Nr 151
Der .chieheuer Avreiger erscheint täglich, mit AllSnahme deS Montag-.
Die Gießener A>a mitten vsäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt.
Sonntag den 1. Juli
1894
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Viertel jährig«^ jlkonncmcntsprei« : 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Sckutstratze ^lr.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den pArtO* (tipfcpYtPY ^ferttlt t ft Ott fiCrt Hoi* Alle Annoncen-Bureaux deS In. und Auslandes nehme«
folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtliche* Lbeil.
Gießen, am 27. Juni 1894.
Betr.. Die Erstreckung der Versicherungspflicht nach dem JnvaliditätS- und Altersversicherungsgesetze aufHaus- gewerbtreibende der Textilindustrie.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen
a« die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Laut Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 1. März .1894 (Reichsgesetzblatt S. 324) ist die Versicherungspflicht nach § 1 des JnvaliditätS- und Altersversicherungsgesetzes durch Beschluß des Bundesraths auf solche selbständige Gewerbetreibende (Hausgewerbetreibende) erstreckt worden, welche in eigenen Betriebsftätten im Auftrage und für Rechnung anderer Gewerbetreibenden (Fabrikanten, Fabrik-Kaufleute, Handelsleute) mit Weberei und Wirkerei beschäftigt werden.
Diese Hausgewerbetreibenden unterliegen der Versicherungspflicht auch dann, wenn sie die Roh- oder Hülfsstoffe selbst beschaffen und auch für die Zeit, während welcher sie vorübergehend für eigene Rechnung arbeiten.
Bezüglich der näheren Bestimmungen über die Versicherungsanstalt, bei welcher die Versicherung zu bewirken ist, die Art und Weise der Beitragsentrichtung, die Erstattung der den Fabrikanten zur Last fallenden Beitragshälfte, die An- und Abmeldung der Versicherungspflichtigen, die Ausstellung, den Umtausch und die Erneuerung der Quittungskarten, die Führung von Verzeichnissen über die versicherungspflichtigen Hülfspersonen u. s. w. verweisen wir auf den Inhalt der Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 1. März 1894 und der Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 4. April 1894 (Reg.-Blatt Nr. 9).
Da die gedachten Bestimmungen mit dem 2. Juli l. I. in Kraft treten, so empfehlen wir Ihnen darüber zu wachen, daß die Zuziehung der versicherungspflichtigen Hausgewerbetreibenden der Textilindustrie zur JnvaliditätS- und Altersversicherung, sofern solche in Ihren Gemeinden vorhanden sind, in der vorgeschriebenen Weise bewirkt wird.
Bis zum 15. k. M. wollen Sie berichten, ob und bejahendenfalls wie viele derartige Hausgewerbetreibende sich in Ihren Gemeinden befinden.
v. Gag er n.
Gießen, am 27. Juni 1894.
Betr.: Die Landeswaisenansialt, hier Pfleggeldsätze.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Das nachstehend abgedruckte Ausschreiben Großh. Provinzial. Direction Starkenburg vom 22. Juni d. I. theilen mir Ihnen zur Kenntnißnahme mit.
v. Gagern.
Darmstadt, am 22. Juni 1894. Betr.. Wie oben.
Die SroßheyoMe promnjial-Dittctm Starkenburg
an die Grotzherzoglichen Kreisämter.
Nach dem genehmigten Staatsbudget für 1894/97 sollen mit Wirkung vom 1. 2lpriF 1894 ab die Pfleggeldsätze in den Städten Darmstadt, Offenbach, Gießen, Mainz und Worms auf 150 Mk., in den Städten Bensheim, Friedberg, Alzey und Bingen auf 125 Mk. und in den übrigen Gemeinden des Landes auf 100 Mk. jährlich erhöht werden. Außerdem soll auch eine Erhöhung der Unterstützungen für Waisen-Lehrlinge von 120 auf 150 Mk. für die Lehrzeit eintreten. Wir haben den Rechner der Landeswaisenkaffe wegen Auszahlung der erhöhten Beträge mit entsprechender Weisung versehen und beehren uns, Sie hiervon ergebens! in Kenntniß zu setzen. Die Erhöhung des Pfleggelds, beziehungsweise der Lehrlingsunterstützung hat nach einer Anordnung des Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz nur insoweit einzutreten, als nicht seither schon die neuen Ansätze übersteigende Beträge bewilligt waren oder auf die entsprechende Erhöhung der Satze ausdrücklich Verzicht geleistet werden sollte. Dagegen soll von einer Erhöhung der Sätze für die in diesem Frühjahre aus der Anstalt austretenden Waisen und Lehrlinge in Anbetracht der Gering, sügigkeit der bei diesen in Frage kommenden Mehrbeträge abgesehen werden.
v. Marquard.
Gesunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Spazierstock, 1 gold. Uhrschlüssel, 1 Scheere, 1 Sprungleine, 1 schwarzes
Tuch, 1 Schürze und ein Verzierungsstück, einen gespaltenen Schlüssel darstellend.
Gießen, den 30. Juni 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.'
Neueste Nachrichten»
Wolffs trlegr«phtscheS Correspondenz-Buram.
Eisenach, 29. Juni. Heute wurde der 2 2. deutsche Aerzte-Tag eröffnet. Etwa 100 Delegirte aus ganz Deutschland sind erschienen. Die Verhandlungen betrafen erst Geschäftliches, sodann das Verhältniß der Aerzte zu den Lebensversicherungsbanken und Berufsgenossenschaften.
Dresden, 29. Juni. Heute wurden hier wegen durch Bierboykott verübten groben Unfugs 41 Socialdemokraten zu je 40 Mark, einer zu 15 Mark Geldstrafe v e r- urtheilt.
Wien, 29. Juni. Der Stenographie-Professor Carl Faul mann, der Erfinder einer eigenen Schreibart, ist gestorben.
Rom, 29. Juni. Wie die „Italic" meldet, ist die Gerichtsbehörde überzeugt, daß zwischen den Attentaten von Lyon und Rom ein Zusammenhang bestehe. Der Appellationsgerichtsrath Arnoldi, welcher dieUntersuchung imProzesse Lega führte, constatirte, daß Lega in den Tagen vor dem Attentate nach Marseille gegangen ist- auch Caserio scheine sich dorthin begeben zu haben. Die italienische Gerichtsbehörde sucht im Einvernehmen mit der französischen festzustellen, ob es sich um ein internationales Complot handele. Lega behauptet, Caserio nickt zu kennen, und verlangt begierig Zeitungen. Man ist noch nicht sicher, ob Lega im Geheimen um das Attentat gewußt hat.
Lüttich, 29. Juni. Die hier und in der Umgegend aufgetretenen choleraartigen Durchfälle sind, Dank den energischen Maßnahmen der Behörden, beinahe verschwunden.
Paris, 29. Juni. Dem Publikum ist heute gestattet, an dem Sarge Carnots, der auf dem Katafalk ruht, vorüber zu defiliren. Der Andrang ist so bedeutend, daß das Ende des Zuges sich in einer Länge von ungefähr einem Kilometer über die Champs Elysees bis zur Place de la Concorde erstreckt. Blumen und Kränze kommen in großer Menge ins Elysee. Die enorme Zahl von Abordnungen aus Paris und den Departements, die sich zur Theilnahme an der Leichenfeier einschreiben lassen, wächst mit jeder Stunde. Die Abordnungen werden auf den Champs Elysees bis zum Arc de triomphe aufgestellt werden.
Marseille, 29. Juni. Es steht nunmehr fest, daß eine Verschwörung zur Ermordung Carnots bestand. Die Polizei ist den Verschwörern auf der Spur. Die letzte Versammlung derselben sand in Cette statt, wo Ceserio durch das Loos zur Ausführung des Verbrechens bestimmt wurde. Die Verhaftungen stehen bevor.
Rewyork, 29. Juni. Der Strike der Eisenbahn- bediensteten hat sich jetzt auch auf das Bahnsystem der Northern Pacific ausgedehnt.
Depeschen deS Bure«o ,$ero»*.
Berlin, 29. Juni. Die Kaiserin wird ihren Gemahl auf der Nordlandsretse nur bis Malmö begleiten und sich von dort auf dem Aviso „Grille" nach Swinemünde begeben, um die Rückreise nach Berlin anzutreten, welche im zweiten Drittel des Monats Juli erfolgen wird.
Berlin, 29. Juni. Die „Voss. Ztg." erfährt, es werde beabsichtigt, sobald die Landwirthschaftskammern ins Leben getreten sind, das LandesöconomteCollegium entweder aufzuheben oder dessen Mitglieder durch Vertreter der Landwirthschaftskammern zu ersetzen oder zu ergänzen.
Berlin, 29. Juni. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." mit- theilt, hat Finanzmintster Miquel eine Entscheidung getroffen, daß Werthpapiere, welche als Ersatz verloren gegangener, gerichtlich als kraftlos erklärter, nachweislich gestempelt gewesener Stücke ausgestellt worden sind, vom. Reichsftempel befreit sind.
Berlin, 20. Juni. Man glaubt, daß die Affaire Kotze einen starken Personenwechsel in den Hofchargen zur Folge haben werde, der durch die Reise des Kaisers nur einen Aufschub erleide. Bereits sollen vier namhafte Persönlichkeiten beabsichtigen, ihre Entbindung vom Hofdienst nachzusuchen.
Paris, 29. Juni. General Fevrier überreichte Peri e r osfiziell die Insignien des Großkreuzes der Ehren
legion und den Cordon als Großmeister. Adolf Carnot, der Bruder des ermordeten Präsidenten, erklärte, Frau Caruot und ihre Söhne verließen das Elyse ärmer als sie es bezogen hätten, da Präsident Carnot sich aus Princip auch nicht um einen Centime bereichert habe. Am Montag erst wird Perier den Auftrag zur Cabinetsbildung ertheileu. Außer Burdeau dürfte auch Loubet in Frage kommen. Die Kammer wird sich morgen einen Präsidenten creiren, damit das Bureau der Kammer gebildet werden kann, um dieselbe bei der Leichenfeierlichkeit offiziell zu vertreten. AIS Cau- didateu zum Kammerprästdium werden Brisson und Bourgeois genannt.
Paris, 29. Juni. Die Kundgebungen der Trauer um den ermordeten Präsidenten dauern fort. Beinahe an allen Häusern sieht man die mit Trauerflor umgebenen Fahnen aufgepflanzt. In den Straßen werden Photographien Carnots und Blumen, auf deren Blättern Name und Vornamen, sowie Datum der Geburt und der Todes Carnots eingeschrieben sind, verkauft.
Paris, 29. Juni. Die Railliirten wollen in der Kammer einen Antrag einbringen, der Wtttwe CarnotS eine Staatspension auszusetzen.
Paris, 29. Juni. Die Radicalen verlangen eine allgemeine Amnestie, die Conservativen beschränken sich auf die Forderung der Rücknahme der Prinzenausweisung.
Paris, 29. Juni. Wie aus Montpellier gemeldet wird, haben in vergangener Nacht mehrere unbekannte Personen den Posten am Pulvermagazin thätlich angegriffen. Der Soldat gab auf die Angreifer mehrere Schüsse ab, welche jedoch nicht trafen, so daß die Angreifer entfliehen konnten. Mau glaubt, daß dieselben die Absicht hatten, das Pulvermagazin in die Lust zu sprengen oder Dynamit zu stehlen.
Paris, 29. Juni. „Agence nationale" publictrt Telegramme, nach denen der Graf von Paris dem Präsi- denteu Perier anläßlich dessen Wahl seinen Glückwunsch übersandt haben soll. Die Nachricht findet wenig Glauben. Die Blätter meinen, falls dieselbe auf Wahrheit beruhe, werde Casimir Perier arg compromittirt.
MarseilleS29. Juni. Die bei den Canalisationsarbeite» beschäftigten französischen Arbeiter legten die Arbeit nieder mit der Forderung,, daß die bei den genannten Arbeiten beschäftigten 2400 italienischen Arbeiter entlassen werden sollen. Der Präfect suspendirte vorläufig die Arbeiten.
Loudon, 29. Juni. Wie die „Times" berichten, beabsichtigt die italienische Regierung, ein System einer internationalen Ueberwachung der Anarchisten in Vorschlag zu bringen. Gleichzeitig soll ein Centralbureau für Informationen und gegenseitige Benachrichtigung bei irgend welchen Bewegungen berüchtigter Anarchisten eingerichtet werden, welches die strengste Controle üben soll. Das Bureau soll möglichst an einen centralen Ort Europas, z. B. nach Genf, verlegt werden.
Brüffel, 29. Juni. Die Polizei recherchirt eifrig nach dem italienischen Anarchisten Vinzensi Rossi, der, als er in der Schweiz verhaftet werden sollte, hierher geflüchtet ist und jedenfalls bei Anarchisten Unterkunft gefunden hat.
Brussel, 29. Juni. Gelegentlich des HtnschetdenS des Präsidenten Carnot hat der Hof eine Trauer von acht Tagen angelegt.
toeofes nnb PesoLirrtelle-.
Sieben, den 30. Juni 1894.
* * Erueuuuug. Seine Königliche Hoheit der Groß- Herzog haben Allerguädigft geruht: am 26. Juni bce Anstaltsarzt am Landeszuchthaus Martenschloß Dr. Ott« Wießner zum Anstaltsarzt an der Zellenstrafanstalt Butzbach zu ernennen.
* * Eruauut wurden: die Steuercontrolleure, Steuerassessoren Adam Hübner und Karl Schneider zu ©teuer* commissariatsassistenten bet den Steuercommissariaten Gießen bezw. Worms und der Steuercontrolleur, Steueraffessor Adolph Weissenbruch zum Steuercommiffariatsassistenten, die Steuerassessoren Karl Damm aus Ober-Florstadt, Heinrich Schäfer auch Hochheim, Rudolf Blum aus Wörrstadt, Ferdinand Welcker aus Bingenheim und Karl Jäger aus Groß-Gerau zu Steuercontrolleuren.
* * Am Dienstag, den 3. und Mittwoch, den 4. Juli finden Hierselbst in Steins Garten zwei Concerte des Russisch« Säuger- uud Natioual-Täuzer-ChorS Dmitti Zwauoff statt. Es geht genannter Gesellschaft ein vorzüglicher Ruf voraus. Das „Cassel. Tagebl." vom 26. ds. Mts. schreibt u. A. : „Die russische Gesellschaft erzielte, um das gleich vorweg zu


