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1.12.1894 Erstes Blatt
 
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Rr 282

Der frkfcenet Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme drS Montags.

Die Gichener A«mitie«6tLtter «erden dem Anzeiger ^Wöchentlich dreimal beigelegt.

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Erstes Blatt. Samstag den 1. December

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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieszen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. |

Deutscher Reich

Darmstadt, 29. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog sowohl wie Jhre'Majestäten der Kaiser «nd die Kaiserin von Rußland haben in sehr gnädiger Weise für die ihnen telegraphisch vermittelten Glückwünsche der Stadt ihren Dank ausgesprochen.

Berlin, 29. November. Der letzte Monat des Jahres ist gekommen, er, der namentlich für die deutschen Laude das köstlichste und beseeligendste Fest der Christenheit in seinem Schooße birgt. Dennoch wird gerade der dies­jährige Christmonat für uns Deutsche von besonderer poli­tischer Wichtigkeit werden, da er uns mit der am nächsten Mittwoch erfolgenden Eröffnung des Reichstages neue bewegte politische Zeiten bringt. Denn das Reichs- Parlament findet sich diesmal bei seinem Zusammentritte ganz veränderten Verhältnissen gegenüber, im Reiche und in Preußen find inzwischen neue Männer ans Ruder gekommen und bald wird es sich nun zeigen müssen, ob und wie das Regime Hohenlohe und das Parlament mit einander aus- zukommen gedenken. Gelegenheit zu gegenseitiger Aussprache ist in dem Sessionsabschnitt bis Weihnachten schon hinlänglich gegeben, nachdem jetzt vomReichsanzeiger" selber erklärt worden ist, es würden dem Reichstage bet seinem Zusammen- tritte nicht nur dieUmsturz-Vorlage", sondern auch alle übrigen bis dahin sertiggestellten BerathungSstoffe, namentlich aber der Etat, zugehen. Schon die General­debatte über das Gesetz gegen die Umsturzbeftrebungen und über den Etat werden ein erstmaliges Licht auf die neue Lage werfen, der Reichskanzler Fürst Hohenlohe dürfte hierbei sein Programm zeichnen und die Reichstagsparteien ihrerseits können sich äußern, inwieweit sie wohl zur Unter­stützung desneuesten CurseS" bereit find. Die weitere Entwickelung der Dinge, von welcher Pessimisten schon eine kommende politische Katastrophe in Gestalt einer Reichstags­auflösung befürchten, bleibt dann eben abzuwarten.

Angesichts deS herangenahten Tages des Zusammentrittes deS Reichstages sind nun auch die amtlichen Bekanntmachungen über die Feierlichkeiten bei der Eröffnung des Parlamentes ergangen. Dieselbe findet am 5. December IP/2 Uhr Mittags im Rittersaale des Berliner Restdenzschlosses statt, dem EröffnungSacte gehen die üblichen Gottesdienste für die Mitglieder des Bundes- rathes und des Reichstages voran. Im unmittelbaren An­schluffe an die Eröffnungsceremonien findet die feierliche Einweihung des neuen Reichstagsgebäudes unter Theilnahme deS Kaisers und der Kaiserin nach dem hierzu bereits be­kannt gegebenen Programm statt.

Der Kaiser hat der am Donnerstag in Weimar ftattgefundenen Beisetzung der Leiche des Erbgroß- herzogS Carl August, entgegen seiner ursprünglichen Abficht, nicht beigewohnt. Eine plötzlich aufgetretene leichte Erkältung veranlaßte den Monarchen, noch in letzter Stunde auf die Reise nach Weimar zu verzichten und aus gleichem Grunde auch den geplanten Jagdausflug nach Kuchelna in Oberschlesien aufzugeben. Dagegen nahmen an den Beisetzungsfeierlichkeiten in Weimar der König Albert, sowie Prinz Georg von Sachsen, ferner der Prinz Friedrich von Hohenzollern als Vertreter des Kaisers, der Prinz- Regent von Braunschweig, der Herzog von Altenburg, der Fürst von Waldeck, der Erbgroßherzog von Baden, die Erb­prinzen von Coburg, Meiningen und Reuß j. L. usw. Theil.

Att-laird.

Graz, 29. November. Die hiesigen Reichsangehörigen sandten dem Fürsten Bismarck folgendes Telegramm: Die in Graz lebenden Angehörigen des Deutschen Reiches übersenden dem alloerehrten Begründer der Einheit und Größe ihres Vaterlandes den Ausdruck der aufrichtigsten und schmerz­lichsten Theilnahme."

Belgrad, 29. November. Die in Serbien wahr­genommenen Erderschütterungen erstreckten sich auch nack Macedonien und wurden ebenfalls in Saloniki verspürt.

Nerrefte

Wolff» t-tegr»phisches Correfpondenz- Bureau.

Berlin, 29. November. Der Bundesrath stimmte der sogenannten Umsturzvorlage zu.

Berlin, 29. November. DieNordd. Allgem. Ztg." meldet: Die Berathungen über die Börsenreform- »orlage zwischen den Commiffarien des Reichsamts des Innern, des Reichsjusttzamts und des preußischen Handels- Ministeriums sind nunmehr abgeschloffen. Der Gesetzentwurf

mtisöeikage: Hießener Iamilienölättt

geht in der jetzigen Formultruog zunäckü an daS preußische Staatsministerium- wie dieses sich zur Frage stellt, ist einst- weilen nicht bekannt.

Berlin, 29. November. DerPost" zufolge stimmte der Bundesrath dem vom Reichstag angenommenen An­trag zu, wonach den Offizieren und Mannschaften, die 1870/71 infolge Verwundung der Anrechnung eines zweiten Kriegsjahres verlustig gingen, der PensionsauSsall erstattet werde. Eine entsprechende Novelle zum Pensions­gesetz ist im Kriegsministerium ausgearbeitet und geht dem Reichstage im Laufe der Sessian zn. DiePost" hört weiter, daß die Meldung, es sei beabsichtigt, die kleinen Cavallerie - Garnisonen mit nur einer oder zwei EscadronS ganz aufzuheben, nicht richtig fei- eine solche Absicht bestehe bet der Militärverwaltung nicht. Desgleichen meldet das genannte Blatt, daß die Gerüchte über eine ge­plante Veränderung in der Verpslegung der Soldaten unbegründet seien. Die Gerüchte beruhen auf der irrthümlichen Nachricht, daß die zur Durchführung der Maßregel erforderlichen Geldmittel im nächsten Etat ein­gestellt seien- der Emt erhalte eine solche Forderung nicht.

Berlin, 29. November. DieNationallib. CorresP." meldet, daß der Reichstagsabgeordnete Leuß sein Mandat ntederlegte. t r ,

Barzin, 29. November. Die Beisetzung der Fürstin Bismarck nahm einen würdigen Verlauf. Außer der ge- sammten Familie waren Schweninger, die Beamten und daS Forstpersonal des Fürsten, sowie Bewohner von Varzin bei der Feier zugegen. Im Arbeitszimmer der Fürstin war der Katafalk aufgebaut, an d m Prediger Schumann (Wusiow) die Leichenrede hielt. Der Sarg wurde sodann von sechs Förstern und sechs Jnspectoren in daS Gartenhaus getragen, wo er interimistisch ausgebahrt wurde. Der Fürst folgte dem Sarge am Arme der Gräfin Rantzau, unmittelbar dahinter Schweninger. Der Fürst, der bereits am Vormittag allein einen Spaziergang nach dem Park unternommen hatte, schritt rüstig einher.

Leipzig, 29. November. DaS Reichsgericht verwarf die Revision Schröder- vom Bankverein Stegen, der am 16. Juni wegen Vergehens gegen daS Actiengesetz ver- urtheilt worden war.

Weimar, 29. November. Den Leichenzug, der um 11 Uhr begann, eröffnete Militär und Musik, es folgten die Hofdiener, Hofstaaten und die Geistlichkeit. Vor dem acht- spännigen Leichenwagen trug der Generaladjutant Graf Henckel auf einem Kissen die Weimarischen Hausorden, mehrere Offiziere trugen die anderen Ordensinsignien des Verstorbenen. Hinter dem Wagen schritten der Erbgroßherzog zwischen dem Prinzen Friedrich und dem König von Sachsen, darauf die Fürstlichkeiten, Leidtragende, Mtlitärdeputationen, Staats- minifterium, Hofstaaten, Offiziere und Beamte. In den trauergeschmückten Straßen bildeten die Kriegervereine mit Fahnen Spalier. Um IP/2 Uhr wurde der Sarg in die Fürftengrust versenkt. Der Großherzog war aus Gesund­heitsrücksichten der Feier ferngeblieben.

Paris. 29. November. Eine Note derAgence Havas" lautet: Gewisse Zeitungen fahren fort1, in, die militärische Spionage behandelnden Artikeln die fremden Botschaften und Gesandtschaften in Paris in diese Angelegenheit hineinzuziehen. Wir find zu der Erklärung ermächtigt, daß die betreffenden Angaben völlig unbe­gründet sind.

Depeschen der Brrre-n »Herold*.

Berlin, 29. November. DerNordd. Allg. Ztg." zufolge sind die Berathungen über die Börsenreform­vorlage zwischen den Commiffarien des Reichsamts des Innern, des Reichsjustizamts, des Retchsbankpräsidiums und des Handelsministeriums nunmehr abgeschlossen. Der Gesetz­entwurf geht zunächst an das Staatsministerium.

Berlin, 29. November. Das Staatsmtnisterium sandte gestern an den Fürsten Bismarck ein herzliches Condolenztelegramm, worauf der Fürst telegraphisch seinen Dank aussprach.

Berlin, 29. November. DieBoff. Ztg." bezeichnet die Blättermeldung, wonach der Director der Colonialabtheilung, Geheimer Legationsrath v. Kayser, im Reichsdienft für Elsaß-Lothringen Verwendung finden sollte, als unzutreffend. Ebenso sind sonstige Personalveränderungen innerhalb der Colonialabtheilung nicht zu erwarten.

Berlin, 29. November. Der Assistent Virchows, Privat- docent Hansemann, hielt in der gestrigen Sitzung der Berliner medictnischen Gesellschaft einen Vortrag über Diphtherie und Heilserum. Redner übte eine scharfe Kritik an der ganzen Bering'schen Serum-Therapie «nd be-

, Alle Annoncen-Bureaux bc5 In- und Auslandes nehme«

- Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgege«.

dauerte, daß jetzt auch die leichteren Diphtheriefälle gleich in die Krankenhäuser zum Spritzen geschickt werden. Er hält das Heilserum für kein specifisches Mittel gegen die Diph­therie und verweist auf die Folgen: nesselartige HautauS- chläge mit schweren Blutungen unter der Haut, Geleuk- chmerzen, Benommenheit, Herzschwäche, Nierenentzündung mit Eiweißausscheidung, welche die Anwendung nach sich zogen.

Berlin, 29. November. DaSBerl. Tageblatt" meldet aus London, daß nach Meldungen aus Odessa der Gesund­heitszustand des Großsürsten Georg sich derart ver- cklimmert hat, daß man das Schlimmste befürchtet.

Berlin, 29. November. Im heutigenVorwärts" ver- ichert Liebknecht derMünchener Post", daß er den Streitfall nicht als einen tacttschen betrachte. Nicht etwa die Agrarfrage, auch nicht die Abstimmung in dem Landtage hätten die Erregung verursacht, sondern nur die Annahme, Bebel habe in seiner Rede ein Pronuvciamento gegen den Parteitag und zur Errichtung einer persönlichen Dictatnr verfolgt. Auch ihn hätte der Ton und ein Theil des Inhalt» dieser Rede mißfallen. Die Annahme, Bebel wolle Dictator spielen, sei unfinnig.

Berlin, 29. November. Prinz Friedrich Leopold von Preußen hat sich eine leichte Erkältung zugezogen und konnte infolge dessen nicht in Vertretung des Kaisers zu den Beisetzungsfeierlichkeiten nach Weimar abreisen. Demzufolge beauftragte der Kaiser den Prinzen Friedrich von Hohenzollern, commandirenden General deS dritten Armeecorps, mit seiner Vertretung in Weimar. Der Prinz hat sich zu diesem Zwecke gestern Abend dorthin begeben.

Berlin, 29. November. Die Präsidentenwahl im Reichstage wird in der zweiten Plenarsitzung vollzogen werden. Man ist in maßgebenden parlamentarischen Kreisen schon jetzt der Ansicht, daß die Wiederwahl deS früheren Präsidiums (v. Levetzow, Frhr. v. Buol, Dr. Bürklin) statt­finden wird.

Varzin, 29. November. Die Beisetzung der Fürstin Bismarck hat heute Nachmittag im engsten Familienkreise stattgefunden. Das Gartenhaus, worin der Sarg bis zur Uebcrführung nach Schönhausen aufgestellt war, war unter Oberleitung deS Försters Westphal in eine Leichencapelle umgewandelt. Pastor Schumann aus Wuffow vollzog die kirchliche Handlung. Es find bereits an 800 Beileidstele­gramme eingegangen.

Frankfurt a. M., 29. November. Die Fernsprech- linjie Frankfurt a. M.-Berlin wird Anfang nächster Woche eröffnet.

Nürnberg, 29. November. Gestern Abend fand hier eine sehr zahlreich besuchte socialtstische Parteiver­sammlung statt. Reichstagsabgeordneter Grillenberger hielt eine 21/2ftünblßc Rede, in der er sich in eingehender und großen Eindruck hervorrufender Weise über den focia- listischen Parteistreit aussprach. Nach Beendigung der Rede kam eS zu lebhaften Discussionen, in denen besonders die prtncipielle Seite der Sache erörtert wurde. Die Versamm­lung gab hierbei auch dem Zweifel an der Richtigkeit der Vollmar'schen Taktik Ausdruck und wurde alsdann gegen Mitternacht auf nächsten Sonntag vertagt.

Liffabou, 29. November. DasAmtsblatt" beröffeutlicht ein Decret, wonach die Cortes heute geschloffen wurden.

London, 29. November. DerLimes" geht eine Meldung aus Chesou zu, wonach der Admiral Freemantle mit fünfzig Osfizieren in Port Arthur ans Land gestiegen ist. Leider bestätigt es sich, daß von den Chinesen, sowie von de« Japanern anläßlich der Einnahme Port Arthurs die größten Grausamkeiten verübt worden sind. Als die Japaner die verstümmelten Leichen ihrer Landsleute vorfanden, metzelte« sie Alles, was ihnen in den Weg kam, nieder.

Loudon, 29. November. Die Chinesen boten vierzig Millionen Pfund Sterling Kriegsentschädigung, die Japaner verlangen jedoch fünfzig Millionen, sowie Rückerstattung aller Kriegskosten.

Loudon, 29. November. Aus Tokio wird berichtet, daß der chinesische Specialgesandte, welcher mit der japanischen Regierung in Unterhandlungen treten sollte, nach Tientsin zurückgekehrt ist, da der japanische Premierminister es ab- gelehot hat, mit einer Persönlichkeit, welche ihm im Range nicht gleichsteht, zu unterhandeln. Im Uebrigen erklärte die japanische Regierung sich bereit, annehmbare Friedensvorschläge acceptiren zu wollen.

Petersburg, 29. November. Der Kriegsminister Wann o ws ki soll vom C zaren im Privatgespräch auf da- Herzlichste ersucht worden sein, die Gedanken an seinen Rück­tritt aufzugeben.