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1.11.1894 Erstes Blatt
 
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flte 256 Erstes Blatt. Donnerstag den 1. November

1894

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Ne-refte Nachrichten»

«olffs telegraphische« LorrefponLenz-Bureau-

Berlin, 30. October. Fürst Hohenlohe-Langen« bürg ist beute Morgen hier eingetroffen. Er empfing den Besuch deS Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe und wurdeMittagS vom Kaiser empfangen. Die Blätter bringen diese That- sache mit der vermutheten Ernennung des Fürsten zum Statt­halter der Reichslande in Verbindung.

Berlin, 30. October. Fürst Hohenlohe-Langen­burg ist zum Statthalter der Reichslande ernannt.

Berlin, 30. October Die Errichtung eines Berliner Meßpalastes wurde in der Generalversammlung der Der- eintgung von 1893 beschlossen.

Berlin, 30. October. Die chilenische Gesandtschast theilt mit, daß der Präsident der Republik Chile am 28. October die mineralogische Ausstellung in Santiago er­öffnet hat. Der Erfolg der deutschen Ausstellung sei voll­kommen. Die chilenische Regierung sei für die officlelle Theil- nahme seitens der deutschen Regierung sehr dankbar.

Lübeck, 30. October. Die Handelskammer beschloß heute, bet der Kaufmannschaft die Bewilligung von 25,000 Mk. Beitrag zum GarantiefondS der 1895 in Lübeck stattfindenden deutsch-nordischen Handels- und Industrie-Aus­stellung zu beantragen. Im Ganzen soll der Garantie- sondS 250,000 Mk. betragen.

Brussel, 30. October. Die heute hier versammelten ssocialistischen Deputirten stellten in ihrem Pro­gramm für die ParlamentS-Session folgende Forderungen auf: Allgemeine Amnestie, Regelung der Arbeitsdauer, Organi- strung der Kranken-, Unfall- und JnvaltditätSversicherung der Arbeiter, Revision der Steuergesetze, Organisation der land- wirthschaftlichen Versicherung, Arbeitsinspection, unverzügliche Berathung der RegieruugSentwürfe über Gewerbesyndicate und ArbeitScontracte.

Loudon, 30. October. Auf dringendes telegraphisches Ersuchen der Czartn reisen der Prinz von Wales und Gemahlin morgen früh nach Livadia. Sie reisen Tag und Nacht ohne Aufenthalt.

Petersburg, 30. October. DerRegierungsbote" meldet, daß der Kaiser gestern, am Jahrestage von Borki, com- municirt hat. Der Priester Joann Ssergijew (auS Kron­stadt) reichte ihm die heiligen Sacramente. Der Ober- Eeremonienmeister Fürst Dolgorucki ist in Aalta ange- kommen. Außer den Mitgliedern des Kaiserhauses, der Königin von Griechenland nebst deren Kindern sind auch der Hofmtnister Woronzow-Daschkow und der Oberprocurator des heiligen Synods, Pobjedonoszew, dort etngetroffen. Das Wetter war in der vorigen Woche frisch, ist aber jetzt warm und sonnig. Der Petersburger Professor Ssubotin dementirt die Gerüchte, daß er nach Südrußland reisen sollte.

Petersburg, 30. October. Bulletin von 11 Uhr Vor- mittags: In dem Zustande des Kaisers ist eine wesent­liche Verschlechterung eingetreten. Das Blutspeien, welches gestern Abend anfing, hat sich bei anhaltendem Husten Nachts vergrößert und es zeigte sich eine beschränkte Ent­zündung der linken Lunge. Der Zustand ist gefährlich.

Deoeichen de« Wuteeu »Herold*.

Berlin, 30. October. Der Kaiser empfing heute M-ttag den Grafen von Caprivi.

Lerliu, 30. October. Der Kaiser wird morgen daS Präsidium der außerordentlichen General- fynode im Neuen Palais zu Potsdam Vormittags 11 Uhr in Audienz empfangen. Nach derselben wird das Präsidium von der Kaiserin empfangen werden.

Berlin, 30. October. Staatssecretär v. Marschall wurde heute zum preußischen Staatsminister ernannt.

Berlin, 30. October. Die für heute anberaumte Sitzung des Staatsministeriums ist abermals ab­gesagt worden. DieNarionalzeitung" hört, an amt­licher Stelle find Meldungen, daß der Gouverneur Scheele mf seiner Expedition gegen die Wahahe unverrichteter Sache zurückkehren mußte, weil es infolge von Verwüstung des Landes durch Heuschreckenschwärme an Proviant mangelte, nicht eingetroffen.

Berlin, 30. October. Nach derPoft" tritt in der Angelegenheit der in Untersuchungshaft befindlichen Ober- seuerwerkerfchüler in acht bis vierzehn Tagen daS Kriegsgericht zusammen. Die Erledigung des Vorfalls, dem keineswegs politische Bedeutung zukommt, ist demnach bald zu erwarten. Uebrtgens werden gegenwärtig behufs Vor­beugung ähnlicher Vorkommniffe Veränderungen in der Or­ganisation der Oberfeuerwerkerschule erwogen.

Stendal, 30. October. Bei der R e i ct> st ag s - Er sa tz - , wähl, welche am 26. d. Mts. im 2. Wahlkreise des Re- gierungsbezirks Magdeburg (Osterburg-Stendal) stattsand, wurden nach amtlicher Feststellung insgesammt 15 063 gütige Stimmen abgegeben. Himburg (deutschcons.) erhielt 8234 Stimmen; auf Fischbeck (Volksp.) entfielen 4630, auf Hinze Soc.) 2159 Stimmen. Himburg ist somit gewählt.

Lüttich, 30. October. Gestern hatte der Director der Lütticher Waffenfabrtk eine längere Unterredung mit dem chinesischen Gesandten bezüglich einer Waffenlieferung für China.

Gent, 30. October. Ein antisocialistischer Ar­beiterzug hatte sich gestern Abend gebildet, um vor deut Locale der Clertkalen eine Serenade darzubringen. Ein soctalistischer Zug verfolgte den ersteren, wobei Crawalle entstanden, sodaß die Polizei einschreiten mußte. In der Nähe des Locales der Clerikalen stießen beide Züge abermals aufeinander. Es entstanden hierbei solche Tumulte, daß die Polizei bet Aufrechterhaltung der Ordnung sich als ohnmächtig erwies und erst, nachdem die zur Hilfeleistung herbeigerufene GenSdarmerie mehrmals Schüffe auf die Demonstranten abgab, konnte die Ruhe wieder hergestellt werden. Mehrere Schwer- verwundete mußten in benachbarte Häuser gebracht werden. Um Mitternacht war die Ruhe wieder vollständig hergestellt. Die Rädelsführer wurden verhaftet.

Pari«, 30. October. Die Polizei nahm in der letzten Nacht mehrere Haussuchungen bei Italienern vor, welche im Verdachte standen, Plakate mit der Aufschrift:Es lebe Caserto, Tod der Bourgeoisie" feit mehreren Tagen auf öffentlichen Plätzen angebracht zu haben. Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen.

Madrid, 30. October. Die Hinrichtung deS An­archisten Salvador wird wahrscheinlich am 7. November, dem Jahrestage des Attentats im Liceo-Theater, stattfinden. Als Urheber der vor einigen Tagen gemeldeten Dyna­mitexplosion in Los Samozas wurde der Arzt Dr. Antonio Bonza daselbst verhaftet.

Loudon, 30. October. Die letzten hier eingelaufenen Meldungen besagen, daß der Zustand des Czaren günstiger sei. DieTimes" melden aus Petersburg, alle Mitglieder des Staatsraths seien ersucht worden, sich zur Abreise nach Livadia jeden Moment bereit zu halten. Die gesammte Garnison Petersburgs erhielt den Befehl, sich jederzeit zum augenblicklichen Ausrücken in voller Ausrüstung bereit zu halten. Kein Mann erhält Urlaub.

Petersburg, 30. October. Entgegen den Gerüchten, die Vermählung des Thronfolgers sei abermals ver- schoben worden, behauptet man in Hofkreisen, daß dieselbe bestimmt am 9. November stattfindet.

Petersburg, 30. October. Der Zustand des Czaren hat sich nicht weiter gebeffert. Der Czar hat wenig gegessen, er fühlte sich gegen Abend schwach, worauf sich Husten mit starkem Auswurf einstrllte, welch letzterer sogar Blutspuren aufwies.

Newyork, 30. October. Bei einem Dynamitattentat gegen das Haus einer ungarischen Familie in Laurelwurden drei Personen getödret und zehn verwundet. Mehrere Ver­dächtige wurden verhaftet, darunter ein Italiener, bei dem Sprengstoffe vorgefunden worden sind.

Zum Schutz des einheimischen Gewerbes,

nn. Darmstadt, 30. October.

Seit längerer Zeit gehört es zu den Gepflogenheiten der Hess. Baubehörden, bei Submissionen für Staatsbauten größere Bauarbeiten, die ganz gut von Hess. Gewerbtreibenden gefertigt werden könnten, selbst bei geringer Submissions­preisdifferenz an Ausmärker, d. h. außer Landes zu ver- geben. Dieses Vorgehen hat denn auch unter den Gewerb­treibenden eine große Erregung hervorgerufen, die noch ver­größert wurde durch die Vergebung der Bauarbeiten zum Neubau der Großh. Technischen Hochschule und dem Neubau der Großh. Centralstelle für die Gewerbe an auswärtige Firmen.

Der Ortsgewerbverein Darmstadt hatte aus diesem Anlaß eine große Versammlung von Gewerbtreibenden ein­berufen, welche auch zahlreich besucht und in welcher auch der Reichs- und Landtagsabgeordnete Dr. Osann, sowie Land­tagsabgeordneter Dr. Schroeder erschienen waren. Den Vorsitz führte Stadtverordneter Spenglermeister Rockel und rügte derselbe in scharfer Weise das Vorgehen der hessischen Staatsregierung. Zum Nachtheil der hessischen Industrie und des einheimischen Gewerbes protegire man Ausmärker, und selbst in beschränkter Submission würden fremde Firmen auS Preußen, Baden u. s. w. dazu eingeladen, während doch

in umgekehrter Weise gerade diese Staaten noch keine Hess. Gewerbetreibende zu Submissionen berufen hätten. Ein Schlag ins Gesicht des gesammten einheimischen Gewerbe- standes sei eS jedoch gewesen, als man die Schreinerarbeit für den Neubau der Großh. Centralstelle für die Gewerbe an eine Frankfurter Firma vergeben habe, während eine leistungs­fähige hessische Firma bei einer Preisdifferenz von nur 500 Mk. gegenüber einer Voranschlagssumme von 10,000 Mk. daS Feld räumen mußte. Ebenso verhalte es sich mit dem Neubau der technischen Hochschule. Die Centralstelle für Gewerbe treffe der Vorwurf, daß sie in beiden Fällen nicht mit der nöthigen Energie vorgegangen sei, umsomehr als doch in dem Statut des Landesgewerbvereins als erster Grundsatz die Hebung und Förderung des einheimischen Gewerbestandes aufgestellt sei. Besonders mißfällig sei es auch von den Gewerbetreibenden aufgefaßt worden, daß selbst bei dem Bau eines steinernen Pavillons am Großh. Refidenzschloß die Vergebung sämmtlicher, viele Tausende von Mark betragenden Arbeiten kurzer Hand an auswärtige nichthessische Firmen erfolgt sei. Durch diese Art des Vorgehens entspreche man dem Grundsatzdaß der Schwache gestützt werden müsse" gewiß nicht, besonders aber in einer Zeit, wo sich der Mittel­stand beginne, zusammenzuschließen gegen die Umsturzbestre­bungen der Sozialdemokratie. Er appelltrte zum Schluß an die anwesenden Landtagsabgeordneten Dr. Osann und Schröder, diese Mißstände im hess.Landtag zur Sprache zu bringen. Vor allen Dingen sei es nöthig, daß eine Denkschriit an Seine Röntgt. Hoheit den Großherzog überreicht werde und zu dem der Hess. Gewerbe st and das größte Ver­trauen habe, daß er ein solches Vorgehen gewiß nicht billige.

Im Laufe der Besprechung gelangten noch eine ganze Reihe weiterer Klagen zur Kenntniß der Versammlung. Z. B. würden an dem Bau der Großh. Centralstelle für die Gewerbe die Schlösser und Bänder für die Thüren von der Baubehörde von auswärtigen Fabrikanten gekauft und durch Schreiner angeschlagen,-ferner seien 1700 Quadratmeter Parquetböden in den Räumen der Bauabtheilung an einen Frankfurter Agenten einer Weimarer Firma vergeben, während doch in Hessen Firmen wie Bembö-Mainz, Amend-Oppenheim, Sperb-Darmstadt diese Arbeit ebensogut und vielleicht noch besser hergestellt hätten. Auch die Termine zur Herstellung von Submissionsarbeiten seien in den Bedingungen viel zu kurz gestellt, so daß es dem kleineren Gewerbtreibenden kaum möglich sei, an einer staatlichen Submission Theil zu nehmen. Auch die Weißbinder-Arbeiten am Justizgebäude und am Collegien-Gebäude seien an auswärtige Firmen mit geringer Preisdifferenz vergeben worden. Diese lassen die Arbeiten von Gesellen der Umgegend Darmstadts in Accord nehmen, während man von einer Aufsicht des Meisters und einer richtigen Arbeit nichts finde. Auch gegen die städtische Verwaltung wurden ähnliche Vorwürfe erhoben, daß sie dem Grundsatz, das einheimische Gewerbe zu schützen, nicht huldige.

Der anwesende Landtagsabgeordnete Dr. Schröder, ein eifriger Förderer des hessischen Gewerbestandes, trat in wärmster Weise für den Schutz der Handwerker ein und ver­sprach, die sämmtlich hier gehörten Mißstände in der Stände­kammer zur Sprache zu bringen. Bis dahin müßten aber genaue Erhebungen darüber angeftellt werden, ob das Gehörte aufThatsachen beruhe. Auch die sämmtlichen Gew erb - üereine des Landes müßten veranlaßt werden, in ihren Kreisen gleiche Erhebungen anzu st eilen, da er die Vermuthung hege, daß auch an anderen Orten des Landes ebenso verfahren worden sei. Reichs- und Landtags­abgeordneter Dr. Osann bestätigt eine Reihe der gehörten Klagen und sprach ebenfalls sein Bedauern über das von der Bauabtheilung eingeschlagene Verfahren aus. Er gab die feste Versicherung, daß er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln dahin wirken werde, daß diese Mißstände abgestellt würden. Denn das Billige sei nicht immer das Beste und die Erhaltung eines tüchtigen, steuerkräftigen GewerbestandeS sei eine Hauptaufgabe jeder Staatsregierung. Eine Be­schwerde an den Großherzog halte er ebenfalls für angezeigt, allein er schenke derselben keinen großen Erfolg, solange man am Großh. Hofe selbst Bestellungen in England u.s.w. mache und Arbeiten dort ausführen lasse, die zu gleichen Beschwerden der hessischen Gewerbtreibenden Veranlassung gegeben hätten. Bei den heutigen Verhältnissen sei es Pflicht eines Jeden, vom Throne bis zum Arbeiter herunter, sich zusammen zu schließen und nicht durch solches Verfahren die Unzufriedenheit zu fördern. Mißständen, wie den gehörten, müsse man nach­gehen und sie jederzeit öffentlich besprechen, denn zur Ver­größerung der Concurrenz und Erhöhung der Steuerkraft Auswärtiger liege gewiß kein Grund vor. Hauptsache sei, daß sich der^Gewerbestand zusammenschließe, sich für solidarisch