Nr. 177
Mittwoch den 1. August
1894
Der Kleiner -azeiger erscheint täglich, erit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener A«mttie«vtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
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chratisöeilage: Hießener Jamikienklätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
unparteiisch--! Kn°PP°nbund-s abzus-l,-» und di- Sache bei alten Bundes deutscher Bergarbeiter zu fördern.
Nr. 34 des Neichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 27. d. M.,
(Nr. 2190.) Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Orientalischen Republik Uru- quau. Vom 20. Juni 1892. .
(Nr. 2191.) Bekanntmachung, betreffend die Anzeige- pfficht für die Schweinepest. Vom 23. Juli 1894.
Gießen, den 31. Juli 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Artikel 271.
pos. 1. Alle Fuhrwerke, besetzte oder leere Chaisen, beladene oder leere Wagen, welche sich auf öffentlichen Wegen »egegnen, muffen, insofern es die Beschaffenheit und Breite der letzteren gestatten, einander zeitig zur Hälfte rechts aus- weichen, d. h. rechts auf der Seite soweit emlenken, daß für ;as andere Fuhrwerk die Halste der Fahrbahn frei bleibt.
Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Neueste Nachrichten.
Walff» telegraphische» Lorrespondenz-Bureau.
tzffeu, 30. Juli. Der „Rh.-Weslf. Ztg." zufolge tagten beute hier die Vertreter der bedeutendsten, am Dortmund. Rheincanal interessirten Städte, Bezirke und wirthschas^ lichen Körperschaften. Es wurde einstimmig beschlossen, nach wi- vor an d-r süd-msch-r Sink feftju^alten unb n in« Denkschrift der Eingabe Dortmunds, die sich für die Ltppe- linie ausspricht, entgegenzutreten.
Kopenhagen, 30. Juli. D-r Grobsürst-Thron- folger besuchte gestern den Prinzen Heinrich an Bord der „Sachsen", wo er eine Stunde verweilte.
Kopenhagen, 30. Juli. Der König verlieh dem Hofmarschall Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Heinrich von Preußen, Capitän zur See Freiherrn v. Seckendorfs, das Groß- kreuz des Danebrog-Ordens und dem persönlichen Adjutanten Sr. Königl. Hoheit, Capitänlieutenant v. Colomb, das Ritterkreuz deffelben Ordens.
Beigen, 30. Juli. Se. Majestät der Kaiser W i lh e l m ging heute Vormittag 8V* Uhr an Land und erstieg den Gipsel des Flöifjeld. Das Wetter ist schön.
Bastia, 30. Juli. Lucchesi, der Mörder des Redacteurs Bandi, wurde heute Vormittag den italienischen Behörden ausgeliefert und an Bord des nach Livorno gehenden Dampfers „Palestina" gebracht.
Loudon, 30. Juli. Nach einer Lloyd-Depesche aus Shanghai von heute verlautet daselbst, mehrere chinesische Dampfer wurden von den Blokadeschisfen bei Faku vernichtet. Im Yangtsekiang wurden Torpedos gelegt. — Das deutsche Kanonenboot „Wolf" ist am 26. Juli in Ehefoo angekommen. __________
WB. Rostock, 31. Juli. Der frühere Reichstags- abg-ordn-t- Moritz Wigg-rS ist gestern Abend gestorben
Devefcben de« Bureaa .Herold'
Berlin, 30. Juli. Aus Varzin wird gemeldet, daß der Kaiser dem Fürsten Bismarck auS Anlaß der 47. Wiederkehr des Vermählungstages deS Fürsten em Glück« wunschtelegramm übersandte.
Berlin, 30. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Zeitungsmeldung, wonach eine erhebliche Mehrausgabe beim Fonds des Reichsschatzamts durch Vermehrung der Arbeitskräfte behuss Aufstellung der Steuerpläne entstanden
Deutsche» Reich.
Berlin, 30. Juli. Auf der Reise nach England werden sich im Gefolge des Kaisers befinden: Der Ober-Hos- und Hausmarschall Gras zu Eulenburg, Com- mandant des Hauptquartiers Generallieutenant und Generaladjutant v. Pleffen, Contreadmiral Frhr. v. Senden-Bibran, die Flügeladjutanten Oberst v. Scholl, OberstUeutenant v. Arnim und Major Graf v. Mottke, Generalarzt Dr. Leut- hold, Corvetten Capitän Siegel und als Vertreter des Auswärtigen Amtes der Gesandte in Hamburg v. Kiderlen- Wächter.
— Der Leiter der Reichsfinanz - Verwaltung, Staats- secretär Dr. Graf Posadowsky, ist mit den Vorarbeiten für die neuen Steuer- und Finanzvorlagen der- maßen beschäftigt, daß er einer parlamentarischen Corre- spondenz zufolge auf jede Ruhepause verzichten wird. Der Reichstag dürfte sich also sehr zeitig mit den neuen Steuervorlagen beschäftigen.
— Die Vorarbeiten für die beabsichtigte Umgestaltung des preußischen Handelskammergesetzes sind so weit vorgeschritten, daß den Handelskammern bereits in naher Zeit die Grundzüge der geplanten Aenderungen zur Begut- achtung werden zugehen können. Der Handelsminister hat vor Antritt seines Urlaubs alle erforderlichen Anordnungen dazu getroffen.
— Der älteste active General des deutschen Heeres, der berühmte Generalfeldmarschall Graf Blumenthal, der General-Jnspecteur der 3. Armee-Jnspeclion und Chef des reitenden Feldjägercorps, ist am 30. Juli in sein 85. Lebensjahr eingetreten. Am 30. Juli 1810 in Schwedt geboren, konnte der Feldmarschall am 28. Juli auf eine Dienstzeit von 67 Jahren zurückblicken. Möge dem greisen Helden, welcher sich 1870 bet Wörth und Sedan als leitender Generalstabschef der 3. (kronprinzltchen) Armee den Feldherrn- ruhm erwarb und damals tapfere nord- und süddeutsche Söhne zum Siege führte, noch manches rüstige Jahr be- schieden sein.
— Der in Witten tagende Delegirtentag der rheinisch-westfälischen Knappe n-Vereine beschloß am 29. Juli einstimmig, von der Gründung eines christlichen
BekaMtmachmig,
betreff, die Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach.
Freitag, den 3. August l. Js., Mittags von 1 bis 2 Uhr, findet die Entgegennahme der Wünsche bezüglich der Zutheilung der neuen Grundstücke vom letzten Bereinigungs- fetbe rubr. Gemarkung statt.
Die Wünsche sind schriftlich einzureichen, müffen Flur und Nummer der zusammenzulegenden Grundstücke enthalten und vom Eigenthümer unterschrieben sein.
Gießen, den 31. Juli 1894.
________ Der Vollzugscommiffär: Dr. Wallau.
Bekanntmachung,
betreff, die Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach.
Freitag, den 3. und Samstag, den 4. August l. Js., Vormittags von 7 Uhr ab, findet die amtliche Ueberweisung der neuen Grundstücke vom 2. und 3. Bereinigungsfelde rubr. Gemarkung an Ort und Stelle statt.
Die Grundbesitzer werden ersucht, dieser Ueberweisung beizuwohnen, damit Verwechselungen von Grundstücken vermieden werden, da später sich herausstellende Unrichtigkeiten des Besitzstandes nur schwer und auf Kosten der Jntereffenten beseitigt werden können.
Die Zusammenkunft ist an der Garbenteicher Chaussee am Ausgang des Ortes.
Gießen, den 31. Juli 1894.
_____________Der VollzugScommissär: Dr. Wallau.
Bekanntmachung.
Die Omnibusgesellschaft wird am 1. August er. den regelmäßigen Betrieb eröffnen und verweisen wir daher die Führer von Fuhrwerken, bis zum Inkrafttreten des diesbezüglichen Local-ReglementS, auf Artikel 271 pos. 1 des Polizeistrafgesetzes, welchen wir hiermit nachstehend zur öffentlichen Kenntniß bringen.
Gießen, 30. Juli 1894.
Großhcrzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
Bibliotheca
Acadeinica et Senkenbergiana.
Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule Gießen.
Bon Dr. O. Buchner.
(4. Fortsetzung.)
Nachdem er 1737 seinen medicinischen Doctor in Göttingen erworben hatte, wurde Senckenberg 1739 Leibarzt des Landgrafen von Hessen-Homburgs doch konnte er bei seinem Freimuth das Hofleben nicht vertragen und kehrte 1739 dauernd nach Frankfurt zurück.
Johann Christian Senckenberg war dreimal verheiratet, alle Ehen währten nur kurz, die zwei letzten waren unglücklich , namentlich die letzte voll Zank und Streit, so daß er sich von seiner Frau trennte und in sein Haus zurückzog. Alle Kinder starben in früher Jugend. Senckenberg war ein hochgeschätzter vielbeschäftigter Arzt, der zwischen Armen und Reichen keinen Unterschied machte und deshalb allgemein beliebt und hochgeachtet war. Er war Land - und Stadtphy- sikus, Leibarzt und Hofrath des Landgrafen Wilhelm VIII. von Cassel, behandelte auch neben anderen Aerzten den Kaiser Karl VII., als dieser in Frankfurt war. Er hatte also Gelegenheit, ein bedeutendes Vermögen zu erwerben.
Nach dem Tode seiner dritten Frau lebte er nur noch feiner ärztlichen Thätigkeit und der Ausführung seiner großartigen Pläne zur Gründung der berühmten Anstalt, die noch jetzt in Frankfurt unter seinem Namen blüht. Es ist das Senckenber gische Stift.
Die Sttstung zerfällt in zwei Theile, eine wissenschaftliche Abtheilung, Collegium medicum mit 2/s der Einkünfte, einem Anatomiegebäude, einem chemischen Laboratorium, einem botanischen Garten mit Gewächshaus, aus Sammlungen für Naturwissenschaften, einer Bibliothek. Die zweite Abtheilung ist mit V3 der Einkünfte der ausführenden Heilkunde gewidmet-
dahin gehört ein Krankenhaus. Auch waren Stipendien für Hochschulen, wissenschaftliche Reisen zur Ausbildung von Aerzten, Chirurgen, Apothekern und Hebammen, sowie Unterstützungen für alte Aerzte, Wittwen und Waisen von Aerzten vorgesehen. .
Die Verwaltung der Stiftung besteht aus vier Aerzten und vier Frankfurter Bürgern. Die Hauptaufsicht übertrug Johann Christian Senckenberg dem jedesmaligen ältesten Sohne seines ältesten Bruders und nach Aussterben der Familie (1842) den zwei Dekanen der medicinischen und juristischen Fakultät in Gießen.
1771 begann der Bau des Spitals, 1779 wurde es vollendet. Der Stifter selbst überwachte die Ausführung des Baues aufs sorgfältigste. Am 15. November 1772 war er in der Mittagszeit allein auf das Gerüst gestiegen- da ergriff den Sechsundsechzigjährigen einer seiner häufigen Schwindelanfälle, er stürzte ab und brach das Genick.
Johann Christian Senckenberg hinterließ bei seinem Tode ein Vermögen von 117400 sl. Schon diese beträchtliche Summe hätte genügt, die Pläne des hochherzigen Stifters würdig auszuführen. Durch zahlreiche anderweitige beträchtliche Schenkungen konnten sie sich auf das großartigste entfalten.
Der dritte Bruder war Johann Erasmus Senckenberg, geboren 1717. Er war ein hochbegabter, aber durchaus zerfahrener Mensch. Mit seinem 15. Jahr bezog er die Hochschule Altors, dann Göttingen, um die Rechte zu stu- dieren, und kehrte nach fünf Jahren nach Frankfurt zurück. Hier trieb er die Advokatur, aber ohne sich je in die Reihe der Advokaten aufnehmen zu lassen, obgleich er einen großen Schatz von juristischem und geschichtlichem Wissen besaß. 1744 wurde er Hofrath mehrerer kleiner Reichsstände, 1746 in den Frankfurter Rath gewählt, 1749 geadelt. Seine Hauptfehler waren übertriebener Ehrgeiz und Selbstüberhebung, sowie ein
höchst ausschweifendes Leben. Er stahl Aktenstücke, machte icMe Protokolle, beschimpfte seine Amtsgenossen im Rath, machte Schmähschriften und Gedichte der gemeinsten Art. Obgleich er als „Falsarius" erklärt wurde, blieb er doch noch 12 ^ahre Mitglied des Senats. Doch wurde er 1769 wegen wieder Holter schwerer Beleidigung des Raths gefangen genommen und starb nach 26jähriger Gefangenschaft 1795.
Hier sehen wir in drei Brüdern die verschiedensten Charaktere entgegentretend und die Ursache dieser verschiedenartigen Entwickelung ist wohl in dem unglücklichen Verhältnis der Eltern zu suchen.
I o h ann Chr i stian Scn ckenb er g, der Gründer des großartigen Senckenbergischen Stifts in Frankfurt, war demnach der Oheim des Karl Renatus Freiherrn von Senckenberg, dem Wohltbäter der Hochschule Gießen.
Seither war vorwiegend von Schenkungen an die Universitäts - Bibliothek die Rede.
Die Mittel um Bücher zu kaufen waren sehr gering; nur wenig vermehrt wurden sie durch besondere Einnahmen. Wenn 1665 der Landgraf verordnete, daß von jedem Studenten beim Einschreiben V? bis 1 Kopfstück für die Bibliothek erhoben werde, oder wenn 1678 von jedem Candidato, so den gradum annimmt, unserer Universität jedesmaliger Rektor oder Prorektor zur Vermehrung dec Bibliothek 2 Rth. wirklich erfordern und zur Rechnung einbringen soll, ober wenn 1701 diejenigen Gelder, welche ehedessen einem zeitigen Rectori aus dem fisco zu dem Rectoratmahl, bei der Verlesung derer legum acad. hergegeben, mit Einziehung dieses Mahls zur Universitäts - Bibliothek und zur Anschaffung von Büchern verordnet wird, so waren damit doch keine größeren Summen zu schaffen.
(Fortsetzung folgt.)


