgt.)


