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01/04/1894 Drittes Blatt
 
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Nr. 75 Drittes Blatt.

Sonntag den 1. April

1894

Der Maur *w*ti<tr crldinnt täglich, Hl Lu»nahme bei Montags

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2lints- und Anzeigeblutt für den Tireis Giefzeiu

chralisbeikage: Gießener Kamilienblätter.

Annahme vom Anzeigen zu ber Nachmittags für bei filgmbm lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Ille Annoncen.Bureaux bes In- unb Auslanbes nehme» Anzeigen für btn .Gießener Anzeiger^ entgegen.

Die Lage der deutschen Industrie.

Jeder Industrielle, jeder Gewerbetreibende und auch jtbcr Kaufmann legt sich heutzutage die Frage vor:Wird unS nun endlich in diesem Jahre der Anfang einer erfolg­reichen ErwerbSthätigkeit erblühen?"

Lange genug haben Industrie und Handel unter Ueber- probuction und Mangel an Nachfrage gelitten, und man sehm sich allgemein nach einer Vesierung der Lage. In vielen Branchen erwartet man dieselbe von dem nun in Kraft ge­tretenen deutsch-russischen Handelsverträge und wie eS scheint, mit Recht, denn in der Eisen-, Maschinen-, Textil-, Woll- und Baumwollen-Jndustrie ist seit einigen Tagen ein etwas belebteres Geschäft vorhanden, auch dürste der Absatz von Steinkohlen, CoakS, Zinkweiß usw. im oberschlesischen In­dustriegebiet einen größeren Umsang nach Rußland infolge der Ermäßigung der russischen Zölle annehmen und belebend aus manches andere Gebiet wirken.

Erschwert wird eine allgemeine Besserung der Geschäfts­lage noch hauptsächlich dadurch, daß sowohl Fabrikanten als Rohproductenhändler mit ihren Aufträgen noch sehr zurück- halten, vermuthlich deshalb, weil sie ein weiteres Sinken der Preise der Rohproducte befürchten, waS trotz der Besserung der industriellen Lage insofern nicht auSgeschlosien ist, 'weil sich die Rohproducte vielfach sehr angehäust haben.

Auf eine nachhaltige Hebung deS Geschäfts ist übrigens wohl erst dann zu rechnen, wenn in Nordamerika die große lvinhschastliche und in Südamerika die große politische KrisiS überwunden ist, denn die Staaten Nord- und Südamerikas sind doch noch ganz andere Käufer deutscher Jndustrieproducte als Rußland, welches verhältnißmäßig wenigstens in den früheren Jahren nur den zehnten Theil ungefähr von den deutschen Jndustrieproducten kaufte, welche nach dem Auslande, zumal nach Amerika g'ngen. Nun wird der Absatz nach Rußland allerdings auch bester werden. Das Wichtigste sllr die deutsche Industrie ist nach unserer Meinung aber der Umstand, daß die wirthschaftliche Knsi« in den Bereinigten Staaten bald überwunden sein dürste und wahrscheinlich sogar durch eine Ermäßigung der hohen amerikanischen Schutz­zölle ihren für Deutschland günstigen Abschluß erhält. Ebenso ist die Beendigung der politischen Krisis in den südamerika­nischen Staaten in diesem Frühjahre zu hoffen, und der dortige große Bedarf an Jndustrieproducten muß dann zum großen Theile in Deutschland gedeckt werden.

focate» und provinzielles.

Gießen, den 31. März 1894.

Hessischer Katholikentag. Bei der am 11. März in Mainz stattgefundenen Kathol'ken-Bersammlung wurde der Beschluß gefaßt, nach Ostern einen hessischen Katholiken­tag in Darmstadt abzuhalten. Diese Versammlung soll nun, demMzr. II." zusolge, am Sonntag, den 6. Mat, Nachmittags im Saalbau zu Darmstadt stattfinden und werden

Feuilleton.

Da« mar für mich.

rIne ethische Erzählung von Heinrich von Schubert.

(Nachdruck verboten.)

In manchen großen Städten, namentlich von Italien, doch auch hin und wieder in Deutschland, giebt eS gesell­schaftliche Berbindungen von guten, frommen Leuten, die sich'- zum Geschäft machen, arme Nothleidende und Kranke aufzusuchen und diesen ihr Elend auf alle Weise zu mildern. Die Männer und Frauen, welche zu jenen Berbindungen ge­hören, sind zum Theil Leute von sehr hohen, gebildeten Ständen, aber in der Hülle ihrer Ordenskleidung sehen sie alle einander gleich; der alltägliche Stand wird da Der- zeffen über den festtäglichen Berus, der Leidenden sich zu erbarmen.

Einmal e- war im Jahre 1844 hat eS in der großen schönen Kaiserstadt Wien sich zugetragen, daß ein Bruder von solch einem barmherzigen Orden in daS Zimmer eine- vornehmen Kaffeehauses hereintrat, in welchem mehrere ansehnliche, reiche Leute um einen Tisch saßen. Man konnte eS dem Manne in seiner Ordenstracht nicht ansehen, wer er im Gewände des 'gewöhnlichen Lebens sei, daß er aber von wahrhaft hoher Bildung war, bewies bald nachher sein Be­nehmen, und wenn er, ehe er diese Kutte anzog, wie einige sagen, ein Offizier von hohem Range war, dann muß er in lern pünktlichen Gehorsam einer höheren göttlichen Art ebenso wohl und tüchtig eingeübt gewesen sein, als in den Pflichten und Exercitlen eine- weltlichen Militärmannes.

gen. Blatte zufolge als Redner austreten : Herr Dr. Kübel auS Gießen über die Ordensfrage - Herr Dr. Frenay aus Mainz über die sociale Frage - Herr Pfarrer Schäfer aus Ober-Ingelheim über die Schule - Herr Rechtsanwalt v. Brentano aus Offenbach über dte Presse. Man rechnet auf sehr starken Besuch von auswärts und sollen sogar Extrnzüge nach Darmstadt veranstaltet werden.

* Eine neue Gewerbezählung wird im deutschen Reiche voraussichtlich mit der Volkszählung 1895 verbunden werden. Die letzte ausführliche Gewerbezählung sand im Jahre 1875 statt, während die gewerbestatistische Aufnahme im Jahre 1882 nur einen Theil der Berufzahlung dieses Jahre- bildete und an Vollständigkeit und Umfang an jene des Jahres 1875 nicht heranreichte. Die neue Gewerbe- zählung soll nicht nur über den Umfang deS in den einzelnen Gewerbebetrieben verwendeten Personals, sondern auch über die Art, die Leistungsfähigkeit und sonstige Eigenschaften der benutzten Motoren und Arbeitsmaschinen eingehende Auskunft ermitteln.

♦♦ Lebensmittel-Preise Ende Februar 1894. Nach einer Zusammenstellung der Großh. Ecntralstelle für die Landes­statistik kosteten:

' Ochsenfletsch j| ! per Pfund I

Rindfleisch , per Pfund

Kalbfleisch per Pfund

Schweines!, per Pfund

Hammelfletfch per Pfund

Gemischtes Brod

Roggen- Brod _

Butter per Pfund

Milch 1 Liter

Eier

1 Stück 1

Städte mu Octroi Darmstadt

72

66

70

70

66

13

11,5

99-109

18

6-8

Mainz

68

50

65

70

50

13,5

11,5

96-101

21

5-8

Offenbach

70

56

60

70

60

13,5

13

120-130

21

5-8

Worms

64

60

64

68

56

11

10,5

96-107

16

6-9

Gießen

67

56

55

69

50

13

11

92-101

18

6

Städte ohne Octroi

Bingen

70

60

60

70

50

12

11

103-113

»

6-8

BenShetm

60

50

56

60

60

12,5

10

110-120

17

6-7

Alzeo Friedberg Alsfeld

55

50

60

65

60

15

10

88-100

17

7-8

70

60

55

60

55

12

10,5

95-100

18

6

60

40

60

59

12,5

10

100-110

16

6

Lauterbach

60

50

50

60

50

12

9

120

16

5

** Der Getreidemarkt. Der geschäftliche Umsatz auf dem Getreidemarkte bewegte sich während der abgelaufenen Be­richtswoche in sehr engen Grenzen, eine erk ärliche Folge der festtägigen Pause. Doch nahm sich sonst die Situation im Allgemeinen nicht ungünstig auS, an den allermeisten Plätzen machte sich in den Preisen für die hauptsächlichsten Getreide­sorten eine augenscheinliche Erholung im Vergleiche mit den vorangegangenen Wochen geltend. Da günstige Ausland«» berichte Dorliegen und auch die Kauflust Beständigkeit zeigt, so dürste die Besserung in der Tendenz anhalten. Notirungen vom Berliner Productenmarkte: Weizen 132 bis 144 Mk. per 1000 Kilogramm, Roggen 114 bis 119 Mk., Gerste 107 bis 180 Mk., Haser 128 bis 173 Mk.

BabNauheim, 29. März. Zu den 14 Aer zt en, die im vorigen Sommer als Bade - Aerzte hier thätig wareu, treten nicht weniger als vier neue hinzu: Dr. Gittermann, seither Leiter einer Kaltwasserheilanstalt, Dr. Schuster aus EotlbuS, Dr. Jankowsky au« Thorn und Dr. Schröder, seit­her AmiSphysikuS in Oldenburg in Holstein. Die beiden ersteren sind bereits hier eingetroffen. D. Ztg.

Bad Nauheim, 28. März. Dem ständigen Salinen- a beiter, Zimmermeister Philipp Pfeffer II. hier, wurde daS allgemeine Ehrenzeichen mit der InschriftFür lang­jährige treue Dienste" verliehen und am SamStag diese Au«- zeichliung Herrn Pfeffer vor versammelter Knappschast durch Herrn Bergrath Wei« in feierlicher Weise überreicht. Der Dekorirte steht 50 Jahre als treuer Arbeiter hn Dienste der Saline, hat sich aber außerdem noch ein ganz besondere« Verdienst um Stadt und Bad erworben.

Oppenheim, 28. März. Auf dem historischet, Boden, wo früher baß KlosterMariakron" ftanb, wirb soeben ge­arbeitet, um ein profanes SchnapSlager und Kellereien zu errichten. Gestern ist ein Skelett gefunden worden, besten Füße noch schwere Sporen trugen, deren Räder hatten die Größe eines ThalerS. Ein Grabdenkmal in einer Mauer- Nische, früher einmal zusammengestellt, läßt noch erkennen, daß eS der im Jahre 1585 verstorbenen Verwalterin bei Klosters von Katzenelnbogen gewidmet ist. Bon den Wappen sind Landfchat und Knebel gut erhalten.

Biebelsheim (Rheinheffen), 28. März. Die hiesige 18jährige Katharine Bauer, die vor zwei Jahren mit eigener LebenSgesahr ein auf dem Eise deS OrtSteicheS ein» gebrochenes vierjähriges Kind rettete, zog neuerdings ein sechsjähriges Mädchen, baß in benselben Teich gefallen unb bereitß mit bem Tobe rang, glücklich anß Ufer. Die edle Gesinnung unb ber Muth der Tapferen verdienen gewiß alle Anerkennung.

veEMifchtes.

* Wetzlar, 30. März. Der Hülfßlademeister Deckmaan, ein älterer braver Mann, wurde heute Morgen bei der Arbeit in ber Güterexpeditionßhalle vom Schlage gerührt unb war halb barauf eine Leiche.

Dortmnab, 29. März. Auf eine exemplarische Strafe erkannte kürzlich daß hiesige Schöffengericht gegen den Arbeiter Ringen er von hier. Auf der Steinstraße war ein Dienstmädchen mit dem Putzen eines Schaufenster« beschäftigt, wobei aus einer Leiter stand. Ringener machte sich, alß er dort vorbeikam, baß sonderbare Vergnügen, mit dem Fuße derart an die Leiter zu stoßen, daß dieselbe um« fiel, wobei baß Mädchen zur Erde stürzte, ohne jedoch größeren Schaden erlitten zu haben. Trotzdem verurtheilte der Gerichtshof den Ringener für feine rohe That, die schwere Folgen hätte haben können, zu einer Gesängnißstrafe

Der Ordensbruder, von welchem wir hier sprechen, I näherte sich hier einem der Gäste, welche dort am Tische des vornehmen Kaffeehauses beisammensaßen, er klapperte ein | wenig mit seiner eisernen Almosenbüchse und sprach einige Worte, die wohl manchen gerührt hätten, der stumme Gast aber that, als sähe und hörte er nicht« von dem allen. So trat er zum zweiten, zum dritten, keiner hörte auf ihn, unb ber vierte fuhr mit ber zornigen Antwort auf:Siehst Du denn nicht, baß wir hier gerade sehr beschäftigt find?"

Beschäftigt, auf ihre Weise, waren die Leute allerdings; sie spielten Karte und zwar so hoch, daß alle ihre Gedanken an Gewinn und Verlust hingen. Der Ordensbruder wartete deßhalb ein Weilchen unb da der vierte ihm doch wenigstens eine Antwort gegeben hatte, versuchte er bei diesem sein Glück von.Neuem- als soeben daS Spiel beendigt war, klapperte er wieder mit der Büchse und bat im Namen seiner Kranken und Hilfsbedürftigen um eine Gabe. Der vierte aber, ver­drießlich über fein soeben verlorenes Spiel, wendete sich herum und gab dem Sammler mit den Worten:Da hast Du etwas, Du Unverschämter!" eine sehr derbe Ohrfeige.

Wa« that nun wohl der Ordensbruder? Regte sich bei ihm nicht in ganzer Kraft der Geist jene« Standes, dem er sonst im gewöhnlichen Leben angehörte und deffen äußer­liche Züge jetzt, vielleicht nur auf etliche Stunden, durch das Gewand des Ordens und durch die MaSke deS BarteS ver­hüllt waren? Wie? Durfte er solch eine niederträchtige, rohe Behandlung ungeahndet (affen ? War nicht die Ehre seine« Standes auf eine Weise gekränkt, welche blutige Rache erforderte ?

Wirklich schien e« auf einige Augenblicke, alß ob in bem hart Beleidigten dergleichen Gedanken aufstiegen - seine Stirn,

von der Röthe beß Zorneß übergossen, umwölkte sich- sein Arm zuckte. Aber ber Mann war an militärischen Gehorsam gewöhnt - in jenen Augenblicken ber natürlichen Aufwallung vernahm er baß Commanbowort etneß Herrn in feinem

Herzen, vor besten Augen nur bie Ehre, bie vor Gott gilt,

geachtet ist, bie Ehre aber vor Menschen al« ein Nicht« er­scheint. Er gehorchte bem Eommanbo- er faßt sich- hoch

emporgerichtet steht er vor seinem Beleibiger da und mit einem Tone der Stimme, welcher auch dem rohesten Herzen eine unwillkürliche Achtung gebietet, spricht er :Da« war für mich Jetzt aber, mein Herr, geben Sie mir auch etwa« für meine hungernden Armen und Rranfen, welche noch heute mit Nahrung und Erquickung versorgt werden müffen."

Einer solchen Macht des hohen Selbftbewußtsein« unb guten Gewissen« gegenüber wird bem rohen Beleidiger ganz sonderbar zu Muthe- er wirft die Karten hin, springt von seinem Stuhle auf, umarmt den Almosensammler und giebt, denn die Lust am Spiele war ihm vergangen, all baß Gelb, bas er eben bei sich führte, zur Linberung ber fremben Noth hin. Auch die anderen Gäste, am Spiel­tische wie im Zimmer, großentheilß reiche und vornehme Müssiggänger, reichten dem hochherzigen Empfänger der Ohr­feige ungewöhnlich ansehnliche Gaben für feine Kranken bar. Er selber aber, der Almosensammler, herzlich dankend, ging fetneß Wegeß mit einer Thräne im Auge, welche ihm nicht der Unmuth ober ber Schmerz über bie erbulbete Mißhand­lung, fonbern bie Freude über den Sieg jener Liebe aus­gepreßt hatte, welche dem Menschen schon da« Sein der Erde zu einem Borhofe beß Himmel« macht.